“Ich bin nicht der Kaiser von China”

Am Sonntag wählen Österreichs Muslime Fuat Sanac zu ihrem Präsidenten. Was man von ihm erwarten kann – und was nicht.

aus FALTER 26/11

Fuat Sanac lehnt sich zum Fenster seines kleinen Büros hinaus und hört sich am Handy gereizt immer dieselben Fragen an: Was der künftige Ober-Muslim über Kopftücher und Minarette denke? Ob er Terror und Fundamentalismus verurteile? Und wie viele seiner Gegner er k.o. geschlagen habe?

“Sind das nicht kindische Fragen?“, fragt Sanac, 57, gebürtiger Türke und Islamlehrer, zu Beginn des Gesprächs mit markigem Akzent: “Ich bin nicht der Kaiser von China.“ Vielmehr wolle er über soziale Probleme sprechen, über Jugendkriminalität und Arbeitslosigkeit etwa.

Mehr als 500.000 Muslime leben in Österreich. Von den 125.000 Mitgliedern der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGIÖ) fanden nur 20.500 den Weg zur Urne, womit die Funktionäre nur den Willen von fünf Prozent der Muslime repräsentieren. Ehe die 61 gewählten Mitglieder des Schurarates, des Parlaments der Muslime, Fuat Sanac am Sonntag einträchtig zu ihrem Präsidenten küren werden, tobt ein letzter Machtkampf zwischen Vertretern des neuen und des alten Systems. Doch dazu später.

Noch ehe die erste Stimme abgegeben war, stand schon fest, warum man künftig von einer neuen Ära der IGGIÖ wird sprechen können: Die Gemeinschaft wird erstmals türkisch dominiert sein. Denn Atib und die Islamische Föderation, Österreichs zwei größte Moscheevereine, übernehmen koalitionär die Geschicke im Dachverband.

Die Islamische Föderation, Österreich-Ableger von Milli Görüs drängte zwar schon länger an die Macht, allerdings hatte es ihr in der nach ethnischen, ideologischen und nationalen Kriterien geteilten IGGIÖ bislang an Partnern gefehlt – bis sich Atib erstaunlicherweise für die Koalition entschied. Erstaunlich ist das nicht nur deshalb, weil Atib (zu Deutsch: türkisch-islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit) der Wien-Ableger der türkischen Religionsbehörde ist und die Türkei bis dato nichts mit der Vertretung der Muslime in Österreich zu tun haben wollte. Hinzu kommt, dass Ankara Moscheevereine wie Atib gründete, weil man die Gastarbeiter in Europa nicht den Islamisten von Milli Görüs (Nationale Sicht) überlassen wollte.

Noch bis vor kurzem stand die Bewegung mit Sitz in Köln unter Beobachtung des deutschen Verfassungsschutzes. In letzter Zeit haben sie sich jedoch inhaltlich geöffnet. So werden nun ausgerechnet historische Rivalen zu Koalitionspartnern.

Selbst wenn diese ungewöhnliche Koalition in Ankara und Köln abgesegnet worden sein mag, eingefädelt hat sie der Milli-Görüs-Mann Fuat Sanac. Der ehemalige Boxer immigrierte 1982 mit seiner Familie nach Österreich. Er heuerte noch im selben Jahr als islamischer Religionslehrer bei der IGGIÖ an, promovierte bald darauf in Philosophie und stieg zuletzt zum Inspektor für Religionsunterricht und zum Vorsitzenden des Schurarats auf.

Langjährige Wegbegleiter beschreiben ihn als “großkoalitionären Vereinsmeier“: loyal, freundlich, konservativ, kurzum als einen Mann der Mitte, der mit allen kann. Theologisch ist Sanac hingegen ein unbeschriebenes Blatt. Anders als sein Vorgänger, der gebürtige Syrer Anas Schakfeh, plant er, sich künftig weniger in die Tagespolitik einzumischen. Mehr über seine Vorhaben will er erst nach seiner Wahl verraten.

Fest steht schon jetzt, dass der Religionsunterricht die größte Baustelle seiner vierjährigen Amtszeit sein wird. Mehr als zwei Jahre nachdem der Falter Mouhanad Khorchides Studie über den Islamunterricht veröffentlicht hat, in der desaströse Mängel in Pädagogik, Theologie und Demokratieverständnis belegt wurden, gibt es weder einen aktualisierten Lehrplan noch neue Schulbücher, noch wurden die Hunderten nicht ausgebildeten Lehrer ausgewechselt.

Ob ausgerechnet Sanac, der unter Schakfehs intransparenter Herrschaft groß geworden ist, die Hoffnungen auf Öffnung und Kompetenz erfüllen kann, hängt von drei Fragen ab: erstens, kann er sich von den Vereinen, allen voran von der Islamischen Föderation, emanzipieren? Zweitens, wird er eine Perspektive für seinen Job entwickeln, die darüber hinausgeht, dass er mit allen kann? Und drittens, wie wird er mit den Verlierern dieser neuen Ära umgehen, mit der Initiative muslimischer Österreicher?

Sie haben die IGGIÖ zuletzt de facto geleitet: SPÖ-Gemeinderat Omar Al-Rawi fungierte als Integrationsbeauftragter, Mouddar Khouja als persönlicher Assistent Präsident Schakfehs, Amina Baghajati als Sprecherin und ihr Mann Tarafa Baghajati als Vernetzer im Hintergrund.

Trotz ihrer Leistungen, der Professionalisierung der PR und der Organisation dreier Imame-Konferenzen etwa, erhielten sie bei der Wahl lediglich 131 der 20.500 Stimmen. Dennoch pokern sie sehr hoch und geben sich dem Vernehmen nach mit mehreren Sitzen im Obersten Rat (der 15-köpfigen Regierung der IGGIÖ) und in Sanacs Kabinett nicht zufrieden.

Wird der künftige IGGIÖ-Präsident seinem Ruf als Großkoalitionär gerecht, dann bindet er die Macher der Ära Schakfeh ein. Allerdings könnte er sich dann schwertun, den versprochenen Neuanfang einzulösen. Sanac entscheidet sich besser vor dem Sonntag, sonst könnte dasselbe Szenario drohen wie bei der ersten IGGIÖ-Wahl. Damals, 1979, griffen die Anwesenden zu ihren Schuhen, um einander als Zeichen des Dissens zu bewerfen.

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