„Fuck Na C. Strache!“

Sie rappen, organisieren Bürgerinitiativen und vernetzen das „andere“ Österreich. Wie Jugendliche Heinz-Christian Strache attackieren

aus FALTER 03/10, gemeinsam mit Ingrid Brodnig und Martin Gantner

Es ist Sonntagvormittag, kurz nach zehn Uhr, als er aus dem Nebel tritt. Begleitet vom Chor aus Carl Orffs „Carmina Burana“, von den Stimmen jener, die Fortuna beschwören, die Göttin, die das Schicksal der Menschheit bestimmt.

2000 Menschen warten in der Wiener Messehalle auf die Neujahrsansprache Heinz-Christian Straches. Sie steigen auf Tische, schwenken rot-weiß-rote Fahnen, beim Klatschen verschütten sie ihr Bier.

Abseits der Masse steht ein hagerer Junge mit entsetztem Gesichtsausdruck, Simon Hilmar, 15 Jahre alt. Während der zweistündigen Rede Straches stellt sich der Rapper eine Frage: Wie würden diese Menschen auf seinen Song „Na C.-Strache“ reagieren? Würden sie Simons künstlerischem Alter Ego Big DnC Böses antun?

Big DnC aka Mr. Big hat mit seinem Hip Hop noch keine große Öffentlichkeit erreicht, der Schüler hat keine CD aufgenommen, seine Songs laufen nicht auf MTV. Und doch hat er den Clown H.C. Strache bereits in den Selbstmord getrieben, vor den Augen von 6142 Youtube-Sehern.

Wer die Onlinevideoplattform nach Strache-Raps durchsucht, wird nicht nur jene drei Songs finden, die Strache selbst aufgenommen hat, sondern unzählige andere, die auf Straches Wahlkampfreime geantwortet haben. Kaum eines der Videos erscheint so brutal, so kompromisslos wie jenes von Big DnC. Der junge Musiker überfällt darin, mit einem Baseballschläger bewaffnet, den koksenden FPÖ-Politiker in dessen Haus, er fesselt ihn und stülpt ihm eine Clownmaske über. Zehn Minuten lang „disst“ er den wehrlosen Strache, wie es in der Sprache des Hip-Hop heißt.

„He, Herr Strache, ich muss mal mit Ihnen reden. Ich weiß, Sie hassen Ausländer, und zwar jeden (…) Sie sagen, Sie verändern was – nein, Beschiss –, denn ich weiß, Sie sind nur ein scheiß Rassist“, heißt es im Text. Oder: „Haben Sie eigentlich gar keine Scham? Warum stand damals überall ‚Daham statt Islam‘?“ Und der Refrain: „N steht für Nazi, der total spinnt. A für den Abschaum, der Sie sind. C steht für Clown. Sie sind eine Strafe. Jetzt alle zusammen: „Fuck Na C.-Strache‘“. Am Ende des Videos wird der Politiker seine Fehler einsehen und sich mit einer Pistole selbst richten.

Viel ist seit der Nationalratswahl 2008 über Österreichs rechte Jugend geschrieben worden. Beinahe die Hälfte der jungen Wähler habe ihre Stimme an FPÖ und BZÖ gegeben, hatten Medien kurz nach der Wahl behauptet, an der erstmals auch 16-Jährige teilnehmen durften. Man sah junge Mädchen, die sich von Strache die Brüste signieren ließen; 15-Jährige, die, nachdem sie ihm die Hand gegeben hatten, gelobten, sich nie mehr die Hände waschen zu wollen; und 17-Jährige, die die Hand zum Hitlergruß reckten – das Jugendpopphänomen H.C. war geboren.

Als dann noch Wiener Gymnasiasten in Auschwitz herzlich über Judenwitze lachten und eine Gruppe Jugendlicher Besucher im ehemaligen KZ Ebensee in Oberösterreich mit Paintballs und „Heil!“-Rufen empfing – im gleichen Outfit, mit dem Strache als Jugendlicher durchs Unterholz gerobbt war –, schien plötzlich alles ins Bild zu passen: „Die Zukunft eines Landes liegt in den Händen seiner Jugend – demnach drohen Österreich düstere Zeiten“, hieß es etwa im profil.

Mittlerweile ist es wieder ruhiger geworden um Österreichs rechte Jugend. Eine Sora-Studie unter 16- bis 18-Jährigen hat ergeben, dass „nur“ 24 Prozent der jungen Österreicher für rechte Parteien bei der Nationalratswahl stimmten – weniger als in der Gesamtbevölkerung. Nur eine Minderheit der Jugendlichen bezeichnet sich laut Sora selbst als „rechts“.

76 Prozent haben hingegen nicht ihr Kreuz bei FPÖ oder BZÖ gemacht. Unter ihnen finden sich viele junge Menschen, die gegen Strache und die These einer radikalen Partyjugend vorgehen. Sie gründen Bürgerinitiativen und schreiben Theaterstücke, sie organisieren Lichterketten, arbeiten online an einem „anderen“ Österreich oder stellen eben Musikvideos auf Youtube, wie Simon Hilmar aka Big DnC das getan hat.

