“Sie terrorisieren uns Journalisten”

Eine ägyptische Journalistin, ein deutscher Korrespondent und der Chefredakteur von Reporter ohne Grenzen schildern die Jagd auf Journalisten in Ägypten

aus Falter06/11

Ahmed Mohammed Mahmud wurde 36 Jahre alt. Der Pressefotograf der ägyptischen Zeitung Al Taawun starb am vergangenen Freitag in Folge einer Schussverletzung, die er wenige Tage zuvor während der Demonstrationen in Kairo erlitten hatte. Mahmud ist das erste Todesopfer aus den Reihen der Presse, das der ägyptische Aufstand gefordert hat. Verhaftungen, Verhöre und Übergriffe – seit den Gegendemonstrationen vom Mittwoch, dem 2. Februar, ist eine regelrechte Jagd auf Journalisten ausgebrochen. Drei von ihnen – die Ägypterin Mara Al-A’sar, Politikredakteurin der englischsprachigen Tageszeitung Daily News Egypt, Michael Thumann, Korrespondent der deutschen Wochenzeitung Die Zeit und Gilles Lordet, Chefredakteur von Reporter ohne Grenzen – schildern die Arbeitssituation von Journalisten im revolutionären Ägypten.

“Das Regime steckt hinter den Angriffen auf Journalisten”
Marwa Al-A’sar, Daily News Egypt, Kairo, www.thedailynewsegypt.com, Gespräch Donnerstagnachmittag geführt

Falter: Sind Sie als Journalistin gefährdet?
Marwa Al-A’sar: Ja, sehr. Die Leute halten uns für Spione. Mubaraks Schläger scheinen überall zu sein. Sie terrorisieren gezielt Journalisten. Deshalb müssen wir die meiste Zeit von der Redaktion aus arbeiten.

Hat sich die Situation seit den Gegendemonstrationen vom Mittwoch zugespitzt?
Al-A’sar: Schwierig war unsere Arbeit auch schon vorher. Gefährlich ist sie aber erst seit den Gegendemonstrationen. Zwei meiner ausländischen Kollegen wurden heute von Schlägern verfolgt und attackiert. Drei andere haben sich zu Hause verbarrikadiert. Ich selbst zeige niemandem meinen Presseausweis, das ist zu gefährlich. Wenn ich an einem Checkpoint aufgehalten werde, bestreite ich, dass ich Journalistin bin.

Glauben Sie, dass das Regime hinter den Angriffen auf Journalisten steckt?
Al-A’sar: Ich bin mir absolut sicher. Die Schläger werden von Polizisten geschützt. Dieses Vorgehen ist typisch für die Methoden des Regimes. Wir haben das schon oft erlebt, zuletzt während der Parlamentswahlen.

Wie sieht Ihre Arbeit in diesen Tagen aus?
Al-A’sar: Ich versuche Fakten durch möglichst viele Quellen zu belegen. Aber das ist derzeit sehr schwierig. Meistens schreibe ich nur das, was ich selbst sehe oder was mir vertrauensvolle Augenzeugen berichten.

Konnten Sie früher frei Bericht erstatten?
Al-A’sar: Großteils, ja. Manchmal wurden wir zensiert, aber nicht oft. Der Chefredakteur erhielt dann einen Anruf. Das war vor allem der Fall, wenn Politiker und Militärs Objekte unserer Berichterstattung waren.

Woher bezieht die breite Masse ihre Infos?
Al-A’sar: Es gibt genügend Sender, die wir über Satellit empfangen können, wie Al Arabiya, Al Jazeera International oder BBC Arabien. Das Staatsfernsehen steht total auf der Seite des Regimes.

Sie sind optimistisch, dass derjenige, der nach objektiven Fakten sucht, diese findet?
Al-A’sar: Ja, auf jeden Fall.

Wie wichtig ist das Internet im Moment?
Al-A’sar: Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass es sich um eine Twitter-Revolution handelt. Onlinemedien und Bürgerjournalismus waren und sind die treibenden Kräfte hinter der Revolte der Jungen. Immer mehr schließen sich zu provisorischen Newsrooms zusammen, um der Welt über das Internet die Wahrheit zu erzählen.

Stößt Ihre Zeitung auf Probleme bei Druck und Vertrieb?
Al-A’sar: Ja, wegen technischer Probleme sind wir seit Freitag, dem 28. Jänner nicht mehr gedruckt erschienen. Seither stellen wir alle unsere Geschichten online.

Wie würden Sie Ihre jetzige Rolle beschreiben? Sind Sie eine unabhängige Journalistin – oder eine schreibende Aktivistin?
Al-A’sar: Ich versuche, objektiv zu bleiben, auch wenn das gerade schwierig ist. Aber ja, ich sehe mich auch jetzt als unabhängige Journalistin. Als Ägypterin sympathisiere ich aber mit den Demonstranten. Das kann ich nicht leugnen.

