Der Superpraktikant

Sebastian Kurz’ Kür zum Staatssekretär für Integration spaltet das Land. Was treibt Jungpolitiker an?

aus Falter 17/11
zusammen mit Barbara Tóth

Was macht ein junger Politiker an seinem ersten Arbeitstag? Er twittert. “Bin am Weg zur Angelobung – jetzt beginnt die Zeit des Arbeitens ;-)“, tippte Sebastian Kurz vergangenen Donnerstag in sein Mobiltelefon, kurz bevor er sich auf den Weg in die Wiener Hofburg machte. Dort stand der frischgebackene Integrationsstaatssekretär dann mit breitem Grinsen, die Haare zurückgegelt, im leicht zerknautschten dunklen Anzug. Natürlich ohne Krawatte, die Hände mal in die Hüften gestemmt, mal gefaltet, vor sich einen Objektivewald aus Fernsehkameras und Fotoapparaten.

Ein Jusstudent als Staatssekretär, noch dazu mit den sensiblen Integrationsagenden betraut – soll, ja, darf man das? Die Frage, ob Michael Spindeleggers überraschendster Kandidat ein genialer Schachzug oder eine kolossale Fehlbesetzung ist, spaltet die Öffentlichkeit. Selten zuvor wurde ein Politiker so kontrovers beurteilt wie Kurz, seines Zeichens Chef der Jungen ÖVP und bis dato eher mit Brachialwitzkampagnen aufgefallen wie etwa seinem schwarzen “Geilomobil“. Innerparteilich gilt er als großes Talent vom Format eines jungen Karl-Heinz Grasser. Redegewandt, sozial hochkompetent, wendig. “Verarschung“, schimpfte der Standard, “Gerechtigkeit für Sebastian Kurz“, forderte die Presse. “Gebt dem Schnösel eine Chance“, postete FM4-Mann Martin Blumenau, vielleicht sei er ja “die letzte Waffe gegen den Rechtspopulismus“. Die SPÖ kündigte schnell, schnell die Schaffung eines Migrationsministeriums für die nächste Regierung an – diesmal mit einem roten Chef.

Die Digital Natives, Kurz’ Zielgruppe, reagierten auf ihre Art. Auf Facebook hatte die Initiative “Ich mach den Integrationsstaatssekretär bei Humboldt“ binnen weniger Tage mehr als 20.000 Fans. “Mach dir nichts draus“, riet ihm Fekter bei der Schlüsselübergabe an seinem neuen Arbeitsplatz, dem Innenministerium, “diese Medienberichterstattung wird dich zur Marke machen. Das hat mir genützt, und es wird auch dir nützen. Es gibt nichts Schlimmeres, als nicht wahrgenommen zu werden.“

Kurz ist nicht der erste Twen, den es in den letzten Jahren nach oben trieb. Mit Lukas Mandl (31) hat der derzeit mächtigste Bund der ÖVP seinen jüngsten Generalsekretär. In der SPÖ hat sich in der zweiten Ebene rund um Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas (30) eine Truppe machtbewusster Manager etabliert. Nikolaus Pelinka (24) macht als ORF-Stiftungsrat rote Medienpolitik. Neddy Bilalic (31) verantwortet die Pressearbeit für den Bundeskanzler, Marcin Kotlowski (34) jene für die Partei. Auch Bernhard Häupl (22), Sohn des Wiener Bürgermeisters, werkt – altersgerecht – in der roten Jugendpolitik. Aber aus dem Stand in die Regierung – das schaffte bis dato nur Kurz.

Er uns seine Altersgenossen profitieren vom dünn werdenden politischen Nachwuchs und den zunehmend verzweifelten Versuchen etablierter Parteien, junge Wähler zu erreichen. Sie stammen oftmals aus privilegiertem Haus, ihre Biografien sind nicht nur aufgrund ihrer Jugend ohne Brüche und Makel. Ihr Selbstbewusstsein ist enorm, ihr Protestanspruch gezähmt. Sie sind keine hitzigen Revoluzzer, sondern anschmiegsame Apparatschiks. Es ist eine neue Generation von Nachwuchspolitikern, die sich auf den Weg macht, und Kurz ist seit vergangener Woche ihr umstrittenstes wie prominentestes Gesicht.

