„Das Rathaus ist ein Hofstaat“

Nach elf Jahren in der Stadtpolitik wirft die grüne Hoffnungsträgerin Sabine Gretner überraschend das Handtuch. Warum?

(Foto: Corn)

Aus FALTER 43/11

„Man soll gehen, wenn es am Schönsten ist“, sagte Sabine Gretner – und ging. Als die Grüne Planungssprecherin und wichtigste Beraterin von Planungsstadträtin Maria Vassilakou am vergangenen Montag überraschend zurücktrat, sprachen sogar politische Gegner ihr Bedauern aus. Ihrer seltenen Mischung aus Kompetenz und Authentizität wegen galt Gretner als kommender Star der Grünen. Zum Interview in die Falter-Redaktion kommt sie direkt von ihrer letzten Sitzung im Rathaus, sozusagen als “Bürgerin“.

Falter: Sie kommen gerade von Ihrer letzten Landtagssitzung. Was werden Sie daran nicht vermissen?

Sabine Gretner: Da gibt es eine ganze Menge. Ich habe lustigerweise in meiner ersten wie auch heute in meiner letzten Rede vor dem Landtag gesagt, dass es mich stört, dass kaum Zuhörer kommen.

Daran hat sich nichts geändert?

Gretner: Nichts. Der Landtag ist wie ein Theater, in dem jeder seine Rolle spielt, aber keiner zusieht.

Leiten Sie daraus einen generellen Befund für die Politik ab?

Gretner: Ja. Politiker haben die Leute lange Zeit aus der Politik draußen gehalten. Man hat den Zeitpunkt verpasst, um Transparenz und Bürgernähe zuzulassen und Entscheidungen nachvollziehbar zu machen. Das fällt uns jetzt auf den Kopf.

Bis zum Wechsel in die Regierung waren die Wiener Grünen erster Ansprechpartner für Bürgerinitiativen. Dort herrscht jetzt das Gefühl vor, fallengelassen worden zu sein. Stichwort Augartenspitz. Was ist da passiert?

Gretner: Wir haben alle Beteiligten an einen runden Tisch geladen, doch die Bürgerinitiative wollte nicht daran teilnehmen. Zu dem Zeitpunkt war das leider das einzig noch Mögliche, nämlich über Details zu sprechen, die den Bau für die Anrainer erträglicher machen. Aber diesen Bau zurückzunehmen, obwohl die Fundamente schon standen, das war nicht mehr möglich.

Das hat sich in der Opposition anders angehört.

Gretner: Ja, ich weiß.

Als Oppositionelle sagten Sie einmal über SPÖ-Planungsstadtrat Rudolf Schicker, er sei von “Umständen und Gesetzen“ getrieben. Inwiefern ist man das in der Regierung – oder bildet es sich zumindest ein?

Gretner: Einmal in die Regierung gelangt, stellt man etwas fest: Der Handlungsspielraum ist kleiner, als allgemein geglaubt wird. Ich könnte Ihnen jetzt lang und breit erklären, warum etwa die Forderung nach einem Baustopp am Steinhof unseriös ist …

… und am Schluss würden auch Sie nur von den Fakten sprechen, die nun einmal geschaffen seien.

Gretner: Genau. Kurz gesagt, in beiden Fällen, im Augarten wie am Steinhof, ist es einfach schon zu spät. Anderswo begleitet man solche Projekte von Beginn an mit Workshops, runden Tischen und Mediationen. In Wien sagt man: Der Krankenanstaltenverbund braucht Geld, also wie viel Widmung, wie viel sozialer Wohnbau gehen sich da aus und an wen verscherbeln wir das?

Sie verwenden die Gegenwartsform. Wollten die Grünen das nicht ändern?

Gretner: Sie können sich Wien als Riesendampfer vorstellen, der jahrzehntelang gemächlich auf seinem Kurs dahinfährt. Wie viel lässt sich daran in einem Jahr Rot-Grün wohl ändern? Zugegeben, mir war es auch zu wenig an Kurskorrektur.

Kommt der Widerstand aus der Kommandozentrale oder aus dem Maschinenraum?

Gretner: In der Kommandozentrale gibt es zwar Leute, die alles neu machen wollen. Aber die sind in der Minderheit. Der Maschinenraum ist hingegen völlig veränderungsresistent.

Als Oppositionspolitikerin haben Sie den Maschinenraum jahrelang kritisiert. Dann gelangten Sie selbst hinein. Waren Sie überrascht von dem, was Sie da sahen?

Gretner: Es ist schlimmer, als ich es erwartet habe. Es gibt durchaus engagierte Beamte, die etwas verändern wollen. Aber die Struktur erstickt Innovation. Sie ist geprägt von Richtlinien, die jedoch jeder Referent anders interpretiert. Der Apparat ist so aufgesetzt, dass einzelne Abteilungen entweder schlecht oder gar nicht miteinander kooperieren oder sich sogar gegenseitig behindern.

Fällt Ihnen ein konkretes Beispiel ein?

