Im Namen der Opfer

Vor einem Jahr rollte eine Welle kirchlicher Missbrauchsskandale über Österreich. Wie zwei Initiativen seither auf unterschiedliche Weise für die Opfer arbeiten – und gegeneinander

aus Falter 11/11

Am Anfang war das Chaos. Die Telefone läuteten in den ersten Tagen viele hunderte Male, die digitalen Posteingänge quollen über. Die Mehrheit der Anrufer waren Männer, die Ereignisse lagen meist 30, 40 Jahre zurück. Sie erzählten über Faustschläge und Peitschenhiebe, über Streicheleinheiten und Vergewaltigungen.

Manche weinten, andere schrien, sie wollten Geld oder bloß ein offenes Ohr. Was sie miteinander gemein hatten: Sie alle waren mutmaßliche Opfer von Priestern und Nonnen, von Präfekten und Bischöfen, Opfer kirchlichen Missbrauchs. Nein, sagen Herwig Hösele und Jakob Purkarthofer, die Vertreter der beiden größten österreichischen Opferorganisationen, mit solch einer Flut von Vorwürfen hätten sie nie gerechnet. Dies ist dann aber auch schon das Einzige, worin sich die beiden PR-Profis einig sind.

Die Plattform, für die Herwig Hösele spricht, nennt sich selbst “Unabhängige Opferschutzanwaltschaft“. Ins Leben gerufen wurde sie von Kardinal Christoph Schönborn, finanziert wird sie durch die österreichische Kirche, geleitet von der ehemaligen steirischen Landeshauptfrau Waltraud Klasnic. Die Anzahl der Opferkontakte: 820. “Die Wahrheit macht euch frei“, zitiert Hösele den mottogebenden Titel eines Beschlusses der Bischofskonferenz zum Umgang mit Missbrauch.

Die Initiative, deren Öffentlichkeitsarbeit Jakob Purkarthofer erledigt, nennt sich selbst “Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt“. Der PR-Mann hat sie mit einer Handvoll Opfer gegründet, finanziert wird die Gruppe durch anonyme Spender. Opferkontakte: 610. “Wir wollen verhindern, dass der kirchliche Missbrauch hochoffiziell unter den Teppich gekehrt wird“, sagt Purkarthofer.

Ein Jahr ist es dieser Tage her, dass von Deutschland ausgehend tausende Fälle sexuellen Missbrauchs die Weltkirche erschütterten. Die monströsen Details der Missbrauchsfälle, die innerhalb weniger Wochen ans Tageslicht kamen, sowie das Bekanntwerden jahrzehntelanger systematischer Vertuschung durch hohe Würdenträger, trieben Tausende aus der Kirche. Bald war klar: Die Aufarbeitung dieses größten Skandals der jüngeren Kirchengeschichte würde Jahre dauern, der Umgang mit den Opfern für die Kirchen maßgeblich sein.

Die Hotline der Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt lief schon ein paar Tage lang heiß, als Waltraud Klasnics Handy am 28. März 2010 läutete. Kardinal Schönborn war dran. Ob sie eine Kommission zu den Missbrauchsfällen leiten würde? Die ÖVPlerin erachtete die Aufgabe als “Ehrenpflicht“ und präsentierte vier Wochen später ihr sozialpartnerschaftlich ausgewogenes Team. Der sozialdemokratische Ex-Stadtschulratspräsident Wiens, Kurt Scholz, gehört ihm ebenso an wie der christliche Publizist Hubert Feichtelbauer oder Ulla Konrad, Vorsitzende des Psychologenverbandes und Tochter des Raiffeisen-Generals Christian Konrad.

Wer sich bei der Kommission meldet, dem wird zunächst ein zehnstündiges “Clearing“ bei einem Traumatherapeuten angeboten. Auf der Grundlage von deren Berichten – sind die Vorwürfe glaubwürdig? Ist das Leben des Opfers von den Ereignissen beeinträchtigt? Welche Forderungen stellt das Opfer? – entscheiden die Mitglieder über die Höhe der Entschädigungen, die zwischen 5000 Euro und 25.000 Euro liegen, in Ausnahmefällen auch höher. 167 Zahlungen wurden bislang beschlossen. Wie viel an Entschädigungen insgesamt ausbezahlt wurden, ist geheim. Finanziert wird die Arbeit durch die “Stiftung Opferschutz“, der Bischof Klaus Küng vorsteht.

Wer unter der Zusicherung von Anonymität mit Missbrauchsopfern über die Erfahrungen mit der Klasnic-Kommission spricht, hört übereinstimmende Klagen über monatelanges Warten, harsche Töne am Telefon und zu geringe Entschädigungssummen.

