„Ich habe abgeschworen!“

Sie wurden terrorisiert oder geächtet. Österreichs Ex-Muslime wollen nun den Abfall vom Glauben enttabuisieren

aus FALTER 09/10

Sibel Beyoglu müsste vielleicht nicht um ihr Leben fürchten, würde sie ihre Geschichte unter ihrem echten Namen erzählen. Sie müsste sich aber ein neues suchen. Nach außen ist Beyoglu Ehefrau, Mutter und Muslima. Nur ihr Mann und ihre Eltern kennen ihr Geheimnis: Sibel Beyoglu glaubt nicht an Allah. Die Atheistin glaubt nicht daran, dass etwa Frauen weniger wert sind als Männer, dass sie sich verschleiern müssen und nur in den Himmel kommen, wenn sie den Islam praktizieren – und ihre Ehemänner das auch gutheißen. Deshalb hat sie dem Islam, wie sie ihn kennengelernt hat, in ihrer Jugend abgeschworen und erzieht auch ihre beiden Kinder atheistisch. Dazu gehört, dass sie außerhalb der Familie unter keinen Umständen darüber sprechen dürfen.

Beyoglu lebt nicht in Saudi-Arabien oder in Afghanistan, sondern in einem Dorf mitten in der österreichischen Provinz. „Als Ausländer wirst du ausgegrenzt und hast oft nur mehr deine Community“, sagt die Tochter türkischer Einwandererkinder. „Wenn die dich verstößt, bist du ganz isoliert.“

Die verschwiegene Abkehr

Cahit Kaya nennt solche wie Sibel Beyoglu „Ex-Muslime“: muslimisch sozialisierte Menschen, die ihren Glauben nicht praktizieren oder ihm abgeschworen haben. 516.000 Muslime leben laut einer aktuellen Studie des Integrationsfonds mittlerweile in Österreich. Umfassende Untersuchungen über ihre Religiosität existieren nicht. Glaubt man der Islamischen Glaubensgemeinschaft, die für sich die Vertretung aller Muslime beansprucht, sind sie gläubig bis sehr gläubig. Glaubt man Cahit Kaya, dann sind sie in ihrer Mehrheit Ex-Muslime. So wie er selbst.

„Sie trauen es sich bloß nicht zu sagen. Deshalb will ich in Zukunft in ihrem Namen sprechen“, sagt Kaya, 30, an einem trüben Jännertag im Wiener Café Korb in Vorarlberger Dialekt. Seit fünf Monaten arbeitet er zu diesem Zeitpunkt schon am mühsamen Aufbau des Zentralrats der Ex-Muslime Österreich. Mühsam deshalb, weil es zwar leicht sei, Sympathisanten zu finden, wie er sagt, doch nur wenige, die sich auch öffentlich dazu bekennen.

Die Ex-Muslime wollen künftig an vorderster Front in der heimischen Islamdebatte mitstreiten. Sie nennen sich laizistisch, humanistisch und freidenkend. Vordergründig geht es ihnen um die Enttabuisierung der Apostasie, des Abfalls vom Glauben (siehe Randspalte), den sie als ein in Österreich ebenso verbreitetes wie verschwiegenes Problem sehen. Mit ihren provokanten und polarisierenden Positionen könnten sie aber die Islamkritik selbst enttabuisieren. Denn erstmals kommt sie hierzulande nicht mehr von rechts, sondern von – ehemaligen – Muslimen selbst.

„Ich bin ein Insider und kenne die Alltagsprobleme in der Parallelgesellschaft. Auch die Öffentlichkeit soll sie kennenlernen“, sagt Kaya. Der junge Mann mit den langen Haaren hat weder Theologie studiert noch war er jemals ein frommer Muslim. Er hat die Bücher der Islamkritiker Henryk M. Broder, Necla Kelek und Ayaan Hirsi Ali gelesen und mit der antiiranischen Initiative „Stop the Bomb“ gegen das Gottesregime demonstriert.

