Und es ward dunkel

blackoutIn Europa steigt das Risiko eines Blackouts des Stromnetzes. Das sagen jene, die es steuern. Hinter den Kulissen bereitet sich auch Österreich auf den Tag X vor – und seine schwerwiegenden Folgen.

aus DATUM 09/14

Wie es beginnt, das hat jeder schon einmal selbst erlebt. Das Licht geht aus. Der Fahrstuhl bleibt stecken. Der Computer schaltet sich aus, die Datei ist verloren. Ein Stromausfall ist ärgerlich. Nachts sucht man die Taschenlampe oder geht einfach schlafen; bei Tag wartet man, als Österreicher im Schnitt eine Stunde im Jahr. Dann ist er so plötzlich wieder da, wie er weg war, und alles nimmt seinen gewohnten Gang.

Und wenn nicht? Wenn die Handys auch nach fünf Stunden keinen Empfang haben, die Kühlregale im Billa morgens nach Verfaultem stinken und man am nächsten Tag noch immer im Fahrstuhl steckt? Wenn nicht nur die Straße, sondern die Stadt, das Land, ja, mehrere Länder betroffen sind? Wenn der Stromausfall also großräumig und lang anhaltend ist? Dann ist es passiert: Blackout.

Wie am 14. August 2003, als 55 Millionen Nordamerikaner für einen Tag stromlos waren, manche bis zu drei Tage lang. Oder am 28. September 2003, als es 50 Millionen Italiener für 24 Stunden traf. Oder am 31. Juli 2012, den 600 Millionen Inder ohne Elektrizität verbrachten.

In Österreich gibt es Pläne für solch einen Ernstfall, die meisten sind neu oder gerade in Arbeit. Ende dieses Jahres etwa soll »Blackout Ö. II«, der zweite Teil einer bislang einzigartigen Studie zum gleichnamigen Thema, die Frage beantworten: Wie kann sich das Land auf den Tag X vorbereiten? Die Bevölkerung selbst hat keinen Plan. Einen mehrtätigen Vorrat an Kerzen, Batterien, Nahrung und Wasser zu Hause hamstern? In Österreich? 2014? Das machen doch nur Großeltern, Verschwörungstheoretiker und, ja, Spinner?

»Die Wahrscheinlichkeit für ein großräumiges oder gar europaweites Blackout ist in den letzten Jahren signifikant gestiegen.« Es sei »rasch mit desaströsen Verhältnissen, besonders in Ballungszentren, mit gleichzeitiger Gefährdung der öffentlichen Sicherheit zu rechnen«. Das sagte Peter Layr im Frühjahr 2014. Layr ist der Vorstand der EVN, war Präsident von »Österreichs Energie«, der Interessenvertretung der heimischen Elektrizitätswirtschaft. Layr, ein Spinner?

»Lange wird es nicht mehr gutgehen, wenn man nichts unternimmt«, sagt Wolfgang Gawlik, Professor für Energiesystemtechnik an der TU Wien. »Es stimmt, die Situation ist schwierig«, sagt Michael Weixelbraun, beim heimischen Hauptnetzbetreiber APG für Netzstabilität zuständig. Johann Bezdeka, der für Katastrophenschutz zuständige Beamte im Innenministerium, hat sich zu Hause einen Überlebensvorrat angeschafft, seit er begonnen hat, sich beruflich mit Blackouts zu beschäftigen. Und in der Schweiz wird im November im Rahmen eines der bislang größten Katastrophenplanspiele Blackout simuliert.

Alles Spinner, die Eidgenossen sowie­so? Wohl eher nicht. Was also wissen sie alle, das wir nicht wissen? Wie ist es um die Sicherheit unserer Stromversorgung bestellt? Und was geschieht, wenn das Licht aus- und nicht wieder angeht?

