Die Islam-Macher

Atib ist ein von der Türkei gesteuerter Islamisierungsapparat, behaupten seine Kritiker. Wir arbeiten unabhängig und für Integration, sagt Atib. Wie funktioniert Österreichs größter Moscheeverein?

aus FALTER 25/10

Pünktlich zum Beginn der Demonstration entlädt sich ein Gewitter über dem Floridsdorfer Spitz. Freitag, 14 Uhr, am Platz vor der Bezirksvorstehung. Die 150 Anwesenden, eine aus Pensionisten, Rechtsradikalen und Journalisten zusammengewürfelte Menge, spannen ihre Schirme auf.

Die Demonstration der Bürgerinitiative Rappgasse ist nicht nur ein Protest gegen ein geplantes Islamzentrum, gegen Parkplatznot und Lärm, gegen Islamisierung und misslungene Integrationspolitik. Sie richtet sich vor allem gegen den Moscheeverein Atib, der in den Augen der Teilnehmer für all das steht.

„Die gebildeten Chefs von Atib haben kein Interesse an Integration. Sie wollen eine Parallelgesellschaft bilden“, sagt Hans-Jörg Schimanek, freier Bezirksmandatar und Aktivist der Initiative, auf der Rednerbühne. „Wir müssen den Staatsverein Atib, der die Integration im Auftrag der Türkei verhindert, hinterfragen“, sagt Hannelore Schuster, Chefin der Bürgerinitiative gegen ein Islamzentrum in der Brigittenauer Dammstraße. Schließlich ruft Rudolf Gehring, Chef der Christenpartei: „Hier macht ein ausländischer Verein Politik gegen uns Wiener.“

Wer also ist dieser Verein Atib, die Türkisch Islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit in Österreich? Und was ist dran an den Vorwürfen, es handle sich um einen integrationsunwilligen, von Ankara gelenkten Verein, der in Österreich seit 20 Jahren an einer Parallelgesellschaft bastelt?

„Grüß Gott“, sagt Nihat Koca, 38, im dritten Stock der Atib-Zentrale in der Wiener Gudrunstraße, und gleich danach: „Die Vorwürfe stimmen alle nicht.“ Ob es um Presseanfragen oder um die Akkordierung von Bauvorhaben mit der Baupolizei geht, um Verteidigungsreden bei Bürgerversammlungen oder um die Kooperation mit Integrationsstellen – wenn Koca spricht, dann spricht Atib. „In Wahrheit arbeiten wir für Integration“, sagt er, „und gegen eine Parallelgesellschaft.“

Parallelgesellschaft, genau dieses Wort kommt einem unweigerlich in den Sinn, wenn man die Zentrale in der Gudrunstraße betritt. Kein Schriftzug, kein Türschild, keine Klingel weisen auf den Zweck des Gebäudes hin. Auf fünf Stöcken gibt es hier Veranstaltungssäle, Gebetsräume, einen Kindergarten, ein Studentenheim und einen Arzt – nämlich Nihat Koca.

Seit vier Jahren fungiert der Atib-Vize, der als Einjähriger nach Österreich kam, als Vereinsmanager. Der praktische Arzt wird durchwegs als verbindlich, engagiert und korrekt beschrieben. Und als etwas überlastet. Schließlich ist Atib Österreichs größter und umstrittenster Moscheeverein. 25.000 Familien sind laut Eigenauskunft eingetragen, damit besuchen regelmäßig 80.000 Menschen die 60 heimischen Einrichtungen. Jeder sei willkommen, betont Koca, egal welcher Religion, Ethnie oder Nationalität er angehört. Bloß kommen nur Türken, die an Atatürk und seine Interpretation des Islam glauben.

Es ist die Gretchenfrage, die Bürgerinitiativen wie Integrationspolitiker gleichermaßen an Atib stellen: Wie hält ihr es mit der Türkei? Kocas Antwort lautet so: 33 türkische Moscheevereine haben sich 1990 auf der Suche nach akademisch ausgebildeten und erfahrenen Imamen zusammengeschlossen und sind bald darauf beim türkischen Staat fündig geworden.

Seither entsendet und bezahlt Ankara Imame in ganz Österreich, mittlerweile 60 an der Zahl. Ansonsten sei der Verein finanziell, inhaltlich und organisatorisch von Ankara unabhängig. Das islamische Zentrum in der Floridsdorfer Rappgasse etwa, wo im Herbst auf 1800 Quadratmetern Gebets- und Seminarräume, ein Geschäft und ein Kindergarten eröffnet werden sollen, sei allein durch Spenden, Mitgliedsbeiträge und Kredite finanziert worden. Der Kaufpreis: 1,2 Millionen Euro.

