Unter Narren

1955 wurde Österreich befreit und der Villacher Fasching gegründet. Die Geschichte eines Staatsgschnases

aus FALTER 06/10

Da ist sie wieder, diese bleierne Müdigkeit, die Alexander Telesko vor dem großen Moment stets überkommt. Manche beginnen zu zittern, ehe sie auf die Bühne treten, andere müssen sich übergeben, Telesko aber will schlafen.

Samstagnachmittags, 16 Uhr, der Countdown für die ORF-Aufzeichnung des Villacher Faschings steht auf vier Stunden. Dicke Flocken wirbeln durch die Genotteallee im Norden der Stadt. In der Lind-Apotheke, Nummer 24, sitzt der bekannteste Apotheker Österreichs und blickt zurück.

Als Alexander Telesko zum ersten Mal die Bühne des Villacher Faschings betrat, führte Bruno Kreisky eine sozialistische Alleinregierung. Die Grünen gab es damals noch nicht, dafür aber „Politiker mit Handschlagqualität“, sagt Telesko. „Nein, über Politik kann mir keiner was erzählen.“

25 Jahre lang verabreichte ihr der sympathische Brillenträger in seinem weißen Mantel als „unser Apotheker“ bittere Pillen. Er hat Kreisky verhöhnt und über Sinowatz gespottet, Vranitzky brachte ihn 1997 ins Schleudern, weil er den Kanzlerposten ausgerechnet am Tag der TV-Aufzeichnung für Viktor Klima geräumt hatte, und im Jahr 2000 wusste Telesko bis zuletzt nicht, über wen er sich nun lustig machen sollte: die blau-schwarze Regierung? Die EU? Oder doch über die Demonstranten? Beinahe die gesamte Regierung trat damals zu seiner Prangerrede an und klatschte demonstrativ, während ein New York Times-Journalist mitschrieb. Einen Abend lang stand Alexander Telesko auf der Weltbühne.

„Dieser Schwachsinn hat System“

Faschingdienstag in Österreich, das bedeutet Villacher Fasching, die Normalität für 140 Sendeminuten in die Narrenfreiheit entlassen. Bis zu drei Millionen saßen in den Glanzzeiten vor dem Bildschirm. Beim „Musikantenstadl“ tanzen die Österreicher, beim Hahnenkammrennen jubeln und beim Villacher Fasching lachen sie eben – ausnahmsweise über sich selbst.

Die Welt da draußen dringt an diesen Abenden nur spaßverzerrt in die Wohnzimmer. Das Prinzip ist einfach: Amateure bereiten das letzte Jahr in Form von Witzen, Sketches und Liedern für die Zielgruppe 50 plus auf. Das Saalpublikum schunkelt, klatscht und singt, je später, desto betrunkener, desto lauter. Und die Politiker, die verspottet werden, sitzen in der ersten Reihe und lachen in die Kamera.

„Der Apotheker!“, rufen die Leute auf der Straße heute oft noch. Dabei ist Telesko vor drei Jahren zum letzten Mal aufgetreten. Heuer gibt er ein Comeback, allerdings mit einer Klaviernummer.

„Haben Sie ein bisschen Zeit?“ Jeder braucht so einen Satz, sagt Telesko, und das war eben seiner: „Die Gäste wussten, was es dann zu sehen gab, nämlich sie selbst in meinem Spiegel.“ Der Villacher Fasching lässt sich auch als Spiegel für dieses Land nutzen; wer hineinsieht, der erkennt darin, wie sich Gesellschaft, Öffentlichkeit und Politik verwandelt haben, seit es am 26. Februar 1963 im ORF hieß: Lei-Lei!