“Derzeit vermissen wir in Ägypten fünf Journalisten”
Gilles Lordet, Reporter ohne Grenzen, www.rog.org Paris, Gespräch Montagnach-mittag geführt

Falter: Wie stellt sich die aktuelle Situation von Journalisten in Ägypten für Reporter ohne Grenzen dar?
Gilles Lordet: Es ist eine sehr angespannte und gefährliche Situation. Und zwar nicht nur in Kairo, sondern in allen Großstädten. Viele Journalisten trauen sich derzeit nicht, ihre Redaktionen und Hotelzimmer zu verlassen. Sie fürchten Attacken von Mubarak-Partisanen und von Polizisten in Zivil. Wir haben zu diesem Zeitpunkt 74 Meldungen von Journalisten, die angegriffen oder bedroht wurden. Der Aufenthaltsort von mindestens fünf Journalisten, die entführt wurden, ist nach wie vor unbekannt. Wobei es derzeit sehr schwierig ist, zwischen einer Verhaftung und einer Entführung zu unterscheiden.

Sind speziell ausländische Journalisten Ziel von Angriffen?
Lordet: Alle Journalisten sind betroffen, wobei die Lage für ausländische Reporter noch gefährlicher ist, weil sie öffentlich als Spione angeprangert werden. Mehrere Medien haben aus Angst bereits ihre Redaktionen geschlossen. In zahlreichen Fällen wurde außerdem das Equipment von Journalisten konfisziert.

Können Sie Gerüchte von schwer verletzten Journalisten bestätigen?
Lordet: Ein ägyptischer Journalist, der zu Beginn der Proteste angeschossen wurde, erlag am Freitag seinen Verletzungen. Einem Kollegen, der mit einem Messer verletzt wurde, geht es den Umständen entsprechend gut.

Was steckt hinter der plötzlichen Feindseligkeit gegenüber Journalisten?
Lordet: Wir haben den Eindruck, dass es sich um eine gezielte Strategie handelt. Einerseits, um Journalisten aus Kairo zu vertreiben. Andererseits, um Rache zu nehmen, weil vor allem ausländische Medien für die Revolution verantwortlich gemacht werden. Die aktuelle Bedrohungslage ist jedenfalls gewollt.

“Sie sagten: ‚Es ist gut für Sie, dass Sie Lehrer sind und kein Journalist‘”
Michael Thumann, Die Zeit, Kairo, www.diezeit.de Gespräch am Freitagnachmittag geführt

Falter: Herr Thumann, Sie berichten derzeit von einem Hotelzimmer aus?
Michael Thumann: Ja. Ich schaue hinunter auf den Tahrir-Platz, auf den ich nicht gehen kann, weil mich auf dem Weg dorthin 20- bis 25-jährige Männer mit Eisenstangen und Knüppeln aufhalten würden, die nach meinem Pass fragen und sich dafür interessieren würden, ob ich ein Journalist bin. Denn als Journalist würde man mich im besten Fall nicht durchlassen und im schlimmsten an die Geheimpolizei übergeben.

Es handelt sich dabei um nichtuniformierte Personen?
Thumann: Genau. Es gibt in allen Kairoer Wohnvierteln sogenannte Bürgerwehren, die sich in der vergangenen Woche formiert haben, als die Gefängnisse geöffnet wurden und es in der Folge zu Plünderungen kam. Diese Bürgerwehr hat ihren Charakter in den vergangenen Tagen geändert. Die Leute sind mittlerweile andere und ihr Hauptaugenmerk richten sie nun nicht mehr auf Plünderer, sondern auf Journalisten und Ausländer. Insoweit ist die Bewegungsfreiheit in der Stadt stark eingeschränkt.

Wir sprechen bei dieser Bürgerwehr von Pro-Mubarak-Anhängern?
Thumann: Das habe ich zumindest mehreren Gesprächen mit diesen Leuten entnommen. Wir haben uns über den Präsidenten unterhalten und da waren sie pro-präsidentiell. Die Frage ist, ob es Überzeugung ist oder ob sie dafür bezahlt werden, gegen die Revolte Stimmung zu machen?

Gibt es Hinweise dafür, dass die Feindseligkeit gegenüber Journalisten vom Regime angeheizt wird?
Thumann: Da Menschen, die mich und andere Journalisten angehalten haben, sagten, es sei ihr Auftrag, Journalisten anzuhalten, gehe ich davon aus, dass das von oben gesteuert ist. Denn von irgendwoher muss der Auftrag kommen.

Ist es also das Ziel des Regimes, ein Bedrohungsszenario für Journalisten zu schaffen, das objektive Berichterstattung minimiert?
Thumann: Absolut, das ist der Fall. Das genaue Hinsehen und die Berichterstattung im Ausland sollen systematisch unterbunden werden.

Wie arbeiten Sie unter diesen Bedingungen?
Thumann: Das Internet ist als Informationsquelle sehr wichtig, die Leitungen sind aber instabil. Derzeit funktioniert es schon wieder nicht. Ich habe keinen Bodyguard. Ich gehe mit journalistischen Kollegen und mit Personen, mit denen ich hier seit Jahren zusammenarbeite, herum. Am Morgen habe ich alleine einen Rundgang unternommen, um mir Moscheen anzusehen und auszuprobieren, wie weit ich überhaupt komme. Dabei bin ich der Bürgerwehr zweimal in die Hände gelaufen. Ich habe mich als Lehrer ausgegeben und die Männer sagten: “Es ist sehr gut für Sie, dass Sie Lehrer sind und kein Journalist.“

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