Der arabische Sommer

Vor 100 Tagen verjagten die Ägypter den Tyrannen Hosni Mubarak. Zu Besuch in einem revolutionären Land
aus Falter 20/11

Jedes Mal, wenn der scheppernde Wagen stoppt, dringt der Geruch von Benzin, Urin und gegrilltem Fleisch durch die Fenster in den Fond. Der Weg in die Slums von Imbaba ist von Schlaglöchern übersät, arabischer Elektropop dröhnt aus den Boxen.

Das Taxi hält vor einer Gruppe Polizisten, die die Zufahrt in eine Gasse absperren. Militärfahrzeuge, mit Artilleriegeschütz und dutzenden Soldaten beladen, holpern über die Hauptstraße. “Was wollt ihr hier? Warum seid ihr nicht bei den Pyramiden?“ Innerhalb von Sekunden sind wir von einem Dutzend Bewohner umgeben. Es sind durchwegs Christen, man erkennt es am tätowierten Kreuz, das die meisten auf ihrem Handgelenk tragen. Sie haben Angst, das sieht man an ihren Gesichtern.

Ein Mob aus Eiferern zündete hier, im christlich-islamischen Armenviertel im Westen Kairos, gestern Nacht eine Kirche an. So verängstigt waren die herbeigeeilten Christen, dass sie Marmorstücke aus der Kirche brachen und damit auf die bewaffneten Islamisten losgingen. Als der Morgen anbrach, waren zwölf Menschen tot, 300 verletzt.

Nachdem wir versichert haben, Christen zu sein, führen uns ein paar Buben durch die Polizeiabsperrung direkt vor eine kleine Kirche. Den ganzen Tag über tragen die Bewohner schon Gegenstände aus dem Inneren der Kirche zusammen, aus Angst, der Mob könnte zurückkehren und diesmal ihr Gotteshaus niederbrennen.

“Wir haben jetzt Angst!“

Ein Bub erzählt, dass es hier nie Probleme gegeben habe zwischen Christen und Muslimen. “Aber seit der Revolution“, sagt er, “haben wir große Angst vor der Zukunft.“ Religionskonflikte und Militärpatrouillen – sieht so das postrevolutionäre Ägypten aus?

Am Samstag, dem 21. Mai 2011, ist es 100 Tage her, dass der arabische Volksaufstand, der in Tunis seinen Anfang nahm, den ägyptischen Autokraten Hosni Mubarak aus dem Amt jagte. 30 Jahre lang hatte er sein Land tyrannisiert, die Meinungsfreiheit und freie Wahlen untersagt. Während der Volksaufstand in Syrien und im Jemen, in Bahrain und in Libyen niedergeschlagen wird, stellt sich in Kairo die Frage, ob es überhaupt eine Revolution war. Und wenn ja, was jetzt folgt: Demokratie?, ein Gottesstaat? oder Chaos?

Die Suche nach einer Antwort auf diese Fragen führt nicht nur in die Slums von Imbaba. Sie führt auch zur Frauenrechtsaktivistin Amani El Tunsi, die im Internet jeden Tag zu 200.000 Hörern über die drei großen Tabuthemen spricht: Religion, Politik und Sex.

“Sex, Religion und Politik“

Sie führt hinaus aus Kairo, zum Muslimbruder Hossam Shindy, der in seiner Ordination Mädchen beschneidet und sich nun erstmals traut, offen über seine Vision von einem Staat im Namen Allahs zu sprechen (siehe Interview Seite 12). Und sie führt zu Pierre Sioufi, der über dem Tahrir-Platz (Platz der Befreiung) wohnt und während der Revolution eine Art Hausmeister des Aufstands war.

“Revolution? Das war keine Revolution!“, sagt Sioufi, und er muss es doch wissen. Die Medien haben seine Wohnung, hoch oben über dem Tahrir-Platz, zur “Zentrale des Aufstands“ ausgerufen. Von seinem Dach aus schickten CNN, BBC und Al-Jazeera die Bilder des arabischen Frühlings hinaus in die Welt.

Der geschäftige Platz hat mit diesen ikonografischen Aufnahmen nur mehr an Freitagen etwas gemein. Wenn die Menschen aus den Moscheen hierher strömen, wird noch beherzt um das Mikrofon gestritten. An den übrigen Tagen rollt der Verkehr, eine stinkende, lärmende Lawine, über den Platz. Gerade einmal die Straßenverkäufer, die zwischen lümmelnden Soldaten und bettelnden Kindern Devotionalien der Revolution anbieten, zeugen von den historischen Versammlungen, die am 25. Jänner begannen.

Als Pierre Sioufi am Morgen jenes Tages von einem Aufenthalt in Amsterdam heimkehrt und schlafen geht, ahnt er noch nicht, was sich am Nachmittag auf dem Platz vor seinem Fenster abspielen würde. 18 Tage lang ließ sich selbst der Pessimist bekehren und machte sein Hobby zum Beruf: die Kritik an Gesellschaft, Armee und Staat.

Wer Sioufi sieht, mit den zerzausten Haaren, den langsamen Bewegungen und der mächtigen, hohen Gestalt, denkt an einen Philosophen, gefangen im Körper eines alternden Wrestlers. Er wuchs in Kairo auf, als Kind wohlhabender Ägypter, das einmal über genügend Wohnungen in der Stadt verfügen würde, um nicht arbeiten zu müssen.

“Der Staat gehört dem Militär“

Längst ist er wieder zurückgekehrt, der Pessimist in ihm. “Wir haben am 11. Februar einen großen Fehler begangen“, sagt Sioufi. “Wir haben die Straßen verlassen und den Staat dem Militär überlassen.“

Wie seine Vorgänger kam Hosni Mubarak aus der Armee, die seit dem Sturz der Monarchie 1952 durchgängig an der Macht war und es bis heute ist. Wie frei die Demokratie sein wird, die die Wahlen im September bringen soll, darüber entscheidet zuerst das Militär, das während der Revolution geschickt zwischen dem Mubarak-Clan und den Aufständischen moderierte und seither die Rolle des Gralshüters des Übergangs spielt.

“Eine Revolution bedeutet, dass sich das System, das einem Staat zugrunde liegt, ändert“, sagt Sioufi, wirft den Spliff auf die Straße und zündet sich eine Zigarette an. “Das ist nicht geschehen. Das kann auch gar nicht in 18 Tagen geschehen. Die Französische Revolution hat 20 Jahre gedauert!“

Sioufi zählt seit vielen Jahren zum Inventar der Downtown, des inneren Bezirks der 20-Millionen-Stadt, der sich vom Tahrir-Platz aus in den Nordosten erstreckt. Hier sind Ableger internationaler Ketten und Internetcafés zu finden, Geschäfte, wo die Regale mit golden schimmernden Whiskeyflaschen bis zur Decke reichen, und Künstlerwohnungen, wie jene, die Pierre Sioufi gerade betritt. Es sind exterritoriale Gebiete, in die die konservative Gesellschaft mit ihren nach Geschlechtern geteilten U-Bahn-Abteilen und den frommen Muslimen, die zu kurze Röcke mit Stockhieben sanktionieren, nicht hereindringt.

Ägypten ist ein Land der schrillen Gegensätze. Man kann hier mitunter auf einen drogendealenden Polizisten treffen, der Revolutionären beim Kiffen erklärt, unter welchen Umständen Folter erlaubt sei. Man begegnet einer kopftuchtragenden Feministin, die über Ingeborg Bachmanns “Malina“ diplomiert hat und die trotz einer 60-Stunden-Woche noch immer bei ihren Eltern wohnen muss. Und man plaudert nachts auf Dachterrassen mit wohlhabenden Aktivisten wie Sandmonkey, dem vielleicht einflussreichsten Blogger der Region, der sich während der Revolution mit dem Boot auf die noble Nil-Insel Zamalek chauffieren ließ, wenn er nicht gerade von der Front twitterte.

Demnach scheint es auch keinen der Vernissagegäste, die gerade einer leicht bekleideten Tänzerin zusehen und an keimbefreitem Wasser nippen, zu irritieren, dass sich wenige Gehminuten von hier hunderte Christen und Muslime mit Steinen bewerfen.

Dass Philipp Fady nicht allen Wurfgeschossen ausweichen konnte, davon zeugen seine zerrissenen Hosen und die blauen Flecken. “Nein, ich habe keine Angst“, sagt Fady, 25, als die Straßenschlacht vorüber ist und tausende Christen um ihn herum Kreuze in die Nacht heben und mit Sprechchören Strafe für die Kirchenschänder fordern. “Ich glaube an Gott. Für ihn lebe ich, für ihn sterbe ich“, sagt der Aktivist.

