Held für einen Tag

In einer Gesellschaft der Sprachlosigkeit stellt der Kosovare Migjen Kelmendi jene Fragen, die keiner hören will. Seine Wochenzeitung “jáva” erhält als Antwort nun den “Press Freedom Award”.

aus FALTER 19/07

Draußen kreisen Helikopter über den Dächern. Uno-Fahrzeuge drehen ihre Runden. Nachts streunen Rudel wilder Hunde durch die Straßen, an deren Rändern vielerorts Müll liegt. Langsam und mühselig scheint diese Welt zugrunde zu gehen. Doch in der Brasserie “De Rada” dudelt Jazz aus den Boxen und mischt sich unter die zwitschernden Stimmen. Ein Mann sitzt bei einem Espresso und erzählt sanft gestikulierend die Geschichte dieser Welt. Es ist PrisÇtina, Kosovo, 2007.

Der Mann trägt Bluejeans, schwarze Lederjacke und ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen, an denen die jungen Menschen, die mit ihm am Tisch sitzen, gespannt hängen. Er sieht aus wie ein Lausbub, der inzwischen selbst Noten vergibt. Mit plötzlich ernstem Blick wendet er sich dem ausländischen Besucher zu: “Was denken Sie über Kosovo?”

Es ist diese Frage, die Migjen Kelmendi, 47, treibt, und an der er sich schon so lange abarbeitet: als Rock’n’Roller, als Schriftsteller, als TV-Journalist, als Publizist. Am Mittwoch, dem 9. Mai, nimmt Kelmendi in Wien den “Press Freedom Award” von Reporter ohne Grenzen (RoG) Österreich im Bereich Print entgegen; stellvertretend für seine Wochenzeitung jáva (Woche) und für sich selbst.

Der “Press Freedom Award” ist der erste internationale Journalistenpreis für ein kosovarisches Medium und der Zeitpunkt freilich kein Zufall. 2007 spielt Kosovo, ein sonst blinder Fleck Europas, gerade mal so groß wie Oberösterreich, eine gewichtige Rolle auf der internationalen Politbühne. Noch heuer könnte das Land in die Unabhängigkeit oder zumindest eine überwachte Variation derselben entlassen werden.

“Kelmendi verfolgt mutig und mit aufrechtem Gang hohe intellektuelle Ziele”, sagt Rubina Möhring, Präsidentin von Reporter ohne Grenzen in Österreich, die den Sohn eines renommierten Journalisten seit Jahren kennt und einen “Weitdenker” nennt. Als das “Herausarbeiten von Differenzen gegenüber dem Beschwören einer fiktiven Homogenität”, beschrieb der Tagesspiegel einmal Kelmendis Mission, die mit einem Mikrofon ihren Anfang nahm.

Mit Bluejeans und einer “Go west”-Attitüde ausgerüstet, gründet Kelmendi Anfang der Achtzigerjahre die Traces. Die Kapelle verbindet folkloristische Elemente mit modernen Rhythmen, gesellschaftspolitischen Texten und musikalischem Dilettantismus. “Lärm ist Leben, begann ich mir zu sagen, und Stille ist Tod. Wo kein Lärm ist, geschieht nichts Wichtiges”, schreibt Kelmendi in seinem Buch “To Change the World: A History of the Traces”. Freiheit, nur von Gitarrensoli unterbrochen – stets mit einer Verheißung David Bowies in den Ohren: “We can be heroes, just for one day.”

Die Rock’n’Roller geraten bald zwischen die Fronten. Der albanische Kommunismus unter Enver Hoxha verbietet nach Gott auch gleich den Rock’n’Roll. Dem serbischen Nationalismus wiederum graut vor subversiven Texten. Der studierte Jurist lässt die Musikerkarriere sausen und entscheidet sich Mitte der Achtzigerjahre für Radiojournalismus.

Doch 1989 annulliert Slobodan MilosÇevic´ endgültig den Autonomiestatus der Region, ein Polizeistaat ist die Folge: Kosovo-Albaner werden in Verwaltung und Industrie durch Serben ersetzt und zum Paria im eigenen Land. Auch die Medien werden serbisiert und gleichgeschalten. Die Meinungsfreiheit hat Sendepause.

In die Arbeitslosigkeit gezwungen, betritt Kelmendi neue Ufer. In den Folgejahren schreibt er mehrere Bücher, verdingt sich bei einem albanischen Fernsehsender in New York und leitet eine Guerillasendung, die über Satellit von Albanien nach Kosovo ausgestrahlt wird.

1998 beginnt schließlich, womit selbst Kelmendi “niemals gerechnet” hätte: der Bürgerkrieg. Die Menschen fallen übereinander her. Erst die Bomben US-amerikanischer Kampfflugzeuge bereiten dem monatelangen Konflikt ein Ende. Doch in den Köpfen der Menschen dauert er an. Man begegnet ihm an jeder Straßenecke, in jedem Gesicht, in jeder Rede eines Politikers. Wo keiner darum bittet, da ist kein Verzeihen.

Kaum jemand wagt es heute, nach einer Identität zu fragen, an der alle Teil haben – Serben ebenso wie Albaner, Kriegsverbrecher wie Kriegsopfer. Zu frisch sind die Wunden nach den Jahren der Apartheid und nach dem Krieg. Für Kelmendi zeigen sich die heutigen Fronten allerdings anderswo. Angesichts der “gegenüber jedem Anderssein völlig intoleranten Gesellschaft” spricht er von einem “Krieg der Weltanschauungen”.

