„Ich bin ein Wohltäter“

Ein frommer Türke aus Ottakring hilft Bedürftigen. Und auch der Hamas, behauptet die Israelitische Kultusgemeinde

aus FALTER 30/10

Aufgeregt zieht Vahit Toy einen Pass aus der Innentasche seines Sakkos. „Wenn wir verboten werden, können Sie den persönlich abholen“, sagt der Herr, der vor 38 Jahren aus der Türkei emigriert ist, „denn dann will ich kein Österreicher mehr sein.“ Es ist Donnerstagabend, als Toy am Wiener Brunnenmarkt mit seinem Pass wachelt, während einer der beiden Männer, die ihm bei dem Treffen assistieren, das Gesagte ins Deutsche übersetzt.

Der pensionierte Dachdecker steht der Internationalen Humanitären Hilfsorganisation Austria, kurz IHH, als Obmann vor. IHH – als israelische Militärs Ende Mai das Boot Mava Marmara stürmten und dabei neun Gaza-Aktivisten ums Leben kamen, wurde dieses Kürzel in der Welt bekannt. Denn der türkisch-muslimische Verein IHH hatte die Gaza-Flotte maßgeblich organisiert.

Vor zwei Wochen ließ das Berliner Innenministerium die gleichnamige deutsche Organisation verbieten, weil sie 6,6 Millionen Euro an Vereine gespendet haben soll, die der palästinensischen Terrororganisation Hamas nahestehen. Obwohl sämtliche IHH-Vereine Verbindungen mit den jeweils anderen bestreiten – die Namensgleichheit und die frappierende Ähnlichkeit der Logos seien reiner Zufall –, befindet sich auch Vahit Toy seither im Erklärungsnotstand.

„Die IHH Österreich ist ein formal selbstständiger Verein, der aber eher als Zweigstelle der deutschen IHH als der türkischen zu betrachten ist. Er sammelt ebenfalls für Organisationen im Umfeld der Hamas“, behauptet Thomas Schmidinger, Experte für politischen Islam an der Uni Wien. „Die drei Vereine werden von der türkischen islamisch-politischen Bewegung Milli Görüs dominiert. Das gilt auch für die österreichische IHH“, sagt der deutsche Journalist und Milli-Görüs-Experte Ahmet Senyurt. Die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) forderte das Innenministerium nach dem deutschen IHH-Verbot sogar auf, „in ähnlicher Weise hinsichtlich der österreichischen Zweigstelle tätig zu werden“. Denn „islamische Vereine, wie auch die IHH, sammeln Geld, das von Österreich an fundamentalistische Gruppen fließt“, sagt IKG-Generalsekretär Raimund Fastenbauer.

Bei solch schwerwiegenden Anschuldigungen überrascht es, dass bislang niemand nach Vahit Toys Version gefragt hat. Sie lautet so: Durch das Leid von Flüchtlingen veranlasst, gründete er im Jahr 2007 die IHH mit Sitz in Wien-Ottakring. Sie sei nicht nur unabhängig, Toy behauptet, den Begriff Milli Görüs gar nicht zu kennen. Über Bekannte in der Gewerkschaft, bei der Arbeits- und Wirtschaftskammer habe man Kontakte gesammelt und Spendenaufrufe verschickt. 40.000 Euro seien 2009 zusammengekommen. 80 Prozent der Spenden würden an heimische Projekte gehen, der Rest in Länder wie Indonesien, Albanien, Äthiopien. Nach Palästina sei kein Cent geflossen.

Die drei türkischstämmigen Vereinsfunktionäre beteuern während des Gesprächs am Brunnenmarkt ihre guten Absichten und Taten. „Wir wollen den Menschen helfen“, das sagen sie immer wieder. Also alles nur eine Namensverwechslung? „Genau“, sagt Vahit Toy. Sein Verein stünde nur deshalb am Pranger, weil jemand im Hintergrund die Fäden ziehe. Und wer? „Das ist alles Politik“, sagt Toy, und über Politik will er nicht sprechen.

Man könnte den Fall an diesem Punkt zu den Akten legen; wären da nicht die Zufälle und Ungereimtheiten, die sich während des Treffens mit den drei Männern ergeben.

