Liebe, Sex und Smartphone

Verliebte haben seit jeher leichtsinnig gehandelt. Heute aber bleiben
davon mitunter Nacktfotos im Internet zurück – meist für immer.

4-2014-liebe-sex-smartphone-01-517aus DATUM 04/14

Er sagte zu Emma, dass alle es tun. Dass es normal sei, das Normalste auf der Welt. Für Emma war all das neu und deshalb nichts normal. Es war ihre erste Verliebtheit, ihre erste Romantik, ihre erste Beziehung. Die 13-Jährige besuchte eine Neue Mittelschule, er war 16, ein Lehrling. Beide lebten sie in einem kleinen Dorf unweit von Wien. Sie gingen schon ein paar Wochen miteinander, da sagte er, Emma, wenn du es nicht tust, dann ist es aus mit uns, vorbei. Also tat sie es. Sie versperrte die Tür, zog sich aus, entriegelte ihr Smartphone und begann sich zu berühren.

Einen Monat später war es trotzdem aus. Für Emma war es das Ende der Welt, und was von der Jugendliebe übrig blieb, waren ein gebrochenes Herz und eine Handvoll pornografische Fotos einer 13-Jährigen auf dem Handy eines 16-Jährigen.

Vielleicht wollte er sie verletzen, vielleicht wollte er einfach nur angeben. Nach ein paar Tagen schickte er die Fotos via Whatsapp, eine Art SMS-Dienst, an Freunde weiter. Klick, Klick, Klick, und das ganze Dorf hatte Emma so gesehen, Schüler und Lehrer, Billa-Verkäufer und Bauarbeiter. Streng genommen hatten sich die Beteiligten, je nach Mitwirken, des Besitzes, des Konsums und der Weitergabe von kinderpornografischem Material nach Paragraf 207a Strafgesetzbuch schuldig gemacht. Aber so streng hat es keiner genommen, außer Emma, für sie endete die Welt ein zweites Mal.

Der Name Emma ist erfunden. Die Geschichte ist es nicht, sie ist eine von vielen, die zu hören bekommt, wer nachfragt, wenn Lehrer von »noch so einem Fall« erzählen, wer sich mit Kinder- und Jugendanwaltschaften zusammensetzt, mit Medienpädagogen und Juristen spricht, mit Eltern und Betroffenen. Sie verwenden Worte wie »Sexting« (das Herstellen und Versenden von intimem Bildmaterial), Cybermobbing (Schikanierung mithilfe Neuer Medien) und Revenge Porn (das Hochladen von Sexvideos als Rache an seinem Ex), exotische Worte, die nach Zukunft klingen und nach Unheil.

Geschichten wie die von Emma bezeichnen sie als »klassisch«: Sie schickt ihm intimes Bild- oder Videomaterial, das er ohne ihre Einwilligung verbreitet. Begonnen hat es hierzulande vor ein, zwei Jahren, und seinen Höhepunkt hat es noch nicht erreicht, es kennt keine sozialen Grenzen, keine Schultypen. Hunderte Fälle dürften sich 2013 allein in Österreich zugetragen haben. Es sind postmoderne Tragödien, die sich um drei Themen drehen: Sexualität, Neue Medien, Verrat.

Man erfährt von zwei Freundinnen, die Nacktfotos voneinander machen, und nach einem Streit verbreitet die eine die Fotos der anderen im Netz; von einer Schülerin, die abends auf Facebook ankündigt, im Fall von 1.000 Likes ein Masturbationsvideo von sich hochzuladen, und die es tatsächlich tut, als am nächsten Morgen mehr als 5.000 User ihre Ankündigung »gelikt« haben; oder von einem Mädchen, das auf der Flucht vor einem Video, das ihre Vergewaltigung zeigt, in eine neue Schule wechselt – vergeblich. Vor dem Internet gibt es kein Entfliehen. Und was sich dort über uns sammelt, bleibt wie ein Kaugummi an unserer digitalen Fußsohle kleben.

Das Phänomen wirft wichtige Fragen auf: Warum geben immer mehr Österreicher, vor allem junge, intime Fotos und Videos aus der Hand, ihre eigenen wie die von ihren (Ex-)Lieben? Was kann man machen, wenn intimes Material einmal online gegangen ist? Was, damit es überhaupt nicht so weit kommt? Und was macht das mit uns, wenn immer mehr Menschen diese Demütigung erleiden und ihre Nacktaufnahmen in der WWWolke umherschwirren?