2001 lässt der verheiratete Vater zweier Töchter seinen Job als Generaldirektor des öffentlich-rechtlichen Rundfunks RTK sausen und es stattdessen mit jáva krachen. Seither gibt es in den Annalen der kosovarischen Miniaturöffentlichkeit ein Davor und ein Danach.

Der Nullnummer vom 1. Dezember 2001 liegen drei Dossiers bei; in einem behandelt Kelmendi das Thema “Identität” und tritt eine bis heute andauernde Debatte los: “Wer zum Teufel sind wir? Und was verbindet uns?” Das Blatt veröffentlicht fortan Beiträge von Politikern, Schriftstellern und Philosophen zum Thema, von Albanern wie von Serben.

Das Alleinstellungsmerkmal von jáva, das donnerstags im A3-Format erscheint, ist sein Spektrum an Reizthemen. In unregelmäßig erscheinenden Dossiers behandelt man die Rechte von Frauen und Homosexuellen, den eigenen Platz in Europa, das künftige Design der Flagge oder einfach die Dringlichkeit von Debatten in einer Gesellschaft der Sprachlosigkeit – was die Kosovaren unter den Tisch kehren, holt jáva wieder hervor.

Kelmendi führt zudem einen Kampf der Sprache. Er publiziert Teile der Zeitung in Gheg, der ursprünglichen albanischen Sprache, die 1972 verboten wurde und seither als verpönt gilt. “Es ist”, beschreibt Kelmendi sein Tun und Nichtlassen, “als würde ich nackt in eine Moschee gehen.”

Auch der Journalist Delfin Pllana, 26, arbeitet für jáva. Der groß gewachsene Mann mit schwarzem, kurz geschnittenem Haar hat in Ungarn und Deutschland studiert, Spezialgebiet Europäische Integration. So kam er auch zu jáva, wo er die EU-Seiten betreut. “Uns geht es darum, Tabus zu brechen”, erzählt Pllana. “Wir bieten der Gesellschaft einen Raum, wo sie sich selbst diskutieren kann. Auch wenn sie ihn nicht will.”

Studenten, Intellektuelle und Personen der Öffentlichkeit sind die Zielgruppe des Blattes. Im Kosovo, wo weites Denken als Luxus betrachtet wird, ist das ein kleiner Kreis. Die Arbeitslosenrate beträgt rund fünfzig Prozent – unter jungen Menschen ist sie noch weit höher -, ein Monatslohn zweihundert Euro. Im jüngsten Land Europas ist jeder zweite Bürger unter 25 Jahre alt. Weil sie nicht frei reisen dürfen, nennen sie den Ort ein Ghetto. Und verbringen ihre Tage mit Warten.

Offiziell wird jáva in einer Auflage von 2000 Stück gedruckt. Kelmendi spricht von nur einigen hundert Käufern. Das ist nicht außergewöhnlich. Alle Tages- und Wochenzeitungen verkaufen den rund zwei Millionen Kosovaren zusammen nur 30.000 Stück, während 130 Fernseh- und Radiofrequenzen das Land bestrahlen.

Eine international hochsubventionierte Meinungsfreiheit machte sich nach dem Krieg in den verstaubten Redaktionsstuben breit und evozierte massenweise Neugründungen. Journalistenschulen und NGOs kümmern sich seither um die brachliegende Qualität der Berichterstattung. Es gibt heute sogar einen Presserat.

36 Millionen Euro flossen laut OSZE seit 1999 aus dem Ausland in kosovarische Medien. Im Vergleich zu Afghanistan hat die internationale Gemeinschaft pro Kopf im Kosovo 25-mal so viel Geld investiert und 50-mal so viele Soldaten stationiert. Auch jáva finanziert sein zehnköpfiges Team hauptsächlich über ausländische Geldgeber.

“Der Großteil der kosovarischen Medien hängt von internationalen Spendengeldern ab. Doch die trocknen langsam aus”, sagt Simone Leonhartsberger, 26. Die Österreicherin forscht an der Berliner Freien Universität zur kosovarischen Medienlandschaft: “Wegen der, Donor-Orientierung’ vieler Medienmacher fehlen Nachhaltigkeit und Substanz. Eine Phase der Konsolidierung steht an”, sagt sie.

Wie viele andere kosovarische Medien hat auch jáva, das sein zehnköpfiges Team hauptsächlich über ausländische Geldgeber finanziert, Geldsorgen. Diesen Februar eröffnete Kelmendi deshalb auf www.rrokum.tv (Drück mich) den ersten kosovarischen Internetmusikkanal, der der Querfinanzierung des Blattes dient.

Mit dem von der OMV gesponserten “Press Freedom Award” holt sich Kelmendi in Wien nicht nur Ermutigung und Prestige, sondern auch ein Drittel des 15.000 Euro hohen Preisgeldes ab. Der Rest geht an die beiden Radiojournalistinnen Svetlana Lukic und Svetlana Vukovic vom serbischen Sender B 92.

“Der Preis ist ein Zeichen, an das zu glauben, was wir tun”, sagt Kelmendi, “dass es wert ist, für europäische Werte zu kämpfen.” So wird er sich wohl auch in Wien ausdrücken. Er wird in die Kamera strahlen, wenn man ihm auf die Schulter klopft, und danach wieder in der Tristesse PrisÇtinas abtauchen. Was bleibt, ist der Tag, an dem er ein Held war.

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