Am Ende des Regenbogens

bce5b5401eMitte Jänner wurde eine türkische Asylwerberin
in Wien erdrosselt. Vom Leben und Sterben der Transsexuellen Hande Defne Öncü.

aus DATUM 05/15, gemeinsam mit
Franziska Tschinderle

 

Als er begann, das Tuch um ihren Hals zuzuziehen, muss sie kurz den Atem angehalten haben. Das macht der Körper automatisch. Es folgt ein letzter Atemzug, tief und angestrengt, und schließlich die Bewusstlosigkeit. Das Gesicht verfärbt sich blau, Blutdruck und Puls schnellen nach oben, mitunter treten Kot, Urin, Sperma aus. Es braucht Kraft, vor allem aber Willen, um weiter zuzudrücken. Anders als im Fernsehen kann eine Erdrosselung drei, vier, manchmal fünf Minuten dauern. Spätestens dann endete das Leben von Hande Defne Öncü. Es war Montag, der 19. Jänner 2015.

Während das umstrittene Wiener Abdullah-Zentrum an diesem Tag öffentlich jede Form von Gewalt verurteilte und im Museumsquartier 1.500 Ärzte gegen das Arbeitszeitgesetz demonstrierten, starb die transsexuelle türkische Asylwerberin, 34, in ihrer Ottakringer Substandardwohnung. Bis die Feuerwehr die Tür Nummer sechs aufbrach, sollten noch ebenso viele Tage vergehen. Die Nachbarn hielten den süßen Geruch zunächst für Marihuanarauch. Man kennt den Duft des Todes nicht und vergisst ihn nie.

Die Boulevardzeitungen schrieben tags darauf von einem »Ladyboy«, von »Sexspielen« und einem »Mord im Rotlichtmilieu«. Während die Homosexuelleninitiative Wien vom Gesetzgeber Konsequenzen im Asylwesen forderte, schrieb die NGO Asyl in Not auf ihrer Webseite: »Wir kennen ihren Mörder: den Staat.«

Der Täter war noch nicht gefasst, sein Opfer noch nicht begraben, schon erzählte jeder seine eigene Version der Geschichte vom Leben und Sterben der Hande Defne Öncü. Nur eine Frage blieb dabei unbeantwortet, bis heute: jene nach ihrer eigenen Geschichte.

Jede Entscheidung, auch die kleinen, scheinbar unbedeutenden, gibt dem Leben eine Richtung. Vom Ende her betrachtet ragen meist nur die großen heraus. Im Fall von Öncü sind das zwei: die eine, das Leben eines Türken gegen das einer Türkin zu tauschen, und die andere, all das hinter sich zu lassen, was danach folgte, die Gewalt, die Bedrohung, die Angst, um einen Ort zu finden, wo ein Mensch sein Geschlecht ändern kann, ohne mit dem Tod rechnen zu müssen.

Für Öncü war dieser Ort Wien. Hier feiert die Regenbogenfamilie alljährlich ihren Lebensball. Von hier aus gelangte ein bärtiger Sänger in Frauenkleidern zu Weltruhm. Hier stieg die Türkin Öncü am Dienstag, dem 1. Juli 2014, aus Istanbul kommend aus einem Flugzeug und bat im Transitbereich des Flughafens Wien-Schwechat um Asyl.

Als klein und zerbrechlich beschreiben Wiener Freunde, Bekannte und Betreuer Öncü heute, als unsicher und unglücklich. Und, das sagen sie alle, und nicht wenige tun es mit offener Bewunderung: Sie sah aus wie eine Frau, also wie eine echte Frau.

Hande Öncü wurde am 26. Juli 1980 unter diesem Namen in Samsun an der türkischen Schwarzmeerküste als Mann geboren. Nach der Schule wollte er Polizist werden, so wie sein Vater, so wie sein Bruder. Stattdessen studierte Öncü Betriebswirtschaft in Izmir und arbeitete vorübergehend als Buchhalter. Es soll kurz nach dem Studienabschluss gewesen sein, dass er sich für ein Leben als Frau entschied. Öncü ließ sich die Haare wachsen und blondieren, sich Brüste implantieren. Statt im Steuerwesen arbeitete sie auf dem Strich. Ihre Eltern verstießen sie, die Familie brach den Kontakt ab. Öncü, das bedeutet im Türkischen auch Vorreiterin, Pionierin.

Auf Facebook existiert ein altes Profil. Öncü veröffentlichte darauf romantische Sinnsprüche über Liebe, Hoffnung und Enttäuschung. Das Profilbild zeigt sie im Bikini, in ihrer großen Sonnenbrille spiegeln sich ein Pool und ein Mann in Badehosen. Es ist eine unbeschwerte Sommerszene, und etwas passt nicht dazu – ihr Gesichtsausdruck: Öncü lächelt auf keinem der Fotos, die sich heute von ihr finden lassen.

»Ich möchte ein menschenwürdiges Leben in einem Land führen, wo es Menschenrechte gibt.« So lautet der erste Satz ihrer Antwort auf die Frage »Warum haben Sie Ihr Land verlassen?« auf Seite 9, Punkt 11 ihres Asylantragsformulars. Die ganze Antwort ist lediglich zwölf Zeilen lang. Sie erzählt von Behördenwillkür, von einer Diskriminierung, die so total ist, dass zu Prostitution keine Alternative bleibt, und sogar von Morden an Transsexuellen: »Ich fühlte mich in der Türkei nicht mehr sicher.«

Rechtlich gesehen ist Homosexualität in der Türkei seit 1852 kein Straftatbestand mehr. »Jeder Türke kommt als Soldat zur Welt«, lautet gleichwohl ein Sprichwort. Wie eine von Patriarchat und Religion geprägte Gesellschaft mit einem Soldaten umgeht, der lieber eine Prinzessin sein will? Transsexuelle Männer und Frauen werden von ihren Familien ausgestoßen. Tragen sie keine geschlechtskonforme Kleidung, finden sie weder Job noch Wohnung. Wer sich als Mann den Penis entfernen, sprich eine Geschlechtsumwandlung vornehmen lassen will, muss beweisen, dass er zeugungs­unfähig ist. Manche schaffen das über Kontakte zu Ärzten. Andere sterilisieren sich auf illegalen Wegen selbst, um endlich auch da unten eine Frau werden zu dürfen.

In einer Umfrage des Trans Murder Monitoring Project, in Auftrag gegeben von der Organisation Transgender Europe, gaben im Jahr 2014 47 der 109 befragten Transsexuellen in der Türkei an, aufgrund ihres Geschlechts gekündigt worden zu sein. Neun von zehn seien Opfer von Missbrauch in der Familie oder im Bekanntenkreis geworden.

»Nach meiner Erfahrung verdienen 99 Prozent der türkischen Transpersonen ihr Geld mit Sexarbeit«, sagte Zeynep Esmeray Özadikti während einer Diskussion über die Rechte Transsexueller in der Türkei, die die Stadt Wien Anfang April organisierte. Die als Mann geborene türkische Schauspielerin und Aktivistin lebt seit ihrem 13. Lebensjahr als Frau und ging selbst auf den Strich. Sie erzählt von Restaurants, in denen Transsexuelle kein Besteck bekommen, und von Wohnungen, die Behörden ohne Ankündigung sperren.

Die Suizidrate unter Transsexuellen in der Türkei ist hoch, die Mordrate ebenfalls. 1.612 Transpersonen wurden laut dem Trans Murder Monitoring Project zwischen 2008 und 2014 weltweit ermordet, 35 davon in der Türkei. Das ist ein Menschenleben alle zwei Monate. Unter ihnen sollen auch Freunde und Freundinnen von Öncü gewesen sein.

Am 4. Juli 2014 wird sie von der Erstaufnahmestelle Schwechat in die sogenannte Betreuungsstelle Ost verlegt, also ins Asylheim Traiskirchen. Dessen Leiter kann sich nicht an Öncü erinnern. Das deutet darauf hin, dass sie – sie hatte Brüste, einen Penis und wurde von türkischen wie von österreichischen Behörden als Mann geführt – im Lager mit Frauen zusammenwohnte. Wäre Öncü bei Männern untergebracht gewesen, könnte sich der Leiter wohl an sie erinnern – so wie an zwei transsexuelle türkische Asylwerber, deren Auftreten vergangenes Jahr für Aufruhr im Heim gesorgt hatte: Männliche Asylwerber hatten sie bespuckt, beschimpft und bedroht, sodass sie zu ihrer eigenen Sicherheit schließlich an einen anderen Ort gebracht wurden.

