Angst fressen Europa auf

Kommentar für Progress

 

In Spanien, wo 45 Prozent Jugendarbeitslosigkeit herrschen, lässt die Regierung friedliche Demonstrierende von der Straße prügeln. In Griechenland, wo der unausweichliche Staatsbankrott gerade zum zweiten Mal hinausgezögert wird, greifen die Kinder einer enterbten Mittelschicht zu Molotowcocktails. Und jene arabischen Kids, die beim Versuch, in eine bessere Zukunft zu fliehen, nicht vor Italiens Küste ersaufen, werden wie eine Seuche behandelt, wegen derer die Grenzbalken wieder fallen.
Kurzum, etwas läuft gewaltig schief in Europa, und jeder kann es spüren, am meisten die Jungen.
Denn während sich als Folge der Finanzkrise die größte Umverteilung in der Geschichte des Kapitals ankündigt, nämlich von unten nach oben, vom Sozialstaat zu den Krisenauslösern, wächst in Europa die erste Generation seit dem Zweiten Weltkrieg heran, für die das Versprechen, es einmal besser als die eigenen Eltern zu haben, nicht mehr gilt. Das nächste Praktikum, die nächste Party, das nächste Neon kommen bestimmt.

In Brüssel haben risikoscheue Juristinnen und Juristen das Sagen übernommen, in Europas Hauptstädten Egomaninnen und Egomanen wie Frankreichs Nicolas Sarkozy, Zauderer wie Angela Merkel oder Wohnbaustadträte wie Werner Faymann. Auf die unsicheren Zeiten reagieren sie mit Sonntagsreden und Homestories, soziale Verteilungskämpfe nennen sie einen „Clash of Cultures“. An die Stelle von Erweiterung und Integration sind Entsolidarisierung und Renationalisierung getreten. Dabei ist Europa nicht weiß, ängstlich, männlich, christlich und 50plus. Nur seine Elite ist es.

Noch haben die Zeltstädte der spanischen Jugend keinen europäischen Frühling ausgelöst. Dabei ist die Zeit für einen neuen Projektvertrag gekommen. Denn gerade in der Krise benötigen wir das Projekt Europa mehr denn je. Nicht, weil es dazu keine Alternative gäbe, sondern weil das Projekt selbst bereits die Alternative ist.
Und wenn es einen Tag, eine Woche, ein Monat des Zorns dauert, um ein offenes, ein solidarisches, ein neu gedachtes Europa einzufordern: Nehmen wir uns die Zeit dafür. An Zorn wird es nicht mangeln.

 

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