“Die Anonymität muss aus dem Netz verschwinden!”

Datenschützer gegen Google, Hacker gegen Facebook: Der Krieg um die Anonymität im Netz hat begonnen

aus FALTER 33/11

Das Video beginnt mit den Worten “Achtung, Bürger der Welt!“. Zu sehen ist das Standbild eines Männerkörpers im Anzug, der anstelle des Kopfes ein Fragezeichen auf den Schultern trägt. In den folgenden zwei Minuten kündigt eine computerverzerrte Stimme die “Zerstörung“ von Facebook an.

Das soziale Onlinenetzwerk verkaufe ohne deren Wissen Informationen über seine Nutzer an Regierungen und Sicherheitsfirmen, begründet die Stimme: “Wir haben das Recht, nicht überwacht, nicht gestalkt und nicht für Profitzwecke benutzt zu werden.“

Der Absender der Drohbotschaft ist Anonymous, jenes politische Hackerkollektiv, das sich seit der Auseinandersetzung um die vom Aufdeckerportal Wikileaks veröffentlichten US-Depeschen als Zorro 2.0 geriert. Die “Operation Facebook“ soll bisherige Angriffe auf die Webseiten von Behörden, Konzernen und Parteien, am 5. November 2011 übertroffen werden.

Das Video bildet den vorläufigen Höhepunkt einer Auseinandersetzung, die so alt ist wie das World Wide Web selbst. Dabei prallen die Interessen an Privatsphäre, Sicherheit und Profit aufeinander. Im Kern steht die Frage nach dem Recht auf Anonymität. Die Intensität und Relevanz dieses Disputs, die mit jedem neuen Bit und jedem investierten Dollar steigen, lassen sich wie die Kurven auf einem Seismografen nachzeichnen.

Der Seismograf schlug aus, als Google-Chef Eric Schmidt Ende 2009 sagte, wer etwas tun wolle, von dem andere nichts wissen sollten, solle es besser gleich bleiben lassen. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg assistierte wenig später mit der Feststellung, “zwei oder mehr Identitäten zu haben beweist einen Mangel an Integrität“ – wieder schnellte die Amplitude hoch. Als seine Schwester Randi Zuckerberg unlängst forderte, die “Anonymität muss aus dem Web verschwinden“, riefen Datenschützer, Menschenrechtler und Blogger den “nymwar“ aus: den Krieg um die Anonymität im Internet.

Der Kampf wird längst in der Offlinewelt ausgetragen. Das wurde abermals deutlich, als Sicherheitspolitiker und -behörden nach den Attentaten von Oslo nach Gesetzesverschärfungen und erweiterten Befugnisse bei Onlineermittlungen riefen.

Peter Gridling etwa, der Chef des heimischen Verfassungsschutzes, forderte mit Hinweis auf einen “Trend zur Radikalisierung durch das Internet“, Ermittlungsergebnisse künftig mit jenen ausländischer Nachrichtendienste verknüpfen zu dürfen – und zwar ohne konkrete Bedrohungslage. Der deutsche Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) sprach sich im Nachrichtenmagazin Spiegel gar für die Abschaffung der Anonymität im Internet aus: “Die Grundsätze unserer Rechtsordnung müssen auch im Netz gelten. Normalerweise stehen Menschen mit ihren Namen für etwas ein. Warum nicht auch ganz selbstverständlich im Internet?“

Internet und Anonymität, Datenschutz und Kriminalität, soziale Netzwerke und Geheimdienste – die unterschiedlichen Debattenstränge schlängeln sich quer durch das digitale, rechtliche und philosophische Dickicht. Um ihnen folgen zu können, könnte man den Cyberspace in zwei Hemisphären teilen: in eine geschlossene und eine offene.

In der geschlossenen Welt geht es um den Austausch von Geld, Waren und Geheimnissen. In diesem “unsichtbaren Internet“ arbeiten, kommunizieren und handeln Unternehmen, Organisationen und Parteien. Der Zugang ist im Bestfall streng gesichert und nur durch den Nachweis der Identität, des angebotenen Gutes, des versprochenen Geldes möglich.

In der anderen, der offenen Hemisphäre des Netzes, geht es um den Austausch von Informationen und Meinungen. Hier tummeln sich Journalisten, Blogger und Leser. Um diese mittlerweile kommerzialisierte Welt und die Freiheit, sie anonym zu bewohnen, geht es im “nymwar“.

