In einem Land vor unserer Zeit

In wenigen Tagen wird Arigona Zogaj in den Kosovo zurückkehren. Wie sieht die Welt aus, in der sie künftig leben wird?

aus FALTER 27/10

Es ist ein steiniger, von Furchen durchzogener Weg, der zum Haus führt, in dem Alfred Zogaj wohnt. Vorbei an Müllbergen und Ruinen, an kichernden Roma-Kindern und rauchenden Männern mit starren Mienen. Oben am Hügel, über der westkosovarischen Stadt Peja, sitzt der 19-Jährige auf einem Holzscheit und lächelt. „20.000 Menschen, die nur wegen uns demonstrieren. Das ist schon schön“, sagt Alfred Zogaj. Dann schweigt er wieder und schaut hinunter ins Tal.

Drei Jahre ist es bald her, dass der Bruder von Arigona Zogaj mit seinem Vater und drei Geschwistern im September 2007 abgeschoben wurde. Seither ist viel geschehen: Die fünf kehrten zunächst in ihren Heimatort Kaliqan zurück, wo sie im Haus ihrer Großmutter wohnten. Eines Tages verschwand der Vater wortlos, dann starb die Großmutter. Plötzlich standen Alfred und Alban alleine da, alleine mit zwei Kindern im Volksschulalter. Vor einem Jahr brachten sie die beiden dann auf eigene Faust zurück nach Österreich. Seit auch Alban verzog, lebt Alfred mit einem Cousin in Peja, vom Geld, das ihm der oberösterreichische Pfarrer Josef Friedl schickt.

Die Leere nach der Abschiebung

Alfred Zogaj hat also viel erlebt seit seiner Abschiebung – und gleichzeitig gar nichts. Drei Jahre lang ist er spät aufgestanden und früh schlafen gegangenen, hat ferngesehen und in die Landschaft geschwiegen. Das letzte von mehreren Treffen ist zwei Jahre her, im Vergleich zu damals wirkt er desinteressiert, phlegmatisch. Er fragt nicht mehr, was in Österreich geschieht oder wie seine Chancen auf eine Rückkehr stehen. Und wenn man ihn fragt, wofür er sich begeistern kann, fällt ihm nichts ein, bloß, dass jeder Tag gleich ist, gleich fad.

Auf dem Hügel über Peja sitzt ein erwachsener Mann in einem Bubenkörper, der gelernt hat, ohne Vater und Mutter zu leben, ohne Schule, Arbeit und Ziel. „Mein Wunsch?“, fragt Alfred. „Was soll ich mir wünschen, wenn ich weiß, dass ich nicht mehr nach Hause kann?“

Zu Hause. Wo ist das? Und wer entscheidet darüber? Sind Familien, die seit fünf, seit zehn Jahren in Österreich leben, deren Väter in Fabriken am Fließband stehen, deren Mütter im Beisl das Schnitzel servieren, deren Kinder in der Schule büffeln, sind diese Familien noch Asylwerber – oder sind sie schon unsere Nachbarn, sind sie „welche von uns“? Diese Frage durchzieht die Debatte um Arigona Zogaj. Erst jetzt, wo ihre Abschiebung gewiss ist, kommt eine andere hinzu: Wie sieht eigentlich die Welt aus, die sich für Alfred Zogaj nicht mehr dreht und in die Arigona und ihre Mutter nun zurückkehren werden?

„Die kurze Antwort lautet: Unsere Welt ist nicht sehr einladend. Vor allem nicht für Rückkehrer.“ Veton Mujaj sitzt in seinem engen, dunklen Büro im Zentrum von Peja; es ist dunkel, weil wieder einmal der Strom ausgefallen ist. Deshalb hat der 33-Jährige auch Zeit für die lange Antwort.

