Ein rechter Amoklauf als “Nachbarschaftsstreit”?

Eine Woche, nachdem der Falter die Hintergründe des weitgehend unbekannten Falls des “Breivik aus Traun“ enthüllt hat, bleiben die zentralen Fragen in dem Drama unbeantwortet: Hat es sich bei Johann Neumüllers Amoklauf um eine rassistische Tat gehandelt? Und wäre sein angekündigter Selbstmord zu verhindern gewesen?

aus FALTER 50/11

Wie der Falter berichtete, hatten hohe Justizvertreter, darunter Karl Drexler, Leiter der Vollzugsdirektion, nach Neumüllers Selbstmord bestritten, dass es Hinweise auf Selbstgefährdung gegeben habe. Seine schriftliche Ankündigung, in der er um einen Strick gebeten hatte, wurde offenbar verdrängt. Nun legt Patrick Frottier, ein renommierter Experte zu Suiziden im Gefängnis, nach: “Es gab mehrere relevante Risikofaktoren. Irrtümer passieren. Sie zu leugnen, ist aber unklug“ (siehe Interview).

Das Justizministerium nahm den Falter-Bericht jedenfalls zum Anlass für eine Überprüfung. “Weil die Medien genau hingeschaut haben, schauen wir auch noch einmal genau hin“, sagt Peter Prechtl, stellvertretender Leiter der Vollzugsdirektion. Konkret soll eine interne “Fachgruppe Suizidprävention“ den Fall untersuchen. “Wir gehen aber nicht davon aus, dass es Unregelmäßigkeiten gab“, sagt Prechtl, ehe das Ergebnis feststeht.

“Angesichts der Umstände wurde alles getan, was getan werden konnte“, sagt Stefan Fuchs, Leiter der zuständigen Fachgruppe, nachdem er die Justizanstalt Linz, in der sich Neumüller in seiner Einzelzelle erhängt hatte, besucht und mit den Verantwortlichen gesprochen hatte.

Auch der Blick der Kriminalisten auf den Fall hat sich nicht geändert. Obgleich der Trauner den Amoklauf mehrere Jahre vorbereitet hatte, das Land laut Eigenaussage “von Ausländern befreien“ wollte und Ermittlern zufolge in der rechten Szene vernetzt war, will die Exekutive offiziell noch immer keinen rassistischen Tathintergrund erkennen. Es habe sich um einen “Nachbarschaftsstreit“ gehandelt, sagte Peter Gridling, Leiter des Verfassungsschutzes, am Montag in der ORF-Sendung “Thema“, die die Falter-Recherchen aufgegriffen hat.

Zumindest politisch dürfte der Fall indes nicht beendet sein. “Offensichtlich wird hier versucht, einen rassistisch motivierten Mord als Nachbarschaftsstreit zu bagatellisieren“, sagt Albert Steinhauser, Justizsprecher der Grünen, “wir werden parlamentarisch für Aufklärung sorgen.“

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