Wenn es so etwas gibt wie einen Seismografen für die Herausforderungen der jungen Generation, dann liegt er hoch oben über Wien auf dem Küniglberg, im Büro von Birgit Satke. Unauffällige Kleidung, langes, glattes Haar, ihre Erscheinung erinnert an eine Mischung aus Mutter, Lehrerin und Therapeutin. An einer Kette um ihren Hals trägt sie ein Herz und im Gesicht diesen Ausdruck, der einen sein eigenes ausschütten macht.

Seit 21 Jahren arbeitet Birgit Satke für »147 Rat auf Draht«, seit vier Jahren ist sie Leiterin der Kinder- und Jugendhotline. 17 Mitarbeiter, es sind Psychotherapeuten, Lebens- und Sozialberater, beantworten hier die Fragen unter 24-Jähriger aus ganz Österreich, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. 88.136-mal hat das Team im vergangenen Jahr den Hörer abgehoben, 726.356-mal wurde auf die Homepage zugegriffen.

Auf dem Papier haben sich die Themen nicht verändert, seit Satke vor 21 Jahren ihren Job angetreten hat. Es geht um Beziehung und Liebe, um Kummer und Aufklärung, um Freunde, Eltern, Schule. Nicht das Was hat sich also verändert, sondern das Wie, die Form, in der wir diese Reibungsprozesse austragen. Im Zusammenhang mit Neuen Medien, sagt Satke, geht es in der Mehrheit der Fälle um geknackte Passwörter und gefälschte Accounts, um die Verbreitung von Unwahrheiten und Beschimpfungen im Netz. Und immer öfter fallen bei den Gesprächen diese exotischen Worte wie Sexting und Cybermobbing.

Zwischen zehn- und 15-mal pro Monat läutet das Telefon, weil ein Bild oder ein Video plötzlich auf Facebook auftaucht, auf dem Bilderdienst Instagram oder einer Pornoseite, sagt Satke, und die Anzahl nehme weiter zu. Meist sind es Mädchen zwischen 13 und 17 Jahren, die ihren Fall mit bebender Stimme schildern, und oft ist es bereits passiert, wenn sie anrufen.

Was Satkes Mitarbeiter da tun können? Das Gefühl von Scham und Schuld nehmen. Ihnen raten, Übeltäter und Seitenbetreiber aufzufordern, das Video zu entfernen, und, wenn das nichts hilft: zur Polizei zu gehen. Dass es meistens mit dem Ende einer Beziehung zusammenspielt und das Umfeld, Eltern wie Lehrer, überfordert ist, spitzt die Situation der Betroffenen weiter zu.

 

Aus den Gesprächen mit Birgit Satke und Experten des Vereins Safer Internet, die bundesweit Aufklärungsarbeit an Schulen anbieten, sowie mit den Kinder- und Jugendanwaltschaften in Wien und Bregenz, in Salzburg und Klagenfurt ergibt sich ein erschreckendes Bild: Sie erzählen, wie die Opfer sich sozial zurückziehen und an Depressionen leiden, wie sie ausgegrenzt werden und zu allen Seiten auf Verständnislosigkeit treffen, wie es infolge der Veröffentlichungen zu sexuellen Übergriffen kommt (»Wir haben gehört, du lässt dich für 20 Euro in den Arsch ficken?«) und zu Erpressungen (»Wenn du nicht mit mir schläfst, schicke ich das Foto deinen Eltern«). Unter der Vereinbarung, keine Details zu veröffentlichen, erfährt man sogar von einem Mädchen, das sich das Leben genommen hat, nachdem einschlägige Fotos von ihr in Umlauf geraten waren.

Es sind 120, 150 Fälle, die jährlich allein bei Rat auf Draht landen. Die Kinder- und Jugendanwaltschaft (KIJA) Salzburg hat im Jahr 2013 hundert derartige Fälle registriert, dreimal so viele wie 2012. Laut einer Umfrage der Monatszeitschrift der deutschen Jugendhilfe haben bereits 13 Prozent der Mädchen zwischen zwölf und 13 Jahren unter »peinlichen oder beleidigenden« Videos und Fotos gelitten. Wie hoch mag die Dunkelziffer sein? »Österreichweit haben wir sicher schon mehr als tausend Betroffene«, sagt Barbara Frauendorff, Psychologin bei der KIJA Salzburg, »es ist ein brandgefährliches Thema.« Und damit sich der Flächenbrand nicht noch weiter ausbreite, sagen sie alle einstimmig, Pädagogen und Psychologen, Jugendanwälte und Sozialbetreuer, müsse man in die Schulen gehen.