Eine Handvoll Sachverhaltsdarstellung hat die Klasnic-Kommission bisher an die Staatsanwaltschaft übermittelt. Wegen der Verjährungsfristen ist es aber unwahrscheinlich, dass auch nur ein Priester vor einem Gericht landen wird.

Wer Waltraud Klasnic nach den Gründen für die Missbrauchsfälle fragt, der bekommt viel über “geschlossene Systeme“, über Zöglinge auf der Suche nach Vaterfiguren und die Verschwiegenheit der Nachkriegsgesellschaft zu hören. “Die Missbrauchsskandale haben weder mit Pädophilie noch mit dem Zölibat etwas zu tun“, sagt Klasnic.

“Anstatt die Skandale ehrlich aufzuarbeiten, zahlt Klasnic den Opfern Almosen“, sagt Purkarthofer. Der PR-Experte, der hauptberuflich für die Lebensmittelbranche tätig ist, macht keinen Hehl daraus: Neben der Information und der Vernetzung der Opfer gehört die Kritik an der “kirchlichen Kommission“ zu seiner Kernaufgabe.

Die Aufmerksamkeit, die seine Plattform erzeugt hat, indem sie sich gleich zu Beginn der Debatte als kirchenkritische Opferplattform positioniert hat, nutzt er seither, um weitere Missbrauchsskandale aufzudecken. So geht etwa der Fall des Salzburger Dompredigers Peter Hofer, der vergangene Woche aufgrund schwerwiegender Missbrauchsvorwürfe zurücktrat, auf das Konto der Initiative, die eine Hotline anbietet und Vernetzungstreffen organisiert (siehe Spalte rechts).

“Die Kommission ist selbst Teil der Täterorganisation und Klasnic verheimlicht, dass sie über die gemeinsame Agentur mit Hösele Zahlungen von der Kirche erhält“, sagt Pukarthofer. Nach dem irischen Vorbild fordert seine Plattform 70.000 Euro pro Missbrauchsopfer und die Einsetzung einer staatlichen Kommission.

Nicht Rache, sondern Gerechtigkeit wollen die Aktivisten der Plattform, viele davon selbst Opfer sexuellen Missbrauchs. Zu diesem Zweck kooperieren sie auch mit anderen kirchenkritischen Initiativen. So betreut Purkarthofer etwa das aktuell aufliegende Volksbegehren zur Abschaffung kirchlicher Privilegien, das er als “eine logische Fortsetzung unserer Arbeit in der Plattform“ sieht. Es ist ein gutgeknüpftes, professionelles Netzwerk von Leuten, die einen Glauben gemein haben – sie glauben an die Verlogenheit der Kirche.

Herwig Hösele winkt bloß ab, nachdem er alle Vorwürfe angehört hat. “Egal, wie wir es machen“, sagt er, “die Kritik ist vorprogrammiert.“ In erzkonservativen Kirchenkreisen, erzählt er, hielte man die Berufung der Klasnic-Kommission wegen ihrer Unabhängigkeit für illegitim, während man in antikirchlichen Zirkeln gerade diese Unabhängigkeit nicht anerkenne. Ein breiter Rücken sei Teil des Jobs, sagt Hösele, Klasnics langjähriger Mitarbeiter, Biograf und seit einigen Jahren auch ihr Geschäftspartner in einer PR-Agentur.

Die Höhe der Entschädigungszahlungen seien im internationalen Vergleich angemessen, die Kommission arbeite “unabhängig“ von der Kirche, und von Schweigegeld könne nicht die Rede sein, da sich Opfer auch weiterhin an Medien und Gerichte wenden könnten.

Nur der Vorwurf, Klasnic und er würden sich bereichern, regt ihn sichtlich auf. Dass die Arbeit der Kommission zum Teil über PR-Firmen abgewickelt und verrechnet wird, die Klasnic und Hösele gehören oder an denen sie beteiligt sind, sei unbedenklich, sagt Hösele, da nur Dienstleistungen und Spesen verrechnet würden. Klasnic selbst arbeite ehrenamtlich. Die Zahlungen der Stiftungen werden auf Nachfrage jedenfalls nicht offengelegt.

“Bei Gott“, sagt Klasnic, “diese Arbeit bringt mir keinen Vorteil.“ Den Gregorius-Orden hat sie ohnehin schon in der Tasche. Der Papst vergibt diese höchste Laienauszeichnung “für den Eifer in der Verteidigung der katholischen Religion“.

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