»Drastisch ausgedrückt, die es überleben, werden daraus lernen. So arbeitet die Evolution nun einmal. Aber vielleicht wollen wir vorher drüber nachdenken«, sagt Herbert Saurugg, Steirer, Kurzhaarschnitt, Familienvater. Freitag, 10 Uhr, Wien, U6 Tscherttegasse im einstigen Meidlinger Kabelwerk. Vom Seniorenwohnheim aus sieht man direkt auf den benachbarten Friedhof, in der nahe gelegenen Bäckerei Schwarz bestellt der ältere Herr mit dem rasselnden Atem, »Wia imma!«, seinen zweiten roten Spritzer.

Zwölf Jahre hat Saurugg im Cyberbereich des Heeresabwehramts gearbeitet. 2011 gründete er die Initiative »Plötzlich Blackout«, seither hat er sich dem Schwarzen Schwan verschrieben. Ein Schwarzer Schwan ist ein unvorhersehbares, aber nicht gänzlich unwahrscheinliches Ereignis: Der Ausbruch von Ebola in Liberia etwa oder von Eyjafjallajökull in Island.

Wie wahrscheinlich ist ein europaweites Blackout in den nächsten fünf Jahren, Herr Saurugg? »99 Prozent.« Wäre »Blackout in Österreich« ein Theaterstück, Saurugg hätte die Rolle des Advocatus Diaboli. Seine Botschaft: Das Stromsystem ist zu komplex und zu verwundbar, der Schwan im Anflug.

Vier, fünf Jahre ist es her, dass Krisenbeauftragte, Sicherheitsfirmen, Versicherungsunternehmen begannen, sich systematisch mit der Frage zu beschäftigen: Was, wenn?

2011 etwa erschien die Studie »Was bei einem Blackout geschieht« des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag. Sie gilt in der internationalen Neigungsgruppe als Standardwerk, ihr Fazit: Nach wenigen Tagen ist die Versorgung »mit lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen nicht mehr sicher­zustellen«. Die »öffentliche Sicherheit ist gefährdet«, es kommt einer »nationalen Katastrophe« gleich, die »nicht beherrschbar« ist.

Im Jahr 2012 kam ein Risikobericht der Schweizer Regierung zu dem Schluss, dass neben einer Pandemie ein Blackout beides aufweise: Die größte Eintrittswahrscheinlichkeit und das größte Schadenspotenzial. Und seit vor zwei Jahren der passende Bestseller »Blackout. Morgen ist es zu spät« auf den Markt kam, ergriff die »Was, wenn«-Angstlust Millionen von Lesern weltweit. Zuletzt spürte man sie Ende Juli, als die NASA mit der Erkenntnis an die Öffentlichkeit ging, ein Solarsturm am 23. Juli 2012 hätte beinahe zu einem Desaster geführt. Genauer: Wäre er eine Woche früher aufgetreten, hätte er zu einem globalen Totalausfall der Elektronik auf der Erde geführt. Die Steinzeit, nur eine Sekunde entfernt?

Im erwähnten Buch »Blackout« schildert der Autor Marc Elsberg auf 800 Seiten, wie Hacker das europäische Stromnetz lahmlegen. Neben viel Sachinformation über den Strommarkt, etwas Spannung und ein bisschen Romantik bietet es dem Leser vor allem eines: einen sehr eindringlichen Eindruck davon, wie das so wäre, wenn Hunderte Millionen Europäer plötzlich ohne Strom leben müssten, nämlich sehr unlustig: Weil aus den Hähnen kein Wasser mehr kommt. Weil die Supermärkte bald geplündert sind. Weil sich der Stärkere einfach nimmt, was er braucht. Weil die Polizei nicht mehr kommt, selbst dann nicht, wenn man sie noch rufen könnte.

Es wird still sein, dunkel und es wird furchtbar stinken, weil niemand den Müll holt und die Toilette nicht mehr abspült. Es würde kein Jahr dauern, bis diese Zustände herrschen. Eher eine Woche. Und nach zwei wäre es fraglich, ob man überhaupt wieder zurückkönnte in die Zeit davor.