Die Schulglocke, die zur ersten Stunde läutet, hört sich an wie der Wecker eines Mobiltelefons. Kerstin Maireder betritt eine zweite Klasse eines Gymnasiums in einer Kleinstadt im Osten Österreichs. An der Wand hängt kein Kreuz, kein Foto eines Landeshauptmanns. Dafür ist an der Decke ein Digitalprojektor montiert, auf dem Lehrertisch steht ein Computer. Maireder trägt Turnschuhe, Jeans und einen bunten Pulli, Typ lässige Junglehrerin, und sie kennt sich mit dem Netz besser aus als alle Kids zusammen. Street-Credibility könnte man das nennen oder: Online-Credibility.

Maireder ist im Auftrag von Safer Internet hier, einer NGO, die bundesweit Medien- und Internetpädagogik anbietet. Die 35 Pädagogen halten bis zu 800 Workshops im Jahr ab. Schutzimpfung nennt man das, was Maireder hier heute macht: vormittags die Schüler, nachmittags die Lehrer, abends die Eltern. Sie alle stehen mit jeweils anderer Perspektive vor derselben Herausforderung: »dem alltagsintegrierten Medienkonsum«, wie Maireder es nennt.

Sie ist bei Safer Internet für Sexting und verwandte Fälle zuständig, hat den Leitfaden »Aktiv gegen das Nacktfoto« verfasst. Die Schüler der zweiten Klasse wissen, was Cybermobbing bedeutet und was Stalking. Sie wissen Smartphones und iPads zu benutzen, und bis auf einen nutzen sie alle Whatsapp.

Das Programm für Smartphones erlaubt es dem Nutzer, kostenlos SMS und Dateien zu verschicken, und zwar über Grenzen hinweg. Eine Nachricht lässt sich mit einem Mal an zehn, zwanzig, hundert Leute senden. Es funktioniert wie ein kommunikativer Brandbeschleuniger: Nicht nur ist es für den ursprünglichen Absender unmöglich nachzuvollziehen, wie viele Adressaten er letztlich erreicht hat – eine Nachricht lässt sich, einmal verschickt, auch nicht mehr einfangen. 30 Milliarden Nachrichten werden weltweit täglich durch diesen Kanal gejagt, dabei ist das Programm gerade einmal seit fünf Jahren erhältlich.

Nur drei der 21 Schüler dieser Klasse haben einen Account auf Facebook. Das Netzwerk ist bei den Jungen out. Wer will sich schon auf einer Plattform austoben, die mehrheitlich von der Elterngeneration genutzt wird? Beinahe jede Klasse in dieser Schule hat eine Klassengruppe auf Whatsapp, »so wie beinahe jede Klasse in jeder Schule«, sagt Maireder. Da tüfteln die Kids über Hausübungen, lästern über Lehrer oder schreiben Sätze wie: »Mir ist fad. Was macht ihr gerade?« Ein Zwölfjähriger, der Mitglied einer Freundes-, einer Klassen-, einer Schul- und einer Fußballgruppe ist, hat morgens schon einmal tausend neue Nachrichten.

Beispiele dafür, wie schnell das außer Kontrolle geraten kann, können viele Eltern und Lehrer geben. Da schreibt der David 30 Empfängern: »Die Lena ist blöd«, und die Lena antwortet an hundert: »Der David schläft mit der Direktorin!«, woraufhin der David ein Foto von Lenas Gesicht auf den Körper einer nackten Frau montiert und das Fakebild an die gesamte Schule verschickt. Die Lehrer erfahren erst davon, wenn es zu spät ist, weil sich die soziale Realität in einer virtuellen Parallelwelt abspielt.

Der Schweizer Lehrer Nico Lengwiler verschickte am 5. Februar dieses Jahres ein Foto von sich mit der Aufforderung »Ich möchte meinen Schülern zeigen, wie schnell sich ein Bild im Internet verbreiten kann« an seine 390 Facebook-Freunde. Nach einer Nacht hatte es 1.000 »Likes«, nach einer Woche 15.000, heute steht es knapp unter 100.000. Selbstredend verbreiten sich Nacktfotos schneller als das Gesicht eines Lehrers.