Die Jubiläumsbücher und Best-of-Sendungen ergeben zusammen eine humoristische Chronologie Österreichs. Etwa die Witze über zweisprachige Ortstafeln aus den 70er-Jahren („Für was brauchen wir Ortstafeln, wenn eh jeder weiß, wo er wohnt?“), über den schwächelnden ORF aus den 80ern („Was ist ein Optimist? Einer, der FS 1 langweilig findet und dann auf FS 2 umschaltet“), über Haiders Ausländerpolitik aus den 90er-Jahren („Wäre Haider Bundeskanzler, hätten wir schon das Ausländerwahlrecht. Die Ausländer könnten dann wählen, ob sie mit dem Zug oder dem Bus heimgebracht werden“) und Gusenbauers Kanzlerschwäche („Die ÖVP hat in der neuen Regierung sämtliche Schüssel-Ressorts. Der SPÖ sind nur Zeichnen, Turnen, Werken und Geografie geblieben“).

Mal sind die Pointen spitz, mal sexistisch und xenophob – so wird es auch heuer wieder Negerleinwitze geben und einen Erklärungsversuch für Gender-Mainstreaming: „Die künstliche Gleichmacherei von natürlich biologischen Unterschieden.“

Es sind Rechtsanwälte, Professoren oder eben Apotheker, die im Villacher Fasching auftreten, Bürger mit einem ähnlichen Sinn fürs Volksbefinden, wie ihn die Leserbriefschreiber der Krone täglich unter Beweis stellen. Bloß dass hier auch Krone-Herausgeber Hans Dichand und der ORF aufs Korn genommen werden.

„Wir sind welche wie du und ich, die sich trauen, es der Politik so richtig reinzusagen“, sagt Telesko. Wir da unten; die da oben; es ihnen richtig reinsagen. Dieses Rezept klingt bekannt.

Telesko kann lange darüber reden, wie sich seit seinem ersten Witz über Bruno Kreisky der Typ des heimischen Politikers verändert hat. Es ist eine private Prangerrede über die neuen Verhältnisse, die sich in drei Worten zusammenfassen lässt: verlogener, gehetzter, zynischer. „Die Politik hat mittlerweile leider das bessere Programm“, sagt Telesko.

Kärntner Politiker, die nach der Hypo-Pleite jede Verantwortung von sich weisen und trotz eines drohenden Landesbankrotts auf der Straße Geld verteilen, oder die Negerwitze eines Gerhard Dörfler: Es sind traurige Höhepunkte, die Entwicklung dahinter, die Faschingisierung der Politik, ist aber nicht neu.

Der FPÖ-Slogan „Pummerin statt Muezzin“ und Haiders Wuchtel von Chirac als „Westentaschennapoleon“ etwa, oder der Sager „Wie kann einer Ariel heißen und so viel Dreck am Stecken haben?“: Sie alle könnten von der Villacher Bühne stammen. Erdichtet hat sie Herbert Kickl, der heutige Generalsekretär der FPÖ. Vielleicht ist es ein Zufall, dass er aus Villach stammt.

„Dieser Schwachsinn“, sagt Telesko abschließend mit Hamlet, „hat System.“ Es folgt kein „Lei-Lei!“, es war auch kein Witz. Und wie er so dasitzt, unser Apotheker, vom Apothekenduft umweht, während draußen Schnee fällt, hilft nur ein Aspirin.

Der ORF machte Villach populär

Drei Stunden sind es noch bis zum Aufzeichnungsstart. Im Stadtzentrum, 20 Gehminuten von der Genotteallee entfernt, sitzt ein bronzener Harlekin neben der Drau. Die roten Stadtväter haben ihn vor zwei Jahren für die Faschingsgilde aufgestellt, aus Dankbarkeit. Denn für sein Warmbad mag Villach bekannt sein, wegen seines Bieres beliebt und als Eisenbahnknotenpunkt oft durchfahren – berühmt aber ist die zweitgrößte Stadt Kärntens für ihren Fasching.

Die erste schriftliche Erwähnung geht auf 1867 zurück, auf das Jahr, in dem auch das Staatsgrundgesetz verabschiedet wurde. 1955, im Jahr des Staatsvertrages, fand der erste große Event statt. Doch erst der ORF machte den Ort populär und zum Vorbild anderer Faschingsgilden.

