Unter dem Strand, das Pflaster

Endlich, der perfekte Sommerschlüpfschuh ist wieder da: der Espandrillo

Aus FALTER 26/10

Jeder Schuh hat sein Lebensgefühl: Mit Chucks ist man alternativ, mit Stöckelschuhen ist man eine Dame und mit genagelten Schuhen ist man wer. Derlei Zuschreibungen sind elastisch und werden von der Modeindustrie auch gerne strapaziert, wenn etwa Gummistiefel oder Halbschuhe eine Saison lang als Ausweis für die Mitgliedschaft im Avantgardeclub herhalten müssen. Nur wenig Schuhwerk bleibt von solchen Umdeutungen zeitlebens verschont, meist deshalb, weil Schuh und Lebensgefühl ein untrennbares Paar bilden. Und so wie beispielsweise der Winter seinen Skischuh hat, so hat der Sommer seinen Espandrillo, genauer: Dem Espandrillo gehört der Sommer. Endlich wieder und vollkommen zu Recht.

„Ach, trägt man die jetzt wieder?“, fragte ein Kollege unlängst, unangebracht amüsiert. Ja und nein.

Ja, antworteten wir, schon seit einigen Jahren. Nachdem Designer mit klingenden Namen ihre Models bereits 2005 mit den Stofftretern beschuht hatten, wurden diese im Fahrwasser des unseligen 80er-Revivals von den Laufstegen herunter direkt in die Schuhgeschäfte des 21. Jahrhunderts gespült. Traten sie in den vergangenen zwei, drei Jahren eher unscheinbar und zufällig auf, so müssen sie in dieser Saison als Teil einer hyper-individuellen H&M-Uniform herhalten – also hochgestrickte Hose, Leinentasche und ausrasierte, nach hinten geworfene Biogelfrisur. Doch der Coolnessfaktor von der Stange kann ihnen nichts anhaben. Dafür sind sie zu sehr Sommer.

Und nein, antworteten wir dem Kollegen, man trägt die nicht jetzt wieder, man trug sie all die Jahre bei sich, als Erinnerung an heile Kindheitsurlaube, vornehmlich in Griechenland. Der Geruch von Sonnenmilch, Anisschnaps und Tsatsiki, die erste Sandburgliebe, die letzten Schwimmflügerln, unendlich viel Sand im Bett und Espandrillos an den Füßen. So war das damals, so hat es sich ins Kleinkinderhirn eingebrannt. Espandrillos an allen Füßen übrigens, an jenen wohlgenährter Gemeindebaublumen wie an jenen unterzuckerter Millionärsgattinnen, die sich vereinsamt griechischem Wein hingaben und von Udo träumten.

Espandrillos waren und sind große Gleichmacher, so simpel wie Flip-Flops, bloß schlicht anstatt banal, so praktisch wie Goretexsandalen, bloß elegant anstatt plump – und bei alledem bifunktional, zum Schlüpfen und Schlapfen, für Damen und Herren.

Bei ihrem x-ten Comeback (seit Grace Kelly und Sophia Loren sie in den 50ern trugen, kehren sie regelmäßig wieder) sind sie farbenfroher, variationsreicher und stabiler denn je.

Vielleicht nicht in Wien, jedoch an Orten mit Schuhmodeanspruch (eigentlich alle außer Wien), lassen sie sich in sämtlichen erdenklichen Farben und Mustern finden, etwa in Leder, rau und glatt, oder mit Keilabsatz, mit oder ohne Fesselbändchen. Dem handelsüblichen Modell wurde mittlerweile eine gerippte Gummifläche unter die geknüpfte Pflanzenfasersohle geklebt. Damit halten sie länger, aber noch immer nicht lange. Müssen sie auch nicht. Espandrillos sind da, um zu vergehen, so wie der Sommer.

Die aus Spanien stammenden Schlüpfschuhe, die zunächst Arbeiter auf Mallorca getragen haben sollen, werden richtigerweise eigentlich Espadrilles gerufen, was auf das ursprünglich als Sohlenmaterial verwendete Espartogras zurückzuführen ist. Doch darauf bestehen wohl nur Spanier, Besserwisser und Wikis.

Sie bieten zwar nach wie vor keinen festen Halt, sind zum Laufen ungeeignet und nicht nur atmungs-, sondern auch geruchsaktiv. Dafür ersetzen sie auch nach wie vor das Gefühl von Federung mit jenem, auf Sand zu gehen, ob zu Hause, im Büro oder auf dem Weg dazwischen. Und unter dem Strand, das Pflaster.

Und wenn jene Zyniker und Zweifler, die heute behaupten, in den 1980er-Jahren geschlafen, Espandrillos schon damals verachtet und Griechenland schon vor der Krise gemieden zu haben, uns dummdreist fragen: „Und was, wenn es regnet?“, antworten wir: Dann ziehen wir sie eben aus! Denn es wird ein Sommerregen sein, durch den wir lächelnd spazieren, den perfekten Sommerschlüpfschuh in der Hand.

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