Türken, lernt Türkisch!

Das Land diskutiert hysterisch über Türkisch als Maturafach. Dabei wissen Migranten, Wissenschaftler und Lehrer längst: Der Weg zum Deutschen führt über die eigene Muttersprache

aus Falter 15/11
zusammen mit Ingrid Brodnig

Ein pausbäckiges Mädchen zeigt auf, es wetzt auf seinem Sitz hin und her. Endlich ruft die Lehrerin sie auf. Die Siebenjährige stolziert zur Tafel und teilt den anderen das bosnische Wort für Fuß mit: “Stopalo“. Ein Bub lümmelt in der ersten Reihe, er scheint abgelenkt, dann ruft ihn die Klassenlehrerin auf. Kennt er das Wort für Fuß? Klar: “Ayak“. Die Wörter stehen auf bunten Zetteln, die Kinder heften sie mit Magneten an die Tafel; von Kafa bis Ayak, von Kopf bis Fuß, basteln sie so einen viersprachigen Körper. Man merkt: Sie freuen sich, wenn sie ein Wort aus ihrer Muttersprache kennen.

Bunte Federpennale liegen auf den Tischen, Kinderzeichnungen hängen an der Wand. Es ist eine ganz normale Volksschulklasse, und doch ist hier etwas anders: Die Kinder sprechen deutsch und bosnisch, türkisch und rumänisch. Und sie tun das nicht heimlich zwischen den Bänken, sie werden dazu ermutigt. Drei Lehrer – darunter die Klassenlehrerin, die Türkischlehrerin und der Bosnischlehrer – betreuen den Sprachenmix.

Es ist ein mehrsprachiger Unterricht, wie ihn Linguisten empfehlen. Die Kinder sollen ihre Muttersprache und gleichzeitig Deutsch lernen. Die Volksschule Selzergasse im 15. Wiener Gemeindebezirk macht diese moderne Pädagogik vor. Es ist auch eine Flucht nach vorne: Weit mehr als 90 Prozent der Kinder hier haben Migrationshintergrund, kaum eines spricht zu Hause deutsch.

Das ist die städtische Schulrealität im 21. Jahrhundert, besonders in den äußeren Bezirken. Aus Erich und Thomas wurden Erol und Tamas, aus einem derben Wienerisch wurde eine Mischsprache. Doch manche wollen partout kein Türkisch im Klassenzimmer hören. Erst vergangene Woche sorgte eine Nachricht für Tumult: Das Unterrichtsministerium von Claudia Schmied (SPÖ) will Türkisch als Maturafach einführen. Künftig sollen es Gymnasiasten als zweite lebende Fremdsprache wählen dürfen. Der Koalitionspartner ruderte sofort zurück, Innenministerin Maria Fekter (ÖVP) sagte: “Zuerst sollen alle Staatsbürger und die, die bei uns zur Schule gehen, Deutsch können.“ Die FPÖ meinte sogar, damit würden Parallelgesellschaften geradezu gefördert.

Da schüttelt Fatma Göksu-Aslan nur den Kopf. Die Türkischlehrerin sitzt im Direktorat der Selzergasse und sagt: “Seit 20 Jahren unterrichte ich. Ich habe oft genug gesehen, wie die Kinder an Selbstvertrauen gewinnen, wenn man ihre Sprache wertschätzt.“ Obwohl die gebürtige Türkin eine ruhige Frau ist, regt die aktuelle Debatte sie auf. “Vor ein paar Wochen wurde bekannt, dass Bosnisch, Kroatisch, Serbisch als Maturafach kommt. Da wurde kein großer Wirbel gemacht. Warum ist das bei Türkisch anders?“

In der aktuellen Debatte stehen kulturelle Ängste im Mittelpunkt anstatt pädagogischen Erkenntnissen. Und schon gar nicht wird mit den betroffenen Jugendlichen geredet, mit solchen wie Mustafa Erdem* zum Beispiel, um deren Zukunft es ja geht.

Der 14-jährige Bursche mit den dicken Brillengläsern, dem Vokuhila und der Trainingshose schlurft über den Gang der Hauptschule Schopenhauerstraße 79 in Wien-Währing. In knappen Worten schildert er die klassische Geschichte eines türkischen Gastarbeiterkindes, in Wien aufgewachsen und doch in einer türkischen Welt groß geworden. Erdems Eltern kamen vor 30 Jahren aus der Türkei nach Österreich. Der Vater fand Arbeit bei der Stadt Wien, die Mutter blieb zu Hause; während er Deutsch zumindest versteht, besucht sie erst seit einem Jahr einen Sprachkurs. Der Jugendliche selbst sprach kein Wort Deutsch, als er zum ersten Mal die Volksschule betrat. Nur selten verlässt er sein Grätzel, die Stadt selbst bislang nur zum Urlaub in der Türkei.

Erdem will Mechaniker werden, eine Türkin heiraten und seine Kinder auf Türkisch erziehen. Denn selbst wenn er mit starkem Akzent sagt: “Ich kann besser Deutsch“, antwortet er nach seiner Muttersprache gefragt: “Türkisch“.