Er erzählt von seinem Bruder, der in den 1980er-Jahren zehn Jahre lang eingesperrt wurde, weil er für Kosovos Autonomie demonstriert hatte; und von seiner eigenen Schulzeit in den 1990er-Jahren, als im Gymnasium von Peja serbische Lehrer serbische Schüler unterrichteten, während Mujaj mit einer von 32 albanischen Klassen von Wohnzimmer zu Wohnzimmer zog. „Wenn man sich also darüber beklagt, wie schlimm es heute ist, sollte man immer daran denken, wie es hier vor zehn, vor 15 Jahren ausgesehen hat“, sagt er.

Jeder Zweite ist arbeitslos

Noch im Jahr 1999, als die USA die Serben aus dem Kosovo verjagten, gründete Mujaj in der kriegsversehrten Stadt die NGO „Syri i Vizionit“, „das Auge der Vision“. Heute finanziert er mit ausländischem Geld 30 Mitarbeiter und viele Projekte in der Region. Er erstellt Integrationsstrategien für Rückkehrer und berät sie – allerdings nur Minderheiten wie Roma, Asahi und Kosovo-Ägypter. Was kosovo-albanische Rückkehrer von ihm oder vom Staat erwarten können? „Gar nichts“, sagt Mujaj, „sie sind im Moment auf sich alleine gestellt.“

Zwar existiert eine staatliche Integrationsstrategie, doch für die Umsetzung fehlen Beamte, Geld und Know-how. Unter den rund zwei Millionen Bürgern herrscht eine Arbeitslosigkeit von 50 Prozent, unter Jugendlichen ist sie noch höher. Die Hälfte lebt unter der Armutsgrenze von 1,40 Euro am Tag. Ein Durchschnittsgehalt liegt bei 200, die Pension bei 60 Euro. Es gibt weder eine Sozial- noch eine Krankenversicherung. Kurzum, es existiert kein Sozialstaat, der die 6500 Menschen, die jedes Jahr in den Kosovo zurückkehren, auffängt.

Man könnte nun die Geschichten ambitionierter Rückkehrer erzählen, die freiwillig aus New York, London, Berlin in ihre Heimat kommen, um sie wieder aufzubauen, und die sich als Designer, als Musiker, als Manager einen Namen machen. Es sind beeindruckende Beispiele, aber Ausnahmen.

Viele Ideen, aber kein Geld

Die Regel bilden Familien, die sich meist über Jahre hinweg eine Kleinbürgerexistenz im Westen geschaffen haben, ehe sie sich unversehens auf dem Flughafen von Pristina wiederfinden – zurück in einer patriarchalen Nachkriegsgesellschaft, in der Wirtschaft und Politik von Nepotismus, Korruption und organisierter Kriminalität geprägt sind.

Um etwas über diese unerzählten Geschichten zu erfahren, kann man sich mit Johannes Wedenig, dem Kosovo-Chef von Unicef, zusammensetzen. Im Rahmen einer aktuellen Studie über Rückkehrer, die Minderheiten angehören, hat er herausgefunden, dass drei Viertel der aus Deutschland abgeschobenen Kinder im Kosovo keine Schule mehr besuchen. Und dass die Kinderarmut in Europas jüngster Bevölkerung, in der zwei Drittel unter 35 Jahre alt sind, die ohnehin grassierende Armut noch übersteigt. „In den vergangenen Jahren flossen Milliarden in Infrastruktur, Sicherheit und den Aufbau des Rechtsstaats“, sagt Wedenig, „in die Zukunft der Kinder wurde hingegen wenig investiert.“

Man könnte auch eine Schule in Peja besuchen, wo Direktor Artan Demaj in einem zweistöckigen Gebäude mit zerbrochenen Fenstern, löchrigen Tischen und einer kaputten Heizung 1600 Kinder unterbringt. Man könnte sich von ihm schildern lassen, wie Rückkehrerkinder an Sprachbarrieren, Unterforderung und Ausgrenzung leiden. Es gebe viele Ideen für Reformen, sagt Demaj, aber kein Geld. Doch nicht die Qualität der Ausbildung ist das dringendste Problem, sondern die Aussichtslosigkeit auf dem Arbeitsmarkt. Dann sagt der Direktor das Gleiche wie Alfred Zogaj: „No connections, no job.“ Wer keine Verbindungen hat, bekommt auch keine Arbeit.