»In Wahrheit weiß niemand, was nach 48 Stunden passiert«, sagt Herbert Saurugg. Er wird das auch Anfang September sagen, wenn er im Kanzleramt vor Unternehmern auftritt. Die Wirtschaft hat viel zu verlieren bei einem Blackout. 48 Stunden kosten die Volkswirtschaft 1,7 Milliarden Euro. Zu diesem Befund kam die vom Infrastrukturministerium beauftragte Studie »Blackout Ö. I« im Jahr 2011. Fließbänder, Herde, Rasierapparate, Telefone brauchen Strom. Produktion, Auslieferung, Kommunikation braucht Strom. Das Fazit der Studien­autoren lautete: Das Thema Versorgungssicherheit ist in der öffentlichen Wahrnehmung »drastisch unterrepräsentiert«, die Wirtschaft ebenso wenig auf den Ernstfall vorbereitet wie die Bevölkerung.

Im Dezember soll »Blackout Ö. II« folgen. Darin wird angeblich zu lesen sein, dass neuralgische Tankstellen mit Notstromaggregaten ausgestattet werden; dass man mobile Tankstellen bauen wird, um die Betankung von Polizei- und Rettungsautos sicherzustellen; und dass man überlegt, »Leuchttürme« vorzubereiten, also Orte, die mit Strom, Lebensmitteln, Wasser, Medikamenten, Heizung, kurz, mit allem versorgt und für jeden offen sind.

Klingt das nicht etwas übertrieben? Weist Österreich weltweit nicht eine im Vergleich zu anderen Ländern hohe Versorgungs­sicherheit auf? »Das ist ja genau das Problem«, sagt Saurugg: »Kennen Sie den Truthahneffekt?« Weil ein Truthahn gehegt, gepflegt und gefüttert wird, wiegt er sich mit jedem Tag mehr in existenzieller Sicherheit. Bis es eines Tages so weit ist und er nur mehr den Bruchteil einer Sekunde Zeit hat, um sich zu wundern. So sei das auch mit uns Europäern, sagt Saurugg, vor allem mit uns Österreichern: »Es wird uns deshalb härter treffen, weil wir nicht damit rechnen und es nicht mehr gewohnt sind, ohne Strom und Infrastruktur leben zu müssen.«

Es ist die Ambivalenz des elektrifizierten Fortschritts: Wir bezahlen die Freiheit mit Abhängigkeit – und er­halten die Rechnung erst, wenn die Freiheit weg ist, dann aber ohne Stundung. Ein Tag ohne Facebook ist womöglich sogar gesund. Drei Tage ohne Kühlschrank sind schon eine Herausforderung. Aber fünf Wintertage ohne Heizung?

»Es braucht zehn Studenten und zehn Sägen, um Österreich vom Netz zu nehmen«, sagt Wolfgang Gawlik, und man fragt sich kurz, ob er, Deutscher, sein Rad steht im Büro, einen Scherz macht. Eher nicht. Das Stromnetz ist nicht nur die wichtigste unter den sogenannten kritischen Infrastrukturen eines Staates – das Gesundheitssystem, Lebensmittel- und Wasserversorgung sind ohne Elektrizität nicht lange aufrechtzuerhalten –, es ist zugleich die verwundbarste. Schließlich steht es ungeschützt auf freiem Feld. Es sind aber keine Cyberattacken wie im Buch von Elsberg und keine sägenden Studenten, die Gawlik Sorgen bereiten, es ist das Stromsystem selbst.

Um zu verstehen, was er meint, ist es notwendig, das Stromnetz in seinen Grundzügen zu verstehen – und den radikalen Wandel, den es in den vergangenen Jahren durchlaufen hat. Einer wie Gawlik kann das auch Laien erklären, ohne Begriffe wie Phasenschieber, Golden Hour oder Netzwischer zu verwenden.

Produzenten und Konsumenten von Strom sind über ein Netz miteinander verbunden, das selbst keine Energie speichern kann. Deshalb müssen sich Angebot und Nachfrage stets die Waage halten. Das Netz arbeitet mit einer Frequenz von 50 Hertz; alles unter 47,5 oder über 51,5 führt zu einem Ausfall.

Klingt simpel, und das war es jahrzehntelang auch; gab es gerade zu viel Energie im Netz, wurde ein Kohlekraftwerk abgeschaltet, gab es zu viel Verbrauch, ein Gaskraftwerk zugeschaltet. Bis Europas Politiker angesichts des rapiden Klimawandels die Energiewende ausriefen, also die Losung, CO2-Ausstöße zu reduzieren und die Produktion erneuerbarer Energie zu erhöhen.

Es ist Professor Wolfgang Gawlik an diesem Punkt wichtig, dass er nicht falsch verstanden wird, er ist ein ­Befürworter der Energiewende: »Bloß kam die Wende, angefeuert durch Fukushima, für alle überraschend schnell«, sagt Gawlik, »zu schnell.«

Lag der Anteil der erneuerbaren Energie an der deutschen Gesamtproduktion 2009 bei zehn Prozent, waren es 2013 schon 23 Prozent – Tendenz steigend. Das Problem: Wind- und Sonnenenergie kann man nicht einfach ein- und ausschalten, anders als Kohle- oder Gaskraftwerke sind sie für die Netzbetreiber nur schwer kalkulierbar. Weht über den norddeutschen Windparks ein lauerer Wind als erwartet oder zieht ein Wolkenfeld überraschend über die Fotovoltaikflächen Bayerns, ist der Stromverbrauch plötzlich höher als die Produktion – oder auch umgekehrt. Diese Volatilität bedroht die Netzstabilität.

Um zu sehen, was das in der Praxis bedeutet, hilft ein Ausflug auf den Johannesberg, der eigentlich ein kleiner Hügel ist, im Favoritener Süden Wiens. Zwischen dem Laaer Berg und der S1, mitten auf einem Acker, scheint ein Raumschiff gelandet zu sein. Das futuristische Gebäude ist, wenn man so will, die Brücke des heimischen Stromnetzes. Kein Bus führt an diesen Ort, kein Taxifahrer findet hierher.

Die Brücke ist ein turnsaalgroßer Raum mit dreißig Monitoren. Auch die Wand ist bis zur Decke mit Bildschirmen verkleidet. Bunte Punkte leuchten darauf, grün, gelb, rot, man sieht Pfeile mit Zahlen, Balken, Liniendiagramme und eine Europakarte mit Ampelfarben. Auf der anderen Seite des gespiegelten UFO-Baus gibt es einen zweiten Kontrollraum. Äußerlich ein Ebenbild, wird er permanent mit der sich rasant entwickelnden Technik nachgerüstet. Für den Ernstfall existiert noch eine dritte solche Brücke, »Warte« wird sie offiziell genannt. Wo? Das ist geheim.

»Die Fünf zuschalten?«, fragt der Grid Operator, sozusagen der Kopilot, den System Operator. »Nein, nicht nötig«, antwortet der. Eines der vielen Telefone auf der Arbeitsfläche läutet. »Hallo? Franz? I hea di ned«, sagt der Grid Operator in entspanntem Tonfall. Die beiden Herren wirken so locker und leger, als würden sie eine Straßenbahn oder eine Lokomotive steuern und nicht das Stromnetz.

Es läuft über insgesamt 200.000 Kilometer und ist in Übertragungsnetze und Verteilernetze geteilt – die ­einen leiten den Strom durch das Land, die anderen ­verteilen ihn regional. Wäre Europa ein Körper und der Strom das Blut, dann wären die Übertragungsnetze die Aorta und die Verteilnetze die verästelten Blutgefäße. Dieser Raum hier ist, um im Bild zu bleiben, eines der 41 Herzen Europas, an denen insgesamt 550 Millionen Menschen hängen.

In den meisten anderen Ländern sind die Zentralen der Übertragungsnetzbetreiber Hochsicherheitsanlagen, viele liegen gar unter der Erde. Das ­Favoritener Raumschiff würde zwar dem Absturz eines Kleinflugzeugs standhalten, und der Sicherheitsbereich ist mit kugelsicherem Glas verkleidet – eine Waffe trägt aber niemand. Ob man gegen Cyberattacken gerüstet ist? »Glauben Sie mir, unser IT-Aufwand ist enorm«, sagt Michael Weixelbraun, Kärntner, Mitte dreißig, Dreitagebart. Weixelbraun beschäftigt sich mit Elektrizität, seit er sich im ­Alter von 14 für die HTL für Elektrotechnik entschieden hat. Bei APG ist er jüngst sogar zum Assistenten des Vorstandes aufgestiegen.

Er erklärt die zentrale Aufgabe der Netzbetreiber so: die Wünsche von Produzenten, Händlern und Verbrauchern unter einen Hut bringen. Vor zehn Jahren war die waagrechte rot-orange 50-Hertz-Linie auf einem der großen Bildschirme an der Wand ein gerader Strich, wie der Puls eines Toten auf einem EKG. Seither haben sich die notwendigen Eingriffe verhundertfacht. Längst braucht es komplizierte Systeme, um die Erfahrungswerte zum Verbrauch, die prognostizierte Produktion plus/minus Wettereventualitäten, Netzüberlastungen, Wartungsarbeiten und Routineabschaltungen in einen realistischen Fahrplan gießen zu können. Selbst dann ist der Puls auf dem EKG alles andere als still. Und so ist das bei allen 41 Herzen in Europa. »Wir tun an allen Fronten, was wir können, um den Netzbetrieb an die neuen Erzeugungs- und Marktstrukturen anzupassen«, sagt Weixelbraun: »Aber die Situation ist schwierig, und das Risiko für größere Ausfälle steigt an.«

Das liegt auch an den schwindenden Reservekraftwerken, die man im Ernstfall einfach zu- und abschal-

ten kann. In der Steiermark etwa hat der Energiepro­duzent Verbund 2012 ein neues Gaskraftwerk in Mellach eröffnet – und es wegen Unrentabilität bereits wieder geschlossen. Schon droht Dutzenden anderen Kraft­werken in Österreich und Deutschland dasselbe Schicksal. Der hohen Subventionen wegen drückt der Ökostrom nämlich den Marktpreis. Es reicht ein Blick auf die Durchschnittspreise pro Megawattstunde Strom an der Wiener Strombörse: Kohleproduktion rund 30 Euro, Öko­produktion knapp unter 40 Euro, Gasproduktion bis zu 60 Euro.

Beim Thema Blackout prallen starke Interessen auf­einander: das Interesse der Politik, Kraftwerke zur ­Gewinnung von erneuerbaren Energien möglichst schnell auszubauen und dabei möglichst wenig in die Netzinfrastruktur zu investieren; das Interesse der Elek­trizitäts­wirtschaft, auch nach der Energiewende noch Geld zu verdienen; das Interesse der Stromkunden, möglichst wenig zu zahlen. Und wie immer, wenn es um Milliarden geht, ist Vorsicht angebracht.

»Die E-Wirtschaft ist in einer totalen Umbruchsphase«, sagt Barbara Schmidt, Geschäftsführerin von »Österreichs Energie«. Die Industrie denkt traditionell in Jahrzehnten, die Energiewende aber kam innerhalb weniger Jahre. Allein in Österreich setzt die Branche 6,5 Milliarden Euro um, beschäftigt 21.000 Mitarbeiter. Bis vor wenigen Jahren hat man das Geschäft mit der Stromerzeugung gemacht – und jetzt? »Wir müssen neue Geschäftsfelder nutzen, etwa Energiedienstleistungen oder Stromhandel«, sagt Schmidt.

Vor dem Beginn der Energiewende importierte Österreich im Schnitt 15 Prozent des benötigten Stroms, heuer werden es 40 Prozent sein. Die Tatsache, dass Strom heute nicht mehr in der Nähe des Konsumenten, sondern mitunter Tausende Kilometer weit weg produziert wird, belastet das Netz weiter. Denn das ist dafür nicht geschaffen. »Wir brauchen deshalb einen raschen Netzausbau«, sagt Schmidt, deren Ex-Präsident Layr im Frühjahr vor einem »europaweiten Blackout« und »desaströsen Verhältnissen« gewarnt hat, und auch Schmidt selbst bekräftigt: »Sonst kann die Versorgungssicherheit nicht gewährleistet werden. Die Gefahr eines Blackouts ist heute viel größer als vor fünf Jahren.«

»Die Stromwirtschaft schwingt bloß die Versorgungssicherheitskeule. Das hat finanzielle Gründe«, sagt Walter Boltz, Vorstand der E-Control, die für die Kontrolle des österreichischen Energiemarkts zuständig ist. Wenn Schmidt im heimischen Stromtheater die Rolle der Warnerin innehat, so gibt Boltz den Beruhiger: »Die Betriebsstabilität des Netzes ist ziemlich gut. Die klassische Stromwirtschaft hat die Auswirkungen der Energiewende einfach verschlafen. Deshalb herrscht jetzt Aufruhr.«

Also alles Industriepropaganda und wir müssen uns keine Sorgen vor Blackouts machen? In der Zukunft werden »immer wieder mal Teile Europas für vier bis sechs Stunden ohne Strom sein«, sagt er. Aber tagelange europaweite Blackouts seien ausgeschlossen. So ausgeschlossen wie ein Schwarzer Schwan, würde Herbert Saurugg von »Plötzlich Blackout« sagen, so ausgeschlossen wie der 4. November 2006.

In dieser Frühwinternacht war das Kreuzfahrtschiff Norwegian Pearl auf der Ems beim norddeutschen Landesbergen-Wehrendorf unterwegs zur Entladung. Wegen der Höhe des Schiffs wurde die Hochspannungsleitung, die über den Fluss führt, sicherheitshalber abgeschaltet. Eigentlich eine Routineangelegenheit. Eigentlich.

Bloß kam es damals zu einem Missverständnis in der Abstimmung zwischen zwei Netzbetreibern – und zack. Innerhalb von 14 Sekunden bahnte sich ein Kaskaden­effekt seinen Weg bis nach Bayern. Teile Deutschlands, Frankreichs, Belgiens, Italiens, Österreichs und Spaniens waren damals betroffen, zehn Millionen Menschen stundenlang ohne Strom. Selbst Marokko wurde in Mitleidenschaft gezogen – weil in Norddeutschland routinemäßig eine Hochspannungsleitung abgeschaltet worden war. Ein Schwarzer Schwan.

Muss man sich jetzt, wo man sich schon über den Chef und das Klima, über die Nachbarn und die nächste Stromrechnung den Kopf zerbricht, muss man sich jetzt auch noch wegen eines möglichen Blackouts sorgen? Macht das nicht eh der Staat und zahlt man nicht auch dafür Steuern?

»Ja, wir haben einen Plan. Es ist derselbe wie bei jeder anderen Katastrophe auch«, sagt Johann Bezdeka, Beamtenhöflichkeit, gestutzter Vollbart, Büro mit Blick auf den Minoritenplatz. »Wir würden das SKKM einberufen.«

Das staatliche Krisen- und Katastrophenmanagement tritt meist zusammen, um auch interna­tionale Hilfe zu koordinieren – etwa beim Tsunami in Südostasien 2004 oder beim Arabischen Frühling 2011. Der letzte heimische Auslöser war das Hochwasser im Frühsommer 2013.

Bezdeka leitet im Innenministerium die Gruppe II/B für Katastrophenschutz und Fremdenrecht. Dort, im EKC, dem Einsatz- und Koordinationscenter, versammelt sich das SKKM, im Fall eines Blackouts sind das bis zu 50 Personen: Vertreter der Bundesländer und aller Ministerien, der Blaulichtorganisationen und der Netzbetreiber.