Maireder wird mit den Schülern auch über das Recht aufs eigene Bild reden. Einer von ihnen hat unlängst in der Pause ein Video von den anderen gemacht und es auf Youtube gestellt. Das Video zeigte Schüler, während sie taten, was man in einer Unterrichtspause halt so tut. Den anderen war das unangenehm, also löschte er es wieder. Es war das erste Mal, dass sie etwas fühlten, das auch Emma gefühlt haben muss.

Auch über Sexting werden sie sprechen. Das kennen die Zwölfjährigen aus dem Fernsehen. Etwa wenn in der US-Erfolgsserie »Homeland« die 16-jährige Dana ihrem Freund ein Nacktfoto von sich schickt. »Was hier geschieht, ist in erster Linie eines: ganz normal«, sagt die Wiener Sexualforscherin Bettina Weidinger. Hinter Phänomenen wie Sexting stünden »ewige menschliche Sehnsüchte«: sich zu zeigen und gesehen zu werden. Und Erwachsensein bedeute eben auch, sexuell zu sein. »Laszive Polaroid-Fotos waren das Sexting der Achtzigerjahre«, sagt Weidinger.

Nach Kommunikation und Information, nach Freizeitvergnügen und Geldgeschäften, nach Freundschaftspflege und Partnersuche hat auch die Digitalisierung der Sexualität begonnen – eben auch der höchstpersönlichen. Denn Online-Pornografie gibt es schon so lang wie das Internet. Da erscheint es nur konsequent: Mit einer Generation, deren Bravo-Heft Youporn ist und die vor dem ersten Kuss den ersten Porno sieht, die mit »Smartnet«, also mobilem Internet, und One-Click-Mentalität, dem leichtfertigen Umgang damit, heranwächst, wird der gläserne allmählich zum nackten Bürger.

»Das Internet vergisst nicht.« Es ist die erste und wichtigste Lektion im Umgang mit Neuen Medien, die Franz Schmidbauer ausspricht. Wenn es unter Österreichs Juristen so etwas wie eine Neigungsgruppe Internet & Recht gibt, ist Schmidbauer ihr Gruppenleiter. Seit dem Jahr 2000 betreibt er die Seite internet4jurists.at, die kostenlos Neuigkeiten zu dem Thema anbietet. 100.000 Visits hat die Seite im Schnitt pro Monat. Hauptberuflich ist Schmidbauer Richter am Landesgericht Salzburg. Er kennt die Theorie, er kennt die Praxis, und er sagt: »Realistisch kann man intime Bilder und Videos nie zu hundert Prozent beseitigen.«

Seiten wie Facebook sind wegen ihres Rufs daran interessiert, solche Inhalte zu entfernen. Google hat einen Ehrenkodex, so kann man zumindest erreichen, dass sie aus dem Suchindex gelöscht werden, falls man nachweisen kann, dass es sich um pornografische Aufnahmen handelt und man selbst die betroffene Person ist. In der Regel dauert das Wochen. Von der jeweiligen Webseite selbst ist das Bild damit jedoch noch nicht entfernt. Dafür muss man Kontakt mit dem Betreiber aufnehmen und auf seine Kooperationsbereitschaft hoffen, wenn man ihn denn überhaupt ausfindig machen kann. Institutionen wie der Internetombudsmann können dabei helfen. »Wenn der Server, auf dem sich die Seite befindet, allerdings in Russland, in den USA oder in Australien steht, ist das natürlich möglich, aber sehr, sehr schwierig«, sagt Schmidbauer.

Zumal, wenn es sich um Seiten handelt, die ein Businessmodell daraus gemacht haben, Menschen zu demütigen, sogenannte Revenge-Porn-Seiten, Rachepornos. Es ist die Kommerzialisierung von Sexting-Unfällen, der Schritt von der Gemeinheit des Einzelnen zur menschenverachtenden Industrie. Seiten, auf denen Nutzer anonym Nacktfotos anderer samt deren vollem Namen, Alter und Wohnort hochladen können – und die Opfer Fotos gegen Bezahlung entfernen lassen können.

In den USA sind es Tausende, vor allem Frauen, deren Aufnahmen auf solchen Seiten gelandet sind, Frauen wie Holly Jacobs. Sich ihre Geschichte anzusehen kommt einem Blick zurück in die Zukunft gleich, in die USA, wo das Thema Sexting schon 2010 problematisiert wurde – und man heute einige Schritte weiter ist.

