Johannes Hahn bleibt also ein Doktor

aus FALTER 45/11

Die Stimmen verstummten, das Klirren der Gabeln und Messer hörte auf. In der Stille ließ sich am Gesichtsausdruck des EU-Kommissars ablesen, wie leid er diese Frage schon war, die ihn selbst nach Brüssel verfolgte: “Würden Sie nach einer Aberkennung Ihres Doktortitels von Ihren Ämtern zurücktreten?“

Drei Wochen ist es her, dass der Ex-Wissenschaftsminister Johannes Hahn diese Frage bei einem Mittagessen mit österreichischen Journalisten mit den Worten “Ich schließe eine Aberkennung aus“ beantwortete.

Vergangene Woche präsentierte Rektor Heinz Engl jenes Gutachten über die Arbeit (“Die Perspektiven der Philosophie heute – dargestellt am Phänomen Stadt“), das die Uni Wien in Auftrag gegeben hatte: “Johannes Hahns Dissertation ist kein Plagiat.“

Seit mehr als vier Jahren, also lange bevor das Licht des deutschen Politpopstars Karl Theodor zu Guttenberg unter seinem erschwindelten Doktorhut verglomm, war die wissenschaftliche Qualität von Hahns Dissertation Gegenstand einer immer wiederkehrenden Diskussion.

Der als “Plagiatsjäger“ bekannte Wissenschaftler Stefan Weber hatte Hahn im Mai 2007 “seitenweises unzitiertes Abschreiben“ vorgeworfen. Nachdem Weber die Arbeit im Auftrag des grünen Sicherheitssprechers Peter Pilz in diesem Frühjahr eingehender untersucht hatte, behauptete er gar, auf einem Fünftel aller Seiten Plagiate gefunden zu haben.

Um die Debatte zu beenden, beauftragte die Uni Wien daraufhin die Agentur für wissenschaftliche Integrität, die wiederum drei anonyme internationale Wissenschaftler engagierte, mit der Begutachtung. Obgleich Weber die Entscheidung als “wissenschaftlich skandalös“ bezeichnet und Pilz von einem “Persilschein“ spricht, dürfte die Uni das Ziel der Hahn-Reinwaschung erreicht haben.

Die Tatsache, dass die Prüfer Hahns Arbeit dezidiert am 1987 herrschenden wissenschaftlichen Standard maßen, hinterlässt jedoch den Eindruck, es wäre mit zweierlei Maß gemessen worden. Denn Rektor Engl sagt selbst: “Heute würde so eine Dissertation nicht mehr angenommen.“

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