Dass bei einem Blackout Vertreter der neun Bundesländer anwesend wären, liegt an einer gesetzlichen Besonderheit: Katastrophenmanagement ist Ländersache. Das Subsidiaritätsprinzip lautet: Bürgermeister. Bezirkshauptmann. Landeshauptmann. Der Bund darf bloß koordinieren. Anders gesagt: Kommt es in Österreich zu einem Blackout, haben Kanzler und Regierung nichts zu melden.

Klassische Krisenszenarien gehen davon aus, dass Ballungszentren bei einem Stromausfall besonders betroffen werden – die hohe Bevölkerungsdichte, die geringe Lebensmittelerzeugung, das Wassersystem. In diesem Sinn wäre Wien der verwundbarste Punkt in Österreich. Die Verantwortlichen wissen das und sind, man merkt das in den Gesprächen rasch, darauf vorbereitet.

In den Krankenhäusern würde man vom Stromausfall nichts merken, nicht auf der Intensivstation, nicht während der Operation. Sie sind mit Notstromaggregaten und mit Treibstoff für 72 Stunden ausgestattet. Dennoch würden alle 14 Spitäler verriegelt und Sicherheitsleute an den noch offenen Eingängen postiert, um Tumulte zu vermeiden. Bei einem Blackout rechnet die Dachorganisation KAV, der Krankenanstaltenverbund, mit einem »Massenanfall von Patienten«: Wie viele Unfälle gibt es wohl, wenn alle 1.200 Wiener Ampeln ausfallen? Wenn in den Fabriken, Werkstätten, Garagen das Licht ausgeht? Wie viele Menschen purzeln allein von Laufbändern, wenn in sämtlichen Fitnesszentren der Strom ausfällt?

Der Großteil der Haushalte wäre zumindest weiterhin mit Trinkwasser versorgt, weil die Hochquellwasserleitung vom niederösterreichischen Schneeberg zum Wiener Wasserhahn bergab fließt. Bloß der Wasserdruck wäre geringer. Die Anlage zur Desinfektion kann auch mit Hand betrieben werden. Der Standard wäre ein geringerer, der Effekt aber weiterhin gegeben.

Wiens Kanäle können verunreinigtes Wasser 36 Stunden lang speichern. Danach würde es, so wie früher, in die Donau geleitet. Aber der Gestank wäre dann wohl das geringste Problem, und auch wegen der Naturverschmutzung würde niemand auf die Straße gehen. Erst kommt das Fressen, dann die Moral.

Die Wirtschaft – von Redaktionen bis Fabriken, von Autowerkstätten bis Friseursalons – würde aber schon nach einem Tag weitgehend stillstehen. Straßen- oder U-Bahnen werden nicht fahren, Benzin wird bald knapp sein, weil auch Tankstellen Strom benötigen, um Treibstoff auszugeben. Der ORF wird zwar noch senden, aber nur mehr batteriebetriebene Geräte werden etwas empfangen können. Handy, Internet, Festnetztelefone: kein Netz. Räder werden plötzlich sehr beliebt sein, Früchte, Tiere, Vorräte aller Art – doch was passiert bei zwei Millionen, wenn der eine was hat, was der andere will, wenn Geld keine Rolle spielt und das Gesetz auch nicht? Im Grunde kann es keiner sagen.

»Die kleinste Einheit im Katastrophenfall ist sowieso jeder selbst.« Das ist Österreichs zentralem Katastrophenmanager Johann Bezdeka sehr wichtig, deshalb wiederholt er es beim Abschied noch einmal und erzählt: Seit er sich beruflich mit Blackouts beschäftigt, hat er im Keller einen Vorrat für mehrere Tage, Wasser und primär Lebensmittel in Dosen und Gläsern, die nicht zubereitet werden müssen. »Es tut ja keinem weh, sich einmal zu fragen: Was, wenn?«

 

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