Die Wahl zwischen Werner Faymann und Tyler Durden

Der kommende Aufstand, den das gleichnamige Pamphlet ausruft, wird schrecklich. Aber nicht deshalb ist es die Pflichtlektüre des Jahres

aus FALTER 51-52/2010

Es ist leicht zu bemerken und so schwer zu begreifen: Etwas stimmt nicht mehr. Es ist die Art, wie aus Freunden Kontakte und aus Berufen Jobs werden. Es ist die Weise, wie der Realwirtschaft die Realität und der Selbstverwirklichung das Selbst abhanden kommt. Die Telefonseelsorgen und Frauenhäuser, die Arbeitsämter und Schuldnerberater stehen den rasant wachsenden Rändern unserer Gesellschaft überfordert gegenüber, während die Mitte Zuflucht in Yogakursen und Existenzanalysen sucht, auf Parship und in Kochseminaren. Den deutschen Wutbürger treibt dieses Gefühl auf die Straße, den heimischen Wähler zur Wutpartei, Athens Jugend greift zu den Waffen und Paris’ Migrantenkinder zu den Molotowcocktails. Die Wohlstandsverheißungen, die uns jahrzehntelang angetrieben haben, haben Ohnmacht und Aggression Platz gemacht.

“Die Wahrheit ist, dass wir schon alle Ersparnisse an Illusionen ausgegeben haben; wir sind am Boden, wir sind blank, wenn nicht sogar im Minus”, heißt es in “Der kommende Aufstand”, um folglich denselben auszurufen. Und eines ist nach der Lektüre der 89 Seiten gewiss: Dieses Pamphlet hinterlässt niemanden unbeeindruckt.

Denn der Text, im Jahr 2007 in Frankreich vom “Unsichtbaren Komitee” verfasst, hat das Zeug zum Manifest unserer instabilen Zeit. Während der französische Staat die unbekannten Autoren bislang vergeblich jagt und englische Universitäten sich an der Interkontextualität des Textes abarbeiten, erliegt das deutsche Feuilleton seit der Übersetzung vor wenigen Monaten schaurigem Entzücken.

Die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt von einem “aggressiv-romantischen Traktat, der seinen Hass genießt”. Die liberale Süddeutsche Zeitung nennt den Text eine “auratische Freiheitsfibel” und “verführerisch schön”. Der Spiegel hat ihn sogar in Auszügen abgedruckt.

Das Pamphlet besteht aus zwei Teilen, aus einer Analyse und einer Handlungsanleitung. Eines gleich vorweg: Dass die Autoren aus dem Befund, die westliche Gesellschaft sei degeneriert, ihre Vernichtung um einer anarchistischen Herrschaft willen fordern, das ist: großer Quatsch. Aber es ist lesenswerter und bedenkenswerter Quatsch.

Die einleitende Analyse bezaubert auch deshalb, weil sie in ihrer beinahe lyrischen Wucht eher Michel Houellebecqs Entfremdungsprosa ähnelt als marxistischer Anti-System-Rhetorik. Im Zentrum der Fundamentalkritik stehen die “Individualisierung aller Bedingungen” und die diffuse Schizophrenie, die schleichende Depression, die daraus folgen: “Je mehr ich Ich sein will, desto mehr habe ich das Gefühl einer Leere. Je mehr ich mich ausdrücke, desto mehr trockne ich aus. Je mehr ich hinter mir herlaufe, desto erschöpfter bin ich. Ich betreibe, du betreibst, wir betreiben unser Ich wie einen geschäftigen Schalter. Wir sind die Vertreter unserer selbst geworden.”

Die Autoren kritisieren, dass sich der Einzelne von seiner Umwelt und der Sinnhaftigkeit seiner Arbeit entkoppelt hat, dass der Fernseher die Erziehung und Profitstreben Unternehmenskultur abgelöst haben, dass die Wärme der Gemeinschaft der Kälte des permanenten Ich-sein-Müssens gewichen ist. Dem setzen sie ein geradezu sentimentales Idyll von Liebe und Land, von Handwerk und Autarkie entgegen.

Die politische Position der Autoren ist wegen der Mischung aus Progressivität und Reaktion schwer festzumachen. Die konservative FAZ schreibt vom vielleicht “wichtigsten linken Theoriebuch unserer Zeit”, die linke Taz sieht darin eine “antimoderne Hetzschrift”, die Anleihen bei Jüngers Waldgänger (siehe Wieder gelesen auf dieser Seite) nähme. Vielleicht ist der kommende Aufstand am ehesten als “Post-Schrift” zu begreifen: Sie ist postmodern, postideologisch und, ja, postdemokratisch. Es geht nicht um links oder rechts, sondern um drinnen und draußen, genauer: um die totale Ablehnung des Drinnen.

Im zweiten Teil des Pamphlets kippt der Ton denn auch von bedingungslos in totalitär. Nicht weniger als die Verachtung aller Institutionen und Strukturen, die das westliche Gemeinwesen zusammenhalten, wird hier gepredigt: Polizei und Politik, Schulen und Medien, Unternehmen und NGOs. Sogar den Weltverbesserern von Attac wird vorgeworfen, dass sie nicht gegen das System kämpfen, sondern ihm ein pseudo-humanistisches Alibi verschaffen würden.

“Diese Welt wäre nicht so schnell, wenn sie nicht stetig von der Nähe ihres eigenen Zusammenbruchs verfolgt würde”, heißt es, und dieser Zusammenbruch ist auch das Ziel. Wie Krebsgeschwüre sollen autarke, als ländliche Kommunen organisierte Zellen die Gesellschaft zersetzen. Und zwar mit Sabotageakten, sei es auf die Kommunikations-, Strom- oder Schienennetze. Ob Marktwirtschaft oder Geldsystem, ob Demokratie oder Arbeit – die Botschaft lautet: Mach kaputt, was dich kaputtmacht! Dabei politisieren und intellektualisieren die Autoren den Aufruhr in der Pariser Banlieue von 2005. Es ist die Idee eines führerlosen, gesichtslosen, kompromisslosen Aufstands, der dem Staat das eigene Territorium mit Spott und Häme abtrotzt, um es in die Hände aller zurückzuführen, kurzum: Anarchie.

Wenn man so will, dann ist dieses Pamphlet der Versuch, jene Zerstörungswut, die Christopher Nolans Joker und David Finchers Tyler Durden verkörpern, mit einem politischen Motiv auszustatten. Zugegeben, es ist über weite Strecken ein wildromantischer Versuch. Aber eben nur in der Theorie. Denn denkt man den kommenden Aufstand zu Ende, ist ihm das Unbehagen am Lauf der Dinge wohl vorzuziehen. Letztlich heißt es also: lieber Werner Faymann als Tyler Durden. Und ja, das ist sehr desillusionierend.

Die besprochenen Bücher können Sie über Ihre Buchhandlung, aber auch über unsere Website erwerben, die alle je im Falter erschienenen Rezensionen bringt www.falter.at/rezensionen

Das unsichtbare Komitee: Der kommende Aufstand. Nautilus, 123 S., ? 10,20 (derzeit vergriffen) oder einfach kostenlos die 89-seitige Version im Netz herunterladen

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