Sein Unbehagen am Islam geht aber auf persönliche Erlebnisse mit engstirnigen Muslimen zurück. Kaya, der im Osten der Türkei geboren wurde und in Vorarlberg aufwuchs, erzählt davon, wie er von türkischen Mitschülern beschimpft wurde, wenn er eine Leberkäsesemmel aß, und vom „Psychoterror“, wenn er in einer Vorarlberger Fabrik, deren Arbeiterschaft zu 90 Prozent aus Türken bestand, bei Firmenfesten Bier trank. „Mit keiner der hunderten Diskussionen mit gläubigen Muslimen konnte ich etwas bewirken“, sagt Kaya, „sie wirken indoktriniert und werden schnell aggressiv.“ Von den beiden Möglichkeiten, in die innere Emigration zu gehen oder Muslime und ihre Gemeinschaft zu meiden, entschied er sich für die zweitere. Er zog nach Wien, begann Politik zu studieren und suchte lange nach Gleichgesinnten, ehe er vergangenes Jahr von Mina Ahadi hörte.

Als Strafe kann der Tod drohen

Die 53-jährige gebürtige Iranerin gründete vor drei Jahren in Deutschland den ersten Zentralrat der Ex-Muslime, dessen Ableger mittlerweile in England, in der Schweiz und in Skandinavien aktiv sind (siehe Randspalte). Als Studentin hatte Ahadi im Iran zunächst gegen das Regime des Schahs und dann gegen das der Mullahs gekämpft. Nachdem ihr Mann und fünf Bekannte von zuhause verschleppt und hingerichtet worden waren, floh sie nach Europa. Denn der Hausbesuch hatte ihr gegolten.

„Ich kenne den Islam, und für mich bedeutet er Tod und Schmerz“, lautet eine Losung der Kommunistin, deren Zentralrat in Europa ein Schleier- und Minarettverbot fordert und Islamorganisationen wegen Unrepräsentativität und Politisierung kritisiert. Ihr Hauptanliegen aber ist die Apostasie.

Zwei Jahre ist es her, dass ein Fall aus Afghanistan in Europa für Empörung sorgte. Der zum Christentum konvertierte Muslim Abdul Rahman, der viele Jahre in Deutschland gelebt hatte, wurde damals in Afghanistan wegen Apostasie angeklagt und mit der Todesstrafe bedroht. Erst nach erheblichem internationalem Druck wurde der Prozess wegen Unzurechnungsfähigkeit eingestellt.

Der Asylwerber Majid Chavari hat eine ähnliche Geschichte zu erzählen, bloß, dass sie nicht für so viel Aufsehen sorgt, weil sie im Iran nicht Ausnahme, sondern Regel ist. Er sitzt im Wiener Café Schottenring und erzählt davon, wie er als Waise bei seinem strenggläubigen Bruder aufwuchs und den Koran Sure für Sure auswendig lernen musste. Islamkritische Fragen, die während seiner Jugend auftauchten, wurden mit öffentlichen Schlägen beantwortet. In einem geheimen Bibelkreis lernte er einen anderen Gott kennen, wie er sagt, „einen Gott, der von Liebe spricht und nicht vom Kampf“.

Als der Bibelkreis aufflog, wurde nach ihm gefahndet, seine Wohnung observiert. Auf Apostasie steht im Iran die Todesstrafe. Deshalb floh Chavari nach Europa. Seit bald sieben Jahren lebt er in Österreich, wo er sich politisch gegen das Regime engagiert, und hofft auf Asyl. „Im Iran erwartet mich der Tod“, sagt er. Weil er nichts mehr zu verlieren hat, ist er einer der wenigen Apostaten, die ihre Geschichte öffentlich erzählen. Nicht die Todesstrafe droht ihnen in Österreich, oft aber der soziale Tod.

