Die nachgeborene Vorkämpferin

Sigrid Maurer wollte Jazzsängerin werden. Nun könnte die ÖH-Chefin in den Nationalrat wechseln. Als grüne Abgeordnete.
aus Falter 09/11

Als Sigrid Maurer ihr Handy abhebt, traut sie ihren Ohren nicht. Die Stimme am anderen Ende der Leitung gratuliert ihr zur Verleihung der diesjährigen “Brennnessel“. “Das ist doch ein Sexistenpreis!“, denkt sich die Chefin der Hochschülerschaft (ÖH).

Einmal wurde die “Brennnessel“ erst vergeben: Der burgenländische Landtagspräsident Walter Prior (SPÖ) erhielt sie, weil er zu einer Grünen gesagt hatte, sie möge “heimgehen und ihren Mann fragen, wenn sie etwas nicht versteht“. Diesmal, versucht die Stimme am Telefon die Feministin zu beschwichtigen, solle es eine positive Auszeichnung sein.

Einen Monat ist das Telefonat mittlerweile her. Maurer, 25, trinkt im Wiener Café Prückel einen Latte macchiato. Warum sie den Preis doch angenommen habe? Man müsse “so Frauenzeug“ unterstützen, sagt sie.

Die ÖH-Chefin erhält den Preis ja nicht nur, weil sie Frauen im wissenschaftspolitischen Diskurs sichtbar gemacht hat. Sonst hätte die Partei ja auch ÖVP-Wissenschaftsministerin Beatrix Karl auszeichnen können. In wenigen Monaten endet Maurers zweijährige Amtszeit als Chefin der Grünen und Alternativen StudentInnen (Gras), einer losen Vorfeldorganisation der Partei. Der Preis dient sozusagen als Ernennung zur Zukunftshoffnung. “Ein großes Talent“, sagt Parteichefin Eva Glawischnig: “Präzise, aufmüpfig, kompetent.“ Für Wissenschaftssprecher Kurt Grünewald, Maurers wichtigsten Parteikontakt, wäre sie “ein Gewinn für das Parlament“.

Wer ist die Tirolerin, der politische Freunde wie Feinde attestieren, eine profilierte Bildungsexpertin zu sein? Und was bedeutet das heute, grüne Zukunftshoffnung zu sein?

Sigrid Maurer wollte eigentlich Jazzsängerin werden. Sie wurde als eine von vier Lehrertöchtern im Tiroler Telfes geboren. Der Vater spielte früher in der Innsbrucker Altstadt Antikriegslieder. Ihr Elternhaus bezeichnet sie dennoch als “kleinbürgerlich und konservativ“.

Für das Linzer Konservatorium fehlte der Mut, also landete sie am Musikinstitut der Uni Innsbruck. Erst die geplante Schließung trieb die Studentin in Diskussionsrunden und zu Unterschriftenaktionen. Ausgerechnet Maurer sollte später den erfolgreichen Aufstand gegen Rektor Manfried Gantner mitbetreiben, der das Institut hatte schließen lassen wollen – ihr erster politischer Erfolg, der sie für die Wiener Hochschulpolitik empfahl.

Kurz nach ihrer Ankunft in der Hauptstadt im Frühling 2009 folgte ihr zweiter Streich: Obwohl die ÖVP-nahe Aktionsgemeinschaft die Hochschülerschaftswahlen gewonnen hatte, schmiedete Maurer erfolgreich ein linkes Bündnis unter ihrem Vorsitz.

