Die Leiden des Zöglings H.

Ein ehemaliger Zögling, der im Stift Wilhering missbraucht wurde, bricht nach 40 Jahren sein Schweigen. Eine Recherche

aus FALTER 11/10

Pater K. tat es nur nachts. Wenn das Licht erloschen war und die Zöglinge im Saal schon schliefen, holte er Helmuth Pink* in seine Kammer, um mit ihm über Sexualität zu sprechen, über Pubertät und Erektionen, Mädchen und Küsse. Manchmal steckte der Erzieher dabei eine Hand in seine eigene Hose, mehrere Male streichelte er auch den Penis des damals Zehnjährigen.

Pater F.* tat es zu jeder Tageszeit, er schlug auch zu, wenn andere Schüler zusahen. Abends, wenn der Internatsschüler nicht schlafen wollte, riss der Erzieher ihn aus dem Bett, verpasste ihm ein paar Ohrfeigen und schleppte ihn hinaus auf den Gang. Dort, vor dem Heizkörper, musste er knien und Balladen lernen. Ein, zwei Stunden lang kniete Pink dort, und wenn er die Ballade danach nicht auswendig aufsagen konnte, schlug Pater F. wieder zu, fünf-, sechsmal.

So schildert es der 55-jährige Helmuth Pink am vergangenen Donnerstag – unter falschem Namen, aus Angst vor den unangenehmen Blicken und Fragen von Kunden und Nachbarn. Pink, der in seiner Kindheit von einem Freund seiner Eltern missbraucht wurde, nennt K. einen „Pädophilen“ und F. einen „Sadisten“. Immer wieder stockt der oberösterreichische Unternehmer bei dem zweistündigen Gespräch über die Jahre im Zisterzienserstift Wilhering, dann schwankt er zwischen Tränen und Wut, während Passanten im Schneetreiben an seinem Schaufenster vorbeieilen.

40 Jahre sind die Geschehnisse in Wilhering nun her, 40 Jahre, in denen Pink darüber schwieg und entnervt den Raum verließ, wenn das Gespräch auf Schillers „Bürgschaft“ kam. Er hat es nicht seinen Eltern erzählt, hat es seinen beiden Ehefrauen verschwiegen, er ist auch zu keinem Psychologen gegangen. Die Schläge hätten tiefere Spuren hinterlassen als die Berührungen, sagt er, ab und zu träume er nachts noch davon, untertags verdränge er es. Seit Pink das Internat Anfang der 70er-Jahre verließ, hat er keinen Kontakt mehr zum Stift, weder zu Mitschülern noch zu Lehrern. Er weiß nur, dass Pater K. vor Jahren gestorben ist.

Erst die vielen bekannt gewordenen Missbrauchsfälle hätten ihn nun dazu veranlasst, darüber zu sprechen. „Die Öffentlichkeit soll erfahren, welche Hölle das war. Vielleicht bekommen dann auch andere den Mut, ihre Geschichte zu erzählen. Ich glaube, es sind noch viel mehr betroffen als nur ich“, sagt er.

Seit Anfang des Jahres bekannt wurde, dass an der Berliner Canisius-Schule in den vergangenen Jahrzehnten Patres zahlreiche Schüler sexuell missbraucht hatten, scheint ein Damm gebrochen zu sein. Ettal, Regensburg, Bad Tölz, Mehrerau, Kremsmünster – jeden Tag schwappen neue Fälle von Missbrauch durch katholische Geistliche in die Öffentlichkeit (siehe Seite 46).

Nun droht die Flut auch das Renommee des Stifts Wilhering mit sich zu spülen. Vergangenen Freitag berichtete Reinhard Guttmann, ein ehemaliger Zögling des Privatgymnasiums, in der Presse davon, wie ein geistlicher Erzieher ihn in den 50er-Jahren sexuell gedemütigt und regelrecht gequält habe.

Guttmann, mittlerweile 64 Jahre alt, ist noch immer traumatisiert. Der Pater, der ihn misshandelt hatte, ist längst tot. Der heutige Abt des Stifts Wilhering ist „betroffen“. Das sagt er nun am Telefon. Alle paar Minuten unterbricht das Läuten das Gespräch im Büro Gottfried Hemmelmayrs. „Man muss sich den Vorwürfen stellen. Es nützt eh nichts. Grüß Gott“, sagt er und legt den Hörer auf. Die Krone war dran, morgen wird auch sie über die Hölle in Wilhering berichten.

Es ist Freitag früh vergangener Woche. Das Stiftsgebäude liegt schneebedeckt neben der Donau, acht Kilometer westlich von Linz. Seine Hochzeit als regionaler Leuchtturm ist lange vorüber, das Internat seit 1990 geschlossen. Zwei Dutzend Geistliche leben noch hier, einer davon ist der 72-jährige Abt Hemmelmayr, der sich nun die Vorwürfe von Helmuth Pink anhört und mitschreibt.

„Es macht mich sehr betroffen, wenn es stimmt, dass Pater K. ihn berührt hat“, sagt er. Der Abt hat gemeinsam mit K. maturiert. Ein sanfter Mensch sei er gewesen, nervlich etwas angeschlagen, aber nicht grob und distanziert, sondern herzlich und offen, einer, der nicht zuschlug, sondern zuhörte.

Pater F. wiederum sei zwar kein Schlägertyp gewesen, aber „man hat gewusst, dass er ab und zu Watschen verteilt hat. Es war eine Überforderung von Kraft und Energie. Aber es war eben auch eine andere Zeit“, sagt der Abt, im Internat herrschten „militärische Erziehungsmethoden“.

Ob es bislang nie Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegeben habe? Während Hemmelmayr seine Mitschrift mit einem Dornenkranz umrahmt, betont er die notwendige Offenheit, mit einem klaren Nein antwortet er nicht. Auf abermalige Nachfrage erzählt er von „Gemunkel“, da sei er selbst noch Student gewesen. Man sei den Vorwürfen damals aber nicht nachgegangen, habe gehofft, dass sich das von selbst kläre. „Das war wohl ein Fehler“, sagt er.

Die Wahrheit macht euch frei, heißt es im Johannesevangelium. Der Abt kennt die Passage, alle Äbte, die nun unter Erklärungsnot leiden, kennen sie, und doch räumen sie Taten erst ein, nachdem die Opfer sie öffentlich gemacht haben.

Hemmelmayr etwa lässt die Geschichte von Pater A. unerwähnt. Mehr als 40 Jahre ist es her, als Vorwürfe laut wurden, A. züchtige Zöglinge über die Maßen und nähere sich ihnen auch sexuell. Als die Gerüchte damals Eltern erreichten und deshalb auch die Ordensherren nicht mehr weghören konnten, wurde A. aus dem Internat genommen und versetzt – auf die andere Seite der Donau, nach Ottensheim, das 100 Luftmeter von Wilhering entfernt liegt.

A. war bis zu seinem Tod in mehreren Pfarren in ganz Österreich aktiv. Seit eines seiner Opfer am Wochenende in der Tageszeitung Österreich Vorwürfe gegen ihn erhoben hat, ist der Fall auch außerhalb der Abtei bekannt. „Es ist ein großer Unterschied, ob einer ständig im Kreis vieler junger Menschen ist, wie es im Stift der Fall war, oder ob er eben nur als Pfarrer tätig ist“, rechtfertigte Hemmelmayr gegenüber den Oberösterreichischen Nachrichten die Geheimhaltung und die Versetzung.

Würde ein Marsmännchen dieser Tage in Mitteleuropa landen, es müsste den Eindruck gewinnen, die katholische Kirche entfalte eine magnetische Wirkung auf Männer mit pädophiler Neigung, mehr noch, die Kirche sei ein verlogener Männerbund, der nicht nur von den meisten Missbrauchsfällen gewusst, sondern sie vertuscht hatte.

„Es kann nicht sein, was nicht sein darf. So wurde das stets gesehen“, sagt Balduin Sulzer. Der bekannteste Wilheringer sitzt in seinem Arbeitszimmer, das neben dem Büro des Abts liegt. Ehe der renommierte kirchliche Komponist hier Musik unterrichtete, hat er selbst das Internat besucht. Er gehörte zum ersten Jahrgang des 1945 eröffneten Internats.

Um sechs Uhr läutete eine Glocke den Tag ein: Frühstück, Frühstudium, Gottesdienst, Schule, Mittagessen, Studium, Freizeit, Licht aus gegen 21 Uhr. Und das alles in Reih und Glied. Wer sich danebenbenahm, wurde diszipliniert. Auf 200 pubertierende Zöglinge kamen in den 60er-Jahren vier Präfekten, Geistliche, die unter Pädagogik Katechismus verstanden, Sexualität als sündhaft und Ohrfeigen als gesund erachteten.

In dieser Atmosphäre, geprägt von militärischer Disziplin, familiärer Nähe und unbeholfener Gewalt, verschwammen die privaten Grenzen zwischen Zöglingen und Erziehern, die oft auch Lehrer und Beichtvater waren.

„Die Oberen in der Kirche sind unreif im Umgang mit Missbrauch“, sagt Sulzer. „Wer eine Sünde begeht, sie gesteht und bereut, dem vergibt Gott. So war das auch bei Missbrauch.“ Wer misshandelt wurde, der habe das Recht, das zu sagen, so wie die Kirche die Pflicht habe zuzuhören, meint Sulzer. Ob ihre Vertreter dieser Pflicht nachkommen? „Jetzt ja“, sagt der Komponist, „weil sie müssen.“

In Wilhering, im Vatikan und an den Stammtischen dazwischen geht derzeit die Frage um, ob es sich um eine Anhäufung von Einzelfällen oder um ein System handle? Ob das Zölibat Männer mit unausgereiften Neigungen anzieht oder diese womöglich durch die Sozialisierung im Männerbund, der mit seiner Liturgie, mit den Gesängen und Messgewändern ein sattes Maß an Weiblichkeit aufweist, entstehen?