Friederike Dostal, die in der Erzdiözese Wien für Erwachsenentaufen zuständig ist, kennt die Geschichten hinter dem Tabu. Vorsichtig geschätzt konvertieren jährlich etwa 150 Menschen in Österreich vom Islam zum Christentum. „Oft verheimlichen Täuflinge ihren Konversionsprozess oder gehen damit zumindest nicht hausieren“, sagt Dostal und erzählt Anekdoten aus ihrem Arbeitsalltag. So entschied sich etwa eine junge Jordanierin kurz vor der Zeremonie gegen ihre Taufe, nachdem ihre Familie in Jordanien deshalb bedroht worden war. Ein anderer junger Konvertit, so Dostal, habe den Satz zu hören bekommen: „Wären wir nicht in Österreich, würdest du mit dem Leben bezahlen.“

Tarafa Baghajati hingegen spricht von einem „virtuellen Problem“. Baghajatis Frau Amina ist als Sprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGIÖ) bekannt, der engagierte Muslim selbst ist einer der wichtigsten Fädenzieher im Hintergrund. Im Gespräch, das in der Bibliothek der Islamischen Religionspädagogischen Akademie stattfindet, plädiert er für eine freie Wahl: „Kein Zwang in der Religion, heißt es im Koran“, sagt Baghajati, ein freundlicher Herr, der gerne aus dem Koran zitiert und mit wirksamer Theatralik Gleichnisse schildert.

Eine neue Art der Islamkritik

„In Ländern, wo Apostasie rechtlich geahndet wird, liegt das „Missverständnis darin, dass zwischen dem persönlichen Religionswechseln und einem im militärischen Sinne deklarierten Hochverrat nicht unterschieden wird“, sagt Baghajati, der sich nicht als Anwalt von Gottesstaaten, sondern als kultureller Übersetzer sieht. „Unter Muslimen ist Religion eine im Herzen verankerte Sache. Man kehrt nicht nur Gott den Rücken, sondern der gesamten Familie und Gesellschaft.“

Man muss das nicht gutheißen, sagt Baghajati zwischen den Zeilen, nur verstehen muss man es, denn es sei nun einmal so. Von den sozialen, psychischen und menschlichen Krisen, von denen Cahit Kaya, Sibel Beyoglu und Friederike Dostal sprechen, sei der Glaubensgemeinschaft nichts bekannt, versichert Baghajati. Nur 21 Muslime wären 2009 ausgetreten.

„Wenn einer seine Religion wechseln will, soll er das tun. Aber er soll seine Probleme dann auch selber lösen“, sagt Baghajati. Den Zentralrat der Ex-Muslime bezeichnet er als „irrelevant“, der Name sei „falsch gewählt“. Schließlich könne jemand, der nie Muslim war, auch nicht vom Glauben abfallen.

Die Vertreter der Glaubensgemeinschaft befinden sich nun in einer neuen Situation. Bislang kam Islamkritik vor allem von rechts. Aussagen, wie jene der FPÖ-Politikerin Susanne Winter, die den Propheten Mohammed als Kinderschänder bezeichnet hat, waren unschwer als das zu entlarven, was sie sind: rassistische Verhetzung. Doch mit den Ex-Muslimen rund um Cahit Kaya melden sich jene zu Wort, die die sogenannten Parallelgesellschaften kennen, weil sie darin groß geworden sind. Cahit Kaya etwa stimmt mit Winters Aussage sprachlich nicht überein, inhaltlich hingegen schon. Noch reagieren die Glaubensvertreter einfach mit Nichtbeachtung.

Letztlich wirft das Engagement der Ex-Muslime aber eine wichtige Frage auf: Werden sie ihr Ziel erreichen und einen innerislamischen Diskurs in Gang setzen, oder werden sie bloß die Fronten zwischen Islamvertretern und Islamkritikern verhärten?

