Vom Schweigen der Lämmer im Tal der Wölfe

Wie ein antijüdischer Film am internationalen Holocaust-Gedenktag in österreichischen Kinos Premiere feiert
aus Falter 05/11

Wir steuern den Hafen von Palästina an“, sagt der Kapitän des Schiffes, “und auf diesem Kurs bleiben wir.“ 15.30 Uhr, im UCI Kinocenter in der Millennium City in der Brigittenau. Mit diesen Worten beginnt der Film “Tal der Wölfe”.

60, 70 Personen, vorwiegend junge Türken, ein Dutzend Mädchen mit Kopftüchern, eine Handvoll Journalisten, vereinzelte besorgte Juden und zwei Staatsschützer in Zivil, sehen im haushohen Saal 4 zu, wie sich daraufhin Soldaten aus einem Hubschrauber auf das Schiffsdeck abseilen und scheinbar wahllos auf Zivilisten schießen.

Von diesem Massaker ausgehend, werden sich plump gezeichnete Charaktere zu einem Rachefeldzug aufmachen und sich die Pausen zwischen schier endlosen Schießereien mit banalen Dialogen vertreiben. Es wird um Ehre gehen, um Nationalismus und Religion, und am Ende werden die Guten gegen die Bösen gesiegt haben. Wäre dies ein normaler Film, man müsste die 5,40 Euro und den vergeudeten Nachmittag beklagen.

“Tal der Wölfe – Palästina” aber ist kein herkömmlicher türkischer “Rambo”-Verschnitt, wie er in den Kinoburgen in Taksim, Neukölln und der Brigittenau täglich tausende junger Türken anzieht. Denn das Schiff aus der Anfangsszene soll die Mavi Marmara darstellen, die im Mai 2010 unter türkischer Flagge aufgebrochen war, um den Gazastreifen mit Hilfsgütern zu beliefern. Die Aktion endete damit, dass israelische Soldaten das Schiff enterten und ein Blutbad anrichteten.

Während die Türkei schwere Vorwürfe erhebt und Israel jegliche Schuld von sich weist, versucht eine UN-Kommission derzeit, den Vorfall so zu rekonstruieren, dass keine der Parteien das Gesicht verliert. Während also noch um die “historische Wahrheit“ gerungen wird, zielt der Film auf “die Herzen und Köpfe“ jener, die ihr Urteil bereits gefällt haben.

Die Bösen sind heute Nachmittag die Israelis, die als menschenverachtende Mörder dargestellt werden, die die UN verhöhnen, von einem “Groß-Israel“ träumen und die Unterjochung der Palästinenser mit Sätzen wie “Tiere lernen nur durch Schmerzen“ begründen. Und die Guten, das sind zielsichere Türken, die die Tyrannei Zions in Allahs Namen bekämpfen.

Kurzum, “Tal der Wölfe“ ist die Fortführung des Palästinakonflikts mit populärkulturellen Mitteln. Und wer noch Zweifel daran hat, dass dahinter – dem zweiten Teil einer Reihe, die aus einer gleichnamigen Fernsehserie entstanden ist – eine politische Mission steckt, lese die Aussendung der türkischen Produktionsfirma Pana, in der von “faschistoid-zionistischer Politik“ die Rede ist.

Der Gipfel der Provokation war aber ein anderer: der Tag der Weltpremiere. Am 27. Jänner 1945 wurde das KZ Auschwitz-Birkenau befreit, das Datum ist dem internationalen Holocaust-Gedenken gewidmet. Weil sich Deutschland solch eine Provokation nicht bieten lassen wollte, verweigerte die FSK nach einer fiebrigen Debatte die Freigabe.

“Wir haben den Film nicht einmal zur Ansicht bekommen”, sagt eine Sprecherin der für Alterskennzeichnung zuständigen Jugendmedienkommission im Bildungsministerium. Setzt die Vertriebsfirma in Österreich den Film selbst nämlich mit “ab 18 Jahren“ an, entscheidet der jeweilige Kinobetreiber über die Ausstrahlung. Jener aus der Brigittenau etwa hat den Film durchgewinkt, ohne ihn zu kennen.

Während also in der Millennium City gegen Israel gehetzt wurde und der deutsche Präsident Christian Wulff die Gedenkstätte Auschwitz besuchte, beließ die heimische Regierung es bei einer lapidaren Aussendung des ÖVP-Außenministers Michael Spindelegger: “Wir sehen das Gedenken als Verpflichtung an, alles daran zu setzen, um Rassismus, Antisemitismus und Gewalt gegen Minderheiten in Zukunft zu verhindern.“ Zum Film selber gibt es kein Wort von offizieller Stelle. So herrschte im österreichischen Tal der Wölfe einmal mehr das Schweigen der Lämmer.

This entry was posted in Politik and tagged , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *