„Ich werde die Welt nicht retten“

Günter „wallrafft“ wieder. Ein Gespräch über Kärnten, Dichand, Borat und eigene Unzulänglichkeiten

aus FALTER 02/10, gemeinsam mit Martin Ganter

Günter Wallraff hatte bereits viele Namen. Er arbeitete als Enthüllungsjournalist Hans Esser bei der Bild oder als türkischer Gastarbeiter Ali Levent Sinirlioglu bei Thyssen. Zuletzt reiste er ein Jahr lang als Kwami Ogonno durch Deutschland. Seit mehr als vier Jahrzehnten setzt sich Wallraff Masken auf, um die Gesellschaft zu demaskieren. Auch privat.

Falter: Herr Wallraff, Sie recherchieren seit 40 Jahren undercover und haben dutzende Rollen gespielt. Verkleiden Sie sich eigentlich auch privat?

Günter Wallraff: In letzter Zeit ist das vorgekommen. Ich bin mittlerweile so bekannt, dass ich häufig angesprochen werde. Mein normales Leben ist dadurch ein wenig aus dem Rhythmus geraten, sodass ich jetzt zweimal wieder in der Obdachlosenverkleidung unterwegs war. So werde ich in Ruhe gelassen und nicht besser behandelt als andere.

Wie gehen Sie mit Ihrer Bekanntheit um?

Wallraff: Ich nutze den Vertrauensvorschuss. Es werden zuhauf Ungerechtigkeiten an mich herangetragen, die ich niemals alle journalistisch verarbeiten kann. Da greife ich dann zum Hörer und rufe den Unternehmer mit der Bitte an: „Bringen Sie das in Ordnung. Denn wenn da nichts geschieht, muss ich das leider veröffentlichen.“ Und siehe da: Plötzlich geht es ganz schnell. Neuerdings verzichten die Beschuldigten auch darauf, mich zu verklagen. Das ist das eigentlich Neue. Die Prozesse bleiben aus.

Worauf führen Sie das zurück?

Wallraff: Es dürfte sich herumgesprochen haben, dass ich die Verfahren bisher alle gewonnen habe. Außerdem werden durch einen Prozess die Sauereien erst richtig bekannt.

Was haben Sie denn durch Ihre Rolle des Schwarzen Kwami Ogonno über das heutige Deutschland gelernt?

Wallraff: Dass es ein völlig anderes Deutschland gibt, das mit dem mir vertrauten Deutschland nicht viel gemein hat. Menschen, die man sonst als freundlich erlebt, fallen plötzlich durch Verachtung, Ignoranz und Gewaltbereitschaft auf. Dabei ist das Einzige, was Günter Wallraff von Kwami Ogonno unterscheidet, eine millimeterdünn aufgetragene schwarze Hautfarbe.

Was hat Sie am meisten überrascht?

Wallraff: Dass Deutschland, was den Umgang mit Menschen anderer Herkunft betrifft, ein sehr rückständiges Land ist. Erinnern Sie sich an den bayrischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, der offen von einer unzulässigen Durchrassung der deutschen Bevölkerung sprach? Oder Ronald Schill, ehemaliger Richter und Innensenator Hamburgs, der voller Stolz erklärte: „Von mir haben die Neger alle immer etwas mehr bekommen“? Das ist nicht nur ein Rassismus der einfachen Leute, sondern es sind Vertreter der Elite, die diese Fremdenfeindlichkeit von oben nach unten verbreitet haben, und dessen konnte ich nun gewahr werden.

In Österreich gibt es einen Landeshauptmann, der seinen Rassismus mit Negerwitzen ganz offen zur Schau stellt. Sie brauchten sich hier nicht zu verkleiden, um darüber zu berichten.

Wallraff: Kärnten war schon immer ein Sonderfall. Dieses Land scheint bis heute nicht Teil der globalisierten Welt zu sein. Man müsste Besuchergruppen in dieses Reservat schicken, um die Borniertheit und solch rückschrittliche Ansichten zu veranschaulichen. Die müsste man richtig vorführen. Dadurch ließe sich sicherlich auch der Tourismus ankurbeln.

In der Dokumentation kommen viele Menschen mit rassistischen Aussagen zu Wort. Leute, die nicht wussten, dass sie gefilmt wurden. Dennoch erklärten sie sich mit der Ausstrahlung der Dokumentation einverstanden.

Wallraff: Das war das Erstaunlichste. In ihren Kreisen gereicht Rassismus offenbar nicht zum Nachteil.

Kritiker warfen Ihnen vor, Sie würden sich inszenieren, seien ein Opfer der Marke Wallraff und ein humorloser Borat. Es wurde mehr über Ihre Methode diskutiert als über das Problem, das Sie beschrieben haben.

Wallraff: Jede Debatte, die kontrovers verläuft, dient der Sache, und mit Kritik kann ich umgehen. Im Übrigen war ich alles andere als Borat: nicht provozierend, vielmehr freundlich und zuvorkommend. Dennoch wurde ich wiederholt mit ihm verglichen. Die Londoner Times etwa schrieb „Entlarvender als Cohens erfundener Borat“, der Stern vom „schlechteren Borat“ und die B.Z. schrieb vom „seriösen Ur-Borat“.

Was sagt es aber über eine Gesellschaft aus, wenn sie einen Weißen benötigt, der ihr zeigt, wie schlecht es den Schwarzen tatsächlich geht?

Wallraff: Auch viele in Deutschland lebende Schwarze sagen, dass genau dieser Umstand den Film auszeichnet. Die Weißen, die eine rassistische Ideologie haben, werden von einem der Ihren widerlegt.

Es entsteht jedoch der Eindruck, dass die Schwarzen nicht in der Lage sind, selbst für ihr Recht zu kämpfen.

Wallraff: Im Gegenteil. Dadurch kommen jetzt Vertreter von Schwarzenorganisationen zu Wort. Diesen Vorwurf könnte man ja allen meinen Reportagen machen. Warum beschrieb ich keinen echten Türken oder keinen echten Obdachlosen? Es ist eben meine Ausdrucksform, meine Kunstform. Dieser Vorwurf kommt immer dann, wenn ich den Nerv einer Gesellschaft treffe. Man prügelt den Boten, um die Botschaft nicht an sich ranzulassen.

Ihr Ziel ist es, Vorurteile offenzulegen. Sind Sie im Zuge der Arbeit auf eigene Vorurteile gestoßen?

Wallraff: Ja. Schwarze kommen in den Medien oft nur als Dealer oder Asylbetrüger vor. Als ich dann in die schwarze Szene abtauchte, ertappte ich mich dabei, wie tief solche Klischees sitzen. Somit bieten mir die einzelnen Verkleidungen die Möglichkeit, auch eigene Vorurteile zu überwinden.

Wie hat sich Deutschland in den vergangenen 40 Jahren verändert? Werden Sie noch gebraucht?

Wallraff: Ich hab doch stark den Eindruck, mehr denn je! Nicht zuletzt durch die 68er-Bewegung sind durchaus positive Standards entstanden, andererseits schreitet die Entrechtung der Arbeiterschaft in einer Weise voran, wie ich mir das nie hätte vorstellen können. Heute befinden sich einst selbstverständlich geglaubte Dinge im freien Fall. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. Das stellt das Land vor eine Zerreißprobe.

Worauf führen Sie das zurück?

Wallraff: Das hängt unter anderem auch damit zusammen, dass die Gewerkschaften mit dem Rücken zur Wand stehen und keine gestaltende Kraft mehr sind.

Sie haben viele Bewunderer, aber kaum Nachahmer.

Wallraff: Ich bin gerade dabei, ein sogenanntes Wallraff-Stipendium zu schaffen, das diese zeitaufwendige Methode der Rollenreportagen finanziert. Ich muss schließlich auch mal daran denken, dass das nach meinem Tod fortgeführt wird.

Im Schwedischen und Norwegischen gibt es den Begriff „wallraffa“ für die Tätigkeit eines investigativen Journalisten. Was zeichnet einen Wallraffa aus?

Wallraff: So wie Wilhelm Conrad Röntgen Pate für das Röntgengerät stand, stehe ich Pate für eine besondere Form des investigativen Journalismus – für das Durchleuchten der Gesellschaft. Meine Methode ist eindeutig: Da, wo die Arbeit der Bild-Zeitung anfängt, hört meine auf. Also da, wo das Intimleben des größten Schurken beginnt, ist für mich Schluss. Die Methode ist auch nur aus der Position der Schwächeren gegenüber den Mächtigeren anzuwenden und nicht umgekehrt. Außerdem muss man im Anschluss an die Arbeit Rechenschaft darüber ablegen. Wir leben in einem Rechtsstaat, wo jeder, der glaubt, ich hätte falsch über ihn berichtet, den Rechtsweg einschlagen kann.

Aber Sie müssen mit Ihren Rollen ja Enttäuschungen des Gegenübers in Kauf nehmen. Sie sind schließlich dazu gezwungen, Ihre Weggefährten hinters Licht zu führen.

Wallraff: Mir hat noch keiner vorgeworfen, dass ich ihn getäuscht hätte. Im Gegenteil: Sie ermutigen mich, und wildfremde Menschen bieten mir auf Veranstaltungen Lohnsteuerkarte und Personalausweis an. Sauer sind nur die, deren Machenschaften ich offenlege. Doch auch da entsteht neuerdings immer öfter eine eigenartige Täter-Opfer-Beziehung. Es kam etwa einer der Mächtigsten aus der Callcenterbranche, den ich als Kriminellen überführt hatte, zu mir und sagte vor laufender Kamera: „Ja, Sie haben Recht. Die ganze Branche ist kriminell, aber die anderen sind schlimmer.“

In einem der Callcenter, in denen Sie verdeckt recherchiert hatten, haben nach Veröffentlichung Ihrer Geschichte 450 von 600 Leuten ihren Job verloren. Tat Ihnen das nicht leid?

Wallraff: Einige der Gekündigten sind bei anderen Anbietern untergekommen, andere sprechen von einer Befreiung. Die meisten Angestellten leiden unter solch einem System. Nach wenigen Monaten ist die Selbstverleugnung nicht mehr auszuhalten. Schließlich wird man zum Betrüger ausgebildet, und das ist wider die menschliche Natur. In Österreich gab’s sogar zwei Haftanstalten, in denen Callcenter als Resozialisierungsmaßnahme vorgesehen waren. Da hatten dann die Hochstapler und Betrüger die besten Chancen, sich zu bewähren.

Sie sind eine Mischung aus Aktivist und Journalist. Beanspruchen Sie für sich überhaupt Objektivität?

Wallraff: Nein. Wer vorgibt, objektiv zu sein, sollte hinterfragt werden. Ich bin parteilich auf der Seite der jeweils Schwächeren, denn das Recht ist auf der Seite der Opfer, sagte schon Heinrich Böll. Im Zweifel fühle ich mich jenen am ehesten zugehörig, die nicht dazugehören.

Wie geht man als bekannter Moralist mit den eigenen Fehlern oder Unzulänglichkeiten um?

Wallraff: Ich bin ein fehlerhafter Mensch und wehre mich dagegen, als Vorbild idealisiert zu werden. Aber ich werde mich davor hüten, Ihnen meine Fehler zu nennen. Diesen Gefallen möchte ich meinen Gegnern nicht tun. Ich schreibe auch an einer Autobiografie, die aber erst nach meinem Tod erscheinen soll.

Warum?

Wallraff: Weil es auch eine Selbsthinterfragung ist, in der es darum geht, was ich Menschen im Privaten angetan habe. Ich bin nun zum dritten Mal verheiratet, und wenn es ein Schuldprinzip gäbe, dann wäre ich sicher der schuldige Teil. Ich hab so einiges wiedergutzumachen.

Wird es auch berufliche Verfehlungen geben, die enthüllt werden?

Wallraff: Nein. Das hängt damit zusammen, dass Geld für mich nie eine so große Rolle spielte. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ende der 70er-Jahre saß ein freundlicher Herr in meiner unaufgeräumten Küche, der meine Arbeit gut fand, mich unterstützen wollte und mir anbot, für seine Zeitung Sozialreportagen zu schreiben. Geld würde keine Rolle spielen. Natürlich interessierte mich das. Ich ließ mir also die Zeitung zustellen, um über das Angebot nachzudenken. Als ich sie dann las, war ich entsetzt. Der nette Herr war Hans Dichand, den ich damals nicht kannte. Ich hab ihm dann einen freundlichen Brief geschrieben und hab mich für das wirklich nette Gespräch bedankt. Aber neben den Hetztiraden eines Staberl wollte ich meine Reportagen nicht veröffentlicht sehen. Solche Angebote gab es einige. Auch zwei politische Parteien haben mir jüngst ein Angebot gemacht. Das kommt für mich aber nicht infrage.

Inwiefern waren die vielen Rollen über die Jahrzehnte auch eine Möglichkeit, in der Rolle des Günter Wallraff besser zurechtzukommen?

Wallraff: Die Rollen sind eher aus einer Identitätsschwäche heraus entstanden. Ich war in meiner Jugend extrem schüchtern. Indem ich mich in so extreme Rollen begebe, bin ich ein anderer Mensch geworden. Ich habe dadurch eine gesellschaftliche Zugehörigkeit entwickelt und bin auch streitbarer geworden.

Sie haben jetzt das Buch geschrieben, einen Film gedreht, sind 67 Jahre alt. War das die letzte große Günter-Wallraff-Show?

Wallraff: Nein. Show ist das nicht. Ich freu mich schon, dass ich im April in einer neuen Rolle untertauchen kann. Die Sehnsucht wächst. Zwei, drei Sachen sind jedenfalls vorbereitet. In der Regel gelingt dann eines davon.

Ihr langjähriger Fotograf Günter Zint meinte: „Der Wallraff muss die Welt retten.“ Das wird knapp.

Wallraff: (lacht) Ich werde die Welt nicht retten, falls sie überhaupt noch zu retten ist. Wenn allerdings alle ihr Möglichstes dazu beitragen, dann ist viel mehr möglich, als wir jetzt für möglich halten.

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