Meist sind sie, wie in Villach, aus sogenannten Geselligkeitsvereinen entstanden, in denen sich die Leute auf der Suche nach Gemeinschaft und Zerstreuung zusammenfanden, erklärt der Volkskundler Franz Grieshofer, der das heimische Faschingsbrauchtum erforscht hat. Der Fasching bot eine Gelegenheit, dem strengen Alltag mithilfe der Narrenkappe zu entfliehen. Anschluss an ein soziales Netzwerk sucht man heute aber nicht mehr im eigenen, sondern im globalen Dorf – Facebook statt Geselligkeitsverein. „In der Spaßgesellschaft hat sich der Fasching entfesselt“, sagt Grieshofer. „Auch deshalb hat sich der Villacher Fasching überlebt.“

Die Rituale sterben langsam aus

1,3 Millionen haben vergangenes Jahr zugesehen. Anfang der 90er-Jahre waren es beinahe noch doppelt so viele; zu einer Zeit, als ein Film wie „Crocodile Dundee“ mehr als zwei Millionen vor den Bildschirm lockte. Moik hat den Stadl verlassen, Maier die Skipiste, Böhm und Carell sind fast vergessen. Die öffentlich-rechtlichen Rituale sterben eben aus, dagegen kommt auch der Fasching nicht an.

„Natürlich schmerzt uns die sinkende Quote, aber so geht es ja allen Sendungen.“ Es ist einer der wenigen Sätze, nach dem Gernot Bartl nicht lacht. Als die Welt im Jahr 1968 verrückt spielte, als Studenten in Prag, Paris und San Francisco auf die Straße gingen, um die Narrenfreiheit zumindest ein wenig auszuweiten, kehrte der Magistratsbeamte Gernot Bartl die Villacher Faschingsbühne. Heute nennen sie ihn die „graue Eminenz“. Seit bald 30 Jahren führt er bei den Faschingssitzungen Regie.

„Früher haben sich die Leute noch das ganze Jahr auf den Villacher Fasching gefreut. Heute gibt es jeden Tag 25 Comedysendungen“, sagt Bartl, der Gäste mit einem kräftigen „Lei-Lei!“ begrüßt, zwei Stunden vor Sitzungsbeginn. Wenige Gehminuten von der Narrenstatue entfernt muss Bartl das auf dem Faschingsempfang im Hotel „Holiday Inn“ recht oft rufen.

SPÖ-Bürgermeister Helmut Manzenreiter hat den Empfang vor drei Jahren eingeführt. Prominente und Journalisten sollen einander bei Räucherforellentatar und Joghurthendl näherkommen. Bloß ist heuer nur die B- und C-Prominenz aus Wien angerückt: Edi Finger jr., Maggie Entenfellner, der Inder aus der Handywerbung oder ORF-Chef Alexander Wrabetz. Sein Erscheinen ist Pflicht.

Denn für den ORF, der für die Aufzeichnung 40 Mitarbeiter nach Villach schickt, ist es billiges Programm bei nach wie vor beachtlicher Quote. Mehr als 240 Villacher produzieren die Show ehrenamtlich, die sieben Kameras müssen nur draufhalten. Der ORF, der die Übertragungsrechte bis 2012 besitzt, will auch danach an der Sendung festhalten. Selbst wenn Privatsender laut den Organisatoren bereits mehr Geld bieten.

Der ORF ohne Villacher Fasching ist schwer vorstellbar. Der Villacher Fasching ohne ORF würde auf das zurechtgestutzt, was er eigentlich ist: ein Faschingsgschnas mit Regionalcharakter.