Kurz nach Öncüs Ankunft in Wien klingeln die Telefone in der Wiener LGBTI-Szene. Diese international gebräuchliche Abkürzung steht für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender und Intersexual. Es ist schwierig, den Überblick zu bewahren, so viele Vereine gibt es in der Szene; die einen sind politisch, die anderen sozial, manche bieten Rechtsberatung, andere Seelenberatung. In den vergangenen fünf Jahren, sagen Aktivisten unterschiedlicher Vereine übereinstimmend, hat sich der informelle Kontakt zu den Behörden verbessert. So ist es auch zu erklären, dass Hande Öncü so rasch zu Philip Kopal gelotst wurde.

An den genauen Tag des Anrufs kann sich Kopal, 33, nicht mehr erinnern, nur dass es »unerträglich heiß« war, das weiß er noch, und was die Stimme am Telefon sagte: »Hier steht eine Frau im Hof. Sie ist wohl Türkin.«

Kopal arbeitet seit sieben Jahren ehrenamtlich in der Rosa Lila Villa im sechsten Wiener Gemeindebezirk, seit drei Jahren wohnt er auch dort. Die Villa ist so etwas wie der Knotenpunkt der Szene. Wiener kennen das rosa und lila gestrichene Haus, das wie ein buntes Zuckerl aus der Häuserreihe an der Linken Wienzeile ragt, meist nur vom Vorbeifahren. Unwillkürlich liest man die Parolen, die seit den Achtzigerjahren auf den bemalten Transparenten und besprühten Laken stehen:  Sätze wie »Abartige gegen Abschiebung« und »Smash Hetero Fascism« sind dort mitunter zu lesen. Von »sittenverderbenden Aufschriften« hatte der damalige ÖVP-Bezirksvorsteher Kurt Pint im Jahr 1992 gesprochen.

Heute subventioniert das Rathaus die Villa mit 18.000 Euro im Jahr und betont deren Wichtigkeit für die Vielfalt der »Regenbogenhauptstadt«, als die das offizielle Wien sich selbst bezeichnet.

Früher kamen vor allem Jugendliche und junge Erwachsene in die Villa, um über ihr Outing zu sprechen. Mittlerweile sind bei den Beratungen das Thema Flucht und die damit verbundenen Problematiken in den Mittelpunkt gerückt: rassistische Gewalt, prekärer Aufenthaltsstatus, Wohnungs- und Versicherungslosigkeit.

Im Innenhof des dreigeschoßigen Gebäudes landet Hande Öncü an jenem »unerträglich heißen« Julitag 2014 auf ihrer Suche nach etwas, das die Asylbehörden nicht bieten können: Gleichgesinnte und Verständnis.

Hier kommt es zu einem weiteren Moment, der aus Öncüs Leben in Österreich herausragt, und kurz scheint es, als würde es eine andere Richtung nehmen. Man kann von Zufall sprechen, dass Kopal damals ausgerechnet Akgün Saygun bat, Öncü in der Villa in Empfang zu nehmen, man kann es aber auch Schicksal nennen. »Lubunya«, was so viel heißt wie »Hallo, Schwester«, soll Öncü beim Wiedersehen gesagt haben, »erkennst du mich nicht?« Nein, Saygun, so erzählt sie heute, erkannte Öncü nicht, nicht sofort. 15 Jahre war es her, dass sie ei­nander zuletzt in Izmir gesehen hatten.

Saygun ist nicht ihr richtiger Name, den möchte sie nicht in der Zeitung lesen. Wir treffen sie in der Villa. Es ist Donnerstagabend, im »Freiräumchen« trifft sich die Community wöchentlich zum Tanzen, zum Lachen, zum Vergessen, und über den Köpfen hängt ein Plakat: »Bitte sich nicht zu schämen«. Saygun sitzt mit Freunden, die das Gespräch übersetzen, um einen Tisch. Sie trinkt Club Mate, kostet von den mit Reis gefüllten Weinblättern und erzählt ihre Geschichte, die ab jenem Wiedersehen in Wien auch zur Geschichte von Öncü geworden ist.

Saygun kam im Jahr 2009 als Asylwerberin nach Österreich. Im Erstaufnahmezentrum, erzählt sie, wurde sie bespuckt und bedroht. Schließlich landete sie gemeinsam mit männlichen Asylwerbern in einer kleinen Flüchtlingsunterkunft am Tiroler Land. »Ich bin an jedem Tag noch einmal gestorben«, sagt sie und meint damit die Blicke und die Kommentare der anderen Flüchtlinge, die Schreianfälle in der Nacht, die Suizidgedanken am Tag.