Es geschah an einem Frühsommertag 2009, als sie in der Arbeit ihren Namen in Google eingab. Es war damals noch ein anderer Name. Eines der Suchergebnisse: ein Nacktfoto von ihr, daneben ihr Name. Was sie in den fünf Jahren seither erlebt hat, nennt sie selbst heute »klassisch«. Jedes Mal, wenn sie ihren Namen suchte, tauchte das Foto auf mehr Seiten auf, dann kamen andere Fotos hinzu und schließlich Videos. Eines davon zeigte sie mit einem Vibrator.

Sie hatte es ein paar Jahre zuvor selbst aufgenommen. Es war ein Geschenk für ihren damaligen Freund, mit dem sie eine Beziehung auf Distanz führte. Hin und wieder schickten sie einander intime Fotos oder Videos. Sexting eben, das nicht nur 13-Jährige betreiben.

Im Jahr 2008 hatte die Beziehung geendet, nicht im Streit, die Distanz war ihr einfach zu viel geworden. Ein halbes Jahr später googelte sie ihren Namen. Sie kontaktierte die Betreiber von Pornoseiten, von Dutzenden, mit der Bitte, die Fotos und Videos von ihren Seiten zu nehmen, und waren sie einmal weg, tauchten sie woanders wieder auf, wieder und wieder.

Unbekannte meldeten sich, schilderten ihr, wie sie vor ihrem Video onanierten, schickten ihr Fotos erigierter Penisse und drohten ihr. Ihr Uni-Institutsvorstand sah sie so, ihre Kollegen sahen sie, und als ihr Chef sie sah, verlor sie ihren Job. Es wurde niemand verurteilt, auch ihr Ex-Freund nicht. Sein Name ist übrigens Ryan Seay, es ist Jacobs wichtig, das zu erwähnen.

Die Polizei konnte ihr nicht helfen, Anwälte konnten ihr nicht helfen, schließlich änderte sie ihren Namen, aber nicht einmal das nutzte etwas. Heute ist sie 30 Jahre alt, und wer ihren neuen Namen googelt, findet noch immer dieses Video von ihr. »Irgendwann habe ich eingesehen, dass die Aufnahmen immer da sein werden. Also habe ich den Spieß umgedreht«, sagt sie, »I turned the tables on the axe.« Was der Wiener Jusstudent Max Schrems in Österreich für die Diskussion über Facebook bedeutet, das bedeutet Holly Jacobs in den USA für die Debatte über Rachepornos.

Vor zwei Jahren gründete Jacobs die Initiative endrevengeporn.com – eine NGO, die die Beratung von Opfern, die Aufklärung über das Phänomen und gesetzliche Lobbyingarbeit zum Ziel hat. Seither war sie in dutzenden Talkshows, hat Interviews gegeben und mit Opfern wie mit Politikern gesprochen. Jacobs zufolge arbeitet ihre Initiative derzeit an 17 bundesstaatlichen Gesetzen sowie einem landesweiten – und zwar gemeinsam mit Demokraten und Republikanern.

Ein Anlass dafür, dass in den USA auch auf politischer Ebene Bewegung in die Racheporno-Debatte geraten ist, ereignete sich am 10. September 2012. An diesem Tag erhängte sich die US-Amerikanerin Audrie Pott im Bad ihres Elternhauses. Die 15-Jährige hatte sich das Leben genommen, nachdem Fotos von ihr im Internet kursiert waren, die sie halbnackt, mit Schmähsprüchen bemalt zeigten. Die Bilder waren auf einer Party entstanden, bei der sie sich bewusstlos getrunken hatte.

»Rachepornos sind eine Form von sexuellem Übergriff. Als das müssen sie auch gesehen werden, gesellschaftlich wie gesetzlich«, sagt Holly Jacobs. »Dann werden Nachbarn und Chefs endlich verstehen, dass es sich bei uns um Opfer handelt, die geschützt gehören.« In Kalifornien gibt es seit dem Oktober 2013 ein Gesetz, das die Verbreitung von pornografischen Inhalten ohne Einverständnis der Beteiligten verbietet. Mittlerweile gelten in Frankreich, auf den Philippinen und seit Jänner auch in Israel ähnliche Gesetze.

In Österreich gibt es zu Sexting beziehungsweise der ungefragten Verbreitung von intimen Bild- und Tonaufnahmen kein eigenes Gesetz. Strafrechtlich kann man sich mit Verleumdung, Ehrenbeleidigung oder Rufschädigung behelfen, erklärt der Internet4jurists-Betreiber Franz Schmidbauer. Opfer können zivilrechtlich auch ihr Recht auf das eigene Bild geltend machen. Und: Sollten pornografische Aufnahmen unter 14-Jährige zeigen, also unmündige Minderjährige, kann auch mit dem Kinderpornografie-Paragrafen gegen die Täter vorgegangen werden – allerdings nur, wenn diese älter als 14 Jahre sind.

