„Es ist egal, wie es Fidel geht“

Die Karibikinsel gleicht im 55. Jahr der Revolution einer geschlossenen Gesellschaft. Doch am Montag tritt ein Gesetz in Kraft, das die Reisebeschränkungen für die Bevölkerung teilweise aufhebt.

Stefan Apfl, Havanna, aus DIE PRESSE AM SONNTAG, 13.01.2013

Es ist 23.00Uhr, am Montag, dem 31. Dezember, im 54. Jahr der Revolution.“ So beginnt der Silvestercountdown im staatlichen kubanischen Radio. In den malerisch verwahrlosten Gassen von Habana Viejo, dem alten Havanna, ist die Hitze des Tages noch zu spüren. Es riecht nach Müll, nach Kot, nach Armut. In den Bars wird bereits ausgelassen gefeiert und von irgendwoher dringt der Rhythmus von „Chan Chan“, dem Hit aus „Buena Vista Social Club“, von dem man hier meint, dass die „Extranjeros“, die Fremden, ihn so gern hören. Was auch stimmt – zumindest die ersten zwanzig Mal.

Ein junges Pärchen, höflich und elegant gekleidet, erklärt den Besuchern aus Österreich ungefragt, wie der UNESCO-zertifizierten, aber ruinösen Innenstadt, einst mit den Zuckerprofiten der Imperialisten erbaut, mithilfe von Devisen der Fremden wieder zu altem Glanz verholfen werden soll. José und Mary, wie sie sich uns vorstellen, beide Studenten der Medizin, wirken interessiert, gebildet, offen. Sie haben nicht nur eine Meinung darüber, dass sie Reis mittels Bezugsscheinen erhalten, dass sie als Ärzte umgerechnet einen Dollar am Tag verdienen werden und ihnen nicht nur das World Wide Web, sondern auch die „echte“ Welt da draußen vorenthalten wird. Sie sprechen diese Meinung auch aus. „Dieses Land muss sich ändern“, sagt José. Seine Verlobte nickt zustimmend: „Das nächste Jahr wird entscheidend für die Revolution. Oder gegen sie.“

Lockerung der Reiserestriktionen. Dass sich 2013 etwas bewegen wird auf Kuba – zum Guten hin wie zum Schlechten, je nachdem von welcher Warte aus man es betrachtet – hat einerseits mit zwei Politikern zu tun, von denen pikanterweise keiner Fidel Castro heißt. Und andererseits mit dem Regime selbst: So tritt am Montag, dem 14. Jänner, ein Gesetz in Kraft, das die Reiserestriktionen für Kubaner lockert.

Fortan brauchen sie keine Einladung mehr, um das Land verlassen zu dürfen, und keine horrenden Ausreisegebühren mehr zu bezahlen. Für José und Mary, die im Jänner heiraten wollen, wie sie erzählen, ist es das perfekte Hochzeitsgeschenk: Wie die große Mehrheit der elf Millionen Bürger haben auch sie ihre Heimat noch nie verlassen. Dass das Gesetz nicht viel daran ändern wird, solange den Kubanern das Geld zum Reisen fehlt, ist eine andere Geschichte.

„Endlich Europa sehen“, sagt Mary schwärmerisch, während wir in Richtung des Kapitols schlendern, das, der Demokratie zum Hohn, nicht als Plenum, sondern als Museum dient. „Wenn du hier hinter die Fassade schaust, hinter den Revolutionskitsch und hinter die Propaganda“, sagt José, „dann siehst du Leute, die in Armut leben und warten.“

Worauf sie warten? Eine Gruppe Kubaner geht an uns vorüber, José bricht das Gespräch ab. Wir wechseln die Straßenseite. Auf Kuba äußert man seinen Unmut nicht offen, schon gar nicht vor Ausländern. Und wenn, dann nur mit kleinen Gesten.

Gott oder Fidel. Gesten wie die des gläubigen Taxifahrers Roberto, der am 24. Dezember verärgert das Autoradio ausschaltet und mit der Zunge schnalzt, weil Weihnachten in keinem der staatlichen Nachrichtenkanäle auch nur mit einem Wort vorkommt. Oder das Kopfschütteln des 91-jährigen Mario, der 57 Jahre lang als Zuckererntehelfer für den Staat gearbeitet hat, zunächst für den des Diktators Fulgencio Batista, dann für den des Befreiers Fidel Castro, und mit Ersparnissen von umgerechnet 500 Dollar in Pension ging.

Auf die Frage, wie er zurückblickt auf die Revolution, auf ihre Verheißungen und das, was danach kam, antwortet Mario mit demselben Blick wie Roberto auf die Frage, was stärker sei: sein Glaube an Fidel oder an Gott? Stell nicht zu viele Fragen, besagt der Blick. Dabei gebe es viel zu besprechen, viel zu erfahren. Ob etwa die in der Region vergleichsweise hohe Sicherheit und der enge soziale Zusammenhalt, der allseitige Müßiggang und die Unabhängigkeit vom Westen den Preis wert sind, den die Kubaner bezahlen müssen? Der Preis, das ist der Mangel an Waren und Perspektiven, das Fehlen von Versammlungs- und Wahl-, Presse- und Meinungsfreiheit.