Saygun fuhr unerlaubt nach Wien. Sie landete in Haft, wo man ihr 2011 übersetzen lässt, dass der Asylantrag abgelehnt wurde und sie umgehend abgeschoben werde. »Nur meine Leiche kehrt zurück in die Türkei«, sagt Saygun damals. Ehe es im Gefängnis zu einer Tragödie kommt, kann TransX, der in der Arbeit für Transgenderpersonen wohl professionellste Verein in Österreich, ihre Abschiebung im buchstäblich letzten Moment verhindern.

Saygun wollte Öncü dieses Schicksal ersparen. Am 21. Juli wird sie im Asyllager Traiskirchen abgemeldet. Saygun, die damals in der einzigen Wohnung lebt, die es in Österreich für LGBTI-Flüchtlinge gibt und die von der Villa betrieben wird, nimmt sie in ihrem kleinen Zimmer auf.

Saygun und Öncü leben zusammen wie Schwestern und nennen einander auch so. Sie gehen oft spazieren, am liebsten durch den ersten Bezirk, durch die engen Gassen der Altstadt und vorbei an den Prunk­bauten. Sie kochen, jeden Tag dasselbe, und erzählen einander Geschichten von früher, sie streiten und träumen von einer Zukunft nach einem positiven Asyl­bescheid.

Als Asylwerber haben LGBTI-Personen in Österreich keinen Sonderstatus. Sie werden wie heterosexuelle Flüchtlinge behandelt und untergebracht.

2011 war das Jahr, in dem erstmals zwei transsexuelle Frauen einen positiven Asylbescheid in Österreich erhielten. Im Fall der türkischen Transfrau Seyhan entschied das Bundesasylamt in nur sechs Monaten, dass sie wegen ihrer Geschlechtsidentität einer sozialen Gruppe im Sinn der Genfer Flüchtlingskonvention angehört. Es kann aber auch sechs Jahre dauern wie bei Saygun, die nachts noch immer träumt, sie könne jederzeit in die Türkei abgeschoben werden, und dann aufwacht und feststellt, dass das tatsächlich passieren kann.

Nicht nur die Ungewissheit über die Zukunft setzt Öncü damals zu, auch jene über die Vergangenheit. Sie soll, erzählen Freunde, in Izmir Schulden zurückgelassen haben und somit verstimmte Gläubiger. Außerdem ließ sie sich vor ihrer Flucht die Wangen unterspritzen. Der Eingriff ging schief, in Österreich leidet sie ständig unter Schmerzen.

Wann genau Öncü die Sexarbeit in Wien aufnimmt, weiß niemand, bloß, dass sie es schon bald nach ihrer Ankunft tut. Freunde sind damals überrascht, wie sie sich einen Laptop leisten, wie sie jedes Wochenende ausgehen und täglich ein Päckchen Zigaretten kaufen kann. Ihre Mitbewohnerin spricht sie darauf an, aber sie will nichts hören, nichts sagen. Es ist wieder so eine Richtungsentscheidung.

Ungeachtet ihrer Bildung bleibt Asylwerbern gemäß dem Ausländerbeschäftigungsgesetz nur die Arbeit als Ernte­helfer, als Saisonnier – und in der Prostitution. Derzeit sind von dieser umstrittenen Regelung 10.000 Menschen betroffen, deren Mehrheit zum Nichtstun gezwungen ist.

Anfangs soll Öncü ihren Körper in der Albertinapassage bei der Oper und im hinteren Teil des Schweizergartens beim neuen Hauptbahnhof verkauft haben, später über ein Profil auf der Website planetromeo.com. Sechs Millionen Nutzer hat das Portal weltweit, mehr als 30.000 sind es in Österreich. Es ist eine Mischung aus Facebook und Tinder für Schwule, wo es nichts gibt, das es nicht gibt. Im Vergleich zu als Frauen geborenen Sexarbeiterinnen verdienen Transfrauen mitunter ein Vielfaches. Brüste und Penis, das sind eben zwei Verkaufsargumente. Die Kunden, sagt man in der Szene, seien in der Regel »fantasievolle Heterosexuelle«.

Wenn sich Tom Neuwirth für Auftritte in Conchita Wurst verwandelt, nennt man das »Drag«. Wenn sich ein Mann in Frauenkleidern für eine Brustoperation entscheidet, diagnostizieren Psychiater eine »Geschlechtsidentitätsstörung«. Im aktuellen ICD-10-Bericht, einer internationalen Klassifizierung von Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation, wird Transsexualität unter dem Punkt F64.0 nach wie vor als Persönlichkeits- und Verhaltensstörung geführt. Erst im Jahr 2017 soll sich das ändern.

