Die Kinder von St. Hanappi

Am Sonntag stürmten Rapid-Fans das Spielfeld im Hanappi-Stadion und verstießen damit gegen ein ungeschriebenes Gesetz. Warum nur?

aus FALTER 21/11 gemeinsam mit Christoph Heshmatpour

Als Zlatko Junuzovic den Ball in der 26. Spielminute ins Netz schiebt, ahnt der Stürmer des FK Austria Wien nichts von den weitreichenden Folgen, die sein Tor haben wird. Nur wenige Sekunden vergehen, schon brechen die Wut und der Zorn, die sich in den vergangenen Monaten angestaut haben, aus der Westtribüne des Hanappi-Stadions hervor.

Zunächst klettern zwei, drei, vier Fans über den Zaun, der die Tribüne vom Spielfeld trennt. Kaum stehen sie auf dem Spielfeld, kommen Dutzende hinterher. Es sind durchwegs Männer, viele mit nacktem Oberkörper und vermummtem Gesicht. Die Botschaft, die sie bringen: Hass.

Die Hooligans scheuchen die Schiedsrichter in die Höhlen des Hanappi-Stadions, sie speien den Spielern ihre Wut ins Gesicht und werfen Feuerwerkskörper in Richtung Osttribüne, wo die Austria-Fans ihre Mannschaft bejubeln. Nur eine Minute dauert es, ehe ein Cordon aus Polizisten das Spielfeld geteilt hat, um ein Aufeinandertreffen der Fans zu verhindern.

Auf Youtube gibt es verwackelte Videos, auf denen das Grölen, das Knallen, das Rennen an Bilder aus einem Bürgerkrieg erinnern und nicht an ein 2:0. So endet das 297. Wiener Derby nach 27 Minuten im Chaos. Vom “Rapid-Skandal“ und vom “Spiel der Schande“ werden Zeitungen am nächsten Tag berichten, “300 Jahre Stadionverbot“ wird die Wiener Vizebürgermeisterin Renate Brauner fordern, andere gar den Abriss des Stadions. Was ist da am Sonntag geschehen im “heiligen St. Hanappi“? Wieso wurde ein dicker, tätowierter, alkoholisierter Mann zum Symbol des SK Rapid Wien?

Man erkennt das grün-weiße Heiligtum schon von weitem an den vier Flutlichtmasten, die wie die Beine eines riesigen Käfers aussehen, der im Herzen von Hütteldorf auf dem Rücken liegt. Am Tresen eines Cafés beim Stadion steht ein mit Tattoos übersäter Mann, den sie “Moses“ nennen. Er war auch gestern da, “so wie immer“. Wie es war? “So wie immer“, sagt Moses, trinkt sein Bier aus und geht. “Geknistert hat es gestern“, sagt Zlatko Loncar, 35, der Besitzer des Lokals. Seit Jahren fiebert er bei jedem Heimspiel im Stadion mit. Nur gestern nicht. Warum er ausgerechnet gestern mit Freunden grillte und sich das Spiel im Fernsehen ansah? “Man wusste, dass etwas geschehen wird“, sagt der Wirt und präzisiert auf Nachfrage: “Ja, man wusste, dass sie ins Feld reinmarschieren, wenn das Spiel schlecht ausgeht.“

Loncar ist gut vernetzt in der Szene und im Grätzel, schließlich ist Fußball seine Leidenschaft und Hütteldorf seine Heimat. Nach den Gründen für die Eskalation gefragt, erzählt er von 14-Jährigen, die sich unter die Ultras mischen (“Die Ultras sind großteils Kinder“) und von der zunehmenden Eskalation zwischen Polizisten und Fans (“Seit der Euro haben beide andere Saiten aufgezogen“).

