Leopoldine und Emir

Emir Akdag ist der Obmann eines islamischen Zentrums, das Leopoldine Weidinger verhindern will. Die beiden leben in unterschiedlichen Welten, getrennt durch eine Einbahnstraße in Floridsdorf

aus FALTER 24/10

Als Leopoldine Weidinger am Donnerstag, den 15. April, gegen 20 Uhr von einem langen Arbeitstag nachhause kommt und ihr Postfach öffnet, nimmt ihr Leben eine entscheidende Wende. Sie fischt einen Flugzettel heraus, läutet sofort bei ihrer Nachbarin: Ja, die habe ihn auch bekommen. Und nein, das könne nicht wahr sein.

Ein türkisch-islamisches Zentrum soll eröffnet werden, und zwar nicht irgendwo, sondern in Wien, in Floridsdorf, in der Rappgasse 7, schräg gegenüber von Leopoldine Weidingers Erdgeschoßwohnung, Hausnummer 6. „Seit diesem Tag“, sagt die 54-jährige Angestellte, „lebe ich nicht mehr mein Leben.“

In derselben Gegend hat Emir Akdag, 40, gelernter Maurer, eine neue Heimat gefunden. Er kommt jeden Tag hierher, lässt den Stress, die Müdigkeit, die Grammatikfehler hinter sich, betet und tratscht mit Freunden.

„Wir tun nichts Schlimmes“, sagt Akdag, der Obmann des islamischen Kulturzentrums. „Wir tun nichts Schlimmes“, das sagt auch Weidinger, die die Bürgerinitiative Rappgasse/Umgebung gegründet hat, um das Zentrum zu verhindern. Denn sie fühlt sich um ihr Grätzel, ihr Brauchtum, ihre Bürgerrechte, kurzum um ihr ganzes Leben betrogen.

Die beiden Floridsdorfer leben in zwei unterschiedlichen Welten, getrennt nur durch eine 200 Meter lange Einbahnstraße. Der Nachbarschaftskonflikt wäre nicht weiter erwähnenswert, stünde er nicht für den Zusammenprall dieser beiden Welten: hier die geborene Österreicherin, dort der türkische Arbeitsimmigrant, hier die emanzipierte Frau mit Karriere, dort der muslimische Maurer, neben dem nach 21 Jahren in Österreich ein Türkisch-Übersetzer sitzt.

Dabei wollten Akdag und die Beamten von Atib, der Türkisch Islamischen Union für Kulturelle und Soziale Zusammenarbeit in Österreich, diesmal alles richtig machen. Der größte heimische Moscheenverein mit rund 90.000 Mitgliedern, der dem türkischen Religionsministerium in Ankara untersteht, hatte dazugelernt von den Protesten der vergangenen Jahre, als in Telfs, in Bad Vöslau, in der Brigittenauer Dammstraße um jeden Parkplatz, um jedes Minarett, um jedes Grillfest gestritten worden war.

Atibs neue Anrainerdevise lautet: Transparenz, Offenheit, Nachbarschaft. Also informierte man den Bezirksvorsteher persönlich, man organisierte einen Tag der offenen Tür, einen wöchentlichen Info-Point und verteilte 300 Informationszettel. Einer davon landete am 15. April in Leopoldine Weidingers Postfach.

Tags darauf klingelte im Büro des sozialdemokratischen Bezirksvorstehers das Telefon. Nein, Herr Lehner sei nicht zugegen, sagte die Stimme zu Frau Weidinger. Das Gespräch dauerte 20 Minuten und endete mit dem Versprechen auf einen Rückruf, der nach fünf Wochen erfolgte.

35 Jahre lang habe sie gearbeitet, Steuern gezahlt, sich etwas geschaffen, sagt Weidinger, und dann befinde die Politik es nicht einmal für wert, ihr zu antworten. Nicht der Bezirksvorsteher, nicht der Bürgermeister, nicht der Kanzler, allesamt Rote, wo doch auch sie aus einem roten Elternhaus stammt. „Wird so ein Bürger behandelt?“, fragt Weidinger, um selbst zu antworten: „Nein, da wird über Bürgerrechte drübergefahren.“

Nach zwei Wochen ließ sich Weidinger durch das Zentrum führen. Wie viele Besucher man zum Freitagsgebet erwarte? 500. Aber, fragte Weidinger aufgebracht, wo sollen die alle parken, wie soll man den Lärm ertragen, wie künftig oben ohne im Garten liegen? Kein Problem, lautete die Antwort, alles kein Problem. „Ich hatte den Eindruck“, sagt Weidinger heute, „dass die von unserer Kultur überhaupt keine Ahnung haben.“

Also setzte sie sich an den Computer und begann zu googeln: Atib, Islam, Integration. Da bekam sie es mit der Angst zu tun: vor bärtigen Männern, die Minirock-Trägerinnen bespucken, vor Hasspredigern, die gegen ihr Gastland wettern – mitten in der Rappgasse. In zehn Jahren werden sie und ihre Nachbarinnen unter einem Kopftuch stecken und nur mehr „Ja“ und „Danke“ sagen dürfen. Das glaubt Leopoldine Weidinger seither. Also entschied sie sich dafür, um ihr kleines Stück Heimat zu kämpfen.