Äpfel sind Mangelware. Für die Kubaner hat Fidel die Welt zweigeteilt – hier Kuba, dort der Rest – und die Tür dazwischen versperrt. Dahinter sind Äpfel ebenso Mangelware wie Internetzugänge. Dafür kündet Kubas Parteizeitung „Granma“, wie Kubaner in Vietnam die Armut bekämpfen und in China neue Wege bei der Energiegewinnung beschreiten. Und die wertvollen Plastiksackerln wäscht der Kubaner und hängt sie zum Trocknen auf die Wäscheleine. „Was willst du einmal werden?“, beginnt ein kubanischer Witz. „Ausländer.“

Ob das neue Reisegesetz die Tür zur Realität da draußen öffnen kann? „Von einer Öffnung kann man nicht sprechen“, sagt ein Diplomat, der unter Zusicherung von Anonymität spricht, und seine Analyse klingt wie die der Opposition. „Was als Öffnung verkauft wird, ist eine weitere zögerliche Reform, die als Frustventil dienen soll“, sagt er. Wie weit kommt man schon mit einem durchschnittlichen Jahresgehalt von umgerechnet 300 Dollar? Und wie werden wohl die Innenministerien der Welt da draußen auf den Visumantrag eines hoffnungsfrohen, aber mittellosen Kubaners reagieren?

Freund und Feind. Dass sich 2013 dennoch etwas bewegen könnte auf Kuba, hat mit zwei Politikern zu tun, sozusagen mit Feind und Freund. Der eine ist Barack Obama. Mit einem zu seinem Vorgänger vergleichsweise weichen Kurs gegenüber Kuba gab der US-Präsident Anlass zu Spekulationen, er könnte das Embargo nach seiner Wiederwahl lockern. So er es tut, dann innerhalb des ersten Halbjahres 2013. Danach startet der Kampagnenkrawall für die Midterm Elections 2014.

Und der andere Politiker heißt Hugo Chávez. Es ist die Gesundheit des venezolanischen Präsidenten, an der Kubas Wohl seit der dortigen sozialistischen, aber vergleichsweise demokratischen Revolution hängt. Der politische Ziehsohn Fidels ist dessen wichtigster Alliierter – und Patient.

Täglich lässt der an Krebs erkrankte Chávez 110.000 Fass Öl nach Havanna liefern. Einen Teil der Rechnung bezahlen die tausenden kubanischen Ärzte, die im Auftrag der „humanistischen Revolution“ in Venezuela praktizieren. Der andere Teil geht auf den revolutionären Generationenvertrag. Damit eine mögliche Nachfolgeregierung in Caracas gar nicht erst die Möglichkeit erhält, diesen zu kündigen, lässt man ihm im Cimeq-Krankenhaus, zehn Kilometer nördlich von Havanna, die bestmögliche Behandlung angedeihen.

Und wie geht es eigentlich dem 86-jährigen Fidel, der das Szepter vor mittlerweile vier Jahren an seinen Bruder Raúl, 81, übergeben hat? Man weiß es nicht. Ab und an schleicht der Comandante im Trainingsanzug der Marke Adidas an einer Kamera vorüber oder veröffentlicht längliche Aufsätze. Manche sagen, er stehe noch über dem Politbüro. Andere sagen, er vermag die länglichen Aufsätze, die unter seinem Namen geschrieben würden, nicht mehr zu verstehen.

Hölle, das sind die anderen. „Es ist egal, wie es Fidel geht“, sagt Mary und öffnet die Eingangstür zu einem verfallenen Innenstadthaus. Wir steigen die abgebröckelten Stufen hinauf und betreten eine schäbige, karg eingerichtete Wohnung. Anstatt eines Festmahls stehen Bohnen und Bier am Tisch. „Siehst du nicht, wie es uns geht, obwohl er schon so lange weg ist?“, fragt Mary.

„Das kubanische Modell funktioniert nicht einmal mehr auf Kuba.“ Nicht Mary sagt das. Es sind Fidels eigene Worte, mit denen er unlängst in einem Interview zitiert wurde. Die Aussage selbst stritt er danach nicht ab. Er habe sie aber ironisch gemeint.

Das viel beschworene kubanische Modell: An der Wende zum 55. Jahr der Revolution stellt es sich als geschlossene Gesellschaft dar, die mit Jean-Paul Sartres Mantra an der Stange gehalten wird – die Hölle, das seien die anderen, alle anderen.

Das lassen Mary und José ihre beiden Gäste jetzt auch spüren. Zwanzig Dollar wollen sie für das schale Bier, an dem wir zwischen Tür und Angel höflichkeitshalber nippen. Ihr Ton wird zusehends rauer, ihr Bitten zu einem Befehlen. Da beginnt der Boden sich zu bewegen und die Wände krümmen sich in den Raum herein. Es ist kein Erdbeben, es sind K.-o.-Tropfen oder Schlimmeres.

Unsere Gesichter erblassen, wir sind schweißnass. Worte wandeln sich zu dissonanten Tonschlieren. Rücken an Rücken, wie zwei besoffene Boxer, schleppen wir uns mit zu Fäusten geballten Händen aus der Tür hinaus.

Es begibt sich im jungen 55. Jahr der Revolution, dass wir durch das stinkende, unbeleuchtete Havanna nach Hause taumeln, benommen, aber heil, und irgendwo erklingt der Rhythmus von „Chan Chan“.


Chronologie

1959. Kubanische Revolution und Machtergreifung Fidel Castros; das von den USA unterstützte Militärregime Fulgencio Batistas geht zu Ende.
1961. US-Intervention in der kubanischen Schweinebucht.
1962. Die Kuba-Krise hält die Welt in Atem. Sowjetische, atomar bestückte Mittelstreckenraketen werden auf Kuba geortet, die USA drohen mit einem Atomkrieg. Am 28. Oktober verkündete Chruschtschow den Abzug der sowjetischen Raketen aus Kuba.
1991. Nach dem Untergang der Sowjetunion muss Kuba auf großzügige Finanzhilfe verzichten.
2008.Raúl Castro löst seinen älteren Bruder Fidel offiziell von der Führung Kubas ab. Seither nur zaghafte Reformen.
2012. Der Papst besucht Kuba.

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