Er sitzt jetzt in einem Café am Rudolfsheimer Meiselmarkt, jener Gegend Wiens, in der er aufwächst. Der Gymnasiast trägt Baseballkappe, weite Hosen und einen schwarzen Kapuzenpulli. Simon erzählt vom Alltag im Gemeindebau, wo er mit seiner Mutter wohnt. Es ist einer jener Bauten, die Strache in seinen Reden als Slums beschwört, in denen Gewalt und Andersartigkeit keimen würden. Noch vor wenigen Jahren waren nur „echte Österreicher“ in dem Haus untergebracht, heute wohnen auch viele Einwanderer auf Simons Stiege. Doch von Hammelbraten auf Balkonen oder geschächteten Tieren in Waschküchen könne keine Rede sein, sagt er.

Klar komme es oft zu Reibereien zwischen In- und Ausländern, und klar sei Integration Schwerarbeit, sagt Simon, aber Ausländer dafür hassen? „Ich bin doch nicht blöd.“ Ob der 15-Jährige nicht Angst habe, mit seinem Lied „Na C.-Strache“ zu weit gegangen zu sein? „Geht denn nicht auch Strache zu weit?“, fragt der Schüler zurück.

Ursprünglich habe er den Song nur für sich geschrieben, als Antwort auf die Strache-Raps. Simon fühlte sich von Straches Anbiederung an die Rapperszene vereinnahmt. Dann überkam ihn das Bedürfnis, andere Jugendliche auf die Angstpolitik Straches aufmerksam zu machen. Denn viele Kids, die Strache wählen, seien ebenso wenig Rechte, wie er ein Linker sei, sagt Simon, sie ließen sich bloß von geschicktem Politmarketing überzeugen.

Junge Menschen wie Simon hat der Sturm der Entrüstung überrascht, der nach den Nationalratswahlen 2008 über Österreichs Jugend hereinbrach. Sie können sich nicht an die Aufregung über die schwarz-blaue Wende im Jahr 2000 erinnern. Als die EU Sanktionen über Österreich verhängte und der damalige belgische Außenminister von Skiurlauben in der Alpenrepublik abriet, sausten sie im Zwergerlkurs die Skipisten hinab.

Auch Jacob Lassar erinnert sich nur daran, auf den Schultern seines Vaters gesessen zu sein, als dieser am Heldenplatz mit hunderttausenden gegen Schwarz-Blau demonstrierte.

Der 17-jährige Lockenkopf sitzt im Café Pickwicks nahe dem Wiener Schwedenplatz. Der Schüler, dessen Vater aus den USA stammt, hat Obama aktiv unterstützt. Nach dem EU-Wahlkampf Straches und der xenophoben Anti-Moschee-Initiative in der Brigittenau reichte es Jacob. „Die Hetze war unerträglich“, sagt er. „Und da niemand etwas dagegen unternommen hat, bin ich eben selbst aktiv geworden.“ Der Spross aus gutbürgerlichem Elternhaus hat kein Hasslied geschrieben wie Big DnC, sondern eine Bürgerinitiative gegründet.

Sein Anliegen: Wer in hetzerischer Weise Wahlkampf betreibt, soll künftig keine Wahlkampfkosten mehr rückerstattet bekommen. Gemeinsam mit Freunden gründete er eine Facebook-Gruppe und organisierte Kaffeehaustouren, um die notwendigen 500 Stimmen zu sammeln. Heute liegt der Antrag im Petitionsausschuss des Nationalrats, wo in den kommenden Monaten darüber entschieden werden soll.

Jacob Lassar erzählt ebenso wie der Hip-Hopper Simon von jugendlichen Ausländern, die pöbelnd durch die Straßen ziehen. Einen Freund von ihm hätten ein paar Serben auf der Donauinsel sogar verprügelt. Solche Geschichten kennen alle Wiener Jugendlichen: Da wird im Käfig Fußball gespielt, und plötzlich beginnt das andere Team, alles Einwandererkinder, unprovoziert zu foulen. Mädchen werden abends in der Disco belästigt – aber einmal nicht von Michael und Sebastian, sondern von Ahmed und Bogdan. Strache, der dynamische Typ mit Converse und StraCHE-Shirt, gibt Jugendlichen das Gefühl, dass sie Ausländer mit einer Stimme für Blau direkt aus der Disco wählen können.

Die anderen Parteien scheinen sich entweder gar nicht dafür zu interessieren, oder sie schicken Hardliner wie Innenministerin Maria Fekter (ÖVP) und den burgenländischen Landeshauptmann Hans Niessl (SPÖ) mit der Botschaft „Die Ausländer sind das Problem“ hinaus.

Jacob wünscht sich eine ernsthafte Migrationsdebatte ohne Reime wie „Daham statt Islam“. Letztlich sei es nicht wichtig, ob seine Bürgerinitiative in Gesetzesform gegossen wird, sagt er. „Wichtig ist, dass ich etwas unternommen habe und ein paar Leute zum Nachdenken gebracht habe.“

Eine hehre Motivation. Sie mag sich aus dem Mund eines 17-Jährigen pathetisch anhören, aber viele andere Jugendliche teilen sie.

