Immer an

immeranSmartphones verschlingen unsere Zeit und unsere Aufmerksamkeit.
Sie machen uns asozial und süchtig. Ist es an der Zeit, sie aus unseren Hosentaschen zu verbannen?

aus DATUM 07/15

Es nervt, und das ist noch eine Untertreibung. Wenn ein Pärchen im Urlaub am Strand sitzt und im Internet surft, dann macht das traurig. Wenn ein Freund inmitten einer mittelgroßen Lebensbeichte weit nach Mitternacht plötzlich seine Mails checkt, dann macht das wütend. Und wenn am Nebentisch ein Vater den Besuchstag mit seinem Sohn verbringt, die beiden über die Schule sprechen, ihr Essen bestellen und den Rest des Abends wortkarg auf ihre Smartphones starren, dann will man sie schütteln und fragen: Was ist mit euch los? Was ist eigentlich los mit uns allen?

Denn es sind nicht nur die anderen. Man selbst verhält sich oft genug ähnlich, und mit jedem neuen Smartphone, mit jeder neuen Applikation, mit jeder neuen Facebook-Nachricht immer ähnlicher.

Man unterbricht das Gespräch, wenn das Smartphone sich meldet, egal warum es das tut, egal mit wem man gerade worüber spricht. Man läuft gesenkten Hauptes in Passanten, während man twittert. Man geht online, während man noch im Bett liegt (das tut laut Studien übrigens tatsächlich jeder Dritte). Und man checkt seine Mails, während man auf dem Klo sitzt (jeder Zweite). Alle 18 Minuten greifen Smartphonenutzer zu ihren Handcomputern – oder, so wirkt es mitunter, die Smartphones greifen zu ihren Nutzern. Zu uns.

Es hemmt Konzentrationsfähigkeit, befeuert asoziales Verhalten und verringert Produktivität. Es macht uns süchtig, brennt uns mitunter sogar aus. Das technologische Wunderding in unserer Hosentasche ist zum Fluch geworden. Vielleicht ist es an der Zeit, die Smartphones wegzulegen oder vielmehr: sie wegzuwerfen.

Seinen Anfang nahm es als Segen, als Apple am 29. Juni 2007 eine smarte Zukunft in die Welt brachte: das iPhone, das erste richtige Smartphone. Heute, acht Jahre danach, hat Apple gerade eine smarte Uhr herausgebracht, Google arbeitet an smarten Brillen und smarten Autos – während wir doch eigentlich schon smart sind: immer auf dem Laufenden, immer erreichbar. Wir kennen jederzeit den Weg, den Verkehrsstatus, das ­Wetter von morgen und können rasch auf Wikipedia nachsehen, wie dieser verflixte Schauspieler nun heißt. Je schneller die Handcomputer aber wurden, je mehr sie zu Kameras, Fernsehern, Musikspielern mutierten, desto fragwürdiger und zugleich selbstverständlicher ist unser Umgang mit ihnen geworden. Und der ist nicht gerade »smart«.

Längst stellen Freunde, Verwandte, Kollegen, stellt man sich selbst immer öfter die Kosten-Nutzen-Frage. Zwar wissen wir über den hohen Nutzen von Smartphones recht gut Bescheid. Aber wir bezahlen eben auch einen hohen Preis dafür, nicht nur finanziell. Und diese Kosten steigen, je stärker wir das Netz in unseren Alltag integrieren.

Da sind die sozialen, also die »Wir-Kosten«. Wenn es einmal normal ist, seinem Handy anlasslos die Aufmerksamkeit zu widmen, sei es im Gespräch, in der Schule oder bei einer beruflichen Sitzung, ändern sich damit nicht nur die sozialen Normen: Was gestern unhöflich war, ist morgen »normal«. Es beeinflusst auch die Beziehung zu uns nahen Menschen, wenn wir unseren Partnern und Eltern, unseren Freundinnen und Kolleginnen bei jeder Gelegenheit und immer wieder aufs Neue vermitteln, dass wir einem Internethandy eine höhere Priorität beimessen als ihnen. Handelt einmal eine Mehrheit so, dann ändert sich nicht nur der Begriff von Höflichkeit, sondern auch der vom Miteinander, von Empathie.

Kennen Sie den Clip »I Forgot My Phone«? Das zweiminütige Video huschte vor zwei Jahren durchs Netz und begleitet eine junge Frau vom Morgensport zu ­einem Treffen mit Freundinnen bis hin zu ihrer Geburtstagsfeier durch den Tag. Während die Beteiligten ihre Aufmerksamkeit unentwegt auf ihre Smartphones richten oder die Ereignisse durch deren Kameralinsen wahrnehmen, verzagt die junge Frau, und man selbst mit ihr. Es sind alltägliche Situationen, die ihren Schrecken erst durch die Augen des distan­zierten Betrachters entfalten. Das Video zeigt, wenn auch dramaturgisch verdichtet, nichts anderes als das Leben selbst und wie es in nur wenigen Jahren geworden ist. Smart eben.

Blicken Sie während einer U-Bahn-Fahrt oder im Kaffeehaus einmal um sich. Fragen Sie eine Lehrerin, wie es in den Klassen aussieht, oder Eltern von Teenagern. Oder beobachten Sie, so Sie ein Smartphone besitzen – und das tun Sie den Marktzahlen zufolge ziemlich sicher –, einfach Ihr eigenes Nutzungsverhalten. Ausdruckslose Gesichter auf gesenkten Köpfen im fahlen Licht eines Miniatur­bildschirms. Das kann, das darf nicht die Zu­kunft sein, die wir meinten.

Da sind aber auch noch andere Kosten, man könnte sie die »Ich-Kosten« nennen: die Angst, etwas zu verpassen, oder das Pflichtgefühl, erreichbar sein zu müssen; die Sorge, ja, der Ärger, wenn jemand fünf Stunden lang nicht auf eine Frage geantwortet hat, und das Unverständnis darüber, gerügt zu werden, weil man selbst es ist, der noch immer nicht geantwortet hat.

Zu den Kosten gehören aber auch neuartige Begriffe wie »Nomophobie«, die Angst, mobil unerreichbar zu sein. Oder »Ringxiety«, von der Experten sprechen, wenn man das Handy vibrieren spürt oder läuten hört, obwohl sich gar nichts tut; zwei von drei Smartphonenutzern sollen dem Phantomphänomen regelmäßig erliegen. Oder »Email Apnea«, das den Zustand beschreibt, wenn man unbewusst den Atem anhält, während man Mails checkt, sodass der Körper in Alarmzustand versetzt wird. Das haben bei einem Versuch in den USA sogar 80 Prozent der 200 Teilnehmer gemacht.

All diese Entwicklungen sind auch deshalb so schwindelerregend, weil sie nicht linear verlaufen, sondern exponentiell, also rasend schnell. Vor 20 Jahren hatten nur die wenigsten zu Hause einen Inter­net­anschluss. Heute ist es nicht ungewöhnlich, 20-, 30-mal pro Tag online zu gehen. Vor zehn Jahren existierte das Wort Smartphone noch nicht. Heute erhalten und versenden US-Teenager laut Untersuchungen pro Monat mehrere tausend Kurznachrichten. Was passiert da gerade? Und was macht das mit uns allen?

»Wir verlieren unsere Menschlichkeit.« Es ist ein großer Satz, den Joe Kraus bei einem Vortrag im Frühjahr 2012 gesagt hat. Der Satz wirkte. Denn Kraus ist kein eigentümlicher Technologiestürmer, sondern ein bekannter Internetunternehmer im Silicon Valley, dem Mekka der Netzgläubigkeit. Kraus hatte sich zunächst sein eigenes Verhalten und dann die einschlägigen Studien angesehen. Sein Befund: »Wir erschaffen eine Kultur der Ablenkung«, in der wir unsere Aufmerksamkeit ständig mit mehreren Applikationen und Geräten teilen; in der wir die »Gap Time«, also die Zeit beim Warten an der Kassa oder auf den Bus, mit der Stimulation durch das Netz füllen. Es ist das Ende der Langeweile, doch das klingt nur gut. Denn so schlecht ihr Ruf ist, so wichtig ist sie als Grundlage für lineares, strukturiertes Denken, für Erholung und Kreativität.

Neurologen vergleichen Smartphones mit einarmigen Banditen. Die Spieler wiederholen dabei dieselbe Tätigkeit: Sie ziehen an einem Hebel oder drücken einen Knopf – und werden dafür willkürlich mit Gewinnen belohnt. Auf dem Smartphone ist der Gewinn eine neue Mail, eine neue Message, ein neues Like. Der Mechanismus ist der gleiche, ebenso die Reaktion des Gehirns: Es schüttet Dopamin aus, Glückshormone, und der Körper will mehr davon. In Casinos gehören die Banditen zu den umsatzstärksten Spielen. Mit einem Blick aufs Internethandy spielt man nicht um Geld, aber letztlich auch nur um das Blinken eines Kästchens, das Aufscheinen einer neuen Nachricht, um einen neuen Reiz. Man nennt solch ein Verhalten auch Sucht.

Es ist schon paradox: Immer mehr von uns benötigen im Arbeitsalltag das Internet, und doch zerstäubt nichts so sehr unsere Konzentration. So schreiben wir an einem Text oder arbeiten an einer Präsentation – und mitten im Satz wechseln wir auf den Browser oder greifen zum Smartphone. Ein Link führt zum nächsten, und schon hat man zehn, 20 Minuten mit Surfen verbracht, ehe man wieder zu dem unvollendeten Satz zurückkehrt. So, wie ich das gerade getan habe, zum dritten Mal seit Beginn dieses Textes.

Die Ablenkung brachte nicht nur keinen Erkenntnisgewinn für die eigentliche Arbeit. Die Konzentration ist wegen der Reiz- und Informationsflut jetzt sogar etwas niedriger als zuvor, während die Versuchung größer ist, auf der nächsten Welle einfach wieder loszusurfen. Und die nächste Welle ist immer jetzt, nur einen Klick, einen Handgriff weit entfernt. Bis zu eine Stunde verbringen wir während eines Arbeitstages laut Untersuchungen mit zweckfreiem Surfen. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis Arbeitgeber sich ausrechnen, wie viel Geld das ihre Unternehmen kostet – und wie viel Konzentration ihre Mitarbeiter.

Man könnte es mit Frank Schirrmacher sagen: »Mein Kopf kommt nicht mehr mit.« Das schrieb der 2014 verstorbene FAZ-Feuilletonist in seinem Buch »Payback«. Darin warnte Schirrmacher, ein skeptischer Zukunftsbesessener, vor der Ohnmacht des Geistes angesichts der Macht der Technologie. Schließlich komme man dem Netz nicht aus, sei der Mensch doch nicht nur ein Pflanzen- und Fleisch-, sondern auch ein »Informationsfresser«.

»Ich-Erschöpfung« nennt der Psychologe Roy Baumeister von der Universität Florida die Konsequenz des zwanghaften Zustands, online ständig neue Informationen aufnehmen, zwischen wichtigen und unwichtigen unterscheiden zu müssen. Man könnte es auch digitales Burn-out nennen.

Aber halt! Sind nicht bloß Minderheiten von solchen Phänomenen betroffen? Digitales Burn-out, ist das nur eine Modeerscheinung unter Early Adopters, also den technologischen Avantgardisten? Handelt es sich dabei nicht um ein Luxusproblemchen von Journalisten und Geeks? Ja und nein.

Ja, weil längst nicht alle Sphären der Gesellschaft »smart« sind, geschweige denn alle Winkel dieser Welt. Nein, weil Early Adopters es eben an sich haben, gesamtgesellschaftliche Entwicklungen als Erste wahrzunehmen. Und wieder nein, weil grob gesagt jeder unter 20 so ein Early Adopter ist. Sie alle sind, wenn man so will, Seismologen möglicher Zukünfte. Und dass diese allesamt smart sind, das bestreitet heute nicht einmal mehr frühere Microsoft-Chef Steve Ballmer, der Smartphones nach ihrer Markteinführung ein nur kurzes Leben vorausgesagt hatte.

Interventionen wie der National Day of Unplugging in den USA, der Offline-Day in der Schweiz und die Digital-Detox-Angebote allenthalben führen unweigerlich zu der Frage: Wie sollen wir mit den Kosten der smarten Entwicklung umgehen? Die radikalste Option ist die Entnetzung, die Rückkehr in das, was vor nicht allzu langer Zeit Normalität war und was man heute IRL nennt: In Real Life, also das echte Leben.

Paul Miller, so ein »Ich-Erschöpfter«, hat genau das versucht. Der US-amerikanische Journalist ist, was man einen Digital Native nennt: jemand, der so früh mit dem Internet sozialisiert wurde, dass es »keine externe Erweiterung der Wirklichkeit ist, sondern ein Teil von ihr selbst«, wie der polnische Autor Piotr Czerski das in dem Essay »Wir, die Netzkinder« definierte. Mehr noch, Miller arbeitete bei The Verge, einem Onlinemedium, das das Netz und seine Fäden zum Inhalt hat.

Ein Jahr lang lebte Miller selbstverordnet und strikt offline. Er hoffte, dadurch ein authentisches Leben jenseits der Bildschirme zu entdecken, in dem nicht gemailt wird, sondern Briefe geschrieben werden, nicht gegoogelt, sondern nachgeschlagen, nicht geshart, sondern erzählt wird. Paul Miller wollte ein besserer Mensch werden. Am Ende seines analogen Jahres verfasste er einen Essay über sein Experiment. Der erste Satz lautet: »I was wrong«, was auf Deutsch so viel heißt wie: Ich habe mich geirrt.