Die ganze Aktion, sagt Loncar, “war gegen den eigenen Verein gerichtet“. Er erzählt, dass durch Spielerverkäufe und Europa-League-Teilnahmen viel Geld eingenommen worden sei, von dem die Fans nun nichts sehen würden. “Ist ja ein Fußballverein und kein Sparverein, oder?“

Ein milder Westwind weht die Ansagen die 200, 300 Meter vom Bahnhof Hütteldorf bis vor Loncars Café. Es ist derselbe Wind, der an Wochenenden den Stadionlärm hinüber in den Hugo-Breitner-Hof trägt, bis zur Dachgeschoßwohnung von Gerhard Kuchta. Wenn es der Torjubel der Rapid-Fans ist, dann schlägt auch sein Herz ein wenig höher. Schließlich war Kuchta, 56, ehemaliger Finanzexperte, in seiner Jugend Rapid-Anhänger, damals, als es das Weststadion noch nicht gab und die Rapidler auf der Pfarrwiese aufliefen. “Aber ‚Tod und Hass dem FAK‘, das hätte ich nie gerufen“, sagt Kuchta.

Kuchta ist keiner, der darüber klagt, wie sich die schönen Zeiten ändern. Natürlich ärgert es den Anrainervertreter, dass die Wände des Gemeindebaus nach Heimspielen beschmiert werden und dass Scharen betrunkener Fans durch den Bau gelotst werden. Kuchta ist jedoch der Meinung, dass die Ausschreitungen am Sonntag nur Symptom eines Unbehagens sind, das unter jungen Österreichern herrscht und mit jedem Tag weiterwächst. Er spricht von Jugendarbeitslosigkeit, von Familien- und Sozialpolitik. “Sperrt man die Hooligans aus, dann ist die Aggression nicht weg“, sagt Kuchta, “sie wird dann einfach woanders ausgetragen. In der Straßenbahn, im Park oder im Gemeindebau.“

Gehören alkoholbefeuerte Testosteronausbrüche wie dieser ebenso zum Fußball wie Freistoß, Foul und Corner, wie Moses das offensichtlich sieht? Oder ist der Zorn heimischer Hooligans nur ein Symptom für den wachsenden Unmut in der Gesellschaft, wie Anrainervertreter Kuchta meint? Oder war es schlicht eine Rapid-interne Angelegenheit, ein Streit zwischen Funktionären und Fans, der vor aller Augen eskalierte, wie der Lokalbesitzer Loncar andeutet?

Einer, dem eine Antwort auf diese Fragen zuzutrauen ist, ist jener Mann, der am Sonntag mit Sakko und Rapid-Schal mitten im Tumult zwischen Hooligans und Polizisten auf dem Spielfeld umherirrte und das Schlimmste doch nicht verhindern konnte. Andreas Marek, der nach dem Abbruch vom “schlimmsten Moment meiner Zeit bei Rapid“ sprechen sollte, ist für jene grün-weiße Erfolgsgeschichte mitverantwortlich, die nun so jäh endete. Dass Marek am Tag nach dem Spiel nicht an sein Telefon geht, ist ein deutliches Zeichen, wie schlimm der Moment wirklich war. Schließlich nennen sie ihn “die Stimme Rapids“.

Wenn er zu den Fans spricht, verfällt seine Sprache in einen vertraulichen Vorstadtslang. Sie kennen ihn als “Andy“, und Andy kennt sie. Andreas Marek ist Österreichs prominentester Stadionsprecher, und gleichzeitig ist er viel mehr als nur ein Aufsager von Sponsorenversprechen oder ein Verkünder von Nachspielminuten. Er war es, der Ende der 1990er-Jahre das Rapid-“Klubservice“ gründete, die Schnittstelle des Vereins mit der Welt da draußen.

Während der Auto-Zampano Frank Stronach Millionen in die Wiener Austria investierte und der Energy-Drink-Hersteller Dietrich Mateschitz sich bei Salzburg das Sagen erkaufte, ging Rapid Wien als einziger großer Traditionsklub den anderen Weg. Mit “Wir sind Rapid“ brachte Marek den Mythos der Rapid-Familie auf den Punkt.

