Fliegende Piraten und die Theorie der Moderne

Kulturgeschichte: Annette Vowinckel legt eine umfassende, aber etwas geschwätzige Geschichte der Luftpiraterie vor
aus Falter vom 09.03.2011

Sie bestiegen das Flugzeug mit Samurai-Schwertern, Pistolen und Rohrbomben im Handgepäck. Der Japan-Air-Flug sollte die 131 Passagiere von Tokio nach Fukuoka bringen, doch die neun Entführer, Mitglieder der Japanischen Roten Armee, hatten ein anderes Ziel vor Augen: Pjöngjang im kommunistischen Nordkorea.

Wir schreiben den 31. März 1970. Die kubanische Revolution und der nach 1967 eskalierende Nahostkonflikt haben in den Jahren zuvor eine regelrechte Flut an Flugzeugentführungen ausgelöst. 85 waren es allein 1969. Handgepäckskontrollen sind noch nicht üblich, und das erste internationale Abkommen zur Bekämpfung von Flugterrorismus ist gerade einmal ein Jahr alt, als die Japan-Air-Maschine Kurs auf die koreanische Halbinsel nimmt und dabei Geschichte schreibt: als erste Flugzeugentführung, die live im Fernsehen übertragen wird.

Den Zusehern wird etwas geboten. Denn die zuständigen Behörden versuchen es mit einer Finte. Anstatt die Entführer nach Pjöngjang fliegen zu lassen, wird der Pilot instruiert, in Seoul, Südkorea, zu landen. Dort werden in Windeseile Werbebanner abmontiert und nordkoreanische Uniformen ausgeteilt. Aber der Coup läuft schief: Denn nirgendwo in Südkorea lassen sich Plakate des Führers Kim Il Sung auftreiben – die vorhandenen sind durchlöchert, weil das Militär sie für Schießübungen benutzt hat.

Wirklich wahr, so soll es sich zugetragen haben. Die Anekdote entstammt dem Buch “Flugzeugentführungen” von Annette Vowinckel. Ein ganzes Buch nur über Skyjackings? Das klingt zunächst hochinteressant und ist es auch, 30 Seiten lang. Aber eins nach dem anderen. “Flugzeugentführungen” ist eine 200 Seiten lange, aus einem Vortrag entstandene Kulturgeschichte selbiger, von der ersten bekannten im März 1931, als peruanische Rebellen eine Pan-Am-Maschine kaperten, um über dem Dschungel politische Pamphlete abzuwerfen, bis zu jener an dem historisch, politisch, medial, kulturell – also in jeglicher Hinsicht – epochal gewordenen Dienstag Anfang September 2001.

Vowinckels Ausgangspunkt bilden die “airworld” – den Begriff entleiht sie Walter Kirns Roman “Up in the Air” (dt. “Mr. Bingham sammelt Meilen”, 2003), der mit George Clooney in der Hauptrolle verfilmt wurde – und die Behauptung, es handle sich bei dieser Luftwelt um einen “symbolischen Kernort der Moderne”. Die Flugzeugentführung lasse sich sogar als Phänomen begreifen, in dem die Moderne mit sich selbst konfrontiert werde – Stichworte: Mobilität, Medialisierung, Risikogesellschaft.

Allein, das einleitende Versprechen, das Buch skizziere die Luftpiraterie als Teil einer Geschichte der Moderne, wird nur 20 Seiten lang gehalten. Der enzyklopädische Anspruch auf Vollständigkeit – Anekdoten und Redensarten, Fakten und Statistiken, Filme und Lieder, Bücher und Bilder zum Thema – wird zwar eingelöst, aber gerade deswegen wirkt das Buch wie ein langer Wikipedia-Eintrag, dem ein Narrativ, eine These, also eine große, nachvollziehbare Erzählung fehlt.

So erfahren wir, dass Sigmund Freud Flugträume für Erektionsträume hielt und dass das Psychogramm des durchschnittlichen Luftpiraten auf einen gewalttätigen Vater, eine warmherzige Mutter und ein Selbstbild des depressiven Versagers hindeutet, und werden daran erinnert, dass Ovids Ikarus der Erste war, der unter Flugangst litt – und dann schließlich aus Übermut abstürzte. Eine Geschichte der Moderne ergibt sich daraus allerdings nicht.

Wer sich also mit Vermischtem über Flugzeugentführungen anfüttern will, dem sei die Lektüre empfohlen. Allen anderen seien hier ein paar Smalltalk-Häppchen geboten: Das Flugzeug ist statistisch gesehen das sicherste Fortbewegungsmittel, das bislang erfunden wurde; pro Jahr sterben 500 Menschen bei Abstürzen und Entführungen. Sogar der Weg zum Flughafen fordert mehr Todesopfer. In den USA sind seit 9/11 Witze über Bomben im Handgepäck verboten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es im Ostblock zu so vielen Entführungen, die die Flucht in den Westen zum Ziel hatten, dass die polnische Fluglinie LOT eine Zeitlang als Akronym für “Landet och in Tempelhof” interpretiert wurde.

Die eingangs erwähnte Flugzeugentführung der Japan-Air-Maschine dauerte übrigens sechs Tage. Am Ende der Odyssee bekamen die Luftpiraten ihren Willen, Exil in Nordkorea. Und waren seither nicht mehr gesehen.

Annette Vowinckel:
Flugzeugentführungen. Eine Kulturgeschichte.
Wallstein, 208 S., € 20,50

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