Die Bundesregierung hat sich diesmal entschuldigt und damit für das Gesprächsthema des Abends gesorgt. Die Krise, das Hypo-Desaster, das FPK-Theater – welcher Staatsmann will da schon zum Lachen nach Kärnten, ins Griechenland Österreichs, fahren? Bartl versteht das. Der Griechenlandvergleich macht ihn trotzdem traurig. Schließlich hat auch er viele Jahre lang daran gearbeitet, dass Restösterreich über Kärnten lacht, nur eben anders.

An diesem Faschingsdienstag werden vor allem rechte Politiker aus dem Bildschirm grinsen: H. C. Strache, Uwe Scheuch, Andreas Mölzer oder Martin Graf, der als Einziger mit Pfiffen begrüßt werden wird. Früher hatte Bartl die hohe Politik mit einem „Lei-Lei!“ willkommen geheißen, den legendären Gewerkschaftsführer Benya, Exfinanzminister Androsch, Kanzler Vranitzky und Landeshauptmann Haider.

Unangenehmer, als auf der Bühne verrissen zu werden, war nur, gar nicht vorzukommen. Nur einmal blieb Haider fern, weil die Organisatoren einen Witz partout nicht streichen wollten. „Was ist der Unterschied zwischen Haider und den Kärntner Ortstafeln? Die Ortstafeln sind erst vor kurzem verrückt worden.“

Vergangenes Jahr, nachdem Haider angetrunken mit überhöhter Geschwindigkeit in den Tod gerast war, kam er bloß in einem Witz vor. Der Unterschied zwischen Haider und seinem Nachfolger Gerhard Dörfler sei der zwischen einem Formel-1-Boliden und einem Tretroller. Dafür fehlt Dörfler heuer, aber er geht nicht ab.

Haider kam im Schottenrock

Im Gegensatz zu Haider, der für den Villacher Fasching nicht nur als Stichwortgeber fungierte. Er trat im Schottenrock oder mit Perücke auf, witzelte von seinem Platz aus mit und überredete Karl-Heinz Grasser oder Alfred Gusenbauer, sich mit einer Perücke fotografieren zu lassen.

Von der „ungustiösen Anbiederung der Politik“ spricht Eva Glawischnig. Die Grünen-Chefin, die in Villach geboren wurde, besuchte eine einzige Faschingssitzung. Allerdings war sie damals zwölf Jahre alt. Nicht einmal während des Kärntner Landtagswahlkampfs 2004, als sie wochenlang durch Gasthäuser tingelte, besuchte sie die Faschingssitzung. Glawischnig spricht zwar vom „Volksgut“, aber auch von der „Verlogenheit, einmal im Jahr mit aller Kraft über sich selbst lachen zu müssen“.

Wenn man kurz vor Sitzungsbeginn das Foyer im Congress-Center betritt, wird klar, was sie meint, wenn sie über den „Volkskultursumpf“ aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft spricht. „Für einen Kärntner Politiker ist der Villacher Fasching Pflicht“, sagt BZÖ-Generalsekretär Stefan Petzner, während er einem Jungen ein Autogramm gibt. Daneben lacht der Faschingsprinz in die Kameras. Der Regionalvertreter eines Mobilfunkunternehmens wird mit seiner Prinzessin später einen Handysketch aufführen, um seine Firma zu promoten. Und da schurlt Richard Lugner mit einer um 50 Jahre jüngeren Dame durch die Menge, und Dominic Heinzl hinterher.

Dieser Promihorizont, der von Lugner bis Strache reicht, ist nicht nur ein Symptom für die Bedeutung, die dem Villacher Fasching 2010 noch zukommt, sondern für die Gesellschaft, die er unterhalten will. Die hat sich eben verändert. Sie schickt Boulevardjournalisten, die Zitate erfinden, verhängt ein Rauchverbot während der Sitzungen und hinterlässt einen wie Alexander Telesko schmähstad.

Wenn er sich später ans Klavier setzen wird, um Beethovens „Für Elise“ im Fünfvierteltakt zu spielen, wird das Publikum jubeln. Und der Apotheker wird in diesem Moment sehr wach aussehen.

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