Am Stammtisch

Pünktlich zu jeder Wahl feiert der Stammtisch seine Renaissance. Ein Besuch im „Salon des kleinen Mannes“

aus FALTER 16/10, gemeinsam mit Matthias G. Bernold

In Heinz Fischers Wahlkampfzentrale sitzt Stefan Bachleitner hinter einem schmucklosen Tisch und sinniert über die Frage nach dem Wesen des Stammtisches. Der Wirtssohn, dunkler Anzug, das Haar zurückgegelt, zögert ein wenig. Ist es doch eine delikate Aufgabe, diese Institution zu beschreiben, ohne seine Funktionäre zu beleidigen.

Für Fischers Wahlkampfmanager Bachleitner, der seine Kommandozentrale in einer kargen Neubauwohnung in der Wiener Argentinierstraße errichtet hat, ist sie besonders heikel. Ein falsches Wort, und es landet – am Stammtisch.

Am kommenden Sonntag wählt Österreich seinen künftigen Bundespräsidenten. Schon zu Beginn des kurzen und themenleeren Wahlkampfs stand fest, dass der alte auch der neue Präsident sein würde. Auf dem Höhepunkt der Wahlauseinandersetzung stellte sich das Land die Frage, ob die freiheitliche Kandidatin Barbara Rosenkranz das NS-Verbotsgesetz nun überdenken will oder doch nicht – und starrte dabei gleichermaßen auf die Kronen Zeitung und die Stammtische.

„Der Stammtisch ist das Blutrünstigste, was es gibt“, schrieb der deutsche Schriftsteller Kurt Tucholsky Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Bis heute dient der Stammtisch als Chiffre für platte Sprüche, aggressive Rechthaber und gesundes Volksempfinden. Er ist jener Moralkompass, auf den sich Politiker berufen, wenn sie etwa die Abschiebung Arigonas, die „Anwesenheitspflicht“ für Asylwerber und die Verlängerung des Grenzeinsatzes fordern. „Wer Stammtische diffamiert, diffamiert die Bevölkerung“, sagte Edmund Stoiber, als er noch bayrischer Ministerpräsident war und nicht für die EU arbeitete.

Bachleitner ist ein Mann, der seine Worte mit Bedacht wählt: Er würde nichts Negatives über den Stammtisch sagen, er weiß um dessen Bedeutung. „Wir haben uns jedenfalls nicht an den Stammtisch gewendet“, betont er.

Fokusgruppe statt Stammtisch

Politiker und Strategen, Journalisten und Kommunikationsexperten, sie alle dozieren beharrlich über den Stammtisch – und meiden ihn. Die beiden Machtzentren, jenes in der Mitte Wiens und jenes in der Mitte der Gesellschaft, scheinen sich voneinander entfremdet zu haben.

Wenn Parteistrategen dem Volk heute „aufs Maul schauen“ wollen, beobachten sie hinter verspiegelten Glasscheiben strukturiert geführte Gespräche mit Angehörigen sogenannter Fokusgruppen.

Man könnte Wahlkampfmanager Bachleitner fragen, was der Kernösterreicher über Fischer, Rosenkranz und den Wahlkampf denkt. Man könnte aber auch an Stammtischen von Arbeitern, Beamten und Bauern Platz nehmen und versuchen, den „Think Tank der sogenannten kleinen Leute“, wie die Zeit ihn nennt, ernstzunehmen. Etwa jenen im „Auszeitstüberl“ in der Grillgasse 20, in Wien Simmering.

Neun Männer und Frauen sind heute gekommen, sie rauchen, tarockieren und plaudern, während aus den Boxen Julio Iglesias singt. Es ist die Runde des Installateurs Franz, die durchwegs aus Simmeringern um die 60 besteht.

Im Stüberl selbst scheint sich die Zeit schon lange zur Ruhe gesetzt zu haben. An den Wänden hängen Herzbackformen, Bratpfannen, Holzeggen. Der Wirt kocht nach „Omas Rezept“, Kuttelflecksuppe und Saumeisen mit Linsen oder Rahmherzen.

Die Stammgäste tauschen Putztipps aus, erzählen von Radfahrausflügen ins Burgenland, diskutieren über die „richtige Größe“ von Cordon Bleu. Erst als das Thema auf die Politik kommt, gewinnt der Ton an Lautstärke: „Der Fischer hat keinen Fehler gemacht, deshalb werde ich ihn wählen. Aber schade um jeden Groschen, den diese sinnlose Wahl kostet“, sagt Installateur Franz. „Bei diesen Kandidaten wird mir schlecht!“, ruft Susanne, die in einem Krankenhaus gearbeitet hat, in die Runde: „Wie heißt der von den Christlichen? Eigentlich will ich es ja gar nicht wissen.“

Ein Roter, der manchmal Blauer ist

„Ich bin ein Roter, der manchmal ein Blauer ist“, sagt der gelernte Zuckerbäcker Ossi. „Aber du wirst doch nicht die Narrische wählen?“, fragt ihn Schuhverkäuferin Eva. „Sicher nicht! Diesmal geh ich gar nicht wählen“, antwortet der Zuckerbäcker. „Wer nicht wählen geht, hat kein Recht, sich über den Bundespräsidenten aufzuregen. Und dieses Recht lasse ich mir nicht nehmen“, sagt Eva.

Keiner hier scheint mit der Ausgestaltung der Wahl einverstanden. Einer schlägt eine Volksabstimmung vor, ein anderer die Direktwahl durch das Parlament, ein Dritter will den Präsidenten ganz abschaffen. Einig ist sich die Runde nur darüber, dass die Wahl „rausgeschmissenes Geld“ sei.

Geld übrigens, das ihren Kindern und Enkelkindern fehle: „Die könnten in dieser schwierigen Zeit ohne unsere Unterstützung nicht mehr überleben. Und das, obwohl sie arbeiten“, sagt Zuckerbäcker Ossi.

Fischer habe sich nichts zuschulden kommen lassen, Rosenkranz sei eine „Narrische“ und vom Christen will man hier gar nicht erst den Namen wissen – Wahlkampfmanager Stefan Bachleitner wäre wohl zufrieden, würde er der Runde zuhören, auch weil hier kaum über die Wahl gesprochen wird. Dass der Wahlkampf durch Langeweile besticht, ist nämlich ein implizites Ziel der Fischer-Kampagne: Hochintensive Wahlkämpfe mit Konfrontationen nutzen dem Herausforderer überproportional, so lautet eines der Rezepte aus dem Medizinschrank der Spindoktoren.

Stammtische drücken das „kollektive Vorurteil einer Gesellschaft aus“, heißt es in Klaus-Peter Hufers Buch „Argumente am Stammtisch“. Und wenn das Vorurteil im aktuellen Wahlkampf heißt: „Heinz Fischer ist zwar langweilig, hat aber keine Fehler gemacht“, hat Fischers Team verständlicherweise kein Interesse an weiterer Diskussion.

Schon eher müssten seine Kontrahenten um die „Lufthoheit unter dem Stammtisch“ buhlen, wie es der Essayist Franz Schuh einmal treffend formulierte.

Von vielen unbemerkt hat sich diese Lufthoheit auch auf Städte ausgeweitet. Wer sich bei Wirten umhört, stößt etwa auf Runden für Frauen und Pilger, Veganer und Genealogen, Migranten und Pflegende, es gibt Online-, Perry-Rhodan- und Meerschweinchenstammtische. Und existierten im Jahr 2000 in Österreich 100.000 Vereine, so sind seither täglich drei dazugekommen. Statistisch gesehen ist jeder Österreicher Mitglied eines Vereins.

Die junge Generation ist so eng vernetzt, die Generation der Senioren so groß und agil wie nie zuvor. Beide Welten zusammengenommen, ist die österreichische Gesellschaft heute geselliger denn je.

Man einigt sich auf „Färbige“

Das belegt auch der Stammtisch im „Goldenen Löwen“ an der Wiedner Hauptstraße, in Wien Margareten, wo eine 60-plus-Gruppe seit mehreren Jahren zusammenkommt. Die Leute hier sind durchwegs auch anderswo Stammgast: Josef etwa sitzt sonntagvormittags am Stammtisch in seinem niederösterreichischen Wohnort. Rudolf trifft sich regelmäßig mit seiner Tennisrunde, Christine mit ihren Damen und Walter ging 20 Jahre lang jede Woche zu seinem Stammtisch am Keplerplatz. Darüber hinaus versammelt sich die Runde im gehobenen Stadtbeisl, das an diesem Donnerstagmittag voll belegt ist mit Senioren und Angestellten.

Die bürgerliche Runde hat jahrelang in einem nahe gelegenen Amt zusammengearbeitet. Nein, sie seien keine Pensionisten, sagen sie, sondern „Beamte i.R.“, im Ruhestand. Gelächter. Man bestellt geschlossen das gekochte Rindfleisch mit Kohlrabi und Kartoffeln. „Das ist gelungen“, sagt einer, die anderen nicken und nippen am Bier.

