Pyramiditis

Semir Osmanagic hat in der Mitte Bosniens Europas erste Pyramiden entdeckt. Seit die Menschen das auch glauben, ist nichts mehr so, wie es vorher war.

aus Datum (05/06)

Sie nennen ihn Indiana Jones. Seinen breiten Hut nimmt er nicht einmal im Bett ab, sagen die Leute. Es ist frühmorgens, ein sonniger Tag in Visoko, einer kleinen Stadt im mittleren Teil Bosniens. Semir Osmanagic macht sich auf den Weg den Berg hinauf. Kaum erkennt ihn einer, ist er sofort von einer Traube von Menschen umgeben. Einheimische wie Touristen schütteln ihm die Hand, oder lassen sich mit ihm fotografieren. Journalisten halten ihm Diktiergeräte entgegen, und Kameramänner richten ihre Arbeitsgeräte auf ihn. Sobald die Aufnahme startet, sagt Osmanagic seine üblichen Sätze. Einer davon lautet: „Es geht mir um die Wahrheit.“ Ein anderer: „Ich arbeite daran, das Unbeweisbare zu beweisen.“

In Bosnien-Herzegowina ist Osmanagic ein Popstar. Für einen Hobbyarchäologen ein ungewöhnlicher Status. In Visoko behandeln ihn die Menschen gar wie einen Heiligen. Denn er hat ihnen das gebracht, was der bosnische Premierminister Ahmet Hadzipasic die „positivsten Nachrichten aus Bosnien-Herzegowina seit dem Abkommen von Dayton“ genannt hat. Osmanagic hat seinem Land die Pyramiden gebracht.

Dass der Berg Visocica im Süden Visokos geometrische Formen aufweist, hat unter den Bewohnern zwar nie als Geheimnis gegolten. Viele von ihnen verwendeten die herumliegenden Steine für den Hausbau. Als Osmanagic Ende des vergangenen Jahres erstmals behauptete, es handle sich dabei um eine, wenn nicht gar um mehrere Pyramiden, die da seit Jahrhunderten unbemerkt rund um die Stadt liegen, waren sie dann aber doch überrascht. Heute gibt es auf den Märkten Visokos ein Werbevideo zu kaufen, in dem eine Frau sagt: „Wir haben in den vergangenen fünfzehn Jahren so gelitten, dass uns Gott nun eine Pyramide geschenkt hat.“

„Es hat sich in kürzester Zeit alles um dreihundert Prozent geändert“, sagt der Hoteldirektor Dario Pekic. „Vor zwei Wochen waren allein 12.000 Touristen bei einer Feier auf der Pyramide.“ Bei ihm wohnen die meisten Wissenschaftler und Helfer, die an der Ausgrabungsstätte arbeiten. In den nächsten Jahren rechnet der Hoteldirektor mit bis zu 10.000 Touristen in der 17.000-Einwohner-Gemeinde. Pro Tag. Auch Fehim Nemic sieht die Zukunft uneingeschränkt positiv. „Zum ersten Mal nach dem Krieg kann man ein Lächeln in den Gesichtern der Menschen sehen“, sagt der Vizebürgermeister. Und schwärmt von der Veränderung, die die Pyramiden gebracht haben. „Die einen glauben daran, die anderen nicht“, sagt Nemic über die Einwohner von Visoko. „Aber wir alle wollen es glauben.“

Seit seiner „Entdeckung“ lockt das Gottesgeschenk Leute aus dem ganzen Land an. Die findigen Bewohner Visokos geben ihnen, was sie nicht brauchen, aber haben wollen: Pyramidenuhren, Pyramidenflöten, Pyramiden-
schlüsselanhänger, Pyramidenschlapfen, Pyramidenbirnenschnaps. Pyramiden-T-Shirts sowieso. Ein lokaler Besitzer eines Kleinflugzeugs bietet eine Tour durch das „bosnische Tal der Pyramiden“ an. Das ehemalige Hotel „Hollywood“ heißt seit einem Monat „Hotel zur bosnischen Sonnenpyramide“. Auch die Gastronomie passt sich dem Trend an. Eine Pizzeria bietet dreieckige Pizzen an, serviert auf dreieckigen Tellern. Den Umbau zur Dreieckigkeit behält man sich in der „Pizzeria zur Sonnenpyramide“ einstweilen noch vor.

Skurril, absurd, lächerlich. Und doch ein Zeichen dafür, dass man in diesem gottverlassenen Landstrich endlich wieder an etwas glaubt. Wenn es auch nur ein paar alte Steine sind. Visoko ist, wie Bosnien ist: eine Stadt von fragiler Normalität auf der Suche nach einer Zukunft.

