Die Kinder vom Arbeitsamt

Sie haben keine Schulbildung und träumen dennoch von Wohlstand. Wer hilft Wiens arbeitsloser Jugend?

aus FALTER 47/2010

Der einzige Satz, den Mikail, 22 Jahre, österreichischer Staatsbürger, arbeitslos, auf Deutsch sagt, lautet: “Alles Scheiße.” Er nimmt einen Schluck Energy-Drink, steckt sich eine Marlboro an und schaut auf den blinkenden Bildschirm vor ihm.

Wien-Brigittenau, Dresdner Straße 52, Anfang November. Einen Steinwurf von der Millennium City entfernt sitzt Mikail im hintersten Eck eines Internetcafés, wie jeden Abend. Er spielt Counter-Strike, Poker und plaudert mit Freunden.

Bald nach seiner Geburt übersiedelte er mit seiner Familie in die Türkei, besuchte eine Volksschule in Ankara, eine Hauptschule in Antalya und zog danach fünf Jahre lang als Hilfsarbeiter durch Anatolien. Er servierte Tee, verkaufte Blumen, verdingte sich als Fräser. Drei, vier Jahre ist es her, seit er nach Österreich zurückkehrte.

Seither gehe er ebenso regelmäßig zum AMS, wie er die Termine verstreichen lasse. Mal habe er 300 Euro für einen Deutschkurs bekommen, mal 800 Euro. “Zu wenig Geld, um davon leben zu können”, sagt ein Freund Mikails, der aus dem Türkischen übersetzt. Deshalb sei er nie länger als zwei Tage geblieben, auch weil ihm fürs Büffeln die Geduld fehle. Tagsüber ziehe er von Geschäft zu Geschäft, genauer, von türkischem Geschäft zu türkischem Geschäft, aber erfolglos. Den nächsten Termin beim AMS hat er kommende Woche, vielleicht, sagt er, gehe er diesmal hin. Ob er sich als Einzelfall sehe? Mikail hebt den Kopf und ruft ein paar Sätze auf Türkisch ins Internetcafé hinein.

Sie nennen sich “AMS-Opfer”

Daraufhin tauchen Ilhami, Fatih und Hüseyin hinter ihren Monitoren auf. Sie alle erzählen eine ähnliche Geschichte: die Väter Gastarbeiter, die Familien aus der Türkei nachgeholt, dann Pflichtschulabschluss, AMS, Qualifizierungsmaßnahme, AMS, Deutschkurs, und wieder AMS. Sie bezeichnen sich selbst als “AMS-Opfer”. Nicht, dass das Arbeitsmarktservice der Täter wäre, nein, das seien “gute Menschen”, sagen sie. Nicht, dass sie irgendeinen Täter ausmachen könnten: Sie sehen sich als Opfer des Systems, und der einzige Ort, an dem sie mit diesem System in Berührung kommen, ist nun einmal das AMS.

Dominique Strauss-Kahn, ein Mann, der am anderen Ende dieses Systems steht, sagte dieser Tage über Europa: “Wir müssen uns darauf gefasst machen, dass wir eine verlorene Generation haben – vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen und an den Rand der Gesellschaft gedrängt.” Der Chef des Internationalen Währungsfonds meinte die Millionen Mikails, Ilhamis und Fatihs in ganz Europa.

In der EU ist jeder Fünfte unter 25 Jahren arbeitslos. In Spanien, Lettland und Litauen ist fast jeder Zweite dieser Altersgruppe betroffen. Für Österreich lassen sich aus den aktuellen Daten eine gute und eine schlechte Nachricht herauslesen.

Die Gute: In keinem EU-Staat ist die Jugendarbeitslosigkeit niedriger, neun Prozent lautet die offizielle Zahl. Die schlechte Nachricht: Im vergangenen Jahrzehnt hat sich dieser Wert beinahe verdoppelt (siehe Kommentar S. 6). Wächst also auch zwischen Bregenz und Wien eine “verlorene Generation” heran? Müssen wir uns mit der Gewissheit vertraut machen, dass tausende Jugendliche unter uns leben, die den Sprung ins Erwerbsleben niemals schaffen und bis ins Pensionsalter vom Staat und von ihren Familien durchgeschleust werden?

Falls es darauf überhaupt eine eindeutige Antwort geben kann, verbirgt sie sich womöglich am Ende einer Reise, deren Beginn man am 1. Jänner 1980 ansetzen könnte, an Gerda Challupners erstem Arbeitstag im AMS für Jugendliche. Damals regierte SPÖ-Kanzler Bruno Kreisky, und mit ihm Alfred Dallinger, ein Sozialminister “mit Visionen”, erinnert sich Challupner. Er gründete spezielle Beratungseinrichtungen für Arbeitssuchende, Hauptschulexternistenkurse und sogenannte Ausländervereine. Zwei Prozent Arbeitslosigkeit herrschten, also Vollbeschäftigung.