Sie sprechen über die Gründe der Fettleibigkeit der Jugend, wägen dabei Veranlagung und Fast Food gegeneinander ab. Sie ärgern sich über die Militanz der Nichtraucher und über Griechenland, dozieren über Vor- und Nachteile von digitalem Fernsehen und von sämtlichen Thermen zwischen Oberlaa und Loipersdorf.

Hier werden differenzierte Diskussionen geführt, keine Stammtischvorurteile wiedergekäut. Einmal fällt das Wort „Neger“. Stille. Die Runde blickt den Gast erwartungsvoll an. „Wie soll man denn sonst sagen?“, fragt jemand. „Und was machen wir mit den Negerpuppen?“, ein anderer. Man einigt sich auf „Färbige“ und wechselt schnell das Thema. So wie sich zahlreiche Wirte weigern, dass Journalisten mitschreiben, wenn am Stammtisch politisiert wird, verkneifen sich wohl auch viele bereitwillige Stammgäste den ein oder anderen Sager, wenn ein Fremder dabei sitzt.

„Wenn uns die Themen ausgehen, reden wir über Fußball oder Politik“, sagt Josef, den sie ihren „Witzemeister“ nennen. Vor wenigen Tagen habe er auf ATV gezappt, wo sie über die Frage „Weißwählen oder Nicht-Wählen“ diskutiert hätten. „Dass der Kopf von der ÖVP Weißwählen empfiehlt, ist nicht gescheit“, sagt Josef. 25 Jahre lang war er als SPÖ-Gemeinderat in einer niederösterreichischen Gemeinde tätig.

„Der Karas hat sich eh für den Fischer ausgesprochen, aber das wird in der ÖVP nicht goutiert“, sagt Rudolf, der ehemalige Chef der Runde, dessen Frau Ulrike stets dabei ist. „Zumindest außerhalb der Parteien hat das Lagerdenken abgenommen. Heute wählt man nicht mehr das Gleiche wie die Eltern. Das ist gut für die Demokratie.“Die Gespräche enden im Gelächter oder in nickender Übereinstimmung, bei allfälligen Differenzen wird das Thema gewechselt, aber die treten ohnehin kaum auf.

Der neue Stammtisch heißt Twitter

„Die Leute wollen und müssen ihre Meinungen synchronisieren. Das ist die Funktion eines Stammtisches“, sagt Netzwerkforscher Harald Katzmaier, „und die ist in einer Zeit der Informationsflut lebendig wie eh und je.“ Der Stammtisch des 21. Jahrhunderts sehe bloß anders aus, er trete auch in Form von Onlineforen, Chats und Facebook auf. Neue Ideen und Ansichten würden dabei kaum produziert, sagt Katzmaier, weder am Stammtisch noch auf Twitter. Auf beiden Plattformen finden sich in der Regel Leute mit ähnlichen Einstellungen zusammen, um zur selben Meinung zu gelangen: Affirmation statt Diskurs.

Es sei die „hohe Kunst des Politischen, Sätze so zu formulieren, dass sie andere nachsprechen können“, sagt Katzmaier.

„Damit eine Botschaft am Stammtisch ankommt, muss sie so einfach wie möglich sein, aber nicht einfacher. Das zu treffen ist die Kunst“, sagt Herbert Kickl, der Wahlkampfleiter von Rosenkranz und, wenn man so will, Stammtischpoet der FPÖ – Sätze wie „Pummerin statt Muezzin“ und „Abendland in Christenhand“ stammen aus seiner Feder. Seine Kandidatin scheint derzeit vergebens um die Lufthoheit unter den Stammtischen zu kämpfen.

„Der Stammtisch wird sich merken, wie eine untadelige Demokratin fertiggemacht wird, wenn sie sich für ein Amt bewirbt“, sagt Kickl. Selbst wenn er ihren „Mumm und Schneid“ betont, viel mehr als die kurze Episode um das Verbotsgesetz scheint diesmal nicht hängengeblieben zu sein. Er wird geradezu euphorisch, wenn er vom Stammtisch spricht, vom „gesellschaftspolitischen Kleinod“, seiner „archaischen Unverfälschtheit“ und „Renaissance“: „Je größer die Welt wird, desto reizvoller wird diese Form der Intimität“, sagt Kickl.

In seiner Urform hat er in den vergangenen Jahren zweifellos an Bedeutung verloren, weil sich die Gesellschaft um ihn herum durch Landflucht, Migration und Digitalisierung wandelte. Seine traditionelle Rolle einer Schattenregierung der Dorfältesten kommt ihm heute wohl nur noch am Land zu, wo der Brunch Frühschoppen heißt und eben am Stammtisch stattfindet, so wie im Waldviertler Gasthof „Zur Graselwirtin“ in Mörtersdorf, einem Ortsteil der Gemeinde Rosenburg-Mold.