Um die unerzählten Geschichten zu hören, könnte man aber auch einfach an der Tür der Familie Kullashi klopfen. Der Weg zu ihrem Haus führt durch die staubigen, mit Müll gesäumten Gassen Pejas. Während ein Unwetter über der Stadt aufzieht, erzählt Nita, das älteste von fünf Kindern, wie sie 1996, als Achtjährige, nach Deutschland floh. Dort hatte sie Freunde, Hobbys, Pläne – bis eines Morgens nach sechs Jahren die Polizei an die Tür klopfte.

„Das war das Schlimmste, das mir je passiert ist“, sagt Nita. „Ich bin mehr deutsch und mit der Mentalität hier nicht mehr klargekommen.“ Mit der Stellung der Frau etwa. Nita durfte hier keinen Alkohol trinken und keinen Freund haben, wurde an ihrer Figur und am Stand ihrer Eltern gemessen.

„Die Leute hier glauben, sie seien modern. Aber in acht Jahren haben sich nur die Mode und die Häuserfassaden verändert“, sagt Nita. Ihre Clique besteht aus Mädchen, die ihr Schicksal teilen. Sie alle fühlten sich, in den Kosovo abgeschoben, isoliert und unverstanden. Klar gäbe es hier Psychologen, mit denen man reden könne, sagt sie, und es sei auch gar nicht schwer, einen Termin bei ihnen zu bekommen. Denn bei 15 Euro pro Stunde bleibt den meisten nur das Schweigen.

Die Großfamilie ist das Rettungsnetz

Was rät Nita jungen Kosovaren, die sich auf die Abschiebung vorbereiten müssen? „Ich würde alles tun, um dort zu bleiben, denn hier hast du nur zwei Möglichkeiten“, sagt sie. „Du findest dich mit deinem Schicksal ab oder du bringst dich um.“

Nita Kullashi hat sich abgefunden, vorerst. Seit zwei Jahren studiert sie Germanistik, sie ist der Stolz ihrer Familie – und deren Zukunftsinvestition. 100 der 250 Euro, mit denen die sieben im Monat auskommen müssen, werden in ihr Studium investiert. In einem Jahr will sie nach Deutschland zurückkehren, um weiterzustudieren: „Hier sehe ich keine Zukunft. Aber ich weiß nicht, ob das an mir liegt oder am Kosovo.“

Ihrer Familie wurde die Rückkehr erleichtert, weil sie in einem sozialen Netz landete. Der Familienverband kompensiert den nicht vorhandenen Sozialstaat. Die Auslandsüberweisungen von Verwandten sollen so hoch sein wie das Bruttoinlandsprodukt. Bloß, wer keine Großfamilie hat, der landet ganz unten, zum Beispiel bei Schwester Martha Maria Fink.

Die erste Frau als Ehrenbürgerin

Wie die 75-jährige Nonne in ihrem Zentrum am Rande Pejas umhereilt, wie sie mit Kollegen skypt, Kleiderspenden verteilt und Besucher betreut, wirkt sie wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Und das ist sie auch. Mithilfe ausländischer Spenden hat die Tirolerin im Alleingang die NGO „Hände voller Erbarmen“ aufgebaut, für die sie unlängst zur Ehrenbürgerin Pejas ernannt wurde, als erste Ausländerin, als erste Frau.

Ihre 16 Mitarbeiter absolvieren pro Jahr 10.000 Hausbesuche, um alte und bettlägerige Kosovaren zu pflegen, sie betreuen 40 Kinder und Jugendliche und haben einen Permakulturgarten angelegt, um den Bewohnern der Umgebung, die meist kleine Landwirtschaften haben, neue Anbaukonzepte nahezubringen.

Schwester Martha Maria kann stundenlang erzählen, was die Menschen hinter den ungestrichenen Hausfassaden lähmt. Sie spricht von Passivität und Schicksalsergebenheit. Heute gebe es vielleicht genug Kleidung und geflickte Dächer, aber keiner kümmere sich um die Psychohygiene. Kaum einer, der zuhört, der motiviert, der mit gutem Beispiel vorangeht. „Den Kosovaren ist es leider nicht geschenkt, von selbst Initiative zu ergreifen“, sagt die Barmherzige Schwester.