Die andere Version ist etwas komplizierter: Die tausenden türkischen Gastarbeiter, die ab den 1950er-Jahren vor allem nach Mitteleuropa emigriert waren, sorgten für eine Nachfrage nach Moscheen, Imamen und sozioreligiöser Gemeinschaft. Gestillt wurde sie von den Organisationen Milli Görüs und der Union Islamischer Kulturzentren (UIKZ), Bewegungen, die in der Türkei wegen ihres politischen Anspruchs verfolgt wurden. Dazu muss man wissen, dass die Türkei eine sogenannte inverse Theokratie ist, dass der Islam mit der Republikgründung im Jahr 1923 unter staatliche Kuratel gestellt wurde und seither von einer Art Religionsministerium kontrolliert wird.

Um die Auslandstürken also nicht einer radikalen und politisierten Interpretation des Islam zu überlassen, stieg die Regierung selbst in den Wettbewerb um Auslandstürken ein. So kam es zu den Gründungen von Ditib in Deutschland und Atib in Österreich. Als Präsident fungiert traditionell der Religionsattaché der jeweiligen türkischen Botschaft, also ein Diplomat, der Ankara direkt untersteht.

Einer, der diese zweite Version vertritt, ist Thomas Schmidinger, Experte des politischen Islam an der Universität Wien. „Atib wird vom türkischen Amt für religiöse Angelegenheiten gesteuert. Das hat den Vorteil, dass die Imame einen gemäßigten Islam predigen. Und den Nachteil, dass die Türkei keine ausgereifte Demokratie ist“, sagt Schmidinger, der in den vergangenen Jahren drei große Linien in der Vereinsstrategie erkannt haben will: Erstens werden die Einrichtungen sichtbarer und repräsentativer. Zweitens wird die Jugend- und Frauenarbeit ausgeweitet. Und drittens wird die Kommunikation mit Öffentlichkeit, Behörden und Nachbarn verstärkt.

Seit 20 Jahren operiert der Moscheeverein in Österreich, er tat es stets am Rande der Gesellschaft, der Dörfer und Städte – und hat dabei niemanden gestört. Nun führt ausgerechnet das neue Selbstbewusstsein, der Versuch, sich aus den Hinterhöfen zu emanzipieren, zu Konfrontationen. Im Jahr 2007 etwa erregte der Bau eines Minaretts in Telfs eine bundesweite Debatte über Migration, Integration und Sichtbarkeit von Muslimen. Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass das 15 Meter hohe Minarett, das eher einer sowjetischen Weltraumrakete denn einem würdevollen Symbol ähnelt, doch nicht zum Mekka für Tiroler Muslime wurde. In Bad Vöslau wiederum konnte ein Streit um ein Atib-Bauvorhaben durch Mediation gelöst werden. Die beiden Minarette sind nun im Innenhof des Zentrums versteckt – so viel zur neuen Sichtbarkeit von Muslimen.

In der Brigittenauer Dammstraße kämpft eine Bürgerinitiative mit Schützenhilfe der FPÖ seit drei Jahren gegen den Ausbau eines Atib-Zentrums. Die Initiative fürchtete Lärm? Atib bat seine Mitglieder, leise zu sein. Die Initiative fürchtete Parkplatzmangel? Atib bat seine Mitglieder, mit öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen. Die Initiative forderte einen Stopp der Islamisierung? Yasar Ersoy war ratlos. „Vielen Leuten geht es nicht um Kompromisse. Sie wollen einfach keine islamischen Zentren in ihrer Nähe haben“, sagt Ersoy.

Der Atib-Funktionär war an der Schlichtung der Konfrontation in der Dammstraße beteiligt und wollte die Fehler von damals in der Rappgasse nicht noch einmal machen. Also hat man Informationszettel verteilt, einen Tag der offenen Tür organisiert, Nachbarn und Politiker informiert. Zu einer Demonstration kam es zwar dennoch, aber sie war weit kleiner als vor drei Jahren in der Dammgasse.

Ersoy, 28, ist davon überzeugt, dass „wir den Menschen mit unserer Arbeit helfen, Türken und Österreichern“. Der Wiener wurde in Österreich geboren und wuchs in der Türkei auf. Von klein auf besuchte er mit seiner Familie Atib-Einrichtungen.

Ersoy arbeitet seit fünf Jahren mit einem Dutzend Kollegen in der Gudrunstraße, zunächst in der Jugendabteilung, die etwa Sport, Nachhilfe und Musikunterricht anbietet. Heute leitet Ersoy den Sozialfonds. Stirbt etwa ein Vereinsmitglied, dann läutet sein Telefon. Ersoy regelt dann die Formalitäten mit den Behörden und islamische Rituale wie Waschung und Totengebet. Atib übernimmt außerdem die Kosten der Beerdigung oder, auf Wunsch, die jährlich rund 200 Rückführungen des Leichnams in den türkischen Heimatort.

Kindergärten, Folkloreunterricht, Friseure, Geschäfte, Cafés, Sportturniere – die Zeiten, in denen Atib lediglich religiöse Aufgaben übernahm, sind längst vorbei. Umso wichtiger wurde der Verein auch für die heimische Integrationspolitik. In jenen Kreisen, die regelmäßig mit Atib kooperieren, unter Beamten, Integrationspolitikern und Sozialarbeitern, heißt es hinter vorgehaltener Hand unisono: Ja, man müsse skeptisch bleiben, schließlich handelt es sich um einen Verein des türkischen Staates, der hermetisch nach innen orientiert sei. Gleichzeitig sei Atib im Gegensatz zu den meisten anderen religiösen Vereinen berechenbar, organisiert und kompetent.

Als einen „aktiven Partner auf der Suche nach Dialog“ bezeichnet Ursula Struppe, Chefin der Wiener MA 17 für Integration, den Verein. Wenn die Stadt Wien etwa Informationen über Rekrutierungsmaßnahmen der Polizei für Migranten, über Gesundheitsprävention oder Sommer-Deutschkurse verbreiten will, ist Atib eine willkommene Plattform. „Die Organisation hat sich in den vergangenen Jahren merklich verändert“, sagt Struppe, sie spricht von „Öffnung und Professionalisierung“, die aber ruhig noch weiter voranschreiten könne.

Die Spannungen, die Atib mit seiner zunehmenden Präsenz auslöse, führt Struppe nicht nur auf Islamophobie zurück. „Es geht dabei auch um die Erkenntnis, dass die türkischen Migranten neue Österreicher sind“, sagt sie, „Und die ist für viele schmerzvoll.“

Struppe führt damit zur zentralen Frage, die Atibs Aktivitäten aufwirft: Erschwert der Verein Integration, indem er türkische Inseln baut, auf denen tausende Österreicher ihr Leben führen können, ohne mit der hiesigen Realität in Berührung zu kommen? Oder erleichtert er gebürtigen Türken den steinigen Weg in eine neue Heimat, die genug Raum für beide Identitäten bietet?

Die Antwort variiert, je nachdem, wen man fragt. Man kann sich ausmalen, wie Atib-Manager Koca darauf antwortet. Und man braucht nicht bei der Demo am Floridsdorfer Spitz dabei gewesen zu sein, um zu ahnen, was FPÖ-Chef und Hauptredner Heinz-Christian Strache darüber denkt.

Ursula Struppe, die Chefin der MA 17, etwa sagt, dass es kein Widerspruch sein muss, Österreicher zu sein und bei Atib ein und aus zu gehen. Senol Akkilic, Sozialarbeiter mit türkischen Wurzeln und Grün-Politiker in Wien, wiederum ist es lieber, wenn Austrotürken zu Atib gehen anstatt in radikale Moscheen. „Es wäre mir aber am liebsten, wenn sie zum Sport, zur Nachhilfe, zum Zeitvertreib gar nicht in einen religiösen Verein gehen würden“, sagt Akkilic. Einig sind sich alle Beteiligten, von Koca über Akkilic bis zu Strache, nur darin, dass die derzeitige Form des Imamdienstes kein Zukunftsmodell ist. Hierzulande fehlt einerseits bislang eine Ausbildung, andererseits ist es schwer vorstellbar, dass die Türkei ihre Deutungshoheit über die religiöse Lehre aufgeben wird.

Yilmaz Kosan etwa lebt seit acht Monaten in Österreich. Der Aufenthalt des Imams, der in der Rappgasse wohnen und predigen wird, ist auf fünf Jahre begrenzt. Im Gegensatz zu Kollegen anderer Vereine ist er zwar akademisch ausgebildet. Dafür hatte er bei seiner Ankunft in Österreich keine Ahnung vom gesellschaftlichen Umfeld, in dem er wöchentlich zu mehreren hundert Menschen predigen wird.

Der freundliche Herr mit dem Schnauzbart war einer der ersten Teilnehmer eines speziell für Atib-Imame gegründeten Österreich-Crashkurses des Außenministeriums. Mehrere Tage lang erhielt er gemeinsam mit einem Dutzend Kollegen eine Einführung in die österreichische Realität. Die Gruppe hörte sich Vorträge über Frauenhäuser und die Alltagsprobleme muslimischer Jugendlicher an, über heimische Politik und deren Verbindung zu Religion.

Es hat dennoch wenig Sinn, mit Imamen wie Kosan über Integration, Identitäten und Ängste der Österreicher zu sprechen. Er sagt dann bloß, dass Österreich ein schönes Land mit freundlichen Menschen sei – und ein Dolmetscher übersetzt es.

Zwar musste er vor seiner Anreise einen viermonatigen Deutschkurs belegen, für Smalltalk reichen seine Kenntnisse allerdings nicht aus. Dass er Nachbarn besuchen oder auf Deutsch predigen wird? Eher nicht. Dafür kann er mit dem Computer umgehen. Seine Freitagspredigten lädt er sich, wie alle Atib-Imame, aus dem Internet herunter. Sie werden in Ankara verfasst.

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