Heute, 30 Jahre später, liegt die Arbeitslosenrate bei 4,5 Prozent, die Zahl der Lehrlinge ist von 194.000 auf 131.000 geschrumpft und die Leiterin des Wiener AMS für Jugendliche heißt Gerda Challupner. Wer sie treffen will, muss zum Gumpendorfer Gürtel 2b fahren. Es ist eine trostlose, verkehrsreiche Gegend. Vor dem Gebäude warten rauchende 15-Jährige neben gestriegelten Schulabgängern mit ihren Müttern.

Im Servicebereich stehen Jugendliche Schlange, die sich arbeitslos melden, die Unterlagen nachbringen und sich für das Versäumen von Beratungsterminen entschuldigen. An den Computern daneben, wo man in speziellen Programmen nach Lehrstellen suchen kann, nehmen zwei türkischsstämmige Kids Platz. Sie klicken das Fenster mit den Lehrstellen weg und suchen auf www.nachtwerk.at Partyfotos von sich selbst. Daneben liest ein Mädchen einen Musterlebenslauf leise vor sich hin.

“Jugendliche wollen arbeiten”

“Jugendliche wollen arbeiten”, sagt Challupner. Ihr Büro liegt im siebten Stock, hinter einer Sicherheitstür. Sie erzählt, wie sich das Selbstverständnis des AMS von dem eines Amts zu einem Dienstleister entwickelt habe, wie aus einer passiven Arbeitslosigkeitsverwaltung aktives Jobmanagement wurde. Heute, sagt Challupner, müsse man den Schwerpunkt auf die Schule legen. Viele seien uninformiert oder könnten den Erwartungen von Eltern nicht gerecht werden, die in ihren Kindern so lange Ärzte und Anwälte sehen wollten, bis diese zum dritten Mal im Gymnasium sitzenblieben. Die Statistik belegt: Die Schülerzahl an AHS-Oberstufen ist seit 1990 um ein Drittel gestiegen.

Von AMS-Opfern, von einer verlorenen Generation will Challupner nichts hören. Es sei nicht ihr Job, Menschen abzuschreiben, sondern ihnen Perspektiven zu eröffnen.

Und das lässt sich der Staat einiges kosten. Laut einem von der Regierung in Auftrag gegebenen “Bericht zur Situation der Jugendbeschäftigung und Lehrlingsausbildung 2008-2009” vom Mai heißt es: Im Jahr 2001 wurde für die Beschäftigung unter 25-Jähriger ein Budget von 168,8 Millionen Euro investiert. 2008 war die Zahl auf 561,8 Millionen Euro angewachsen.

Zumindest 30 Millionen Euro will sich die Regierung mit dem nächsten Budget zurückholen: So soll die Familienbeihilfe, die Lehrlinge nach ihrem Abschluss bislang drei Monate lang erhielten, ebenso gestrichen werden wie die Familienbeihilfe für Arbeitslose zwischen 18 und 21 Jahren.

Die “größte Herausforderung”, heißt es in dem Bericht weiter, sei “die Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in das Ausbildungs- und Beschäftigungssystem”. Die pessimistische Errechnungsmethode besagt, dass jeder Zweite dieser Gruppe seine Bildungskarriere mit einem Pflichtschulabschluss beendet.

Der Mann, der das AMS Wien auf diesen Wandel nachbereiten soll, nennt sich selbst einen “Piloten”, und sitzt in einem kleinen Büro, zwei Stockwerke unter Gerda Challupner. Als Ali Ordubadi Ende 2006 als Diversity-Manager beim Wiener AMS-Jugendliche begann, “wussten wir so gut wie nichts Konkretes über das Thema”. Seither betreibt der gebürtige Iraner eine Art experimentelle Grundlagenarbeit. Zunächst ließ man die Anzahl von Migranten unter Klienten und jugendlichen AMS-Mitarbeitern erheben: Das Verhältnis war 66 Prozent hier, 20 Prozent dort.

Als Konsequenz sucht Ordubadi gezielt nach Mitarbeitern mit Migrationshintergrund und verordnet Beratern sowie Trainern Kurse in interkultureller Kommunikation. Er geht in Moscheen, kooperiert mit kroatischen Medien und arbeitet an Initiativen zur Aufklärung von Eltern, seiner Hauptzielgruppe: laut einer Studie entscheiden sie in 80 Prozent der Fälle über den Karriereweg ihrer Kinder. “Die Mehrheit kann sich in unserem Bildungs- und Berufssystems noch immer nicht orientieren”, sagt er.