Öncü war im Gesicht und an den Brüsten operiert. Mehrmals. Als »wunderschöne Maske« beschreibt ein Freund ihr Gesicht. »Hande hat geleuchtet, sie war ein nymphoides Wesen, eine Trans-Schönheit«, sagt er und fügt hinzu: »Sie war eine Frau, der kleine Schwanz hat nichts ausgemacht.«

Ein Sozialarbeiter, der zwei längere Beratungsgespräche mit Öncü geführt hat, sagt heute, dass sie sowohl über eine Personenstandsänderung als auch über weitere Operationen nachgedacht habe: »Mit ihrer Transidentität war sie im Reinen. Die Angst vor den Übergriffen von Freiern war das Problem.«

Anfang Dezember zieht Öncü in eine eigene Wohnung. Es ist die letzte große Richtungsentscheidung in ihrem Leben. Mit ihrer Mitbewohnerin, die ihr die Sexarbeit ausreden wollte, war es immer öfter zu Streit gekommen. Außerdem hatten die beiden zu unterschiedliche Tag-und-Nacht-Rhythmen, um in einem Zimmer miteinander auszukommen.

In der Ottakringer Haymerlegasse bezieht sie eine renovierungsbedürftige Zweizimmerwohnung im Hochparterre. Monatliche Kaltmiete: 300 Euro. Die Duschkabine steht in der Küche, die Toilette befindet sich auf dem Gang. Taschengeld und Wohnungsunterstützung, zusammen 200 Euro im Monat, werden ihr in der Caritas-Stelle in der Mariannengasse ausbezahlt, wo sie bis zu ihrem Tod zweimal erscheint.

Philip Kopal lässt Öncü ihren Auszug über Bekannte ausrichten. Kein Danke, kein Abschied. In der Community lässt sie sich kaum mehr blicken. Die Tatsache, dass ihr Mörder aus ihrer Wohnung Bargeld in der Höhe von 3.000 Euro entwenden wird, deutet darauf hin, dass sie in dieser Zeit regelmäßig als Prostituierte arbeitet.

Von ihren Nachbarn hat keiner sie gekannt, bloß im Vorübergehen haben manche sie ein-, zweimal gesehen. Im Haus spricht man über die Transsexuelle durchwegs als »ihn«. Am 19. Jänner will keiner der Nachbarn etwas Außergewöhnliches bemerkt haben. Es ist der Tag, an dem Öncü ihren Mörder empfängt.

Es wäre Unsinn zu behaupten, die Richtung, die Öncüs Leben mit ihrer Entscheidung, als Frau zu leben, eingeschlagen hat, habe hierher geführt, in die Hände ihres Mörders. Ebenso wäre es aber auch Unsinn zu behaupten, die transsexuelle Türkin sei zufällig an den Rändern der Gesellschaft gestrandet, zunächst der türkischen, dann der österreichischen, ökonomisch wie sozial.

Am Sonntag, dem 25. Jänner 2015, bricht die Feuerwehr um 16.30 Uhr die Wohnungstür Nummer sechs auf. Polizisten finden Öncüs nackten Leichnam auf dem Boden liegend. Die Hände sind auf den Rücken gefesselt. Was die Kriminalbeamten nicht wissen: Der mutmaßliche Mörder befindet sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit einem Tag in Haft.

Laut TransX ist es der erste Mord an einer Transsexuellen in Österreich seit 332 Jahren, seit dem 14. Juli 1683. In der von den Osmanen belagerten Stadt geriet ­damals das Schottenkloster nahe der Stadtmauer in Flammen. Die aufgebrachte Menge beschuldigte einen Ju­gendlichen in Frauenkleidern der Brandstiftung und lynchte ihn. Unter dem Jubel der Menge sollen Fleischhauerge­sellen ihm vor der Peterskirche die Haut abge­zogen haben.