Etwa wenn sie stolz von gespendeten Krankenwagen, von hunderten Schultaschen und Rollstühlen erzählen – die Auslandsspenden jedoch nur mit ein paar tausend Euro beziffern. Oder wenn der Obmann behauptet, auf die Demo gegen Israel, die Anfang Juni in Wien stattgefunden hatte, nur als Privatperson gegangen zu sein – und die Flugblätter unerwähnt lässt, die er dort im Namen der IHH verteilte und in denen von „Märtyrern“ die Rede war. Oder wenn Toy beteuert, mit dem heimischen Moscheeverein Islamische Föderation, hinter dem die türkische Bewegung Milli Görüs steht, nichts zu tun zu haben – obwohl er die IHH-Pressemitteilung nach der israelischen Militäraktion just auf www.dewa.at, einem Internetportal der Föderation, veröffentlichte.

Nachfragen besprechen die Herren auf Türkisch, die schlüssigste Antwort wird übersetzt: Die Flugblätter habe man zu erwähnen vergessen, die Stellungnahme sei zufällig auf der Website der Föderation veröffentlicht worden, und nur ein geringer Teil der Auslandsspenden stamme von der IHH selbst. „Wir sind internationale Verknüpfer zwischen denen, die haben, und denen, die brauchen“, sagt Toy und erzählt von einer belgischen Organisation, die sich an ihn gewandt habe und deren 700 Rollstühle er nun nach Bosnien weiterleite.

Warum sich jemand aus Belgien mit solch einer großen Spende ausgerechnet an einen kleinen Wiener Verein wendet, der über wenig Erfahrung verfügt, kann Toy nicht erklären. Namen und Adressen der internationalen Empfängervereine gibt der IHH-Obmann nicht heraus, ebenso wenig sind Bilanzen oder Broschüren über die Vereinstätigkeiten einsehbar.

Ein Sprecher des Verfassungsschutzes sagt, dass gegen die IHH Österreich keine Erkenntnisse „strafrechtlich relevanter Verhaltensweisen“ vorliegen und sich die Frage nach Ermittlungen wegen Terrorfinanzierung deshalb nicht stelle. Mehmed Turhan, Chef der Islamischen Föderation Wien, deren Vorfeldorganisation die IHH laut den Vorwürfen sein soll, ist für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Jene wiederum, die die Vorwürfe der indirekten Fundamentalismus-Finanzierung erheben, legen dafür keine Belege vor.

Omar Al-Rawi, SPÖ-Gemeinderat und Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft, bei der auch die Islamische Föderation vertreten ist, bestreitet jede Beziehung zur IHH. Gemeinsam mit dem Verbot des Vereins hatte die IKG auch seinen Rücktritt gefordert: „Trotz der unqualifizierten Angriffe bin ich um Deeskalation gegenüber der jüdischen Gemeinde bemüht“, mehr will Al-Rawi dazu nicht sagen.

Entweder sind die IHH-Funktionäre unprofessionell und die Ungereimtheiten tatsächlich bloß Zufälle – oder Toys Version vom kleinen, unabhängigen Verein stimmt so nicht. Der Obmann entscheidet sich für Variante Eins und bittet, nicht auf Fädenzieher reinzufallen, man wolle ja nur Gutes.

Auf eine Diskussion darüber, ob etwa Rollstühle oder Baumaterial für Hilfsorganisationen in Gaza bereits eine Unterstützung der Hamas wären, will sich Toy nicht einlassen, auch wenn es offenkundig ist, dass sogar die Innenministerien in Deutschland und Österreich bezüglich dieser Frage unterschiedlicher Meinung sind. Doch es sind solche politischen Fragen, die den Hintergrund der Auseinandersetzung zwischen der IHH und der IKG bilden.

Es ist schon Nacht geworden am Brunnenmarkt, als der IHH-Obmann am Ende des Gesprächs doch noch politisch wird und fragt: „Was glauben Sie eigentlich, wer die Zwillingstürme gesprengt hat?“, um selbst lächelnd zu antworten: „die Fädenzieher“.

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