Wollen Sie Maria Theresia werden, Frau Vassilakou?

Maria Vassilakou, Spitzenkandidatin der Wiener Grünen, über Pflichten, Integration und Kindergärten für alle

aus FALTER 40/10 zusammen mit Florian Klenk

Die Wiener Grünen wurden in den vergangenen Monaten weithin als chaotische, zerstrittene und undisziplinierte Partei wahrgenommen. Warum konnte die Chefin just im Wahlkampf nicht für Ordnung in den eigenen Reihen sorgen? Schließlich sprach Maria Vassilakou noch im Frühjahr selbstbewusst von der Möglichkeit einer rot-grünen Koalition in Wien.

Falter: In Deutschland haben die Grünen laut Umfragen ein Viertel der Wählerstimmen. Warum gelingt Ihnen das nicht?

Maria Vassilakou: Der wesentliche Unterschied ist, dass die deutschen Grünen bereits in der Regierung waren. Deshalb wissen die Deutschen, was sie an den Grünen hatten, zum Beispiel die Entscheidung, dass Deutschland aus der Atomstromproduktion aussteigt. Kaum fehlen die Grünen in der Regierung, wird die Laufzeit der AKW verlängert. In Österreich haben die Grünen auf der Bundesebene noch nicht regiert. Leider, denn dann hätten wir viele Diskussionen nicht mehr.

Wenn man die letzten fünf, zehn Jahre Revue passieren lässt: Was hat denn die Sozialdemokratie Gutes über diese Stadt gebracht?

Vassilakou: Sie hat vor allem Ende der 90er und zu Beginn dieses Jahrzehnts viel von den Visionen Helmut Zilks umgesetzt. Die sind irgendwann ausgegangenen, und hier stehen wir jetzt.

Ist Wien, wie Sie es sehen, eine Stadt im Stillstand?

Vassilakou: Ich halte nichts davon, Wien niederzujammern, nur weil man der Opposition angehört. Einerseits hat sich Wien geöffnet, die Stadt bietet einen hohen Lebensstandard und ein hohes Maß an sozialer Sicherheit. Zugleich wird die Stadt aber von einer unheimlich selbstzufriedenen SPÖ regiert, die alles gesundbetet und sehr viele Chancen verpasst. Denn Wien ist auch eine Stadt, in der tausende Kinder in Containern unterrichtet werden, in der Lehrer fehlen, in der ein beträchtlicher Teil an jungen Menschen an Halbsprachigkeit leidet und 100.000 Menschen keine Arbeit haben. Da gilt es anzupacken.

Michael Häupl würde sagen, selbst die Wiener sind zufrieden, und auf zahlreiche Umfragen und internationale Studien verweisen, wonach Wien relativ gut dasteht.

Vassilakou: Es reicht nicht, wenn ich heute zufrieden bin. Es müssen auch meine Kinder zufrieden sein. Politik erschöpft sich ja nicht darin, ständig mit Umfragen und Studien und Werbekampagnen den Leuten zu sagen, wie zufrieden sie sind. Man muss die Weichen für die Zukunft stellen.

Vor 20 Jahren hat Jörg Haider beim Ausländervolksbegehren gefordert: höchstens 30 Prozent Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache pro Klasse. War diese Forderung rückwirkend betrachtet richtig?

Vassilakou: Sie war damals so absurd wie heute. Denn was mache ich, wenn ich, wie heute, bei Taferlklasslern bereits 50 Prozent habe? Bildung hat nichts mit Quoten zu tun, sondern mit Investitionen und modernen Unterrichtsmethoden und mit Lehrern, die derzeit fehlen.

So weit konnte es nur kommen, weil die Multikultis so viele Ausländer hereinließen, würde Strache antworten und damit auch Sie meinen. Sie waren bereits Mitte der 1990er-Jahre Integrationssprecherin der Grünen. Hat man damals etwas verabsäumt?

