Adieu, Wohnzimmer

Seit wenigen Tagen ist der FM4-Chat Geschichte. Erinnerungen an Österreichs Generation 1.0
Abschied: Stefan Apfl alias sputnik17

aus FALTER 40/10

Am Anfang war dieses furchtbare Geräusch. Erst nach dem digitalen, dissonanten Ächzen war es da, langsam, aber doch: das Internet. Man schrieb das Jahr 1999. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg war gerade einmal 15, an Wikipedia wurde noch offline getüftelt, und bis YouTube sollte es weitere fünf Jahre dauern. Doch etwas gab es damals schon, und zwar für alle der wenigen Milieus, die bereits ins Internet übergesetzt hatten: Chats. Der FM4-Chat war dabei ein besonderer unter vielen. Zumindest drei, vier Jahre lang diente er als eine der maßgeblichen Plattformen der fiebrigen 1.0-Generation Österreichs.

Seit einigen Tagen stößt man unter fm4.orf.at/chat auf “Not Found”, kein Link, keine Erklärung, kein Nachruf, nichts. Einer Brüssel-bedingten Novellierung des ORF-Gesetzes zufolge zählt es fortan nicht mehr zum öffentlich-rechtlichen Auftrag, Spiele, Foren und eben Chats anzubieten. Für uns, die wir damals dabei waren, geht eine Ära zu Ende.

Mithilfe eines Modems und 120 Megahertz drehten wir das Nirvana-Menetekel der 90er-Jahre um ein paar Grad weiter: Hier waren wir und unterhielten uns. Es war ein Virus, und wir waren die ersten Wirte, die es gefunden hatte. Plötzlich war Internet nicht mehr nur etwas für Programmierer, Wissenschaftler und Nerds. Plötzlich war es: Pop. Alter und Beruf spielten keine Rolle. Unsere Gemeinsamkeit war: Neugierde. Unsere Voraussetzung: Internetzugang. Unser Aggregatzustand: schnell. Im Grunde machten wir dasselbe wie alle vor uns. Bloß taten wir es in “Echtzeit”.

Massentaugliche Plattformen existierten noch nicht, als es im FM4-Chat brodelte. Eher wurden bereits vorhandene Szenen virtualisiert. Zwar machten damals schon die ersten Handys und Digitalkameras die Runde, doch Walkmen, Vierteltelefone und VHS hatten das Land noch fest im Griff. Und als rund um die Jahrtausendwende ein Professor in die erste Laptopklasse des Landes fragte: “Kennt ihr Google?” – da lachte niemand von uns. War ja alles neu.

Etwa die Möglichkeit eines digitalen Ichs. Plötzlich besaßen wir neben all den anderen auch noch Online-Persönlichkeiten, die wir nach Belieben formen konnten. Schließlich gab es keine Regeln, außer denen des Chats; und dort schrieb man durchwegs klein und ohne rücksicht auf interpunktion, man verbrachte seine zeit im einstiegsraum “wohnzimmer”, grüßte mit “re” und verabschiedete sich mit “cu”.

Die Themen, um die es sich im Chat drehte, waren natürlich nicht neu: Literatur, Musik, Politik, Ich, Sex. Neu war hingegen die Offenheit Fremden gegenüber, hochgejazzt durch die relative Anonymität. Und neu war auch die Rollenspielerei. Im Chat war jede Metamorphose erlaubt. Aus dem verhaltenskreativen Schulabbrecher wurde der verwegene Digitalpoet, aus dem schüchternen Mauerblümchen die tippselige Diva. Selbstredend griff der Chat auch auf das “richtige Leben” über, da wurden Freundschaften geknüpft, Romanzen gehegt, Partys gefeiert.

Es war denn auch ein Chattertreffen, das den Höhe- wie Endpunkt unserer digitalen Bewegtheit darstellen sollte. Denn als Nassim, alias djmaxpayne, am 9. Juni 2000 beim Treffen auf der Donauinsel vor drei dutzend Chattern ertrank, da holte uns das irreversibel in die Realität zurück.

In Zeiten von Twitter und Skype sind Chats zur Nebenheraktivität geworden. Eine Ironie der Geschichte, dass Ex-Chatter ein Abschiedstreffen via Facebook organisierten. gaspode arbeitet jetzt also für die Süddeutsche Zeitung. blumenau, der schon damals den Braten gerochen hat, arbeitet sich noch immer an den Themen Jugend und Internet ab. Und franka20 ist jetzt 30. Denkt man zurück an diese irrlichternde Zeit, dann taucht zuerst das furchtbare, galaktische Geräusch auf, das man doch gerne wieder einmal hören würde.

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