Mit wenigen Anrufen hatte sie die richtigen Mitstreiter an ihrer Seite. Da ist etwa Hans-Jörg Schimanek, ehemaliger FPÖ-Politiker, jetzt freier Bezirksrat in Floridsdorf, der Erfahrung mit Bürgerinitiativen hat und die Anti-Moschee-Initiativen mit der Umweltbewegung der 70er- und 80er-Jahre vergleicht: „Jetzt bringen wir das Thema in Floridsdorf auf, dann in Wien und dann in ganz Österreich“, sagt er. Und da ist die FPÖ, die sich als einzige Partei auf die Seite jeder Anti-Moschee-Initiative stellt. Und vor allem ist da Hannelore Schuster, die seit drei Jahren gegen ein Atib-Zentrum in Brigittenau kämpft. Sie tingelt als Wanderpredigerin von einer Bürgerinitiative zur nächsten, hält Vorträge, gibt Tipps und vernetzt die Gruppen untereinander – mit finanzieller Unterstützung der FPÖ. Es ist eine gut geölte Maschine, die nur auf Leute wie Weidinger wartet.

Die hat bei einer großen NGO Karriere gemacht, sie pflegt ihren Freundeskreis, trifft sich in Frauennetzwerken. Gemeinsam mit dem Lion’s Club hat sie vor Jahren ein Spielzimmer für Kinder eingerichtet, bei der Jedleseer Faschingsgilde ausgeholfen. Soziales Engagement, und als solches versteht sie auch ihre Initiative, ist ihr Hobby.

Es ist ein verkehrsreiches, ansonsten verschlafenes Grätzel, durch das die freundliche Dame mit der tiefen Stimme auf dem Weg zu einem Infoabend in einem nahegelegenen Beisl führt. Die Rappgasse verbindet die Pragerstraße im Westen mit der Koloniestraße im Osten, an die eine Kleingartensiedlung grenzt. Vor 35 Jahren ist die geschiedene Mutter mit ihrem Mann hierhergezogen, als die Rappgasse noch eine Sackgasse und die Mauer gegenüber Weidingers Eigentumswohnung noch ein Zaun war. „Wildromantisch“ sei die Vorstadtidylle gewesen, sagt Weidinger, doch Kultur und Lebensqualität gingen mit dem Zentrum verloren.

Mit Rassismus habe das nichts zu tun, sie sei offen für Neues, sei viel gereist, nach China und Australien. Gegen einen Heurigen oder eine Disco würde sie auch kämpfen, sagt sie. Sie sei für Integration, und bis sie aus ihrem Traum aufwachte, habe sie geglaubt, dass die in Wien funktioniere.

Für Emir Akdag beginnt der Traum erst allmählich Realität zu werden. Das Freitagsgebet ist gerade vorüber, etwa 200 Gläubige sind heute gekommen. Die kurzen Haare, der Schnauzer, Akdag erinnert ein wenig an Bashar al-Assad, den syrischen Präsidenten, nur lächelt er öfter. Stolz führt er durch das Zentrum, das im Herbst offiziell eröffnet werden soll. Noch sind die Wände kahl und die meisten Räume unmöbliert. Doch bald sollen hier auf 1800 Quadratmetern Nutzfläche Gebets-, Gemeinschafts-, Seminarräume entstehen, ein Kindergarten und Koranklassen.

Akdag war 19 Jahre alt, als er seine Heimat verließ. Vor zwölf Jahren holte er seine Familie aus der Türkei nach. Etwa seit dieser Zeit besuchen sie auch Atib-Vereine, „um die türkisch-islamische Kultur aufrechtzuerhalten“, wie er sagt. Die weite Reise zurück nachhause tritt er nur mehr alle zwei, drei Jahre an, um seine Mutter zu sehen. Der Weg zu Atib dauert hingegen nur wenige Minuten.

21 Jahre lang hat der Maurer geschuftet, um sich in Floridsdorf ein kleinbürgerliches Leben aufzubauen, um in der Hierarchie von Atib so weit nach oben zu klettern, dass er nun ehrenamtlich als Obmann eines der größten Zentren in Österreich fungieren kann. Er hat an seine Familie geglaubt, an Allah, an Atatürk. Und jetzt stellt sich ihm eine Bürgerinitiative in den Weg, ihm, der bislang nie Probleme mit Österreichern hatte.

Seit sechs Jahren ist Akdag österreichischer Staatsbürger. Dennoch lässt er sich von einem Atib-Pressesprecher dolmetschen. Er wolle Missverständnisse vermeiden, weil er sein Deutsch nicht in der Schule, sondern am Bau gelernt habe. Ob er sich als Österreicher oder als Türke fühle? „Ben Avusturyalym.“ Er fühlt sich als Österreicher, und meint, dass Atib ihm dabei hilft.

Als Präsident fungiert Mehmet Ceken, Religionsattaché an der türkischen Botschaft, dessen Vorgesetzte in Ankara als integrationsfreudiger und offener gelten als er selbst. Ziel von Atib ist es, die kulturellen und sozialen Bande zu türkischen Emigranten nicht zu verlieren – und ihnen auch weiterhin den türkischen Staatsislam angedeihen zu lassen. Der ist gemäßigter als das, was in den meisten anderen heimischen Gebetshäusern gepredigt wird. Gleichzeitig ziehen viele der Atib-Klienten die bekannten türkischen Inseln dem unbekannten österreichischen Dschungel vor und bleiben so auch nach Jahrzehnten im Ausland unter sich.

Weidinger ist deshalb davon überzeugt, dass gerade Atib die Chance auf Integration verhindert. Integration bedeute für sie, den eigenen Horizont zu erweitern. Für Akdag bedeutet es, sich in der Fremde wie zuhause zu fühlen. Dass türkische Kinder im türkischen Kindergarten untereinander bleiben, dass Atib-Imame aus der Türkei importiert werden, ohne die Sprache zu beherrschen oder sich im Land orientieren zu können – für Weidinger ist das ein Problem, das Akdag zu lösen glaubt, indem er einen Islamkurs für Nachbarn anbietet.

Auf dem Weg durch das Grätzel schüttelt Weidinger darüber den Kopf. 100 Meter von der Rappgasse entfernt, in Richtung Norden, liegt der Fußballplatz des FAC. Wenn hier ein Match stattfindet, wird die Parkplatzsuche zum Kunststück, der Torjubel ist dann hunderte Meter weit zu hören. Weidinger stört das nicht, sie hat kein Auto, und so viele Tore fallen nicht: „Das gehört einfach zu uns“, sagt sie, als sich plötzlich ein großer Wagen neben ihr einbremst, aus dem ein älterer Herr herauswinkt.

Es ist Rudolf Gehring, der Christ, der bei der letzten Bundespräsidentenwahl 5,4 Prozent erhielt. Der Baurechtsexperte wollte sich das Zentrum ansehen, denn morgen Abend wird er auf Einladung von Hannelore Schuster, der Chefin der Dammstraßen-Initiative, einen Vortrag halten.

Beim Informationsabend in Robschi’s Beisl übernimmt Schuster die Wortführerschaft. „Ich will wissen, was in diesen Zentren vorgeht“, sagt sie: „Hasspredigten? Türkische Wahlveranstaltungen? Selbstmordattentate?“ Die zwanzig Senioren, die gekommen sind, raunen. Nein, eine vierte Möglichkeit käme ihnen nicht in den Sinn. „Hurentschuschen“, sagt einer.

Wenn man so will, dann ist das Beisl das kulturelle Zentrum der Eingesessenen, wo ältere Herren nach der Arbeit Beuschl statt Kebab essen, Bier statt Tee trinken und schnapsen statt Tavla spielen. Welche Augen die Gäste hier wohl machen würden, wenn Atib das Zentrum tatsächlich auflösen würde und dann jeden Tag 100 Türken hierher ins Beisl kämen?

Am Freitag, dem 18. Juni, wird die Bürgerinitiative in Floridsdorf eine Demonstration veranstalten. Es soll der vorläufige Höhepunkt der Bewegung sein. Vielleicht werden wieder Pappmoscheen zertreten, wie im Jahr 2007 in der Dammstraße. Vielleicht wird FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache seinen Wahlkampf wie bei der EU-Wahl mit einem Kreuz in der Hand segnen. Sicher ist bloß, dass die Welten von Akdag und Weidinger danach weiter voneinander entfernt sein werden als zuvor.

Dabei könnten die beiden einiges voneinander lernen: dass sie keine Rassistin ist und er kein Islamist etwa. Oder warum jemand, der kein Auto hat, vor Parkplatznot warnt. Und warum sich jemand, der die Türkei vor 21 Jahren verlassen hat, in einem türkischen Vereinslokal noch immer am wohlsten fühlt. Doch Leopoldine Weidinger und Emir Akdag haben einander bis heute nicht kennengelernt.

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