Vassilakou: Was wir in den letzten zwei Jahrzehnten erlebt haben, ist einerseits der ständige Missbrauch von Alltagsproblemen seitens rechtspopulistischer Parteien. Und andererseits ein integrationspolitisches Totalversagen von Schwarz und Rot. Die Grünen waren die Einzigen, die immer auf die Probleme und deren Lösungen hingewiesen haben. Wir haben schon Mitte der 1990er-Jahre mehrsprachige Sozialarbeiter vor Ort in allen größeren Gemeindebauten vorgeschlagen. 15 Jahre später gibt es ein paar magere Ordnungstrupps, die die SPÖ eiligst ins Leben gerufen hat. Und weder sind sie mehrsprachig noch verfügen sie über eine Mediationsausbildung. Wir brauchen endlich eine neue Integrationspolitik, die aus Zuwanderern stolze und glückliche Wiener macht. Wien hat eine grüne Vizebürgermeisterin verdient.

Welches Ressort fordern Sie?

Vassilakou: Ich will die Integrationsagenden. Das muss Chefsache sein.

Ihre erste Amtshandlung?

Vassilakou: (Lange, lange Pause.) Das Wichtigste ist, bei der Schule anzusetzen. Wenn ich in Wien entscheide, wo es langgeht, sorge ich dafür, dass jedes Wiener Kind mit zehn Jahren perfekt zweisprachig ist. Dafür muss jedes Kind ab dem dritten Lebensjahr den Kindergarten besuchen.

Also Kindergartenpflicht ab drei für Zuwandererkinder?

Vassilakou: Für alle Kinder! Ohne mit der Wimper zu zucken. Der Kindergarten ist keine Verwahrungs-, sondern eine Bildungseinrichtung. Und Kinder sind kein Eigentum. Wir wissen, dass Wohlstand und Erfolg künftig viel mehr als früher von der Qualifikation und dem Bildungsgrad abhängig sein werden. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass unsere Kinder für diese Herausforderung bestmöglich ausgestattet sind. Und zwar frühestmöglich. Ich habe überhaupt kein Problem, die Schulpflicht auf den Kindergarten vorzuverlegen.

Klingt nach Maria Theresia Vassilakou.

Vassilakou: (Lacht.) Dann bin ich das eben.

Alice Schwarzer fordert Kopftuchverbot für Schulmädchen. Das Kopftuch sei keine freie Entscheidung der Mädchen, sondern der Eltern. Was würde die Integrationsstadträtin Vassilakou dazu sagen?

Vassilakou: Ich käme nie auf die Idee, einem 16-jährigen Mädchen, das Kopftuch tragen will, es vom Kopf runterzureißen. Wo es aber Schattenseiten gibt, muss der Staat eingreifen. Wenn ich Probleme bekämpfen möchte, brauche ich an jeder Schule ausgebildete Leute, um sie zu erkennen. Deshalb fordern wir seit zehn Jahren flächendeckende Schulsozialarbeit und Schulpsychologen. Dann haben wir die Möglichkeit einzugreifen, wenn Mädchen gezwungen werden, Kopftuch zu tragen. Oder wenn sie nach den Sommerferien plötzlich verschwinden, weil sie ins Land der Eltern zurückgeschickt worden sind.

Warum haben anscheinend gerade Türken so ein Problem, sich zu integrieren.

Vassilakou: Die Türken haben kein spezielles Problem. Ihr Pech ist, in hoher Anzahl im deutschsprachigen Raum zu leben, sodass sich die gesamte Debatte um sie dreht. In weiten Teilen des Balkans oder Afrikas, in Pakistan oder Indien ist die Stellung der Frau noch heute sehr von Benachteiligung geprägt. Wenn also aus diesen Gebieten Migration nach Europa stattfindet, dann muss man mit diesem Phänomen rechnen und damit aktiv umgehen. Die erste und wichtigste Maßnahme ist, Frauen mit eigenen Aufenthalts- und eigenen Arbeitspapieren auszustatten, damit sie ihren Ehemännern nicht ausgeliefert sind. Nach kanadischem Vorbild sollte jeder in den ersten drei Jahren nach der Zuwanderung Deutsch lernen. Und währenddessen überlegt man sich gemeinsam, wie der spätere berufliche Weg aussehen könnte.

Wie sieht Ihr weiterer berufliche Weg aus, wenn Sie die Wahl verlieren?

Vassilakou: Ich weiß nicht, warum ich darüber nachdenken soll, was ich tue, wenn ich verlieren sollte. Ich kämpfe, um zu gewinnen

Das ist eine Politikerantwort.

Vassilakou: Es war ja auch eine Journalistenfrage.

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