Seit Gründung der ÖH gehört es zum Job eines Vorsitzenden, wegen der Studienbedingungen zum Aufstand zu blasen. Dass im Herbst 2009 plötzlich Tausende dem Ruf folgten, war dann aber doch überraschend. Maurers Verdienst lag darin, sich an die Spitze der Proteste gesetzt zu haben, ohne die führerlose Bewegung dabei vereinnahmt zu haben: Sie diskutierte im hierarchielosen Plenum, half mit, das Audimax zu putzen, und saß danach im “Club 2“, um die Anliegen von “Unibrennt“ zu übersetzen. Am ehesten hat sich in den vergangenen Jahren die rote ÖH-Chefin Barbara Blaha politisch und medial ähnlich gekonnt in Szene gesetzt. Nicht zufällig kann Maurer den Vergleich schon nicht mehr hören. Doch die beiden haben eben etwas gemeinsam: Einerseits hat ihr alphamännliches Umfeld sie nicht kleinlauter, sondern lauter gemacht. Und weil die Versprechen der 70er- und 80er-Jahre von Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern nur scheinbar eingelöst wurden, führen sie einen ähnlichen Kampf wie damals, nur unter anderen Bedingungen.

Im Gegensatz zu der Generation vor ihr kämpfen Maurer und ihre Mitstreiterinnen nicht mehr für eine Utopie. Dass die schon einmal nicht eingelöst wurde, hat sie abgebrühter gemacht. Sie kämpfen einfach – trotzdem. Für Maurer sind Quotenregelungen, das Binnen-I und Frauenpreise notwendig, um jenen Ausgleich umzusetzen, von dem bislang nur die Rede war. Dass dieser Diskurs gerade aus der Nische in den Mainstream getragen wird, ist auch ein Grund dafür, warum jemand wie Maurer im besetzten Audimax ebenso gehört wird wie im ORF-Studio.

Während die Sozialdemokratin Blaha an die historische Kraft ihrer Bewegung glaubte und die mitgebrachte Hierarchie für ein notwendiges Übel hielt, sind Mehrheitsentscheidungen für Maurer autoritär. Es ist bezeichnend, dass die eine aus Protest aus der SPÖ austrat, weil diese an Studiengebühren festhielt, während die andere bis heute kein Mitglied der Grünen ist.

Noch etwas prägte Maurers Amtszeit: Während der Trend in Richtung Zugangsbeschränkungen, Eignungsprüfungen und Studiengebühren geht, beendete sie jede Verhandlungsrunde mit einem “Njet“. “Die Situation auf den Unis ist schlimm. Wir haben verhindert, dass sie noch schlimmer wird“, sagt sie als vorläufige Bilanz ihrer Amtszeit.

Was ist an der angeblichen Vereinbarung dran, von der grüne Funktionäre dem Falter berichten, wonach Wissenschaftssprecher Grünewald sein Mandat 2013 mit Maurer tauschen wolle? “Nichts“, darin sind sich Maurer und Grünewald einig. In einem Punkt unterscheiden sie sich: “Die Grünen sind bürgerlich und lahmarschig. Sie wollen einfach unbedingt mitregieren“, sagt sie.

Da blitzt sie hervor, die Kompromisslosigkeit, die “Tiroler Sturheit“, wie Weggefährten es nennen. Sie sagt auch viel aus über Maurers politisches Selbstverständnis: Die Tugend des heimischen Nachkriegspolitikers, der “Konsenscharakter vermischt mit einer Rhetorik des Verschweigens“, sagt sie, sei das “Grundübel unserer Republik“.

Sigrid Maurer ist eine spätgeborene grüne Vorkämpferin, die das Thema Umwelt gegen Gerechtigkeit eingetauscht hat. Eine eckige und unbequeme Jungpolitikerin wirkt heutzutage wohltuend, sozusagen als Gegenstück zum Typ Laura Rudas. Maurers politische Zukunft wird vielleicht von ihrem Gespür dafür abhängen, wann Kompromisslosigkeit in Sektiererei kippt.

Ab Herbst will Maurer Volkswirtschaft studieren, sich einen Nebenjob suchen und eine Brille kaufen, die nicht mehr schief sitzt. Die Suche nach einer neuen Band, sagt sie abschließend, sei jetzt wichtiger als die nach einer Partei.

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