“Das Internet ist zur öffentlichen Sphäre des 21. Jahrhunderts geworden“, sagte US-Außenministerin Hillary Clinton zu Beginn des Jahres in einer Grundsatzrede zur Freiheit im Internet. Wohl auch wegen der Kritik am harschen Umgang der US-Regierung mit Wikileaks betonte Clinton deren Wichtigkeit und kritisierte Länder wie China, Vietnam und Iran, weil diese das Netz zensurieren. Die Grenzen der Meinungsfreiheit zog Clinton entlang nationaler Gesetze.

Wie schwierig deren Durchsetzung in einem globalisierten Netz allerdings ist, belegt die rechtsextremistische österreichische Seite Alpen-Donau.net, auf der seit Jahren gegen Juden, Muslime und Andersdenkende gehetzt wird. Obwohl die Betreiber gegen heimisches Recht verstoßen, konnten sie bislang nicht dingfest gemacht werden, weil ihre Server in den USA geparkt sind, von wo aus jeder anonym Webseiten betreiben darf.

Daran ändert auch das “C4“ nichts, das Cyber-Crime-Competence-Center des heimischen Innenministeriums, von dem aus seit kurzem 300 Polizisten Betrügern, Pädophilen und Neonazis nachsurfen.

“35.000 Jahre“, sagt der Wiener Privacy-Experte Hans Zeger, “das ist die Zeit, die ein Mensch bräuchte, um die Inhalte, die an einem einzigen Tag ins Netz gestellt werden, konsumieren zu können.“ Forderungen nach einem Anonymitätsverbot, nach Verstärkung der Cyberpolizei und strengeren Gesetzen, bezeichnet Zeger als “Ausdruck der Hilflosigkeit“.

Umfragen zufolge fühlen sich bis zu 85 Prozent der User von Internetkriminalität bedroht. Nicht zu Unrecht: Internationalen Schätzungen zufolge werden jährlich 750 Milliarden Euro mit Cyberbetrug umgesetzt.

Privacy-Experte Zeger stellte sich im Rahmen einer Untersuchung die Frage, wie viele Onlinehändler die vertraulichen Daten ihrer Kunden verschlüsselt übertragen. Die besorgniserregende Antwort: weniger als die Hälfte. “Wenn die Politik das Internet schon sicherer machen will, dann soll sie die E-Commerce-Gesetze drastisch verbessern.“

Die größten Gegner der Anonymität sind ohnehin nicht Sicherheitsbehörden, sondern Internetriesen wie Facebook und Google. Jeder zweite der zwei Milliarden User besucht diese Seiten regelmäßig. Schon heute wissen die beiden Konzerne mehr über uns als der Verfassungsschutz.

Dass ihre Vertreter nun ein Ende der Netzanonymität fordern, hat einen einfachen Grund. Die “Identitätszentren des digitalen Menschen“ (Süddeutsche Zeitung) machen mehr als 90 Prozent ihres Umsatzes mit Onlinewerbung. Und je mehr sie über ihre Nutzer wissen, desto interessierter die Werbeindustrie, desto größer der Profit. Dass auf dem neuen sozialen Netzwerk Google+ Pseudonyme verboten sind, ist die Konsequenz dieser Firmenpolitik.

Das Netz vergisst nicht. Je mehr es weiß, so die Überzeugung der Datenschützer, desto wichtiger wird Anonymität. Privacy-Experte Zeger bezeichnet sie als “Menschenrecht. Und dazu gehört nun auch einmal das Recht, Blödsinn sagen zu dürfen.“

Wie schmal der Grat zwischen dem Recht auf anonyme Äußerung und jenem, nicht von einem anonymen User diskreditiert zu werden, ist, davon können die Mitarbeiter des Online-Standard berichten. Mit 15.000 täglichen Postings ist derStandard.at das Info-Portal mit der größten Community im deutschsprachigen Raum. Um sich anzumelden, braucht es lediglich eine gültige E-Mail-Adresse, die Identität des Nutzers bleibt verborgen.

“Die Anonymität ist für uns wichtig, um Meinungsfreiheit zu ermöglichen“, sagt Community-Managerin Brigitte Nikowitz. Wie sollte jemand etwa seine Firma kritisieren, wenn der Chef mitlesen könnte?, fragt sie.

