Was Serbiens Politiker von William Blake lernen können

aus FALTER 30/10

Kosovo

Die Ausrufung der kosovarischen Unabhängigkeit verstieß nicht gegen das Völkerrecht. Das verlautbarte der Internationale Gerichtshof in Den Haag am vergangenen Donnerstag mit überraschender Deutlichkeit. Der Kosovo errang damit einen wichtigen Etappensieg auf seiner Tour d’Europe. Wer künftig von einem illegalen Pariastaat spricht, sagt mehr über sich selbst als über den Kosovo.

Außenminister Skender Hyseni hat sein euphorisiertes Land deshalb umgehend verlassen, laut Diplomatenkreisen eine Liste mit 40 Staaten im Gepäck, die er zu einer Anerkennung bewegen will. Denn was sich der Kosovo nun erwartet, ist nicht mehr als die politische Normalität, die ihm gebührt. Bis heute ist der Kleinstaat nirgendwo am Parkett erwünscht, wo internationale Musik spielt, nicht in der Uno, nicht in der Fifa, nicht beim Eurovisions Song Contest.

Aber auch Serbien hat seine diplomatische Maschine angeworfen. Und dies ist der erste von zwei Stolpersteinen auf Kosovos Europa-Tour. Belgrad wollte dieses Verfahren, hat es bekommen und sollte sich jetzt an den Tisch setzen, um über die technischen Details der Nachbarschaft zu sprechen. Doch scheint sich die serbische Regierung durch den Schiedsspruch aber nicht im Geringsten beeindrucken zu lassen. Serbiens Außenminister Vuk Jeremic hat kurz nach dem Den Haager Spruch eine riskante Nichtanerkennungskampagne gestartet. Riskant, wenn William Blakes Diktum gilt: „You never know what is enough unless you know what is more than enough.“

Für die EU wäre es nun eigentlich ein Leichtes, Serbien aus dem Eck zu holen. Wäre da nicht der zweite Stolperstein: Europa selbst. Bis dato haben nur 22 der 27 Mitglieder den Kosovo anerkannt. Noch fehlen Rumänien, Zypern, Slowakei, Spanien und Griechenland. Selbst Optimisten in Prishtina und Brüssel rechnen nur mit einer Anerkennung Griechenlands.

Dass Europa, salopp gesagt, einen Staat in die Landschaft gestellt hat und ihn sich selbst überlässt, ist nicht nur ein Problem für den Kosovo, dessen Bewohner noch immer keine Aussicht auf Reisefreiheit haben. Es ist ein Problem für Europa. Denn entweder ist jemand glaubwürdig und vorhersehbar – oder eben nicht. 22/27 funktioniert in der Bruchrechnung, nicht in der Politik.

Europa und Serbien sollten sich bald entscheiden. Nicht mehr lange, und Serbien wird vor seinem EU-Beitritt stehen. Und so wie das Land bis dahin gelernt haben sollte, seiner Vergangenheit ins Auge zu sehen, sollte Europa bis dahin mit seiner Gegenwart umgehen können.

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