So wie Fady es schildert, war es eine feindselige Welt, in der er strikt nach den Regeln der Bibel großgezogen wurde. Die Querelen mit der Mehrheitsgesellschaft, die zu 90 Prozent aus Muslimen besteht, haben ihn nicht unbeeindruckt gelassen. Wenn es hart auf hart kommt, sagt der studierte Biologe, werde er für seinen Gott sterben. “Unter Mubarak wurden wir diskriminiert“, sagt Fady. “Jetzt werden wir gejagt.“

Tatsächlich wird nun, nach dem Brandanschlag auf die Kirche in Imbaba, heftig darüber diskutiert, ob dahinter Salafisten stecken, strenggläubige Muslime wahabitischen Glaubens, von denen sich viele den Religionskrieg auf ihre Fahnen geheftet haben – oder nicht doch Provokateure des alten Regimes, die mittels Terror beweisen wollen, dass die Stabilität einer Autokratie dem demokratischen Spiel der freien Kräfte vorzuziehen sei.

Eine Journalistin mit Mut

Ungeachtet der blutigen religiösen Auseinandersetzungen wird allerorten mit demokratischen Formen experimentiert. Da legen sich Gruppen wütender Männer lauthals wegen einer Verkehrslappalie mit Polizisten an. Da demonstrieren ein paar Ägypter vor dem Bildungsministerium. Vor wenigen Monaten noch war all das schwer vorstellbar. Wer aufbegehrte, wurde verwarnt. Wer nicht hören wollte, verschwand.

So engmaschig war das Netz des Polizeistaates, dass sich Amani El Tunsi schon wenige Tage nach ihrer ersten Radiosendung in einem Verhörraum wiederfand. Ob sie Angst habe, dass hier, bei der Staatssicherheit, Frauen vergewaltigt und Männer gefoltert würden?, fragte der freundliche Mann die Radiomacherin zu Beginn des Verhörs. Ja? “Das machen wir hier nicht. Das machen wir einen Stock höher.“

Amani El Tunsi lacht laut auf, nachdem sie die Anekdote zu Ende erzählt hat. Die Feministin hat Humor. Ohne den hätte sie es nicht bis hierher geschafft. 200.000 Hörer aus der ganzen Welt laden täglich die Sendung ihrer Girls Only Radio Station herunter.

Sie war zehn Jahre alt, als sie beschnitten wurde, und zwar von einem christlichen Arzt. In dieser an Tabus so reichen Gesellschaft liegt die Beschneidung der Frau vielleicht am tiefsten im kollektiven Unbewussten begraben. Es wird nicht einmal unter besten Freundinnen thematisiert.

“Warum den Männern folgen?“

Der Eingriff, bei dem Klitoris und Teile der Schamlippen entfernt werden, soll Frauen “sexuell reservieren“. Obwohl die Operation verboten ist, werden laut Amnesty International bis zu 90 Prozent der Ägypterinnen diesem Martyrium ausgesetzt.

El Tunsi verließ bald nach der Beschneidung ihre religiöse Schule. Sie wurde zur Einzelgängerin, weil sie zu oft nach dem Warum fragte. “Warum“, fragt sie, “soll eine Heirat das Wichtigste im Leben sein? Und warum sollen wir all diese männlichen Regeln befolgen?“

So entstand das Internetradio, dessen Zentrale, eine bunt eingerichtete Wohnung, im Bezirk Maadi liegt. Vom Tahrir-Platz sind es zu Fuß vier Stunden bis hierher. El Tunsi weiß das, weil sie den Weg während der Revolution jede Nacht gegangen ist, vorbei an ausgebrannten Polizeistationen und leeren Gefängnissen.

In den ersten Tagen des Aufstands wurde ein 17-jähriger Student vor ihren Augen zu Tode geprügelt. Nachdem sie die Hörer ihrer Sendung aufgefordert hatte, an den Demonstrationen teilzunehmen, landete sie für sechs Stunden in einem winzigen Raum. Um freizukommen, versprach sie alles, was die Staatsschützer verlangten, und marschierte direkt auf den Tahrir-Platz. Während der 18-tägigen Revolution wurde sie vom Staatsfeind zum Role Model.

“Natürlich war es eine Revolution“, sagt die Radiomacherin. Sie muss sich nun nicht mehr vor jeder Sendung Inhalt und Gäste autorisieren lassen. Wie die Mehrzahl der Internetaktivisten will auch El Tunsi nicht in die Politik einsteigen. Viele der Blogger, die maßgeblich daran beteiligt waren, den Aufstand über Facebook und Twitter anzuzetteln, jetten seither durch die Welt, von einem Podium zum nächsten. Ohne es zu beabsichtigen, sorgen westliche Unis und Medien so für einen vorübergehenden Braindrain, der die wenige Zeit, die bis zu den Wahlen zum Aufbau neuer Parteien weiter verkürzt.