Die Schattenseite: Durch die Anonymität löst sich auch die Hemmung, der strenge Chef wird zum “dummen Schwein“, der missfallende Kommentar zum “Scheißtext“. Als “Denunziantenstadl“ bezeichnete der Feuilletonist Karl Fluch die Website aufgrund der reißerischen Kommentare unlängst im Standard.

Trotz des “Forumats“, eines Programms, das Postings mit Signalworten wie “Wixer“ oder “Tschusch“ herausfischt, nimmt das Aussieben verdächtiger Postings einen beträchtlichen Teil der Redakteursarbeit ein. Gegen eine Umstellung auf Echtnamen spricht beim Online-Standard aber nicht nur die freie Meinungsäußerung, sondern auch das Geschäftsmodell, dessen Erfolg sich unter anderem auf die Anonymität der User zurückführen lässt. Verkürzt lautet die Formel: je weniger Postings, desto geringer das Interesse der Inserenten.

Während Portale wie derStandard.at von Gesetzes wegen verpflichtet sind, Diskreditierendes und Verhetzendes aus dem Forum zu nehmen, sprießen im Netz sogenannte “Pranger“-Seiten, die Verleumdung zum Geschäftsmodell erklärt haben: Auf iShareGossip und RottenNeighbor wird gegen Mitschüler, Kollegen und Nachbarn gehetzt – anonym, versteht sich. Der US-Amerikaner Jaron Lanier, ein Internetpionier, der den Begriff “virtuelle Realität“ geprägt hat und sich mittlerweile gegen Anonymität im Netz ausspricht, nennt das Phänomen den “digitalen Mob“.

Internationale Studien deuten allerdings darauf hin, dass der Zwang zum Echtnamen nur wenig Besserung verspricht. Nachdem sich die südkoreanische Schauspielerin Choi Jin Sil im Jahr 2008 wegen einer anonymen Hetzkampagne gegen sie erhängt hatte, verordnete die Regierung den Nutzern von Websites, die täglich mehr als 100.000 Besucher verzeichnen, eine 13-stellige staatliche Identitätsnummer. Während hetzerische Kommentare leicht zurückgingen, so das Fazit der Untersuchung einer US-Universität, pöbelte die Mehrheit der Nutzer ungeniert weiter oder wich zu diesem Zweck in andere Foren aus.

Sollte man nun als Konsequenz sämtlichen Postern in Südkorea, ja, auf der ganzen Welt eine Art Internetpass verordnen? Abgesehen davon, dass das technisch schwierig sein dürfte und wir ohnehin mit jedem Klick unsere Spuren hinterlassen: Wie kommt die große Mehrheit der gesitteten User dazu, ständig ihre Identität mit sich führen zu müssen, nur weil sich eine Minderheit nicht im Griff hat?

“Der Zwang zu echten Namen ist eine autoritäre Ausübung von Macht gegenüber verletzlichen Menschen“, schreibt die US-amerikanische Internet-Expertin Danah Boyd, eine der wichtigsten Verfechterinnen der Anonymität im “nymwar“, in ihrem Blog. Als Argument führt Boyd, die seit langem über soziale Onlinenetzwerke forscht, nicht nur Dissidenten in Damaskus und Schanghai ins Treffen. Sie spricht von Opfern von Gewalt, Stalking und Mobbing, von Homosexuellen und Angehörigen ethnischer Minderheiten. Einer Studie der US-Universität Maryland zufolge sind weiblich klingende Nutzernamen in Chaträumen 25-mal häufiger verbalen Drohungen und sexuellen Anspielungen ausgesetzt als männlich klingende. “Nicht jeder“, schreibt Boyd, “ist sicherer, weil er seinen echten Namen angibt. Ganz im Gegenteil.“

Ob der deutsche Innenminister Friedrich das auch so sieht, bleibt dahingestellt. Jedenfalls zog er sein Ansinnen zur Abschaffung der Anonymität bald als “Missverständnis“ zurück, das er als “Appell an die Zivilgesellschaft“ verstanden wissen will. Pläne, so versichert der Minister, lägen keine vor.

Diese Schlacht an der europäischen Nebenfront dürften Datenschützer und Blogger also vorerst gewonnen haben. Der Krieg aber geht weiter. Ob der nächste Schlag tatsächlich am 5. November Facebook treffen wird, ist hingegen fraglich. Mittlerweile haben andere Gruppen, die ebenfalls als Anonymous auftreten, das Vorhaben bestritten. Aber wem glauben? Schließlich sind sie alle anonym.

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