Dabei schien sich seine Hoffnung zunächst tatsächlich zu erfüllen: Er las griechische Literatur, fuhr Rad und verlor sieben Kilo. Er konnte sich besser konzentrieren, auf Gedanken wie auf Menschen. »Als ich aber aufhörte, mein Leben im ›Ich nutze das Internet nicht‹-Kontext zu sehen, wurde meine Offline-Existenz banal.« Irgendwann kam die Einsamkeit, dann die Depression und schließlich Einsichten wie diese: Es braucht keine Internetdiät, um festzustellen, dass die Menschen Gefühle haben. »Ein Facebook-Freund«, schrieb Miller, kurz bevor er wieder online ging, »ist besser als kein Freund.«

Zeitungen, Onlinemedien, Buchläden sind voll mit Selbstversuchen, wie Miller ihn unternommen hat. Die Lektionen der Autoren sind überraschend einstimmig und zugleich wenig überraschend: Es ist erfrischend, ja, befreiend, einmal ganz abzuschalten, doch der Effekt nimmt mit zunehmender Dauer ab; Einsamkeit, Depression, Burn-out gab es schon vor dem Internet und gibt es auch jenseits davon; die Freiheit von Klickzwängen ist den Verzicht auf all die Vorteile, die mit den Klicks kommen, nicht wert.

Man muss sich nicht ein Jahr lang dem Netz entziehen, um zu erkennen, dass das Problem gar nicht das Internet ist. Das Problem ist unser Umgang damit, unsere Überforderung. Die Versuchung, online zu gehen, ist deshalb so groß, weil sie immer lockt und an Reiz nicht verliert, wenn wir ihr erliegen, sondern im Gegenteil weiter zunimmt. Es ist Teil des Wesens, das dem Internet eigen ist, seit es »sozial« wurde: Je mehr Aufmerksamkeit wir ihm schenken, je mehr wir an Momenten, Ideen, Anekdoten in seine Form bringen, desto mehr Aufmerksamkeit verlangt das Netz uns ab. Und es ist offensichtlich Teil unseres Wesens, dass wir da mitmachen. Das Problem, ja, das sind wir.Was aber ist dann die Lösung? Sollte man sich nun von einem Internettherapeuten den Aufmerksamkeitsmuskel trainieren lassen, nur weil man 20-mal pro Tag Spiegel Online aktualisiert? Genügend Angebote dafür gäbe es mittlerweile ja. Oder ist einfach auch ein Surfen vorstellbar, ohne von jeder Welle verschluckt zu werden?

So lautet das Versprechen der sogenannten Zenware. Das sind Apps wie Moment, Ommwriter, Isolator und Stayfocusd. Die Programme messen etwa Online-Aktivitäten und schlagen beim Überschreiten selbstgesetzter Grenzen Alarm; sie kappen die Internetverbindung, wenn bei der Arbeit Konzentration gefordert ist oder sich eine Familie zum Abendessen zusammensetzt. Letztlich tut Zenware also nichts anderes als das, was wir selbst könnten, aber nicht tun, weil wir zu schwach dafür sind. »Sie haben ein Problem damit, dass Apps Ihre Aufmerksamkeit stehlen? Wir haben eine App für Sie, um genau das zu verhindern!« Man könnte darüber lachen. Oder darin eine Selbstentmündigung, eine Kapitulation des Geistes vor dem Computer sehen.

Die Slowtech-Bewegung glaubt an eine Alternative jenseits von Zenware, Internetsuchttherapie und Netzzölibat: Conscious Computing, also das bewusste Nutzen von Computern. Das Konzept setzt auf einfache Regeln: etwa das Smartphone nicht als Uhr benutzen; es nachts abschalten und nicht neben dem Bett lagern; es in der Freizeit zu Hause lassen; E-Mails, soziale Medien und Nachrichtenportale täglich maximal zu drei festgelegten Uhrzeiten abrufen; das Internet abdrehen, wenn man am Computer arbeitet, und einen Tag pro Woche ganz ohne Monitore verbringen. Wenn all das nicht hilft, sollte man das Smartphone vielleicht einfach gegen ein Offline-Handy eintauschen. Aus der Spuk. Natürlich, auch das ist eine Art von Kapitulation; nicht vor dem Internet, eher vor sich selbst. Zweifellos ist das aber besser, als im Strandurlaub am Smartphone zu surfen anstatt im Meer.

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