Conrad Pramböck sitzt im fünften Stock des Personalberatungsunternehmens Neumann International am Wiener Schottenring in einem gekühlten Raum und zeichnet ein “T“ auf ein Blatt Papier. Sein Krawattenknopf und seine Sätze sitzen akkurat. Der promovierte Jurist ist darauf spezialisiert, das Karrierepotenzial von Bewerbern in die Währung des freien Arbeitsmarktes umzurechnen: Gehälter. “Die senkrechte Linie im T steht für den Grad der Spezialisierung, die jemand hat“, erklärt er. “Die Horizontale gibt Generalistenqualitäten wieder. Kompetenzen wie Führungserfahrung, Verhandlungsgeschick und bereichsübergreifendes Denken.“ Sebastian Kurz bekäme von ihm nur ein sehr kleines T. Vier Jahre Ehrenamt als Obmann an der Spitze der Jungen ÖVP, des zweitgrößten Bundes der Bürgerlichen, zählen außerhalb der Politik wenig. Dass er als einer der Ersten die 24-Stunden-U-Bahn gefordert hat, auch nicht.

Als fertiger Magister könnte er in einer großen Anwaltskanzlei mit einem Bruttojahresgehalt von 35.000 Euro rechnen, derzeit wäre sein Platz am ehesten der eines Praktikanten: schuften für einen Hungerlohn. Als Abgeordneter im Wiener Gemeinderat verdiente Kurz 91.392 Euro im Jahr brutto, als Superpraktikant im Staatssekretär werden es 205.632 Euro sein.

“Kairos“, sagt Lukas Mandl über eine Tasse Kaffee gebeugt bedeutungsschwer im Wiener Café Gio, “der richtige Zeitpunkt. Darum geht es in der Politik. Für Sebastian ist er jetzt gekommen.“

Als der Niederösterreicher Mandl vor einem Jahr das Generalsekretariat des ÖAAB übernahm, war er gerade einmal 30 Jahre alt – oder jung. Seine Kür regte niemanden auf, der verheiratete Vater dreier Kinder war damals schon ein politischer Routinier: als Abgeordneter zum Landtag, parlamentarischer Mitarbeiter, mit Zwischenstopp in der niederösterreichischen ÖVP-Zentrale und Studienabschluss.

Mandl und Kurz haben etwas gemeinsam, ihren Mentor: Michael Spindelegger. Er hat Mandl vor einem Jahr ebenso überraschend auf den Posten des ÖAAB-Generals gehievt wie nun Kurz auf den des Staatssekretärs. Auf den eloquenten Meidlinger hatte Spindelegger Markus Figl, Großneffe des Altkanzlers, aufmerksam gemacht. Figl wiederum, Bezirksrat in der Inneren Stadt und im Stab des Außenministers, lernte Kurz in der JVP schätzen.

Erste Wahl war Kurz trotzdem nicht. Ex-Generalsekretär Fritz Kaltenegger hätte den symbolisch wichtigen Posten übernehmen sollen, sagte aber ab. Der Grund, warum der Vizekanzler nach Kalteneggers Absage einen 24-Jährigen fragte, könnte mit seiner eigenen Biografie zu tun haben: Spindelegger selbst war erst 27 Jahre alt, als Verteidigungsminister Robert Lichal ihn in sein Kabinett holte.

Auch Kurz hätte gerne noch mehr Zeit gehabt. Noch vor einem Jahr erkundigte er sich nach dem in Österreich wohl besten Trainee-Programm für angehende Politiker oder Manager, jenem der Industriellenvereinigung (IV). Nicht mehr als zehn Kandidaten pro Jahr werden 30 Monate lang durch Stationen in heimischen Unternehmen, Ministerkabinetten und Brüsseler Büros gelotst, um danach Karriere zu machen. Mandl, Spindelegger und Mikl-Leitner waren IV-Trainees. Für Kurz hieß es: bitte Studium abschließen, dann noch einmal kommen.

Die Hysterie rund um Kurz’ Ernennung hat aber nicht nur mit seinem Alter, sondern auch mit dem Amt zu tun, das er besetzen wird: ein von Experten seit Jahren gefordertes Ressort für Integration. Wie bei kaum einem anderen Thema ist die Person für die Entwicklung der politischen Zugkraft ebenso wichtig wie schlaue Konzepte. Da Integration eine Querschnittsmaterie ist, muss der Staatssekretär vor allem Wirtschafts-, Bildungs-, Sozial und Finanzressort von der Sinnhaftigkeit seiner Ideen überzeugen. Etwa 20 Mitarbeiter stehen ihm zur Verfügung, das Budget ist minimal.

Starker Mann in Kurz’ Stab wird deshalb zu Beginn sein Kabinettschef Stefan Steiner sein, dessen Blick Kurz schon jetzt bei jeder Unsicherheit sucht. Er kommt aus dem Innenministerium, als ehemaliger Leiter der politischen Abteilung der Bundespartei ist er ideologisch absolut sattelfest. Dass er als Jugendlicher in Istanbul gelebt hat und Türkisch spricht, ist sicher nicht von Nachteil. Kurz’ Pressemann ist der Experte für heikle Fälle in der ÖVP, Gerald Fleischmann. Er hatte in den letzten Monaten schon Ex-Justizministerin Claudia Bandion-Ortner betreut, und lotste Kurz geschickt durch seine vielen, großen Antrittsinterviews – ohne Peinlichkeiten.

In Deutschland ist die CDU-Politikerin Maria Böhmer seit 2005 Integrationsministerin. Sie ist Chefin der CDU-Frauen und langjährige Abgeordnete, eine gewichtige Person im politischen Berlin. “Es gibt für mich beim Thema Integration ein eisernes Gebot“, sagt Kenan Güngör, einer der anerkanntesten Integrationsexperten, der sowohl SPÖ- als auch ÖVP-geführte Ministerien und Städte berät. “Wer spät anfängt, ist verpflichtet, es umso besser zu machen. Österreich fängt in vielen Dingen später an und ist dabei noch schlecht beim Kopieren.“ Die wichtigste Anforderung für das Amt, so Güngör, sei eine klare politische Führung, die mit der nötigen Ernsthaftigkeit und Besonnenheit, mit hoher fachlicher und kommunikativer Kompetenz dieses Handlungsfeld gestaltet.

Sebastian Kurz selbst setzt nicht viel aufs Spiel. Sollte er scheitern, kann er noch immer auf die Universität zurückkehren oder in die Privatwirtschaft wechseln. Auch die ÖVP hat wenig zu verlieren, laut Umfragen war sie seit Beginn der Zweiten Republik nie unpopulärer. Was Spindelegger mit seiner Entscheidung aufs Spiel setzt, ist das Thema Integration.

Kairos, der richtige Moment, er bedeutet nichts anderes, als Ja zu sagen, wenn das Telefon klingelt. Wie aber kommen Jungpolitiker überhaupt zu dem Anruf, wie empfehlen sich Twens für hohe politische Ämter?

Wann immer diese Frage in den vergangenen Jahren auftauchte, folgte die Geschichte von Laura Rudas. Sie war 27 Jahre alt, als SPÖ-Kanzler Werner Faymann sie zur Bundesgeschäftsführerin kürte. Gemeinsam mit einem eingeschworenen Wiener Freundeskreis hatte Rudas die Jungen Roten in Wien aufgebaut, eine Schnelleingreiftruppe für Jugendthemen. Mittlerweile ist Rudas 30, als “Jungpolitikerin“ will sie nicht mehr bezeichnet werden. “Das sind junge Menschen, die gefördert und unterstützt wurden. Die können sich gar nicht vorstellen, etwas falsch zu machen“, glaubt der Jugendkulturforscher Bernhard Heinzlmaier. Nikolaus Pelinka sitzt auf der Terasse des Motto am Schiff und denkt über diese Aussage nach. “Was vielleicht stimmt, ist, dass unsere Eltern zur 68er-Generation gehören, die noch wirklich gegen Mauern anlief. Und die uns von Anfang an das Rüstzeug mitgeben wollte zu bestehen“, sagt der Sohn von News-Chefredakteur Peter Pelinka.

Junge Erwachsene wie Pelinka und Kurz, dessen Mutter Lehrerin ist, wuchsen mit Reformpädagogik auf, die im Zentrum stets die Stärkung des Kindes sieht, nicht den Drill und die Normentsprechung. Sie durchliefen Schulen, im Fall von Kurz das Gymnasium Erlgasse in Wien-Meidling, die Präsentationstechniken, Projektmanagement, Kommunikation und Sozialkompetenz zu ihren Schwerpunkten zählen – nicht das Auswendiglernen von Vokabeln. “Aber es braucht eben immer auch einen, der einem das zutraut“, sagt Pelinka, “in meinem Fall war das Bildungsministerin Claudia Schmied.“ Eine Bankiersfrau, für die Personalentwicklung kein Fremdwort ist, engagierte ihn im Alter von 19 Jahren als Pressesprecher.

Man könnte an dieser Stelle auch noch den Lehrlingssprecher der Wiener SPÖ Christoph Peschek (27) nennen, den Wiener Jugendsprecher Bernhard Häupl (22) oder Tina Tauß (30), die Chefin der Jungen Generation. Sie alle verbinden charakterliche, biografische Details: Sie alle waren Schulsprecher, sie alle betonen ihre Authentizität und wie sehr sie eins sind mit ihrem Job, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche – und ihr Selbstbewusstsein reicht für drei Gleichaltrige.

Als “Jubeltruppe des Politmarketings“ bezeichnet Nikolaus Kowall Jungpolitiker wie sie. Und das ist insofern erstaunlich, als Kowall Vorsitzender der SPÖ-Sektion 8 im Wiener Alsergrund und selbst Parteimitglied ist. Die Sektion will die Strukturen der SPÖ aufbrechen, von innen. In den letzten 25 Jahren seien in der Sozialdemokratie viele Talente verlorengegangen, zunächst durch die Rekrutierung der Grünen, dann durch zahlreiche NGOs, meint Kowall. Die jetzige Parteispitze würde nur noch unkritische Konformisten befördern, um selbst Ruhe zu haben. “Es herrscht Abhängigkeit, nicht Souveränität, Kommando, nicht Demokratie, Risikominimierung, nicht Qualifikation. In anderen Parteien sei das nicht viel anders.“

Auch Kurz fiel nie durch Protest auf, sondern bloß durch wohlkalkulierte Empörung. Ihm gelang es ziemlich gut, nie so zu tun, als wolle er Berufspolitiker werden. Dann schon lieber Anwalt, lautete seine Standardantwort. Seine Twitter-Einträge verraten anderes. Wie in einem Karriere-Logbuch lässt sich hier ein absolvierter ÖVP-Termin nach dem anderen ablesen. Seit seiner Angelobung gab es keinen Eintrag mehr, vier Tage lang. Sebastian Kurz ist angekommen, fragt sich nur, ob am richtigen Ort.

Der Hietzinger Schnösel mit dem goldenen Löffel im Mund

Dass Sebastian Kurz aus dem “Nobelbezirk Hietzing“ stammt, stand letzte Woche in fast jedem Porträt über ihn. Er mag zwar wie ein waschechter Bürgerssohn aus Schönbrunn ausschauen, ist es aber nicht. Kurz ist in Meidling aufgewachsen.

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