Da schreibt etwa die 15-jährige Wiener Schülerin Natalia Neumaier gemeinsam mit vier anderen im Rahmen eines Theaterprojekts im Dschungel Wien an dem Stück „Auslandia“, in dem die gebürtige Mexikanerin Alltagsrassismus in Österreich thematisiert. Da geht der geborene Bosnier Valentin Galic, 17, jede Woche mit seiner Okto-Sendung „CU Television“ in Wiener Jugendzentren, um über Integration und Politik zu sprechen. Da treffen sich Romy Grasgruber und Maria Sofaly, beide Anfang 20, mit Freunden, um eine europaweite Lichterkette zu organisieren; jene Studentinnen, die bereits im Juni, als die xenophobe Stimmung rund um die EU-Wahl einen Höhepunkt erreicht hatte, eine Lichterkette ums Parlament organisierten.

Wer mit diesen Jugendlichen spricht, wird viele Parallelen finden: Mit dem Links-rechts-Schema können sie nichts anfangen – ebenso wenig mit der Sprache der Politiker. Die ist ihnen nicht menschennah genug, es mangelt an konkreten Visionen und Angeboten.

„Die große Bühne der Politik hat mit ihrem Alltag nichts zu tun“, konstatiert Beate Großegger vom Institut für Jugendkulturforschung. Es ist eine Erfahrung, die sie in Gesprächen mit jungen Wählern immer wieder macht: Es ist nicht bloß das Vermögen der FPÖ, die Kids an Bord zu holen, sondern vor allem das Unvermögen der anderen Parteien, sie anzusprechen.

Während die Spaßgesellschaft in der Krise den Ernst entdeckt, ruft etwa Vizekanzler Josef Pröll zur Wahl des Superpraktikanten auf. Ein Hohn für jene, die von einem Praktikum zum nächsten hasten. Der Erstplatzierte darf eine Woche mit Pröll verbringen und Politik „hautnah“ miterleben. Der Zweite, so lautet ein mittlerweile gängiger Witz unter Jugendlichen, muss zwei Wochen mit Pröll verbringen und der Drittplatzierte gar drei. Während die Grünen davon überzeugt sind, dass die Jugend am ehesten an Nachhaltigkeit und Ökologie interessiert ist, verteilt die SPÖ in Zeiten von Komasaufen „Partypässe“, damit Sonntag früh noch ein bisschen Kleingeld übrig ist.

Weil die Erwachsenen nicht die richtige Sprache finden, ergreift die Jugend selbst das Wort. Einer, der das versucht, ohne sich dabei über das Feindbild Strache zu definieren, ist Armin Soyka. Zuerst hat er im Netz die Stimme erhoben, er begann zu bloggen, hat sich auf Facebook mit mehr als 1300 Menschen vernetzt. Jetzt veranstaltet der 19-Jährige politische Grillrunden und lädt Lesben und Schwule zum Projekttag an seine Währinger Schule. Im kommenden Wiener Wahlkampf wird er für die Grünen auf Platz 24 kandidieren.

„Es geht nicht darum, Strache fertigzumachen, sondern an einem anderen Österreich zu arbeiten“, sagt der Gymnasiast. Er kennt das Gefühl, als junger Mensch eine TV-Konfrontation anzusehen und nicht recht zu wissen, wovon die Politiker da eigentlich reden. Nur eines hat nach der Sendung jeder verstanden: die paar Botschaften, die Heinz-Christian Strache an die Jugend aussendet.

Armin will im Wahlkampf Gleichaltrigen zeigen, dass sie sich einbringen können. Er will sie mit Themen ansprechen, die ihren Alltag betreffen: Nachtbusse, Schule, öffentlicher Raum. Dass die Jugend politikverdrossen ist, glaubt er keine Sekunde. „Da gibt es eine große politische Sehnsucht. Die Leute sehnen sich danach, über Themen zu reden.“

Umfragen sehen das ähnlich. Fast drei von vier Jugendlichen glauben, dass die Politik eine bessere Welt schaffen kann. Nur von den heimischen Politikern sind sie enttäuscht. Zwei Drittel meinen, dass diese nur leere Versprechungen bieten.

Beinahe ein Viertel der Jugendlichen treibt das in die Arme der Rechten. Viele andere interessieren sich nicht mehr für Politik. Gleichzeitig gibt es jene, die nun aktiv werden, gegen die Resignation und gegen die Vereinnahmung von rechts.

Simon, Jacob, Armin, Natalie und Valentin – sie alle machen jeweils auf ihre eigene Art und Weise, was sie sich von Politikern wie Werner Faymann oder Josef Pröll erwarten: Sie entwickeln Gegenentwürfe. Die jungen Aktivisten wie Simon Hilmar alias Big DnC versuchen bei aller Wehrhaftigkeit aber auch das Popphänomen Strache nicht allzu ernst zu nehmen. „Am Ende“, sagt der Rapper nach Straches zweistündiger Neujahrsansprache, „ist er auch nur ein Clown.“

This entry was posted in Politik and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *