Das Mädchen, die Mörder, die Meute

Ein Land sucht einen Psychopathen – und stellt dabei drei Dorfkiffer an den Pranger. Wie der Fall Julia Kührer entgleist

aus FALTER 20/10, gemeinsam mit Florian Klenk

Am Dienstag, dem 27. Juni 2006, entstieg die 16-jährige Julia Kührer am Hauptplatz von Pulkau zum letzten Mal ihrem Schulbus. Sie trug an diesem heißen Sommertag Jeans, ein rosafarbenes Trägerleibchen und orange Turnschuhe. So steht es im Steckbrief des Innenministeriums.

Eine Stunde später, gegen 14.30 Uhr, wartete die beste Freundin wie vereinbart im Freibad am Rand der kleinen Weinviertler Stadt auf sie. Dort kam Julia Kührer niemals an. Sie war, schrieben die Zeitungen, „wie vom Erdboden verschluckt“.

Vergangenen Montag, vier Jahre danach, erschießen Sondereinsatzkräfte der Cobra um 6.30 Uhr morgens in einer Wohnung am Hauptplatz der Gemeinde Thunau den Schäfermischling Osiris mit mehreren Schüssen. „Sollen wir uns beißen lassen?“, wird eine Beamtin den herbeigeeilten Vermieter der Wohnung fragen.

Die Schüsse reißen Martin H. aus dem Schlaf. Noch während seiner Verhaftung bricht der Techniker in Tränen aus, als er seinen Hund in der Küche neben einer Packung Cornflakes verbluten sieht.

Zur selben Zeit, zwei Kilometer entfernt, klopft die Cobra an die Tür eines einstöckigen Wohnhauses am Rande der Siedlung Zitternberg. Die 26-jährige Tamara K. und ihr 21-jähriger Bruder Martin werden festgenommen.

Die Ermittler sind euphorisch. Nach vier Jahren scheinen sie der Lösung des Rätsels um das Verschwinden der Schülerin Julia Kührer so nahe wie nie zuvor. Innerhalb weniger Stunden werden auch die Medien von der Euphorie angesteckt. Sie präsentieren das Privatleben der drei Inhaftierten einer breiten Öffentlichkeit und skandalisieren in ihrem Rausch drei Landkiffer zu einem Drogenring hoch, der selbst vor einem Mord nicht zurückschrecke.

Als die nach nur drei Tagen freikommen, weil die „Suppe zu dünn ist“, wie der Untersuchungsrichter urteilt, haben die Medien längst das soziale Todesurteil über sie gefällt. Eine benachbarte Wirtin, die Tamara nie gesehen hat, weiß etwa von „Drogenpartys“ zu berichten, bei denen sich Julia Kührer vielleicht den „goldenen Schuss“ gesetzt habe. So steht es doch in den Zeitungen, die neben den FPÖ-Bierdeckeln am Wirtshaustisch liegen. So hat es auch ein Sprecher der Behörden angedeutet.

Vier Jahre lang stand der Fall Julia Kührer für ein mysteriöses Verbrechen, für etwas Unerklärliches, das am helllichten Tag inmitten der Dorfgemeinschaft passieren kann. Seit vergangener Woche erzählt der Fall auch die Geschichte eines Rufmords, an dem sich das ganze Land beteiligt hat. Er erzählt, wie unter Erfolgsdruck stehende Polizisten und Staatsanwälte Allianzen mit einem enthemmten Boulevard schließen, um vorschnell Erfolge zu vermarkten, die höchstwahrscheinlich gar keine sind.

Als Birgit Kührer am vergangenen Mittwochnachmittag die Tür ihres Hauses in der Pulkauer Uferstraße öffnet, sind die drei Verdächtigen bereits auf freiem Fuß. Vier Jahre lang haben sie und ihr Mann Anton darauf gewartet, dass in den Zeitungen etwas von Verdächtigen und Verhaftungen im Fall ihrer Tochter steht. Nun wissen sie nicht, was sie überhaupt denken sollen, so sehr überschlagen sich die Ereignisse dieser Tage.

Ruhig und gefasst geben sie Auskunft über ihre Odyssee seit jenem heißen Junitag im Jahr 2006. Sie erzählen davon, wie sie 24 Stunden warten mussten, ehe sie eine Vermisstenanzeige aufgeben durften, und wie so wertvolle Zeit verstrich. Sie erzählen, dass Suchtrupps mit Hunden und Hubschraubern die Äcker und Weingärten rund um Pulkau durchkämmten und dass das Telefon nach Julias Verschwinden im Funkbereich eines tschechischen Handymasten unweit von Pulkau und dann in der Kleinstadt Horn geortet wurde.

Es gab nur einen Zeugen, der Julia nach dem Aussteigen aus dem Bus noch gesehen hatte. Bei drei jungen Leuten habe sie gestanden, vermutlich sei sie in deren silbernen Mazda gestiegen.

Die Kührers erzählen von Wahrsagern, Skandalreportern und anderen Wichtigtuern, die ihre Julia in Dubai, Portugal und den Niederlanden gesehen haben wollen. Der Vater hat tausende Plakate affichiert, bis nach Rumänien ist er gefahren. Julias Bruder stellte eine Webseite ins Netz – doch bis auf einen dubiosen Hochstapler, der sich in Medien als „Sozialforscher“ ausgibt und namens der geschundenen Familie auch Geld für sich selbst sammelt, hat dort niemand etwas hinterlassen.

Hätte es die Fälle Kampusch und Fritzl nicht gegeben, die Suche wäre wohl längst beendet, glauben die Eltern. Die Schicksale der beiden in Kellern gepeinigten Mädchen zeigten der Weltöffentlichkeit, aber auch den Fahndern, wozu der unauffällige Ingenieur von nebenan fähig sein kann.

Tatsächlich nahm die Exekutive die Pannen im Fall Kampusch zum Anlass, Anfang des Jahres die Einheit „Zielfahndung Vermisste“ zu gründen, die sie unter dem spektakulären Namen „Cold Case Unit“ vermarktet.

Franz Lang, der Direktor des Bundeskriminalamts, ist verantwortlich für die Truppe. Der ruhige Beamte sitzt nun in seinem Büro am Josef-Holaubek-Platz in Wien und erzählt, wie das Ganze gedacht war. „Mit professioneller Distanz“ sollten alte Hinweise „außerhalb von Erfahrungskäfigen“ noch einmal mit „wissenschaftlicher Akribie“ gecheckt werden. Seine Ermittler bedienen sich neuer, unorthodoxer Methoden aus den USA.

Der Fall Kührer ist ihre erste große Bewährungsprobe. Im Jänner übernahmen die vier Fahnder 14 Aktenordner von ihren Kollegen. Sie lasen die Einvernahmeprotokolle und baten die Einvernommenen nach Jahren noch einmal aufs Revier. Vor allem suchten sie das Gespräch zur Dorfjugend, die vermutlich mehr wisse, als sie zugebe. Der Bürgermeister Manfred Marihart organisierte ein Treffen, an dem auch Julias Exfreund teilnahm. Von ihm kam auch der Hinweis auf das Trio, das vergangene Woche festgenommen wurde.

Laut ihrem Exfreund habe sich Julia damals zu Tamara K. hingezogen gefühlt. Martin H.s Handy wiederum, so fanden die Ermittler heraus, sei am Tag der mutmaßlichen Entführung wenige Kilometer von Pulkau entfernt eingeloggt gewesen. Nachdem er irgendwie erfahren hatte, dass Julias Exfreund die drei bei der Polizei angeschwärzt hatte, soll er am Telefon zu Tamara K. gesagt haben, dass sie alle „verpfiffen“ wurden.

Das mitgeschnittene Gespräch machte die Fahnder siegessicher, also schlugen sie zu. Und zwar mit schwerem Geschütz, da der vorbestrafte Martin H. doch eine Waffe besitzen sollte. Von da an ging alles schnell: Noch als die Beamten nach den Festnahmen die Wohnungen durchsuchten, berichtete das Nachrichtenmagazin News auf seiner Webseite „exklusiv“ über die Aktion. Schon waren Fotografen und Journalisten vor Ort und durchsuchten ihrerseits die Wohnungen, die die Polizei offen stehen hatte lassen.

Am nächsten Tag erschienen die ersten Fotos von Wasserpfeifen und die Inhalte der Facebook- und MySpace-Seiten der Verdächtigten in den Medien. Die Kronen Zeitung schrieb von Julia Kührers „falschen Freunden“, die unter „Mordverdacht“ stünden. Die Festnahme des „Trios“, so mutmaßte die Zeitung, sei „bloß der triste Höhepunkt im Leben dieser Clique, das seit Jahren nur aus Partys, Sex, Drogen und viel Alkohol bestand“. Sogar über die sexuelle Orientierung von Tamara K. wurde spekuliert.

Zu diesem Zeitpunkt kursierte bereits der Hausdurchsuchungsbefehl in den Redaktionen, obwohl die Anwälte beklagten, keine Akteneinsicht zu besitzen. Gleichzeitig berichteten Behördensprecher von Drogenfunden bei den Razzien, in Hintergrundgesprächen erzeugten sie das Bild von „schweren Jungs“. So geriet der von den Ermittlern heimlich erhobene Verdacht auf den Titelseiten zur Gewissheit. In den Verhören, die währenddessen stattfanden, wurde er indes entkräftet.

Jetzt, wo sich der mediale Sturm nach der Freilassung der drei gelegt hat, rechtfertigen sich die Beamten mit dem Druck, dem sie ausgesetzt seien, wenn ein Journalist zum vierten Mal anrufe und mit ungeduldiger Stimme Details zum Fall fordere.

Es scheint, als hätten sie sich mit ihrer Vermarktung rund um die Cold-Case-Unit der Logik jener US-Fernsehserien unterworfen, bei denen charismatische Ermittler Täter jagen, die ihre Verbrechen vor Jahrzehnten begangen haben. Die österreichischen Nachahmer dürften unterschätzt haben, dass die Zuseher bei jeder Serie Erfolge einfordern. So geraten Menschen wie Tamara K. und Martin H. vorübergehend als Verdächtige ins Scheinwerferlicht und bleiben, wenn der Medientross abgezogen ist, auf einem Scherbenhaufen zurück.

„Wir müssen uns der Diskussion um mediale Vorverurteilung stellen“, sagt BKA-Chef Lang nun. Es ist ein schmaler Grat, von dem seine Truppe abrutschte. Einerseits ist es der große Vorteil der Cold-Case-Fahnder, dass sie ohne Ermittlungsstress arbeiten können. Andererseits brauchen sie die Öffentlichkeit, um neue Hinweise zu sammeln. Denn jene, die Julia Kührer an einem heißen Junitag auf dem Hauptplatz von Pulkau entführt haben, sollten sicher sein, niemals in Ruhe leben zu können.

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