Seit 20 Jahren, als Wirtin Anni Rehatschek den Gasthof eröffnete, findet sich hier jeden Sonntagvormittag eine vier- bis sechsköpfige Runde zum Schnapsen ein: Gespielt wird Eins-gegen-eins. Wer verliert, zahlt eine Runde weiße G’spritzte.

Am vergangenen Sonntag sind vier Leute gekommen: Ortsvorsteher und Fleischhacker Josef, der pensionierte Ortsvorsteher Franz, der einen großen Schweinezuchtbetrieb führt, Landwirt Rudi, der im Nachbarort wohnt und schließlich der „schöne Karl“, wie er von seinen Kollegen genannt wird, ein schweigsamer Mann, der nicht so gerne über sich erzählt. Die Herren, zwischen 50 und 72 Jahre alt, sind das, was man als die Prominenz in der ÖVP-dominierten Gemeinde bezeichnen könnte. „Mit dem Josef Pröll bin ich sehr gut“, sagt Ortsvorsteher Josef, „der ist nur ein paar Ortschaften entfernt aufgewachsen.“

Josef wählt aus Ärger Rosenkranz

Schweinezüchter Franz will den Christen Gehring wählen, „aus Protest gegen die politische Elite“, wie er lächelnd sagt. Ortsvorsteher Josef hat sich für Rosenkranz entschieden. „Nicht, weil die so gut wäre“, erklärt er, sondern weil er dem „roten Heinzi prinzipiell keine Stimme“ gibt. Der „schöne Karl“ will Fischer wählen, weshalb die anderen ihn einen „Sozialisten“ nennen.

Wenn man den vier Herren beim Schnapsen zusieht, entsteht ohnehin der Eindruck, dass die vier von der Wahl weit weniger fasziniert sind als vom richtigen Moment zum Zudrehen. Viel interessanter sind da die geplante Fernwärme für Kindergarten und Volksschule sowie die Frage, ob es heuer wieder ein Fußballspiel „Gemeinderäte gegen Damen“ geben soll.

„Den Bundespräsidenten braucht kein Mensch“, sagt Ortsvorsteher Josef, während er seine Stiche zählt: „Genauso wenig wie den Bundesrat. Die sitzen doch alle nur herum und halten die Hand auf. Hast du einmal zugeschaut, wie unsere Politiker im Parlament sitzen: Die lesen Zeitung. Weißt du, wie lang ich im Amt wäre, wenn ich im Gemeinderat Zeitung lesen würde?“

Ihn ärgert vor allem, „dass alle so gegen Rosenkranz ins Feld ziehen. Sogar der Muzicant von der Israelitischen Kultusgemeinde ist komplett gegen die Rosenkranz. Wir mischen uns doch auch nicht in deren Sachen ein. Deshalb sollen sich die auch nicht in unsere Sachen einmischen.“

Keine Pause, keine Stille, kein erwartungsvoller Blick zum Gast. Bei der Graselwirtin werden sie also bestätigt, die Stammtischklischees vom Trotz gegen „die politischen Eliten“, von „denen“ und „uns“.

Auf dem Weg zurück vom Waldviertel in die Bundeshauptstadt, in die Welt von Politikstrategen wie Stefan Bachleitner und Herbert Kickl, stellt sich die Frage, was denn nun bleibt von den Besuchen der unterschiedlichen Stammtische.

Etwa, dass Politik in keiner der Runden im Mittelpunkt steht: am Arbeiterstammtisch ist es das Geld und seine Knappheit, bei den pensionierten Beamten die Freizeitgestaltung und bei den Dorfautoritäten sind es die Veränderungen in der Gemeinde. Die Themen der hohen Politik, die in Wahlkampfzeiten im SMS-Format an den Stammtisch geschickt werden, erscheinen dort abstrakt und lebensfern.

Vermutlich hat Fischers Wahlkampfleiter Bachleitner Recht, wenn er sagt, dass man an der Qualität des Stammtisches den Wirten bewerten könne. Vielleicht reicht es einfach nicht, dort von Zeit zu Zeit von sich reden zu machen, um bis zum nächsten Wahlkampf wieder wegzuhören. Vielleicht hat aber auch jeder Wirt den Stammtisch, den er verdient. Eines scheint gewiss: Wenn Österreich ein Stammtisch wäre, es würde auf ihn schimpfen und Heinz Fischer wählen.

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