Dabei reicht sein türkischer Wortschatz über 150 Wörter nicht hinaus, sagt sein Lehrer, die türkische Grammatik sei ihm fremd. Schüler wie Erdem, die Türkisch nie richtig gelernt und von Deutsch erst ab der Volksschule gehört haben, beherrschten keine Schriftsprache korrekt. Schüler wie Erdem? “So gut wie jeder aus seinem Soziotop“, präzisiert Göksel Yilmaz, sein Lehrer im Freifach Türkisch. Er meint, Türkisch müsste schon in der Volksschule Pflichtfach sein.

Türkisch statt Deutsch? Ist das nicht gefährlich? Nein, meint der Linguist Rudolf de Cillia. “Sprache ist kein Entweder-oder. Wir haben im Hirn kein Kastl, wo entweder Deutsch, Italienisch oder Türkisch abgespeichert wird.“ Im Gegenteil: “Wer die Muttersprache richtig beherrscht, wird umso leichter die Zweitsprache Deutsch lernen.“

Das belegen etliche Studien. Die Sprachforscherin Katharina Brizic´ stellte zum Beispiel fest: Migrantenkinder, die zu Hause Deutsch sprechen, sind in der Schule besonders schlecht in Deutsch. Rudolf de Cillia wies mit seinem Wissenschaftlerteam nach, dass Selbstvertrauen wichtig fürs Fremdsprachenlernen ist. Wenn türkischen Kindern Mut zum Türkischlernen gemacht wird, schneiden sie in Deutsch besser ab – und zwar schon nach ein bis zwei Semestern. All das sind Forschungsergebnisse der Uni Wien, die sich aber mit internationalen Erkenntnissen decken.

Die Linguisten haben komplexe Fachbegriffe, sie reden von “kognitiver Spracherwerbsfähigkeit“, von “Sprachkapitalmodellen“ und einem “sprachlichen Selbstvertrauen“. Im Kern geht es darum: Es ist fatal, ein Kind im Vorschulalter von seiner Muttersprache wegzuführen. Es hat die ersten Jahre seines Lebens damit verbracht, die Sprache der Familie zu lernen. Viel klüger ist es, auf dieser Sprachkompetenz aufzubauen und eine zweite Sprache anzudocken. Wer die türkische Grammatik durchschaut hat, tut sich mit der deutschen Grammatik wesentlich leichter.

Das weiß auch Esma Tekeli. Mit viereinhalb Jahren wanderte ihre Familie aus der Türkei ein. “Als ich in die Schule kam, verstand ich nichts. Ich sprach nur ein paar Brocken Deutsch und versuchte, mit Händen und Füßen zu kommunizieren“, sagt die 27-jährige Sozialpädagogin heute. Sie kann sich noch genau an die Vorschulzeit erinnern: “Die Lehrerin brachte Obst mit und sagte:, Das ist ein Apfel. Das ist eine Birne.‘“

Die Mittzwanzigerin spricht heute akzentfreies Deutsch. Als moderne und selbstbewusste Wienerin ist Tekeli wohl ein Musterbeispiel für jenen schwer definierbaren Prozess, den man Integration nennt. Und der hat eben auch mit der Sprache zu tun: “Ich kann meine Muttersprache sprechen und schreiben. Das kann wirklich nicht jeder“, meint sie.

In den Wiener Parks wird häufig ein fehlerhaftes Türkisch gesprochen. Es klingt etwa so, wie wenn deutschsprachige Kinder niemals die Schriftsprache lernen würden, als würde einem Kind nicht gesagt, dass das Wort “Entschuldigung“ nicht “Tschuldibu“ heißt. Viele eingewanderte Eltern stammen aus der bildungsfernen türkischen Landbevölkerung – sie selbst sind häufig illiterat und können dem Nachwuchs nicht Hochtürkisch beibringen. “Du musst aber zumindest eine Sprache verinnerlicht haben“, sagt Tekeli, “wie willst du einen Satz auf Deutsch formulieren, wenn du nicht weißt, was ein Satz auf Türkisch ist?“

Auch die beiden Brigittenauer Yasin Karaagac, 18, und Harun Güler, 19, konnten kein Wort Deutsch, als sie in die Volksschule kamen, niemand lernte Türkisch mit ihnen. Und dennoch sprechen sie heute solides Deutsch mit Wiener Dialekt.

Als das Gespräch auf Türkisch beginnt, sind die beiden sichtlich erstaunt – und geschmeichelt. “Es ist ein Zeichen der Anerkennung, sich mit der Sprache des anderen auseinanderzusetzen“, sagt Karaagac, und Güler stimmt zu: “Klar wäre es schön, wenn ein paar Österreicher Türkisch lernen.“

Komplizierte Bücher lesen oder abstrakte Debatten über Kunst führen, das tun die beiden ebensowenig wie ihre deutschsprachigen Freunde aus dem Grätzel. Warum sie es geschafft haben, während manche Türken nur Deutsch stottern? “Eine Frage des Willens“, sagt Karaagac. “Wir wollten einfach nicht nur mit Türken abhängen. Die Welt hier ist größer, wenn du Deutsch sprichst.“ Beruflich sei die Zweisprachigkeit ebenfalls von Vorteil.

