„Die Justiz ist paranoid“

Patrick Frottier, Experte für Selbstmorde im Gefängnis, über die vertuschten Irrtümer, die dem rechten Amokläufer Johann Neumüller den angekündigten Freitod ermöglichten.

aus FALTER 50/11

Seit Patrick Frottier gemeinsam mit seinem Kollegen Stefan Frühwald in den 90er-Jahren begann, Selbstmorde im Gefängnis wissenschaftlich zu untersuchen, zählt er international zu den Vordenkern auf diesem Gebiet. Ein von ihm entworfenes Frühwarnsystem hat die Zahl der Suizide in heimischen Gefängnissen zwischen 2007 und 2010 fast um die Hälfte verringert. Umso erstaunlicher ist für den Psychiater die Vorgangsweise der Justiz im Fall von Johann Neumüller.

Falter: Der inhaftierte Mörder Johann Neumüller hat seinen Selbstmord schriftlich angekündigt und sich fünf Wochen später in seiner Einzelzelle erhängt. Wie kann so etwas passieren?

Patrick Frottier: Ob man seinen Suizid verhindern hätte können, entzieht sich meiner Kenntnis. Nach dem, was bekannt ist, gab es jedenfalls mehrere relevante Risikofaktoren.

Etwa den, dass er einen Mord begangen hat.

Frottier: Ein Mord ist ein Hochrisikofaktor. Wir wissen aus Langzeitstudien, dass sich jeder vierte Mörder im Lauf seines Lebens suizidiert.

Neumüller saß in U-Haft …

Frottier: … was einen Risikofaktor darstellt.

Er sah einer hohen Strafe entgegen …

Frottier: … ein weiterer Risikofaktor.

Er lebte in keiner Partnerschaft, hatte keine Kinder und dürfte an einer schweren psychischen Krankheit gelitten haben …

Frottier: … weitere Risikofaktoren.

Er war Alkoholiker …

Frottier: … eine Suchtkrankheit erhöht das Suizidrisiko weiter.

Und er kündigte seinen Suizid in der Haft schriftlich an.

Frottier: Dass sind letztlich so viele Risikofaktoren, dass er unserem Screening zufolge ganz klar “Rot“ gewesen wäre. Vorausgesetzt, diese Informationen wurden berücksichtigt.

Dieses Programm soll die Anzahl der Suizide im Gefängnis verringern. Wie funktioniert es?

Frottier: Wir haben festgestellt, dass es für Suizide im Gefängnis zwei statistische Spitzen gibt: in den ersten drei Wochen nach Haftantritt und nach sechs Wochen wieder ansteigend. Deshalb wird seit 2007 jede Person am ersten Tag nach ihrer Überstellung in eine Justizanstalt diesem Screening unterzogen. Auf Basis von Fragen, die teils Häftlinge beantworten und teils aus sicheren Fakten bestehen, werden sie in drei Gruppen geteilt. Grün heißt: derzeit keine Gefahr sichtbar, kann auch in Einzelhaft untergebracht werden. Gelb bedeutet: nicht in einem Einzelhaftraum unterbringen, und falls doch, braucht es vorher eine psychiatrische Begutachtung und Entwarnung. Rot heißt: keinesfalls Einzelhaft und rasche psychiatrische Begutachtung und gegebenenfalls intensive Betreuung.

Gibt es auch ein zweites Screening?

Frottier: Im Hinblick auf die zweite statistische Spitze hat das Justizministerium einen Erlass erteilt, wonach unser Programm nach sechs Wochen wiederholt werden sollte. Im Fall Neumüller ist anzunehmen, dass es zum Zeitpunkt der Aufnahme keine Gefährdung gegeben hatte, das zweite Screening jedoch nicht oder nicht korrekt durchgeführt wurde. Nach vorliegenden Informationen wäre es kaum möglich, dass er zuletzt auf Grün gestellt war.

Die Justiz behauptet, Neumüller sei wegen Fremdgefährdung in Einzelhaft untergebracht gewesen.

Frottier: Eine Fremdgefährdung beinhaltet automatisch eine höhere Selbstgefährdung. Wenn die Wut nicht mehr nach außen kanalisiert werden kann, richtet man sie gegen sich selbst.

Wie erklären Sie sich Neumüllers Selbstmord als außen stehender Fachmann?

Frottier: Im konkreten Fall gibt es zwei Fragen: Hat man die Gefährdung wahrgenommen und nicht reagiert oder hat man sie nicht gesehen?

Wie geht man justizintern mit solchen Fällen um?

Frottier: Als ich noch innerhalb der Justiz tätig war, bestand meine Aufgabe darin, jeden Suizidfall im Nachhinein genau zu untersuchen. Mit dem Ziel, Fehlerquellen zu minimieren, bin ich in die jeweilige Justizanstalt gefahren, habe mir die Räumlichkeiten angesehen und mit den Verantwortlichen gesprochen. Oft sind wir dabei auf Details wie eine Duschstange gestoßen, die zu viel Gewicht tragen konnte. Die reflexartige Antwort der Justiz im konkreten Fall, dass nämlich keine Gefährdung sichtbar gewesen sei, will ich nicht kommentieren.