Die könnte schon jahrtausendelang direkt vor ihren Augen gewartet haben. Erst Semir Osmanagic konnte sie sehen. In den vergangenen fünfzehn Jahren hat sich der gelernte Ingenieur und promovierte Kulturgeschichtler, der kurz vor dem Kriegsausbruch in Bosnien in die Vereinigten Staaten ausgewandert war und sich in Houston, Texas, niedergelassen hatte, intensiv mit Pyramiden auseinander gesetzt. Unter anderem schrieb er ein in der Fachwelt umstrittenes Werk über die „Welt der Maya“. Ein Buch über die bosnischen Pyramiden gibt es auch schon. Seit es heraußen ist, läutet sein Mobiltelefon unentwegt. Osmanagic hebt jedes Mal ab. Der 46-Jährige pflegt den Habitus eines Mannes, der weiß, dass er für seine Landsleute zu dem Symbol der Hoffnung aufgestiegen ist.

Bis vor kurzem schien es neben der alles bestimmenden Vergangenheit in Visoko keinen Platz für Hoffnung zu geben. Vor dem jugoslawischen Bürgerkrieg war der dreißig Kilometer von Sarajewo entfernte Ort weithin für seine Ledererzeugung bekannt. Mit KTK befand sich hier die größte Ledermanufaktur Jugoslawiens. Als der Krieg kam, gingen die Menschen. Wer blieb, musste mitansehen, wie die Fabriken und die Stadt zerstört, Freunde und Nachbarn ermordet wurden. Die Narben des rund drei Jahre dauernden Bosnienkriegs, der 1995 mit dem Friedensabkommen von Dayton beendet wurde, sind in Visoko nach wie vor unübersehbar. Selbst in den abgelegenen Ortsteilen erkennt man auf den Fassaden der Häuser Einschusslöcher.

Männer treiben ihre Schafe in tarnfarbenen Uniformen auf die Weide und führen ihre Frauen in der Kriegstracht spazieren. Ansonsten tragen die Leute, was westeuropäische Twens Anfang der Neunziger abgelegt haben. In Musikgeschäften wird nicht mit CDs oder DVDs, sondern mit Kassetten gehandelt. Für Müßiggänge gibt es Bowling-, Fischer-und Autoklubs und einen Bingoabend in „Valentinos Restaurant“. So schaut die Welt aus, die Semir Osmanagic zu Füßen liegt.

Anfangs hatte er noch von fünf Pyramiden gesprochen. Heute beharrt er auf drei. Seine Theorie: Die Pyramiden, Sonnen-, Mond- und Drachenpyramide nennt er sie, seien nicht zur Gänze künstlich geschaffen, sondern aus den Bergen gestaltet worden. Die größte der drei, die 220 Meter hohe Sonnenpyramide auf dem Visocica, nennt Osmanagic „die Mutter aller Pyramiden“. Aber handelt es sich dabei tatsächlich um eine Pyramide? „Das ist mittlerweile bewiesen“, sagt Osmanagic. Wenn dem wirklich so wäre, wäre sie nicht nur die erste in Europa; sondern auch die älteste und größte der Welt. Die Cheopspyramide in Ägypten ist nur 146 Meter hoch.

„Die Hänge der Sonnenpyramide sind perfekt an den vier Haupthimmelsrichtungen ausgerichtet“, sagt Osmanagic. Außerdem sollen die Spitzen der drei Hügel miteinander ein gleichseitiges Dreieck mit einer Seitenlänge von 365 Metern bilden. Im April begann man mit den Ausgrabungsarbeiten, den größten ihres Typs in Europa.

Heute gibt es am Visocica neun Ausgrabungsstätten. Die größte liegt an seinem Nordhang und ist für Touristen über Erdstufen erreichbar. Unweit vom Parkplatz hat man eine Garage kurzerhand in eine Raststation verwandelt. Beim Aufstieg bietet ein Junge Postkarten mit Pyramidenmotiven feil. Oben angekommen, bietet sich dem Besucher ein denkbar unspektakulärer Anblick: Nebeneinander liegen mehrere meterlange und zerbrochene Steinplatten im Gras herum. Dem Besucherstrom tut das keinen Abbruch.

Eine Familie aus Sarajewo hat „schon so viel von der Pyramide gehört, dass wir uns das selber einmal ansehen wollten“. Ein paar Burschen aus Graz, die eigentlich Dubrovnik und Split bereisen, wollten „auf dem Weg auch einmal vorbeischauen“.