Es scheint so, als würden die Menschen in Kairo das alte System am liebsten aus ihrem Gedächtnis streichen: So wurde etwa in der gesamten Stadt jeder Hinweis auf die U-Bahn-Station “Mubarak“ durchgekritzelt, übermalt, gelöscht. Weil aber niemand genau sagen kann, wie viel vom System noch übrig ist, besteht die Arabischlehrerin Amira Mesch*, 45, auch darauf, dass das Treffen in einem Park stattfindet. Noch vor einem halben Jahr wäre die strenggläubige Muslima, die fremde Männer mit einem Kopfnicken begrüßt, für das, was sie zu sagen hat, im Kerker gelandet.

Denn für “die kommende große Veränderung“, von der die Lehrerin so ausführlich spricht, gibt es ein Wort: Gottesstaat. “Der Islam vereint in sich alle Regeln und Gesetze, über die Menschen nur eine Vorstellung haben“, sagt Mesch. Die Religion organisiere nicht nur die Politik, sondern auch die Gesellschaft, die Beziehungen zu Nachbarn, Freunden, Verwandten.

,Sie vertraue keiner Partei, sagt die Lehrerin, weil sie ihr Leben lang nur eine gesehen habe. Schließlich hatte sie gerade einmal die Pubertät hinter sich, als Mubarak an die Macht kam. Auf einen Sozialstaat konnte sich die alleinerziehende Mutter, die pro Stunde Unterricht 50 Cent verdient, nie verlassen.

Ihre Einstellung zu Politik und Religion, davon ist sie überzeugt, teilt die Mehrheit der Ägypter. Ob sie im Herbst die Muslimbrüder wählen werde? Sie scheint unschlüssig zu sein, am Ende des Gesprächs sagt sie aber plötzlich: “Wenn Sie jemanden kennen lernen wollen, der Ihnen sagt, was die Muslimbrüder wirklich wollen, bringe ich Sie zu ihm.“

Wie die Muslimbrüder leben

Die Reise in den Süden führt vorbei an Palmenwäldern, Armenbehausungen und zerlumpten Männern, die würdevoll auf dürren Eseln reiten. Während der Autofahrt stellt sich heraus, dass die Lehrerin im sozialen Zweig der Muslimbruderschaft aktiv ist.

Sie erzählt von Wasserreinigungsmaschinen, die sie hier aufgestellt haben, weil die Menschen vom Grundwasser krank würden und sich bei einem Familieneinkommen von 100 Euro kein sauberes Wasser leisten können, sie berichtet von Büchern, Sesseln und Tischen, mit denen sie leere Schulgebäude ausstatten. 100 Tage nach dem Sturz Mubaraks mag die Meinungsfreiheit errungen, der Geheimdienst an die Kette gelegt sein. An der wirtschaftlichen Not hat sich jedoch noch nichts geändert.

Der Staat scheint nur aus Polizei und der Mubarak-Partei bestanden zu haben; die eine drangsalierte die Menschen, die andere interessierte sich nicht für sie. Jetzt, wo beide geflohen sind, ist an der Stelle des Staats ein Vakuum entstanden.

Weil die Muslimbrüder neben der Mubarak-Partei die einzige professionelle politische Organisation in Ägypten sind und Analysten ihnen bei den nächsten Wahlen zwischen 30 und 50 Prozent einräumen, ist es entscheidend, was Männer wie Hossam Shindy denken.

Die Reise endet im zwölf Quadratmeter großen Behandlungsraum des Frauen- und Kinderarztes, in Aiyat, zu Deutsch die weinende Stadt, 50 Kilometer von Kairo entfernt.

30 Jahre lang habe Shindy, 59, Chef der regionalen Muslimbrüder, im Untergrund für die Bruderschaft gearbeitet, drei Mal für sie im Gefängnis gesessen, erzählt er. Es ist das erste Mal, dass er offen über seine Überzeugungen spricht. Das Ziel der Muslimbrüder, sagt er, sei ein Staat basierend auf den Gesetzen des Koran. “Der Westen“, sagt er, “braucht keine Angst zu haben.“

Es macht wenig Sinn, mit dem Muslimbruder Shindy über Schwulenrechte oder Beschneidung von Frauen zu diskutieren. Das Christentum, sagt er dann, sei eben anders als der Islam.

Hossam Shindy hat ebenso wie der Citoyen Pierre Sioufi, der Christenaktivist Philipp Ruby und die Radiomacherin Amani El Tunsi am Tahrir-Platz protestiert. Im Kampf gegen Mubarak, der vor 100 Tagen endete, waren sie geeint. Jenen um die Zukunft, der am selben Tag begann, tragen sie nun gegeneinander aus.

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