Die LGBTI-Community reagiert auf die Nachricht von Öncüs Tod mit Schock, nicht nur in Österreich. Ein Mord an einer Transsexuellen spricht sich in der gut vernetzten Szene rasch herum, noch dazu, wenn der Mörder vermeintlich frei herumläuft. Wen man heute auch nach diesen Tagen fragt, der sagt: »Ich war einfach wie gelähmt.« Und: »Der Schock hat die Community näher zusammengebracht.«

Es sind die Aufpeitscher, die zuerst Worte finden. »Der österreichische Staat und die österreichische Gesellschaft sind mitverantwortlich, weil sie es Hande nicht gestattet haben, ihr neues Leben menschenwürdig zu gestalten«, heißt es in einem Kommentar, den hinterbliebene Freunde im Online-Standard veröffentlichen. Die NGO Asyl in Not bezeichnet den Staat gar als »Mörder«: »Den türkischen Staat, aus dem sie geflohen ist. Den österreichischen Staat, der Asylwerber_innen partout keinen Schutz bieten will.«

Hätte die Geschichte von Öncü anders geendet, wenn der österreichische Staat Asylwerbern den Zugang zum Arbeitsmarkt erlauben und die Türkei Transsexuelle nicht schikanieren würde? Oder wenn ihre Eltern sie nicht verstoßen hätten, jemand sie als Buchhalterin angestellt hätte? Und bedeuten solche Fragen, dass der Mörder nicht ganz schuld ist, sondern nur halb? Lediglich eines scheint gewiss: Nimmt man den Umgang einer Gesellschaft mit ihren Minderheiten zum Maß für ihre Reife, dann sprechen Öncüs Leben und Sterben ein eindeutiges Urteil.

Rasch beschließen Öncüs Freunde, sie in Izmir zu begraben. Hölle und Heimat, nicht selten ist das derselbe Ort. Eine Rückführung kostet 2.000 Euro. Ihre Familie wird kontaktiert, aber die Eltern wollen von dem Leichnam nichts wissen. Für sie ist ihr Sohn Hande schon lange tot, ihre Tochter Hande hat es nie gegeben.

Innerhalb von zwei Tagen sammelt die Community das notwendige Geld. In Izmir sollen Transsexuelle aus Solidarität eine Nacht lang gar für die Rückführung gearbeitet haben. Es gibt ein Foto, das zeigt, wie Öncüs Freunde sie in Wien verabschieden. Sie stehen um den Sarg, jemand hat ihn mit einer Regenbogenfahne bedeckt. Es ist das andere Bild der Regenbogenhauptstadt. Zwischen der Wohnung in der Haymerlegasse, wo Öncü ermordet wurde, und der Stadthalle, wo beim Song Contest im Mai einem Mann in Frauenkleidern gehuldigt wird, liegen 450 Meter Luftlinie.

Am 9. Februar liegt dem Wiener Landeskriminalamt die Auswertung der DNA-Proben vor. Der Täter hatte am Tatort »biologische Spuren« hinterlassen, wie die Polizei es nennt. Die DNA wird mit der Polizeidatenbank abgeglichen. Ein Treffer: Sie lässt sich Srdjan T. zuordnen. Ein Volltreffer: Der 32-jährige Serbe sitzt wegen anderer Vergehen gerade in der Justizanstalt Wien-Josefstadt in Untersuchungshaft. Am 23. Jänner soll er eine Prostituierte in einem Thaimassage-Studio in Ottakring ausgeraubt, tags darauf eine Energetikerin in Wien-Neubau überfallen haben. Auf der Flucht wird er verhaftet. Er trägt die Beute und eine schwarze Gaspistole bei sich.

In der Hoffnung, dass sich weitere Opfer melden, veröffentlicht die Polizei ein Foto des Tatverdächtigen. Es zeigt einen Mann mit schwarzen Haaren und Doppelkinn, der durch die Kamera hindurchzuschauen scheint. Auf seinem anthrazitblauen T-Shirt steht »THE GREAT BARRIER REEF – AUSTRALIA«. Mit seinem ausdruckslosen Gesicht und dem hochgegelten Schopf erinnert der Mann an einen Elvis-Darsteller im Burnout.

Laut dem Landeskriminalamt soll er den Mord, konfrontiert mit der DNA-Analyse, zunächst geleugnet, schließlich gestanden haben. Eine Anklage der Staats­anwaltschaft Wien gab es Ende April, drei Monate nach der Tat, noch nicht.

Dem Geständnis zufolge hat Srdjan T. Öncü in ihrer Wohnung besucht, um Sex mit ihr zu haben. Danach kam es zum Streit. Die beiden raufen, schließlich kniet er sich auf sie und zieht das Tuch zu, immer fester, bis sich Öncü nicht mehr bewegt. Dann erst fesselt er ihre Hände auf den Rücken, nimmt das Geld, zwei Handys und lässt die Tür ins Schloss fallen. Einen Grund für die Tat nennt er nicht.

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