Seine Strategie ging auf. Verirrten sich vor zehn Jahren 3000, 4000 Menschen zu Heimspielen nach Penzing, war das Hanappi-Stadion zuletzt bei jedem Match voll mit 17.500 Fans. Die Fanszene gilt als die vitalste des Landes, der Lautstärke, den Choreografien, dem Enthusiasmus der Rapid-Anhänger wird europaweit Respekt entgegengebracht.

Das ist Rapids Sonnenseite, über die Andreas Marek bis vor kurzem so oft und ausführlich erzählte. Der Grund für sein Schweigen ist die andere, dunkle Seite der Geschichte. Sie erzählt von der Symbiose zwischen Funktionären und einer radikalen Fanfraktion, die Ersteren nun zum Verhängnis geworden ist.

Viele jener zornigen jungen Männer, die sich am Sonntag über den Zaun geschwungen haben, wurden auf der West-Tribüne, in der “Ultra“-Bewegung sozialisiert. Sie hat ihren Ursprung in Italien, ihre Philosophie ist einfach: die bedingungslose Unterstützung des geliebten Vereins. Es waren die Ultras, die große Fahnen und eindrucksvolle Choreografien in Europas Stadien brachten. Dieser Teil ihrer Kultur lässt sich vom Fernsehen prächtig in Szene setzen, deshalb sind die Ultras bei Vereinen wie Rapid gern gesehen. Über das Randalieren und die Drohungen hat der Verein dabei hinweggesehen. Bis es zu spät war.

Seit der Euro 08 werfen Ultras und Exekutive einander die Schuld an der sich scheinbar verselbstständigenden Gewaltspirale vor. Der Polizist Rudolf Herbst ist seit vielen Jahren bei Rapid-Spielen im Einsatz. “Die Qualität der Ausschreitungen ist heute eine andere“, sagt er. “Früher haben sich die Fans bei einem Platzsturm auf das Spielfeld gesetzt und gestreikt. Nun suchen sie die Konfrontation mit den Fans der anderen oder attackieren eigene Spieler.“

Als im Mai 2009 Dutzende Rapidler die vom Auswärtsmatch in Linz heimkehrenden Austria-Fans am Westbahnhof abpassten und attackierten, trugen einige “Ultras“-Leibchen. In dieser Causa steht bald die Hauptverhandlung gegen 90 Beteiligte an, sie wird in einer Halle abgehalten.

Abseits des Spielfeldes sehen sich die Ultras längst als autonomes Glied im Vereinsgefüge mit Mitspracherecht. “Wir sind Rapid“ bekommt in dem Zusammenhang einen bedrohlichen Unterton. Immer wieder gerieten die Ultras mit Funktionären und anderen Fans aneinander. Als die Rapid-Mannschaft im Herbst 2006 in der Krise steckte, attackierten Anhänger nach einem blamablen Heimremis Sportdirektor und Rapid-Rekordspieler Peter Schöttel. Zuvor hatten während des Spiels die verschiedenen Tribünen des Hanappi-Stadions einander ausgepfiffen und beschimpft. Schöttel trat wenige Stunden später zurück. Andreas Marek fragte danach in einem offenen Brief an die Fans: “Woher kommen diese Respektlosigkeit und dieser Hass?“ Er könnte die Frage wohl selbst beantworten.

“Rapid weiß, dass die Westtribüne dem Klub viel gebracht hat. Der Verein lässt illegale Pyrotechnik zu und zahlt die Strafen, weil die Pyroshows den Leuten wichtig sind“, sagt ein Ex-Ultra, der anonym bleiben will. “Wenn man intensive Fankultur und das Spektakel will, muss man aber auch ein gewisses Gewaltpotenzial als integralen Bestandteil der Fankultur akzeptieren.“

Wer ist nun Rapid? Ist es der Klub, der SK Rapid Wien, oder sind es die Rapid Ultras? Beides scheint sich nicht mehr auszugehen, seit Zlatko Junuzovic am vergangenen Sonntag einnetzte.

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