Zum Teufel mit Allah! Das wird man ja sagen dürfen

Herolde oder Hetzer? Das Buch Die Panikmacher zeichnet nach, wie uns selbsternannte Islamkritiker Angst vor dem Islam einjagen

aus Falter 12/11

Der Islam ist menschenfeindlich, rückständig, unreformierbar. Die Muslime sind faul, dumm und werden immer mehr. Und wir, wir reagieren darauf mit gutmenschlicher Naivität, wir kapitulieren, ja, wir schaffen uns ab!

So lauten verkürzt die Thesen der drei wohl meistgelesenen Bücher der sogenannten deutschen Islamkritik der vergangenen Jahre: “Die fremde Braut“ von Necla Kelek (2002), “Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin (2010), “Hurra, wir kapitulieren“ von Henryk Broder (2006).

Schenkt man diesen Büchern Glauben, so ergibt sich folgendes Bild: Unter uns hat sich eine verschworene Gemeinschaft breitgemacht, die einen Halbmondzug gegen Europa führt; eine politische Religion, die Kraft der Demografie die Macht an sich reißen wird, um fortan Andersgläubige, Menschenrechte, die Meinungsfreiheit zu unterdrücken. Das Fürchterliche daran: Man darf das alles nicht einmal sagen!

Patrick Bahners, Feuilletonchef der konservativen Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat sich jene vorgenommen, die diese Erzählung salonfähig gemacht haben, die “Panikmacher“, die den Deutschen Angst vor dem Islam eingejagt haben.

Es wirkt überspannt, von einem “Meisterwerk der Aufklärung“ (Süddeutsche Zeitung) zu sprechen. Aber zweifellos ist die vorliegende “Streitschrift“, wie der Verlag sie nennt, eine marksteinerne Intervention in der womöglich “wichtigsten Diskussion unserer Zeit“, die in einen “diskursiven Bürgerkrieg“ (jeweils Die Zeit) abzudriften droht. Denn Bahners’ Dekonstruktion der vermeintlichen Aufklärer, seine überzeugende Kritik an der Islamkritik, ist in dieser Tiefe und Breite die erste ihrer Art.

Was meint er mit “Islamkritik“? Jene “politische Bewegung“, die als Reaktion auf die Einwanderung von Muslimen nach Europa entstand: “Islamkritik deutet die sozialen Probleme der Eingliederung der Einwanderer als Indizien einer politischen Gefahr.“

Die Souveränität der demokratischen Staaten werde untergraben, ihre Rechtsordnungen würden unterwandert, so die mantrahafte Behauptung ihrer Protagonisten. Dem Islam schreiben sie eine unbezähmbare kriegerische Natur zu, die ein friedliches Zusammenleben verunmögliche.

Die drohende Eskalation der Debatte basiert laut Bahners auf der in apokalyptischem Ton vorgetragenen Notwehrbehauptung, die sich zugespitzt so liest: “Es kommt der Augenblick, da man den Feind zerquetscht. Und wenn man das nicht tut, muss man damit leben, dass man von ihm zerquetscht wird.“ Zu dieser Aussage ließ sich Ayaan Hirsi Ali, globale Galionsfigur der Islamkritik, hinreißen.

So schlicht ist er nun einmal, der zentrale Glaubensgrundsatz der deutschen Islamkritiker Ralph Giordano und Hans-Peter Raddatz, Bassam Tibi und Udo Ulfkotte: Wir oder sie!

Die Hautevolee unter den Autorenaktivisten, Kelek, Broder und Sarrazin, hat umgehend auf das Buch reagiert: Sie fühlen sich beleidigt und missverstanden, ja verfolgt. Von einem “zornigen“, einem “ingrimmigen“ Buch schreibt etwa Sarrazin, er wittert Verfälschung, Verharmlosung, attestiert dem Autor eine “verquere Weltsicht“.

Die Reaktionen geben Bahners Recht. Sarrazins Vorwürfe sind leicht zu widerlegen: Der Ton des Buches ist ironisch und bissig, aber niemals zornig. Im Grunde macht Bahners nichts anderes, als die Artikel, Bücher und Interviews der exponiertesten Islamkritiker unter sein Mikroskop zu legen. Er weist inkonsistente Argumente, offenkundige Widersprüche und falsche Fakten nach. Die Beweisführung erfolgt derart akribisch, dass sie mitunter langweilig wird. Einen Bestseller hat Bahners also nicht geschrieben. Den landet man bei diesem komplizierten Thema eher mit Vereinfachung.

Die arglistige Vereinfachung allein erklärt jedoch nicht die massenhafte Zustimmung zu Sarrazins Thesen, die Lynchjustizlaune, die bei manchen seiner Lesungen um sich greift. Vielleicht ist der zu beobachtende Extremismus der Mitte einfach die xenophobe Trotzreaktion einer verlustverängstigten Mittelschicht? Vielleicht. Auf Ursachenforschung lässt sich Bahners nicht ein, leider, er hätte nicht nur über Deutschland viel zu sagen.

Denn selbst wenn die hiesige Besetzung der Islamkritik auf vulgär-intellektuelle FPÖ-Funktionäre und ÖVP-Pensionisten, auf wunderliche Pfarrer und fremdenängstliche Bürgerinitiativler beschränkt ist: Die “deutsche Angst vor dem Islam“, so der Untertitel, ließe sich wohl beinahe deckungsgleich auf Österreich übertragen.

Ist Bahners’ Buch also bloß ein Maulkorb, wie in Antiislamforen schon behauptet wird? Nein, das Gegenteil ist der Fall. Der Konservative glaubt an die diskursive Öffentlichkeit, daran, dass alles sagbar sein muss und am Ende das bessere Argument übrigbleibt. In diesem Sinn stellt er das Buch der geistigen und rhetorischen Vulgarisierung des Islamdiskurses entgegen. Dieser Diskurs muss geführt werden, und zwar so ehrlich wie möglich, das weiß auch Bahners.

Kann man überhaupt ein Buch über Islamkritik schreiben, kann man überhaupt eine Rezension über dieses Buch verfassen, ohne auch nur mit einem Wort zu erwähnen, was alles angerichtet wird im Namen Allahs? Ja, kann man, ist ein guter Beginn.

“Die Panikmacher“ ist die berechtigte Kritik an der pauschalisierenden, feindseligen, unkundigen Variante der Islamkritik. Denn vieles davon, was Leute wie H.-C. Strache, der auf dem zweiten Bildungsweg zum Abendländer wurde, über Muslime sagen, ist schlicht und einfach: Mist. Und das wird man doch wohl noch sagen dürfen!

Patrick Bahners: Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam. Eine Streitschrift.
C.H. Beck,
320 S., € 20,60

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