Gretner: Vor kurzem hatten wir eine Besprechung über den Bau einer Fußgängerbrücke. Ausgangspunkt war, dass es eine Stiege und einen Lift geben soll. Die Fußgängerbeauftragte und der Radbeauftragte meinten: Wenn der Lift nicht funktioniert, muss man das Rad über die Stiegen schleppen und barrierefrei sei es dann auch nicht. Warum also bauen wir keine Rampe? An dieser Sitzung haben zehn Personen unterschiedlichster Magistratsabteilungen teilgenommen. Und jeder sprach nur über seine Vorgaben, seine Richtlinien und seine Gesetzeslage. Sie hatten einfach kein gemeinsames Ziel vor Augen. Nach einer Stunde hat ein Beamter allen Ernstes behauptet, Rampe und Lift seien weniger barrierefrei als Stiege und Lift – und die Diskussion ging von vorne los.

Wie müsste man die Strukturen verändern, damit die Prozesse zielorientiert laufen?

Gretner: Darüber habe ich viel nachgedacht. Wien ist ein gordischer Knoten. Und die einzige Möglichkeit, ihn zu lösen, ist ein großer Schlag, eine Totalreform.

Sie wirken nicht gerade optimistisch.

Gretner: Ich sehe wirklich wenig Hoffnung. Es wird ewig dauern, bis die notwendigen Reformen kommen. Damit das überhaupt passiert, muss der Stadt vorher wahrscheinlich das Geld ausgehen. Einstweilen sonnt man sich noch im eigenen Licht. Das Rathaus funktioniert ja wie ein Hofstaat. Vom Bürgermeister abwärts spielt jeder seine Rolle, man hofiert und wird hofiert.

Korrumpiert dieses höfische Verhalten?

Gretner: Es schmeichelt natürlich. Und wenn man vom Charakter her entsprechend strukturiert ist, kann man da schnell hineinkippen. Es spielen halt alle dieses höfische Spiel mit, selbst Leute, die es kritisieren.

Akzeptieren die Hofschranzen die Grünen als Machthaber?

Gretner: Ja, aber das hat mich auch wahnsinnig geärgert. Weil ich als Ausschussvorsitzende nicht ganz unwichtig bin, haben mich Leute am Hof, die mich zehn Jahre lang ignoriert hatten, plötzlich auf Geburtstagsfeste und Firmenfeiern eingeladen.

Und Sie sind partout nicht hingegangen.

Gretner: Partout nicht. Mir ist es zuwider, dass es denen nicht zu blöd ist. Die laden mich ja nur als Rolle ein.

Jahrelang haben Sie das Planungsressort für sich gefordert. Dann kommen die Grünen in die Regierung und besetzen das Ressort mit jemandem, der von der Materie keine Ahnung hat. Sie sind bis heute nicht über diese Enttäuschung hinweggekommen?

Gretner: Es war unumstritten, dass Maria das Ressort macht, egal, welches es wird. Für meine Rollenfindung war das aber natürlich sehr schwierig. Ich, die ich von einem Fach komme, würde mir generell wünschen, dass mehr Politiker in Entscheidungspositionen etwas vom Fach verstehen. Das meine ich sehr allgemein. Dafür, dass Maria neu in dem Gebiet ist, füllt sie ihre Rolle wirklich großartig aus. Aber bei so mancher Besprechung hätte ich schon mehr auf den Tisch gehaut.

Sie galten als Shootingstar der Grünen, und jetzt werfen Sie das Handtuch. Dass Sie sich nicht durchgesetzt haben, ist vielleicht der einzige Vorwurf, den man Ihnen machen kann.

Gretner: Ich habe mich nicht durchgebissen, das stimmt schon. Mir hat vielleicht das Alzerl gefehlt.

Was ist dieses Alzerl, das Politiker nach oben bringt?

Gretner: Es ist Eitelkeit, der Wille, die Ellenbogen einzusetzen und in der ersten Reihe zu stehen. Ich habe mir Kollegen angeschaut, die schon lange dabei sind, und es ist erschreckend, welche Charakterzüge da gestärkt werden. Das will ich nicht. Ich habe zehn Jahre lang meinen Beitrag geleistet und fände es super, wenn mehr Leute aus Fachbereichen sagen, ich engagiere mich für die Allgemeinheit.

Sogar der ÖVP-Landesgeschäftsführer bedauert Ihren Rücktritt. Wie haben Sie es geschafft, die Politik nach elf Jahren als allseits geschätzte Sympathieträgerin zu verlassen?

Gretner: Da gibt es schon ein paar Feinde, die schweigen jetzt diplomatisch. Manche werfen mir Verantwortungslosigkeit vor, die verstehen aus ihrer Denkweise her überhaupt nicht, wie man so etwas aufgeben kann. Ich werde nächstes Jahr 40. Mich reizt der Gedanke, ein neues Leben anzufangen. Also wann, wenn nicht jetzt?

 

 

Zur Person

Sabine Gretner, 1972 in Wien geboren, studierte Architektur an der TU Wien. Im Jahr 2000 stieg sie als Referentin für Stadtentwicklung bei den Grünen ein, von 2005 an war sie bis zuletzt als Planungssprecherin und Gemeinderätin tätig. Gretner kämpfte aufseiten von Bürgerinitiativen etwa für die Stadt des Kindes und den Augartenspitz. Im Jahr 2008 deckte sie die Kostenexplosion beim Bau des Pratervorplatzes auf.

 

 

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