Es sind beinahe ausschließlich ausländische oder aus dem Ausland finanzierte Initiativen, die hier einen Parallel-Sozialstaat aufziehen, wie etwa die „Allianz für Kinder“, ein oberösterreichischer Verein, der jährlich 200 kranke Kinder zur Behandlung nach Österreich bringt. Oder die Barmherzigen Schwestern in Wien, die Kinder in Akutfällen ausfliegen. Oder ein Priester, der ein renommiertes Gymnasium aufgebaut hat. Sie helfen zwar jenen Kosovaren, die ohne sie keine Perspektive hätten. Gleichzeitig hängt das Land dadurch weiterhin am Tropf Europas.

Jedes Gespräch hier schwankt deshalb zwischen Optimismus und Resignation: Soll man über den Mangel klagen oder die Fortschritte betonen? Egal, ob man mit Politikern oder NGOlern spricht, mit Taxifahrern oder Arbeitslosen, am Ende steht immer dasselbe Fazit: Es geht voran, aber eben in kleinen Schritten, die man nur mit Hilfe aus dem Ausland setzen kann. Die Frage, ob Auslandskosovaren die Pflicht haben, zurückzukehren, um ihr Land aufzubauen, oder das Recht, ihre Heimat hinter sich zu lassen, um anderswo neu anzufangen, kann niemand eindeutig beantworten.

„Kommen Sie mit“, sagt Schwester Martha Maria und steigt in ihr Auto. Sie fährt ins Zentrum von Peja, wo vor einem Rohbau eine weinende Frau steht. Sie sucht Alban, einen ihrer drei Söhne, der wieder ausgebüchst ist. Die Familie ging 1991 nach Deutschland, der Mann starb bald darauf bei einem Autounfall und hinterließ seine Frau mit drei behinderten Kindern. Trim kann wegen einer seltenen Krankheit nicht mehr gehen. Granit hat körperliche Verkrümmungen und nur noch eine Niere. Und Alban ist geistig behindert und soeben von seinem Ausflug heimgekehrt.

Abgeschoben nach 19 Jahren

Die vier wurden vergangenes Jahr abgeschoben – nach 19 Jahren in Deutschland. Obwohl Granit eine Arbeit gefunden hatte, obwohl die anderen beiden in Therapien waren, obwohl die Mutter an einer Schilddrüsenkrankheit litt. In den Zeitungen stand am nächsten Tag keine Zeile, kein Einziger ging für die Gjogajs auf die Straße.

Weil sie ihrer Abschiebung mit einer Unterschrift zustimmten, erhalten sie zwei Jahre lang 400 Euro pro Monat. Dafür konnte das deutsche Innenministerium den Fall als „freiwillige Rückführung“ ablegen. Seither wohnt die Familie in zwei Zimmern, keiner hat Arbeit, auf der Straße werden sie gemieden. 45 Euro Invalidenpension im Monat, das ist alles, was sie vom kosovarischen Staat erhalten. „Es ist eine Katastrophe“, sagt Trim. Der gehbehinderte Junge betrachtet die Welt seit seiner Abschiebung vom Sofa aus, er weiß, eine andere Perspektive gibt es für ihn nicht mehr: „Ist das nicht unfair von Deutschland?“, fragt er. Was soll man ihm darauf bloß antworten?

Ehe sie in ihr Auto steigt, notiert Schwester Martha Maria die Namen der Medikamente, die die Familie braucht, und organisiert einen kostenlosen Arzttermin. Wenige Minuten später wird in Südafrika das WM-Spiel Deutschland gegen Argentinien angepfiffen. Die Gjogajs werden vor dem Fernseher mitfiebern und bei jedem der vier Treffer Deutschlands jubeln. Sie glauben noch immer, dass es ihr Land ist, das da gewinnt.

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