Dompteur statt Lehrmeister

Was antwortet er auf die Frage, warum zwei Drittel der jugendlichen AMS-Klienten Migranten sind? “Es ist ein Ursachenbündel”, sagt er. Da seien einmal verbreitete Bildungs- und Sprachdefizite. Zudem würden jene sozialen Netzwerke fehlen, die bei der Erstjobvermittlung so wichtig seien. Auch nicht zu unterschätzen: viele Personalchefs unter Zeitdruck legten das Bewerbungsschreiben von Ahmed eher zur Seite als das von Kevin, meint Ordubadi. So hätten weite Teile der Wirtschaft etwa das Potenzial der Mehrsprachigkeit noch nicht entdeckt.

Eine Umfrage unter 300 Wiener Betrieben gibt Ordubadi Recht. Auf die Frage, was bei Lehrlingen wichtig sei, lauten die Antworten: persönliches Interesse: 95 Prozent. Umgangsformen: 80 Prozent. Weitere Fremdsprachen neben Englisch: nur zwei Prozent. Und das in einer Stadt, die von Exportwirtschaft und Dienstleistung geprägt ist, in der beinahe jeder Zweite ausländische Wurzeln hat.

In der Brünner Straße 52, wo die Stadt allmählich ausfranst, steht Andreas Zemsauer in seiner Werkstätte und wirkt eher wie ein Dompteur denn wie ein Installateurmeister. Was zuerst auffällt, wenn man seinen Arbeitsplatz betritt: Nur einer der 20 Lehrlinge ist blond. Und fragt man den 52-Jährigen, was sich verändert habe, seit er selbst seinem Meister erstmals gegenüberstand, dann bläst er einmal viel Luft aus.

Novemberregen prasselt auf das Dach der Werkshalle F: “Jugend am Werk” steht am Eingang. 37 Jahre ist es her, dass Zemsauer in einem Installateursbetrieb begann. Seit zwölf Jahren ist er hier als Ausbildner tätig. 240 Lehrlinge, schätzt er, hatte er seither unter seinen Fittichen.

350 Lehrlinge belegen in der Brünner Straße eine überbetriebliche Lehrlingsausbildung. Zwei Dutzend von ihnen aus dem ersten Lehrjahr blödeln gerade um Zemsauer herum. Immer wieder muss er jemanden darauf hinweisen, dass man Kollegen möglichst nicht mit Werkzeugen bedroht oder dass man in der Werkstätte nicht läuft – er erntet darauf nur auf Türkisch gemurmelte Sätze.

“Wir haben in dieser Maßnahme 95 Prozent Türken, das ist keine gesunde Mischung mehr”, sagt er. Nein, Andreas Zemsauer hat nichts gegen Türken. Dann könnte er ja gleich seinen Job an den Nagel hängen. Bloß sei die Mischung schlecht für die türkischstämmigen Jugendlichen, die nur mehr Türkisch sprechen, und schlecht für die ein, zwei authochtonen Kids, die unter sich bleiben.

Zemsauer erzählt vom jährlichen Streit, wenn Bayram, ein hoher islamischer Feiertag, wieder einmal nicht frei ist. Und von Jugendlichen, die während des Fastenmonats mit Bauchschmerzen kämen oder gleich zu Hause blieben.

Im Gespräch mit ihm und anderen Ausbildnern wird schnell klar, in der Werkshalle F geht es nicht bloß um die Vermittlung fachlicher Kompetenzen, hier finden in Werkstattatmosphäre Grundkurse in sozialem Verhalten statt: pünktlich bei der Arbeit erscheinen, nicht lügen, niemanden aus Spaß treten oder “Hurensohn” nennen. Ein Grundkurs, den hier Türken und Serben ebenso nötig hätten wie Wiener, sagen die Ausbildner.

Rund zehn Prozent scheiden bei Jugend am Werk vor dem Lehrabschluss aus, ebenso viele finden davor einen Job in einem Betrieb. Wie viele es einmal ins Erwerbsleben schaffen werden? “Vielleicht 80 Prozent”, sagt der Installateurmeister Zemsauer, und es klingt optimistisch.

Es gibt mehrere solcher Werkshallen in Wien, dutzende in ganz Österreich. Neben den zahlreichen Förderungen für Unternehmen, die Lehrlinge ausbilden, ist diese Form der Ausbildung das zentrale Instrument der heimischen Jugendarbeitsmarktpolitik.

In Wien sind derzeit 10.189 Menschen unter 25 Jahren als arbeitslos gemeldet, offiziell. Inoffiziell ist die Zahl beinahe doppelt so hoch: 8473 weitere Personen dieser Altersgruppe absolvieren derzeit “Qualifizierungsmaßnahmen”, beinahe die Hälfte von ihnen überbetriebliche Lehrausbildungen. Kritiker sprechen von “versteckter Arbeitslosigkeit”, Experten von einem “virtuellen Arbeitsmarkt”.

“Ein Lehrplatz für jeden!”

In ihrer heutigen Form liegt ihr eine Initiative der SPÖ-ÖVP-Koalition unter Viktor Klima zugrunde. Mitte der 90er-Jahre klaffte eine Lehrstellenlücke, auf eine Lehrstelle kamen drei Bewerber. Unter dem Motto “Jeder Lehrstellensuchende soll einen Ausbildungsplatz haben” fügte Klima dem Sozialstaat weitgehend unbemerkt eine weitere Aufgabe hinzu: die Ausbildung von Lehrlingen.

Das Wiener “Jugend am Werk” etwa, einer von mehreren Anbietern, der derzeit 1600 Lehrlinge in 45 Berufen ausbildet, setzt jährlich 60 Millionen Euro um. Ein überbetrieblicher Lehrling kostet den Steuerzahler pro Jahr rund 18.000 Euro. Nicht gerade billig. Doch wie viel, lautet die Gegenfrage, würde es den Staat wohl kosten, diese tausenden Kids sich selbst, ihren Freunden und Grätzeln zu überlassen? Und wie kam es überhaupt so weit, dass dem Staat nur mehr diese beiden Alternativen blieben?

Die Erzählung klingt, grob zusammengefasst, so: Rationalisierung und Produktivitätssteigerung haben den Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahrzehnten geprägt. Während die Lehrplätze zurückgingen, stiegen die Anforderungen der Betriebe. Vor allem einfache Arbeiten fielen der Modernisierung zum Opfer. Für die Kistenschlepperei, die früher fünf Lagerarbeiter erledigten, reicht heute ein Computer. Und Sekretärinnen mit HAK-Matura sind mittlerweile eher Regel als Ausnahme.

Kaum geändert hat sich in dieser Zeit hingegen das Bildungssystem. Die frühe Selektion führt nach wie vor dazu, dass Bildung und Zukunftschancen vererbt werden. Immigrationswellen wie jene während der Balkankriege Anfang der 90er-Jahre sowie die Kinder und Enkel von Gastarbeitern haben die Unterschicht weiter vergrößert. Die Statistik belegt: 45 Prozent der Arbeitslosen weisen die Pflichtschule als höchsten Bildungsabschluss vor, ein Drittel eine Lehre. In Krisenzeiten tendieren Unternehmen dazu, zuerst junge und wenig gebildete Arbeitnehmer “freizusetzen”.

Es erstaunt wenig, dass Christoph Peschek und Erich Huber dem nicht ganz zustimmen würden. Denn Peschek ist Jugendsekretär der Gewerkschaft für Privatangestellte und Huber in der Wiener Wirtschaftskammer für Berufsausbildung zuständig.

“Der Kapitalismus ist Schuld”

Gewerkschafter Peschek sagt bei einem Treffen in einer Meidlinger Berufsschule Sätze wie “Der Kapitalismus ist Schuld”, um dann über Rekordgewinne, Profitstreben und Privatisierungen zu dozieren. Huber wiederum betont in seinem Büro im Landstraßer Gewerbehaus der Wirtschaftskammer die Notwendigkeit von Betriebsförderungen, von Flexibilität und Mobilität der Arbeitnehmer. “Für die Betriebe wird es immer schwieriger, leistungsfähige und -willige Lehrlinge zu finden”, sagt Huber.

Worin aber beide die Wurzel der hohen Jugendarbeitslosigkeit sehen, ist das Bildungssystem. Sie fordern nicht nur eine frühere Berufsorientierung für Schüler und Eltern, sondern eine grundlegende Reform des Schulsystems. Die Alternative ist unschwer auszumachen: Die Jugendarbeitslosigkeit von heute ist der soziale Sprengstoff von morgen und der Facharbeitermangel von übermorgen.

Von dieser Schere, die da auseinanderklafft, hier die steigenden Anforderungen der Wirtschaft, dort die sinkende Bildungsvermittlung, wissen Arbeitsmarktexperten und Bildungswissenschaftler seit Jahren. Sie wissen aber auch, dass die nötigen Reformen noch Jahre auf sich warten lassen werden. Jene Generation, die in diese Lücke zwischen Erkenntnis und Reaktion fällt, ist es, die IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn eine “verlorene Generation” nennt.