„Dass die Kirche mit Sexualität ein Problem hat, ist ein offenes Geheimnis“, sagt Franz Haudum, ein System kann er hinter den Missbrauchsfällen aber nicht erkennen. Der Direktor des Wilheringer Stiftsgymnasiums, eines Neubaus, der ans alte Stiftsgebäude grenzt, hat selbst das Internat besucht und hier maturiert.

„Internate sind anfällig für Missbrauch“, sagt Haudum und verweist auf die Vorwürfe bei den Wiener Sängerknaben. „Und Internate wurden früher eben hauptsächlich von der katholischen Kirche betrieben.“ Nach der Aufregung in Mehrerau und Kremsmünster sei es nur mehr eine Frage der Zeit gewesen, ehe die Flut auch Wilhering erreiche.

Früher reisten Schüler aus ganz Österreich hierher, mittlerweile ist das Gymnasium ein Nahversorger. Von 56 Lehrern leben nur mehr vier im Zölibat. Das Morgengebet, die Wallfahrten mit den Schülern und die Selbstverständlichkeit, dass die Abmeldung vom Religionsunterricht automatisch die Abmeldung von der Schule bedeutet – das sind die einzigen Relikte aus der „anderen Zeit“.

Um das klarzustellen, will der Direktor den Eltern in den kommenden Tagen einen Brief schreiben. Er wird ihnen mitteilen, dass, wo Licht ist, auch Schatten fällt und dass die von den Vorwürfen betroffenen Priester Wilhering schon vor langer Zeit verlassen haben.

Pater K. etwa, der Helmuth Pink berührt haben soll, übernahm 1990 eine nahegelegene Pfarre, ehe er im Jahr 2004 starb. Sein dortiger Nachfolger kannte den Geistlichen nicht persönlich. Auch er sei für die Aufarbeitung der Vergangenheit, sagt er am Telefon. Mehr sagen will der Pfarrer aber nur auf Befehl von höherer Instanz.

Wie soll man die Vorwürfe gegen einen Verstorbenen prüfen? Vielleicht hat der Priester nur den Zögling Pink nachts in sein Zimmer geholt, vielleicht melden sich bald noch andere. So glaubhaft Pinks Aussagen sind, so schmal ist die Grenze zum Rufmord. K.s ehemalige Kollegen sind von den Vorwürfen überrascht. Sollten sie tatsächlich zutreffen, so hört es sich in den Gesprächen an, dann hätte er Pink aus Liebe berührt, so wie Pater F. aus Überforderung zugeschlagen hätte.

F., der von 1960 bis 1986 als Erzieher in Wilhering tätig war, hebt den Hörer in seiner Pfarre selbst ab. Er ist mittlerweile weit über 70 Jahre alt. Seit seinem Abschied aus dem Internat arbeitet er in einer Mühlviertler Gemeinde. Einer seiner Vorgänger hier war Pater A., jener Geistliche, der wegen Missbrauchs aus dem Internatsdienst entfernt worden war und als Ehrenbürger der Gemeinde starb.

Am Telefon sagt Pater F. nur: „Das war damals eine andere Zeit.“ Er stimmt einem Treffen zu, will seinen richtigen Namen aber ebenso wenig in der Zeitung lesen wie den seiner Pfarre. Sein Kaplan, ein ehemaliger Schüler F.s, nimmt am Gespräch teil. Er will zeigen, dass er die Zeit im Internat in bester Erinnerung behalten und nie gesehen habe, wie F. eine Ohrfeige ausgeteilt hätte.

Wie die anderen sagt auch F., dass es sich bei den Missbräuchen um Einzelfälle handle, dass 90 Prozent aller Missbrauchsfälle in der Familie geschehen würden und man das Positive nicht vergessen dürfe. Dass sein Kollege K. nachts einen Zögling auf sein Zimmer geholt hätte, habe er nie beobachtet, sagt F.: „Vielleicht will da jemand die gegenwärtige Kampagne gegen die Kirche nutzen, um sich wegen etwas anderem zu rächen.“

F. atmet schwer, er will bald in Pension gehen. Wenn er nicht weiterweiß, hilft sein Kaplan aus und sagt etwa, dass es für Herrn Pink an der Zeit wäre, sich seiner Vergangenheit zu stellen und Hilfe anzunehmen.

Und wie reagiert F. auf die Vorwürfe gegen ihn? Ja, er habe Zöglinge gelegentlich hinknien und Balladen lernen lassen. Aber höchstens eine halbe Stunde lang. Ja, er habe gelegentlich Ohrfeigen verteilt. Aber das sei damals so üblich gewesen. Und ja, wenn man jung ist, gerate man wohl leichter in Zorn und schlage öfters zu. Ein Schläger sei er aber nicht gewesen. „Wenn ich jemandem Leid angetan habe, dann entschuldige ich mich dafür“, sagt F., aber das sei jetzt alles schon so lange her. „Ich kann mich nicht mehr an jede Einzelheit erinnern.“

* Namen von der Redaktion geändert

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