Wenn sich in Österreich ein rechter Amokläufer erhängt und die Justiz danach wider besseres Wissen behauptet, es hätte keine Hinweise auf Selbstgefährdung gegeben, dann …

Frottier: … dann öffnen Sie damit Verschwörungstheoretikern Tür und Tor. Zu behaupten, es habe keine Hinweise auf Selbstgefährdung gegeben, ist zumindest ungeschickt. Umso mehr, wenn im Nachhinein klar wird, dass die Einschätzung falsch war. Das können wir niemandem vorwerfen, denn Irrtümer passieren. Sie jedoch zu leugnen, ist unklug.

Man nennt das auch Vertuschung.

Frottier: Zumindest kann dieser Eindruck entstehen.

Wie sollten Justizbehörden in so einem Fall reagieren?

Frottier: Selbst in der Annahme, dass man sich dadurch unangenehme Fragen erspart: Die Justizbehörde sollte niemals sagen, ein Suizid sei unvermeidbar gewesen. Sie muss stattdessen versichern, dass sie den Vorfall genau untersuchen und alles tun wird, um dies in Zukunft zu verhindern.Man gibt dem Tod des Täters als auch seiner Opfer einen nachträglichen Sinn, wenn man versucht diese Fragen zu beantworten. Das Problem ist ja mit dem Suizid nicht beseitigt. Die Frage, wie es überhaupt zur Straftat kommen konnte, und wie diese in Zukunft zu verhindern wäre, bleibt unbeantwortet.

Sie kennen die österreichische Justiz sehr gut, waren selbst Teil von ihr. Warum reagiert sie bei heiklen Fällen oft so falsch?

Frottier: Wenn es um Fehler geht, ist die Justiz paranoid. Sie bewegt sich in einem angstbesetzten Raum, in dem archaische Männlichkeitsbilder vorherrschen, denen zufolge man Fehler nicht zugeben darf. Die höchste Maxime lautet: Die Justiz soll nicht in der Zeitung stehen. Das wäre aushaltbar, wenn es innerhalb des Systems eine hohe Reflexionsfähigkeit gäbe. Die gibt es aber nicht.

Wie ließe sich das aufbrechen?

Frottier: Eine Möglichkeit wäre, vermehrt externe Experten einzuladen. Dazu fehlt aber oft der Mut. In Fällen wie jenem von Johann Neumüller drängt sich die Frage auf: Sichert sich die Justiz nur forensisch ab oder will sie wirkliche Verbesserung? Häufiger als wir glauben, wird man mit der Frage konfrontiert: Warum sollen wir Suizide in Haft verhindern, der frei gewählte Tod ist doch eine adäquate Reaktion auf die Schuld des Täters? Vielleicht kann dieser brisante Fall für das notwendige Umdenken sorgen.

Hätte man jemanden wie Neumüller vor sich selbst bewahren können?

Frottier: Es gibt anscheinend einen Brief, in dem er um einen Strick bittet. Als Psychiater würde ich ihn fragen: Was wollen Sie mir damit sagen?

Der Anstaltsleiter behauptet, er habe Neumüller genau das gefragt, und der habe geantwortet, es sei ihm nur um die Haftbedingungen gegangen.

Frottier: Zwei Fragen interessieren mich: Wie krank muss jemand sein, dass er auf diese Weise auf Haftbedingungen aufmerksam machen will? Und kann der Leiter einer Justizanstalt die Suizidalität sicher einschätzen?

Die renommierte Psychiaterin Adelheid Kastner hat ihn betreut und laut Justizsprechern kein Risiko gesehen.

Frottier: Dann hat sie im persönlichen Kontakt das Risiko geringer eingeschätzt, als es die objektiven Risikofaktoren nahelegen. Das ist legitim. Irrtümer sind immer möglich. Eine psychiatrische Begutachtung ist in der Regel besser als ein Fragebogen. Interesant wäre, wie sie es argumentiert.

Sind Sie bei einem der zweihundert Suizide, die Sie untersucht haben, jemals auf einen Fall gestoßen, bei dem politisch oder justiziell ein Selbstmord, sagen wir, nicht unerwünscht war, und bei dem die Bedingungen für einen Suizid erleichtert wurden?

Frottier: Diese Frage möchte ich nicht beantworten. Oder doch: bewusst sicher nicht.

 

Zur Person

Patrick Frottier, Facharzt für Psychiatrie, implementierte im heimischen Vollzug gemeinsam mit Stefan Frühwald das VISCI-System, ein standardisiertes Frühwarnsystem, das Häftlinge vor dem Suizid bewahren soll
Der Breivik von Traun

Am 22. Juli, demselben Tag, an dem Anders Behring Breivik in Norwegen 77 Menschen ermordete, lief Johann Neumüller in Traun Amok, um das Land “von Ausländern zu befreien“. Am 26. Oktober, dem National-feiertag, erhängte er sich mit einem Gürtel in seiner Einzelzelle.

Und das, obwohl er fünf Wochen zuvor um einen Strick gebeten hatte

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