Ja, es gibt sie auch in Österreich, vom Arbeitsmarkt ausgeschlossene und an den Rand gedrängte Jugendliche. Doch das Ausmaß ist nicht in Zahlen festzumachen. Oder sollte man beim AMS die Kategorie “ohne Perspektive” einführen?

Zyniker könnten behaupten, dass es diese Kategorie bereits gibt, bloß heißt sie “Nachreifung”. Es sind Kurse für Schulabgänger, die weder die Sprachregeln noch das Einmaleins beherrschen und somit sowohl für den Arbeitsmarkt als auch die überbetriebliche Lehrausbildung unterqualifiziert sind. Wenn wir ihnen helfen können, heißt es beim AMS sinngemäß, dann können wir allen helfen.

“Kennt ihr alle Bezirke?”, fragt die Trainerin Nina Kulhanek-Radl, 39, in die Gruppe? “Ich kenne alle gar nicht”, antwortet ein Bursche. Sein Kollege ergänzt: “Ich weiß gar nix.” Gelächter. Neun Uhr morgens in der Fröbelgasse 32. Das Fortbildungszentrum Mentor ist hier im 16. Bezirk untergebracht, ihr Projekt “Basic Plus” sei vorbildlich, heißt es in der Branche. Die Ausbildner, die Jugendliche drei Monate lang auf die Arbeitswelt vorbereiten und dann an einen Lehrbetrieb vermitteln sollen, sprechen von einer “Lebensschule”, unterrichtet werden die “Spielregeln einer Gesellschaft”.

Die Gruppe, die Kulhanek-Radl und Mannfried Hamberger betreuen, besteht aus zehn Jugendlichen, die Migrantenquote liegt mit 80 Prozent im Schnitt. Acht Gruppen sind es pro Jahr. “Keine Schlägerei. Keine sexuelle Belästigung. Keine Fremdsprachen.” steht auf einem Poster unter “Regeln” geschrieben.

Nach dem Bundeskanzler gefragt, raten sie: “Fischer?” “Nein, Strache!” Ein Jugendlicher sagt, er sei stolz, einen türkischen und keinen österreichischen Pass zu besitzen. Warum? Keine Antwort. Es braucht beinahe eine Stunde, um Wiens Bezirke in eine Karte einzutragen. Man gewinnt den Eindruck, die Kids hätten die Hälfte der neun Schuljahre versäumt. Und irgendwie stimmt das ja auch.

Es sind durchwegs aufgeweckte Jugendliche. Sie wollen Maler, Tischler oder Zahnarztassistent werden, von der Zukunft wünschen sich alle ein Haus, ein Auto, eine Familie. Arbeitslosigkeit sei fad und bringe kein Geld, sagen sie. Die meisten kennen das von ihren Eltern und Geschwistern. Am Ende wollen sie gar nicht zu reden aufhören, sie würden ja nie gefragt, was sie sich eigentlich wünschen.

“Die Kids brauchen eine Chance”

Die vom AMS vorgegebene Vermittlungsquote beträgt 20 Prozent, wobei Mentor 40 Prozent schafft. Der Rest kommt zurück ins Qualifizierungskarussell. Natürlich gebe es in jeder Gruppe hoffnungslose Fälle, sagen die Betreuer Mannfried und Nina. “Aber unser Job ist es, an sie zu glauben”, sagt Kulhanek-Radl. “Die Kids brauchen eine Chance”, ergänzt Kollege Hamberger, “und wenn sie die vertun, dann brauchen sie noch eine.” Vielleicht sind die beiden wegen dieser Einstellung nicht die Richtigen, um mit ihnen über eine verlorene Generation zu sprechen. Vielleicht sind sie es aber gerade deshalb.

Denn so lautet die Botschaft, die aus den Gesprächen mit Betroffenen bleibt, sei es im Brigittenauer Internetcafé, beim AMS-Jugendliche oder in der Fröbelgasse: Ja, sie wollen arbeiten – und erwarten sich vom Staat, dass er sie dazu befähigt.

Und es ist Installateursmeister Andreas Zemsauer, der die Botschaft jener auf den Punkt bringt, die eine gefährdete Generation jeden Tag aufs Neue zu retten versuchen. Gefragt, was ein Kanzler Zemsauer machen würde, sagte er: “Ich würde meinen Kollegen vom Bildungsministerium fragen, ob er nicht vielleicht doch etwas ändern täte.”

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