Sinan wiederum wohnt in Visoko und kommt schon seit Jahren mehrmals pro Woche herauf. Dann sieht er sich vom Plateau aus die Landschaft an und raucht ein paar Zigaretten. Dass ihm dabei neuerdings Touristen Gesellschaft leisten, stört ihn nicht. „Die Zeiten ändern sich eben. Das Wort der Stunde lautet nun Pyramide.“

Nachdem Semir Osmanagic im Oktober 2005 seine These erstmals publik gemacht hatte, hagelte es heftige Kritik aus der Fachwelt. In einer Petition forderten 22 bosnische Wissenschaftler einen Stopp der Ausgrabungsarbeiten und formulierten heftige Zweifel an Osmanagic’ wissenschaftlicher Kompetenz. Schließlich sei der Mann nicht einmal Archäologe. Und bei den Funden auf dem Visocica handle es sich eher um Teile eines mittelalterlichen Friedhofs als um eine Pyramide, schrieben die Wissenschaftler. An Osmanagic perlt Kritik bis heute ab: „Ich antworte auf die Provokationen mit wissenschaftlichen Argumenten.“

Osmanagic zufolge hat das Ausgrabungsteam – bestehend aus Wissenschaftlern der Universitäten von Sarajewo, Tuzla und der ägyptischen Ein-Sham-Universität – an mehreren Stellen auf dem Visocica jeweils vier Schichten Steinblöcke gefunden. Die zwischen fünf und dreißig Tonnen schweren und bis zu siebzig Zentimeter dicken Monolithen seien definitiv von Menschenhand geschaffen worden. Bei Probebohrungen habe man überdies Gesteinsmischungen aus Sand, Kies, Lapor und Ton gefunden, sagt Osmanagic. Eine Mischung, die in der Natur nicht vorkomme. Auch über die damaligen Bauherren hat er eine eigene Theorie: „Die Pyramiden wurden vor dem Ende der letzten Eiszeit gebaut. Sie sind wahrscheinlich zwischen 12.000 und 27.000 Jahre alt.“

In jener Periode haben sich die Menschen in dieser Gegend nach heutigem Erkenntnisstand eher dem Jagen und Sammeln als dem Bau von Pyramiden gewidmet. Egal. Niemand in Visoko will die Zeit zurück, als der Berg vor ihrer Haustür noch keine Pyramide war.

Abseits der Hauptstraße, auf der noch Pferdefuhrwerke unterwegs sind, tut sich hier nicht viel. Streng genommen gar nichts. Deshalb setzen in Visoko selbst jene, die bis jetzt nichts von der Entdeckung haben, ihre Hoffnungen auf Osmanagic. Die Armen der Stadt leben auf dem Hügel neben dem Visocica. Sie nennen sich „Gipsys“, was nichts anderes heißt als Zigeuner. In der Stadt sieht man häufig Gruppen ihrer Kinder in zerrissenen Lumpen um Geld betteln. Die Zigeuner hausen in Baracken ohne fließendes Wasser. Mehrere Personen teilen sich jeweils ein Zimmer.

„Pyramida, Pyramida“, schreien die Kinder, wenn man sie nach dem Visocica fragt. Obwohl sie gar nicht wissen, was das Wort bedeutet. Keiner von ihnen besucht die Schule. „Weil man sie nicht hineinlässt“, sagt Edina, eine zierliche Frau Anfang zwanzig, die zehn Jahre älter aussieht. Unter den Kindern sind viele Waisen, deren Eltern im Krieg gefallen sind. Kommt ein Fremder in die Gegend, ist es nicht unüblich, dass man ihm ein Kind zum Kauf anbietet. Der Preis ist niedrig, handeln erlaubt. „Vielleicht geht es auch uns besser, wenn es der Stadt besser geht“, sagt Edina. „Wir wünschen uns, dass es eine Pyramide ist.“

Genau diese Möglichkeit nennt Anthony Harding, der Präsident des Europäischen Archäologen-Verbandes EAA, „absurd“. Der renommierte Archäologe Garrett Fagan von der Penn State University bezichtigt Osmanagic gar der Zerstötung historisch wertvollen Bodens: „Es ist, als würde man Stonehenge mit Bulldozern niederfahren.“

Warum er das so drastisch formuliert, ergibt sich aus der bewegten Geschichte des Ortes. Laut führenden Anthropologen siedelten sich im Tal von Visoko vor 7.000 Jahren die ersten Menschen an. Vor rund 2.000 Jahren errichteten die Römer eine Festung auf dem Visocica. Im Mittelalter war die Stadt das Zentrum des damals mächtigen Königreichs Bosnien. Wissenschaftler stoßen in der Region regelmäßig auf Artefakte aus diesen Epochen. Jüngst entdeckten deutsche Archäologen in der Umgebung 24.000 Gegenstände aus der Jungsteinzeit in nur einem Meter Tiefe. Dem Treiben von Osmanagic sieht die Fachwelt deshalb mehr als kritisch zu. Es hilft aber alles nichts: Gegen das Pyramidenfieber ist kein Kraut gewachsen.

Senad Hodovic verwaltet die Geschichte Visokos. Der Museumsdirektor gibt sich hektisch. Um ihn herum schurlen drei Mitarbeiterinnen, alle paar Minuten läutet das Telefon. „Es wird sich noch viel mehr verändern“, sagt er kurz angebunden zwischen zwei Interviews. „Nicht nur für uns, sondern für ganz Europa.“ Am Tag zuvor hatte der ägyptische Geologe Aly Barakata erklärt, dass es sich tatsächlich um die erste in Europa entdeckte Pyramide handeln könnte: „Eine Art von Pyramide. Vermutlich ist es eine primitive Form, die wir noch nicht kennen.“

Solche Meldungen sind es, die die Vorstellungswelt von Hodovic befeuern. Er redet von „einer Explosion positiver Energie“, die während der vergangenen Monate passiert sei. Ob es sich seiner Meinung nach tatsächlich um eine Pyramide handelt? „Ich glaube an Gott und an die Wissenschaft. In der Wissenschaft glaube ich an die Argumente, und die sprechen eine deutliche Sprache.“ Er verweist auf das Tunnelsystem, das vor wenigen Wochen gefunden wurde. Nach Schätzungen von Osmanagic dürften die Gänge mehrere Kilometer lang sein und die drei Pyramiden miteinander verbinden – wie dies auch bei vielen anderen Pyramiden der Fall ist. „Wir werden noch sehen. Die gesamten Ausgrabungen werden noch zehn, zwanzig Jahre dauern“, sagt Hodovic.

Das kann ihm nur recht sein. Neben seinem Job als Museumsdirektor ist er auch Vorstandsmitglied der von Osmanagic gegründeten Stiftung „Archäologischer Park: Bosnische Sonnenpyramide“. Um Geld zu sammeln und freiwillige Mitarbeiter anzuheuern, gibt es mittlerweile Koordinatoren in Australien, den Niederlanden, Norwegen und Deutschland. Dutzende Freiwillige aus aller Herren Länder haben sich laut Osmanagic bereits gemeldet. Noch arbeiten sie unbezahlt. Einigen von ihnen wird aber schon heute eine Stelle in Aussicht gestellt – „sobald wir genug Beweise haben, damit uns viele, viele Sponsoren Geld geben“, erzählt ein Freiwilliger.

Wie groß die Summe ist, die mittlerweile für das Projekt lukriert wurde, will Osmanagic nicht sagen. Nur, dass es „für die nächsten Monate reicht“. Derzeit stünden 50 Personen auf der Gehaltsliste. Die Stiftung wird unter anderem von der UNESCO und der Europäischen Kommission finanziell unterstützt. Das politische Kalkül: Egal ob die Geschichte mit den Pyramiden stimmt oder nicht – gut für Bosnien ist sie allemal. Ab Herbst soll es im Budget der bosnischen Regierung einen eigenen Posten für das Projekt geben.

Wie sehr man darauf vertraut, dass das Projekt Erfolge zeitigt, zeigen die Pläne: Für die Arbeiten rund um die Pyramiden steckte Osmanagic’ Stiftung einen Zeithorizont von fünf Jahren ab. 2008 sollen Touristen ins Innere der Pyramide geführt, ein Jahr später am Flughafen von Sarajewo ein „Sonnenpyramidenmuseum“ eröffnet werden. Spätestens 2010 will Osmanagic die UNESCO überzeugen, die Pyramiden zum Weltkulturerbe zu erklären. Ein eigens eingerichtetes Komitee untersucht jetzt schon die wirtschaftlichen, infrastrukturellen und touristischen Potenziale des Projekts.

Initiator Osmanagic schwärmt indes weiter von der „Wiege der europäischen Zivilisation und Kultur“, die nunmehr mitten in Bosnien eine neue Heimat gefunden habe. Geht es nach ihm, wird seine Entdeckung nicht nur die Zukunft der Region, sondern auch die Geschichtsschreibung verändern: „Hunderte Meter hohe Steinplatten aus Bosnien werden ein Warnsignal an Historiker senden und sie dazu bringen, ihre Bücher umzuschreiben.“

Mit dem allein will er sich aber noch längst nicht zufrieden geben. Osmanagic will in seinem Heimatland Generationen von Archäologen, Geologen und Historikern heranbilden, die dann in seine Fußstapfen treten können. Schließlich „haben wir eine einmalige Gelegenheit in unserem eigenen Hinterhof“.

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