Laut einer Umfrage der Wirtschaftskammer halten nur zwei Prozent der Wiener Unternehmen, die Lehrlinge ausbilden, eine zweite Fremdsprache neben Englischfür wichtig. In einer Stadt, in der beinahe jeder zweite Bewohner Migrationshintergrund aufweist, deren Wirtschaft von Dienstleistungen und Exporten geprägt ist, verblüfft diese Ignoranz.

Fred Burda ist ein Pragmatiker. Der Direktor der Handelsakademie des bfi in Wien-Margareten spricht viel über die Chancen der Wirtschaft in Südosteuropa und die Rolle von Migranten als Brückenbauer. Was die politische Rechte als Akt der kulturellen Selbstabschaffung geißelt, nennt Burda einen “Standortvorteil“.

90 Prozent seiner 900 Schüler sind Kinder von Migranten oder selbst zugewandert. Ohne linguistische Studien zu kennen, sagt Burda Sätze wie “Respekt vor der eigenen Muttersprache führt zu einem größeren Lernerfolg in anderen Sprachen“.

Ab Herbst wird seine Schule deshalb BKS, also Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, zusätzlich zu Französisch und Italienisch als zweite Fremdsprache anbieten. Der ursprüngliche Plan, nämlich das Fach Türkisch zu unterrichten, scheiterte lediglich am fehlenden Lehramt. An der Turkologie der Universität Wien werden zwar türkische Geschichte, Philosophie und Archäologie unterrichtet, nicht jedoch modernes Türkisch und die zugehörige Fachdidaktik. Nun arbeitet die Karl-Franzens-Universität in Graz an Türkisch als Lehramt – dieses könnte gemeinsam mit der Türkischmatura eingeführt werden.

Andere Länder haben längst eine Türkischmatura. In Deutschland gibt es das Türkischabitur seit 1989. In der Diskussion um muttersprachlichen Unterricht wäre die Matura nur ein Detail, aber eines mit enormer Symbolwirkung: Mit einem Schlag wäre Türkisch als Unterrichtsfach anerkannt, der Stellenwert der Sprache in der Gesellschaft gesteigert. Heute ist es cool, Englisch als Muttersprache zu haben, und chic, wenn man Französisch spricht – Türkisch hingegen wird eher als Stigma behandelt.

Die Türkischmatura wäre auch für Pädagogen bedeutend: Dann müsste der Staat Türkisch als Lehramt einführen. Derzeit herrscht die schizophrene Situation, dass an etlichen Schulen (in Wien an 131 Standorten) Türkisch unterrichtet wird – aber nach wie vor eine akademische Lehrerausbildung fehlt. Die Lehrkräfte sind meist Pädagogen, die in der Türkei studiert haben.

Als die liberale ÖVP-Wissenschaftssprecherin Katharina Cortolezis-Schlager Anfang der Woche ein Türkischlehramt forderte, wirkte das wie eine Einzelmeinung. Das Unterrichtsministerium möchte das Thema aus Angst am liebsten totschweigen. “Wir haben dazu alles gesagt“, meint ein Sprecher von Ministerin Schmied. Wieder wird nur über die Furcht geredet und die angebliche Parallelgesellschaft – dabei könnte man auch die Erfahrungen von Mustafa Erdem und Esma Tekeli, von Yasin Karaagac und Harun Güler einbringen.

Oder man könnte die Volksschule Selzergasse im 15. Bezirk besuchen. Wo die Kinder gerade die Körperteile auf Deutsch, Türkisch, Rumänisch und Bosnisch benennen. Jetzt ist der Arm dran: Kol/Brat/Ruka. Ein Bub hebt seine Hand, er ist einer der Klassenkleinsten und sitzt still in der letzten Reihe. Endlich sieht ihn die Lehrerin und ruft ihn auf: “Das Wort heißt auf Slowakisch wie auf Bosnisch: Ruka“, sagt er mit leiser Simme. Die Lehrerin lobt ihn dafür, dass er mitdenkt und seine eigene Muttersprache einbringt. Schüchtern lehnt er sich zurück und lächelt zufrieden.
*Name der Redaktion bekannt

Türkisch in Wien

2238 Volksschüler und 2130 Hauptschüler, belegten im Vorjahr türkischen Unterricht in Wien.
Am Henriettenplatz gibt es seit 2005 ein Abendgymnasium mit Türkisch-Matura. Es ist der einzige Schulversuch dieser Art in Österreich.
Die Selzergasse unterscheidet sich von anderen Volksschulen, weil dort ein sogenannter “integrativer muttersprachlicher Unterricht“ stattfindet, erklärt Direktorin Susanne Göd. Die Kinder haben jede Woche mindestens eine Stunde Unterricht in ihrer Muttersprache, und das vormittags – anderswo müssen sie für die freiwilligen Türkischstunden extra nachmittags in die Schule kommen.

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