Waffen töten keine Menschen, könnte man sagen, und Neue Medien zerstören keine Existenzen. Sie haben bloß ihre eigenen Regeln, und wer gegen die verstößt, bekommt nur selten eine zweite Chance. Da heute bereits die meisten Taferlklassler Smartphones haben, ist es ratsam, Kinder entsprechend früh mit diesen Regeln vertraut zu machen.

Weil Österreich derzeit den Vorsitz des Europarats innehat, tagte Mitte März eine internationale Konferenz zum Thema Internet und Menschenrechte in Graz. Eine der Hauptbotschaften der 150 Experten: die Vermittlung von Internetfähigkeiten in einem Schulfach.

An heimischen Schulen gibt es derzeit so etwas wie verpflichtende Medienpädagogik oder Interneterziehung nicht. Die Vermittlung hängt von engagierten Lehrern ab. Ein eigenes Fach, heißt es seitens des Bildungsministeriums auf Anfrage, halte man nicht für zielführend, da es sich um eine Querschnittsmaterie handle. Natürlich wolle man die Schüler zu kritischen, reflektierenden Medienkonsumenten erziehen: Bildungsstandards für digitale Kompetenzen befänden sich in der Testphase. Man habe aufgerüstet, um die Lehrenden »fit zu kriegen«. Außerdem sollen einzelne Lehrbücher bald um das Thema Cybermobbing aktualisiert ­werden. Ermutigend klingt anders.

Dabei könnte man von anderen Ländern lernen: In Ungarn ist Informatik in der Volksschule Pflicht. In Luxemburg müssen Zwölfjährige zumindest eine einmalige Doppelstunde zum Umgang mit Neuen Medien absolvieren. Und in Finnland, Schweden und Norwegen werden Neue Medien verpflichtend in den Unterricht integriert. Auch das sind nur erste Schritte, die übrigens nicht humanistisch begründet werden, sondern wirtschaftlich: Künftige Arbeitskräfte müssen Kompetenz im Umgang mit Neuen Medien aufweisen, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können.

Als Partner lobt das Bildungsministerium übrigens die NGO Safer Internet. Wegen Budget-Umstrukturierungen innerhalb der Europäischen Union wird dem Verein ab Juni dennoch der Großteil seiner Finanzierung gestrichen. Wie und ob es danach überhaupt weitergeht, ist offen. Man bedauert.

Wie sollen beunruhigte Eltern nun reagieren, wenn ihre Kinder all die Dinge, die sie nicht machen sollen und die sie immer schon trotzdem gemacht haben, in einer virtuellen Parallelwelt anstellen? Was tun, wenn sie selbst nicht digital alphabetisiert sind und die Schulen diese Aufgabe nicht zu leisten imstande sind? Sollen sie den Kindern die Smartphones wieder wegnehmen, die sie ihnen zu Weihnachten geschenkt haben? Ihnen Apps verbieten, deren Namen sie nicht kennen? Erwartet man ernsthaft, dass sie ein Aufklärungsgespräch über »Safer Sexting« führen, wenn es ihnen mitunter schon schwerfällt, über »Safer Sex« zu reden?

»Letztlich sind wir alle inkompetent, unsere Kinder auf diesem Weg zu begleiten«, sagt die Sexualforscherin Bettina Weidinger. »Das nennt man Generationenkonflikt.« Sie plädiert für mehr Gelassenheit, auch im Sinne der Opfer: Anstatt zu moralisieren und zu schimpfen, solle man Jugendlichen mit Respekt gegenübertreten, um sie so beim körperlichen Kompetenzerwerb zu unterstützen. »Verbote bringen jedenfalls nichts«, sagt die Safer-Internet-Expertin Kerstin Maireder, auch weil die Kids sich besser auskennen würden als ihre Eltern und immer ein Schlupfloch finden. Sie rät Eltern, sich mit den neuen Technologien und den Lebenswelten ihrer Kinder auseinanderzusetzen, auch mit möglichen unangenehmen Folgen. »Die Opfer von heute werden die Eltern von morgen sein«, sagt die Anti-Revenge-Porn-Aktivistin Holly Jacobs. »Sie werden wissen, was sie ihren Kindern sagen müssen.«

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