Der Muslimbruder und Frauenarzt Hossam Shindy will den Gottesstaat Ägypten

Unter dem Regime Mubaraks arbeitete Hossam Shindy 30 Jahre lang im Untergrund für die Muslimbrüder. Es ist das erste Mal, dass der Frauenarzt in der Öffentlichkeit über seine politische und religiöse Überzeugung spricht.
aus Falter 20/11

Falter: Was wollen die Muslimbrüder?
Hossam Shindy: Die Hauptidee der Muslimbrüder ist, wie man die islamische Gemeinschaft, die Uma Islamiya, die es vor langer Zeit schon einmal gab, wiederherstellen kann. Um zu verstehen, warum sie zu einem Ende kam, haben wir ihre Geschichte, aber auch den Niedergang anderer politischer Ideologien studiert. Auf Basis dessen haben wir ein Programm entworfen, mit dem wir zur Uma zurückkehren wollen.

Wie sähe diese islamische Gemeinschaft in Ägypten im Jahr 2011 aus?
Shindy: Ihre Basis ist der Koran. Er legt die Gesetzgebung fest. Die kleinen Gesetze haben mit dem Koran nichts zu tun. Im Koran ist die Schura beschrieben. Ihre Bedeutung ist ganz nahe am Wort Demokratie. Aber es gibt Unterschiede: Bei der Demokratie müssen sich Leute über etwas einig sein, dann machen sie es. Bei der Schura machen sie es auch, wenn sie sich einig sind, aber nur unter der Bedingung, dass Gott damit einverstanden ist. Es ist wichtig zu verstehen, dass wir nicht zurückwollen zur Uma, wie sie damals war. Wir wollen sie an die jetzigen gesellschaftlichen Umstände anpassen.

Wenn sie sich an die heutige Zeit anpassen lässt, kann man dann nicht auch das, was im Koran steht, anpassen?
Shindy: Im Koran finden wir das Grundlegende, nicht die Details. Und diese grundlegenden Dinge würde Allah heute genauso wieder sagen.

Wie würden Sie mit Schwulenrechten umgehen?
Shindy: In die Schura können Schwulenrechte nicht hineinpassen, weil es von Gott verboten ist.

Wann wollen Sie die Uma umsetzen?
Shindy: Wir arbeiten daran.

Jetzt, wo Mubarak weg ist, hat der Westen Angst davor, dass sich in Ägypten ein Gottesstaat entwickeln wird. Ist sie berechtigt?
Shindy: Die Trennung von Staat und Religion hat etwas mit der christlichen Religion zu tun. Wir Muslime haben ein anderes Verständnis von Staat. Aber deswegen muss der Westen keine Angst haben. Das Wort Islam kommt von Salam, von Frieden.

Wie werden Sie den Staat umbauen, sollten die Muslimbrüder bei der Wahl mehr als 50 Prozent erreichen?
Shindy: Wir haben entschieden, dass wir bei der nächsten Wahl nicht die Mehrheit bekommen werden. Bei den Präsidentschaftswahlen werden wir nicht antreten. Wir wollen den Leuten vorher die Chance geben, uns besser kennenzulernen. Die Regierung hat 30 Jahre lang ein negatives Bild aufgebaut. Das wollen wir ändern.

Eine Frage, die ich nicht nur an Sie als Muslimbruder, sondern auch an Sie als Arzt richte. Wie stehen Sie zur Beschneidung von Frauen?
Shindy: Im Koran gibt es in manchen Fällen keine speziellen Regelungen. In manchen islamischen Ländern gibt es keine Beschneidung. Die Muslimbrüder bürden keine kleinen Details auf, wie zum Beispiel die Beschneidung.

Und Ihre Antwort als Arzt?
Shindy: Jeder Fall ist anders. Es gibt Fälle, wo die Beschneidung notwendig ist, weil es sonst gesundheitliche Konsequenzen geben kann. Und es gibt Fälle, wo man es auf keinen Fall machen kann.

Und wenn jemand zu Ihnen kommt, der seine Tochter nur aus religiösen oder traditionellen Gründen beschneiden lassen will, nicht aus medizinischen, was antworten Sie ihm?
Shindy: Wenn ein Stück Haut zu viel ist und man es wegschneiden muss, dann mache ich es auch.

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