In einem Onlineinterview spricht Kaya von der Notwendigkeit einer aufklärerischen Bewegung innerhalb des Islam, er geißelt Zwangsheirat, Ehrenmorde, Steinigungen und Genitalverstümmelungen. Tarafa Baghajati würde Kaya zweifellos in vielen der Punkte zustimmen. Doch die jubelnden Kommentare unter dem Interview lassen erahnen, wer auf diese Kritik gewartet hat. Vom Islam als „Geisteskrankheit“ ist dort die Rede, davon, dass sie „heilbar“ und Österreich ein „Kolonisationsgebiet“ sei.

Als die Pressekonferenz des Zentralrats am vergangenen Freitag beginnt, wird umgehend klar, warum weder Muslime noch Islamvertreter dabei sind, um mit den neuen Kritikern zu diskutieren: Sie wären hier nicht erwünscht, die Ex-Muslime ziehen nicht in den Dialog, sondern in den Kampf. 60 Interessierte tummeln sich im Republikanischen Klub im ersten Bezirk, der bis auf den letzten Platz gefüllt ist. Vor allem Atheisten, Frauenaktivistinnen und Linke sind gekommen, die jede Wortmeldung von Mina Ahadi und Cahit Kaya am Podium mit Kopfnicken und Applaus kommentieren.

Ahadi erzählt zunächst die bedrückende Geschichte ihrer Verfolgung, die auch in Deutschland kein Ende genommen hat. Nach der Gründung des dortigen Zentralrats stand sie wegen zahlreicher Morddrohungen sechs Monate lang unter Polizeischutz. Auch in Österreich erwarte sie Gewalt gegen die Initiative, sagt sie. Als sie dann von ihrem Kampf gegen europäische Islamverbände spricht, schreit sie beinahe, so empört ist sie.

Moscheen würden das Gegenteil von Integration betreiben, Islamverbände die Demokratie ablehnen und die „Islamlobby“ Islamophobie bloß als Schutzbehauptung instrumentalisieren, heißt es auf dem Podium. Gläubige Muslime werden als radikal und fanatisch dargestellt, sich selber bezeichnen die Kritiker als „normale Menschen“. Wer vor Verallgemeinerung und Islamophobie warnt, ist multikulti.

Für sie ist der Islam gefährlich

Ahadi deutet nicht etwa zwischen den Zeilen an, dass jemand als normaler Mensch in eine Moschee hineingeht und als Terrorsympathisant herauskommt. Sie sagt das ganz genau so und erntet dafür tosenden Applaus; von Menschen, die ihrer Angst endlich Luft machen wollen dürfen, ohne als rassistisch und islamophob abgestempelt zu werden, die endlich sagen wollen dürfen, dass der Islam politisch und gefährlich, dass er frauenfeindlich, ja menschenfeindlich ist und sie hier deshalb weder Minarette noch Kopftücher sehen wollen. Mina Ahadi erteilt ihnen diese Erlaubnis, denn sie ist eine von „denen“ und doch eine von „ihnen“.

„Die Gefahr besteht darin, dass sie, anstatt Teil der Lösung zu werden, Teil des Problems bleiben und auf muslimischer Seite keine selbstkritischen Debatten auslösen, sondern nur Abwehrreaktionen hervorrufen.“ Diesen Satz schrieb die Süddeutsche Zeitung einmal über die holländische Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali und ihre Mitstreiter. Er könnte sich aber ebenso gut auf den neuen Zentralrat beziehen. Denn wie dessen Exponenten da so im Republikanischen Club sitzen und gegen den Islam rasen, erwecken sie nicht den Eindruck, als würden sie für die 95 Prozent der heimischen Muslime sprechen, die keine Moschee besuchen, sondern für jene 30 Prozent Österreicher, die laut Umfragen nicht neben Muslimen leben wollen.

This entry was posted in Islam, Politik, Religion, Säkularismus and tagged , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *