Seiten unserer Zeit

Vor zehn Jahren erschien DATUM zum ersten Mal. Das Land war damals unehrlich, gestrig und korrupt. Wir wollten das ändern helfen.

aus DATUM 07/14

Fragt man mich in Armenien oder in Ägypten, in Los Angeles oder in La Paz, wie dieses Austria so sei, dann sage ich, es ist wie das Auenland, nur mit fiesen Hobbits. Das Auenland ist eine der schönsten Landschaften von Mittelerde, fruchtbar und blühend erstreckt es sich von den blauen Bergen bis zur Ostmark. Es hat Wohlstand und keine äußeren Feinde. Seine Bewohner, die Hobbits, sind Kleinbauern und Klein­bürger, gemütliche Gesellen, die gerne trinken und ­feiern, die ihre Stammtische haben und ihre Vereine. Fremde haben sie nicht so gerne und Veränderungen auch nicht.

Wer mit dem Vergleich nicht zufrieden ist, der bekommt natürlich auch von Kakanien zu hören und vom Dritten Reich, von Sozialpartnerschaft und Stagnation, von Staatswirtschaft und Medienkonzentration, von »Niemals wieder!« und »Jetzt erst recht!«, klaren Gebirgsseen und ­kostenlosen Arztbesuchen. Das ganze Österreich-Programm. Das große Einerseits­andererseits.

Einerseits haben bald zwei Millionen Österreicher Migrationshintergrund – andererseits sind es im Parlament gerade einmal eine Handvoll. Einerseits gibt es nirgendwo in ­Europa so viel ehrenamtliches Engagement für das Gemeinwohl – andererseits graust keiner anderen Gesellschaft so sehr vor Migranten als Nachbarn. Einerseits hat kein anderes Land so sehr von der Ost­erweiterung profitiert – andererseits meint beinahe jeder Zweite, man stünde ohne die EU besser da. Einerseits ist man stolz auf David Alaba – andererseits nennt man Schwarze noch immer Neger. Einerseits litt man mit Natascha Kampusch – andererseits nimmt man es ihr übel, dass sie sich nicht in die vorgegebene Opferrolle fügen will. Einerseits habe ich kaum wo so viele Menschen über die Gesamtsituation klagen hören – andererseits ist auch der unzufriedenste Österreicher auf die Frage, in welchem Land er lieber geboren wäre, schmähstad.

Ich habe den Großteil der vergangenen zwei Jahre nicht in Österreich gelebt – und es dort draußen schätzen gelernt. Seine demokratische Stabilität. Die Herrschaft des Rechts. Die bürokratische Berechenbarkeit. Die so­ziale Sicherheit. Die starken Arbeitnehmerrechte. Die ausgleichende Sozialpartnerschaft. Das hohe Bildungs­niveau. Und nirgends Skorpione. Von Guatemala oder Ägypten aus betrachtet ist vieles davon keine Selbstverständlichkeit. Was von innen als Stagnation erscheint, ist von außen besehen Stabilität.

Natürlich, all diese Regeln haben auch ihre Ausnahmen, zu viele davon: Der Tierschützerprozess ist ein Justizskandal, das Zwei-Klassen-Bildungssystem ein Faktum und, und, und. Aber es gibt eben auch eine lebendige Zivilgesellschaft, die auf solche Ausnahmen hinweist – und deren Akteure dafür nicht eingesperrt, entführt oder erschlagen werden. Checks and Balances nennt man das in den ­Staaten. Gut, hierzulande steht die rote Reichshälfte für Checks und die schwarze für Balances. Daraus ent­stehen aber nicht nur Filz und Freunderlwirtschaft, sondern auch Kontinuität und Berechenbarkeit. Einerseits­andererseits eben.

Und dann sah ich im ersten Monat nach meiner Rückkehr einen Schaffner einen schwarzen Schwarzfahrer aus dem Zug werfen, kurz nachdem er es bei einem Mann mit steirischem Dialekt bei einer Rüge belassen hatte. Ich sah einen jungen Mann anlasslos auf eine rumänische Bettlerin eintreten. Und ich saß im schönen Waldviertel mit herzlichen Waldviertlern beisammen, als der Feuerwehrhauptmann nach dem dritten Spritzer sagte: »An der Wirtschaftskrise sind die Judensäue schuld.« Jeder Dritte meint, die NS-Zeit habe »sowohl Gutes als auch Schlechtes« für Österreich gebracht. Mehr als die Hälfte wünscht sich endlich ein Ende der Diskussion über den Holocaust. Beinahe jeder Dritte einen »starken Führer, der sich nicht um Wahlen und Parlament kümmern muss«. Ein Auenland mit fiesen Hobbits.

»So darf das nicht weitergehen!« Zehn Jahre ist es her, dass der furiose Klaus Stimeder das ausrief. Er rief mit dem Schaum der Euphorie um seinen Mund, eigentlich immer, und steckte uns Jungjournalisten damit an. Qualitätsjournalismus wollte er nach Österreich holen, um, ja, dieses Land zu verändern.

Die Nullnummer von DATUM erschien im Spätfrühjahr 2004. Der Kanzler hieß Wolfgang Schüssel, der Finanzminister Karl-Heinz Grasser, der Innenminister Ernst Strasser. Elfriede Jelinek gewann den Nobelpreis für Literatur und Heinz ­Fischer die Wahl zum Präsidenten. Christina Stürmer sang sich auf Platz eins der Ö3-Charts, und in den Kinos lief der letzte Teil der »Herr der Ringe«-Trilogie aus.

Österreich erschien uns eng und unehrlich, gestrig und korrupt. Die politische Wende hatte diesen Eindruck nur verstärkt. Profil gehörte jetzt dem Raiff­eisen-Konzern und der ORF der ÖVP. Bei der ­Europäischen Union waren wir zwar dabei, aber eben nicht mittendrin.

DATUM kommt aus dem Lateinischen, es heißt so viel wie: Es ist gegeben. Wir lasen Egon Erwin Kisch, Seymour Hersh, Studs Terkel. Tage-, nächtelang brüteten wir über Titeln, Bildtexten und Einstiegssätzen, diskutierten über diese Ministerin und jenen Sager. Bei gedimmtem Licht saßen wir beisammen und lasen einander abwechselnd aus dem »Code of Ethics« der New York Times vor; eine parareligiöse Gruppe, deren Götze »Qualitätsjournalismus« hieß.

Wer täglich die Nachrichten verfolgt, waren wir überzeugt, der erfährt, wie es nicht funktioniert. Wir wollten das Gegenteil: erzählen, wie es da draußen funktioniert, was es in seinem Innersten zusammenhält, dieses Austria. Ohne Abhängigkeiten und ohne unzulässige Verkürzungen, ohne Gebrüll und ohne Duzerei. Nicht um Geld ging es uns, die Währung hieß: Geschichten. »Selbstausbeutung für das Gute« nannte Martin Blumenau von FM4 das.

Damals hätten wir am liebsten die Welt verändert, aber das tat sie schon von selbst. Und Österreich?, fragen wir uns anlässlich des bevorstehenden Jubiläums. Ist es heute anders? Die Antwort klingt österreichisch.

Einerseits ja, weil Alfred Gusenbauer den Sozialdemokraten am 1. Oktober 2006 den Kanzler zurückholte. Nach sieben Jahren folgte auf die Wende die Gegenwende. Die Genossen selbst konnten es kaum fassen, und Wolfgang Schüssel zweifelte an der Zurechnungsfähigkeit des Wählers. Andererseits nein, weil SPÖ und ÖVP einander seither weiter beim Paartanz auf die Füße steigen, und Fehltritt für Fehltritt verlieren sie an Wählerstimmen und Glaubwürdigkeit. Bis dass die FPÖ sie abermals scheidet.

Ja, weil am 5. Oktober 2007 die ihrer Abschiebung ­entflohene 15-jährige Arigona Zogaj in oberösterreichischem Dialekt ankündigte, dass sie sich eher umzubringen gedenke, als in den Kosovo zurückzukehren. Einem Riesenaufruhr folgte die Abschiebung ihrer Familie. Das Asylrecht hat sich bis heute nicht geändert. Also nein.

Ja, weil eine Familie am 26. April 2008 aus dem Kellerverlies freikam, in dem der niederösterreichische Ingenieur Josef Fritzl sie 24 Jahre lang gefangen gehalten hatte. Sieben Mal soll er seine Tochter in dieser Zeit geschwängert haben. Österreich war schmähstad. Und nein, denn was hätten die Nachbarn schon bemerken sollen, und was hat das überhaupt mit dem Land zu tun?

Ja, weil Jörg Haider am 11. Oktober 2008 mit 1,8 Promille im Blut in einer Kurve auf 142 km/h beschleunigte. Nein, weil mit Heinz-Christian Strache eine Schmalspurversion die FPÖ übernahm und die Erfolge Haiders wiederholt.

Einerseits ja, weil eine Frau mit Bart am 10. Mai 2014 für Österreich den Song Contest gewann. Und andererseits nein, weil ihr mitunter dennoch oder gerade deswegen Hass entgegenschlägt.

Vor zehn Jahren galt es als Naziland, vor fünf Jahren als Land der Kellerkinder und nun als Land der Homosexuellenrechte. Klischees sind eine Tochter der Zeit, und Österreich ist, nun ja, situationselastisch. Die Realität hat dem Land zwar zugesetzt, aber man hat sie gewähren lassen und weitergewurschtelt wie bisher.

Die Audimaxismus-Bewegung zog keine Bildungsreform nach sich, der Österreichkonvent keine Staatsreform und der Missbrauchsskandal keine Kirchenreform. Die Schuldigen der Affären Hypo, Eurofighter, Buwog, Swap, Meinl sind noch immer nicht benannt, und für den Ex-­Finanzminister gilt die immerwährende Unschuldsvermutung. Gerade einmal fünf Prozent der Bürgermeister und jeder Dritte Parlamentarier sind weiblich.

Der Kernösterreicher steht um 6.30 Uhr auf und geht um 22.30 Uhr zu Bett. Seine liebste Freizeitbeschäftigung ist Fernsehen, dafür verwendet er 2,5 Stunden am Tag. Eine halbe Stunde verbringt er mit Leibesertüchtigung, 20 Minuten mit Einkauf – und mit vier Stunden täglicher Hausarbeit macht sie doppelt so viel wie er. Am liebsten liest der Kernösterreicher Krone und Ganze Woche, fährt VW Golf und raucht Marlboro. Hat er einen Sohn, nennt er ihn seit 17 Jahren am liebsten Lukas, und entscheidet er sich für den Freitod, dann wählt er den Strick. »Aber das Ende ist noch nicht so bald da« (Lukas 21, 9).

Diese Daten haben sich seit 2004 kaum geändert. Man sitzt länger vor dem Computer und bringt sich seltener um (2004: 1.400 Suizide, 2013: 1.200). 2004 war der Villacher Fasching die meistgesehene Fernsehsendung, 2014 bisher der Song Contest. Aber ist das nicht irgendwie dasselbe Spektakel auf anderer Bühne? »Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, muss sich alles verändern.« Es ist

der Leitsatz Don Fabrizios, des Fürsten von Salina im Roman »Der Leopard«, und er passt sehr gut zu diesem neuen alten Österreich.

Auf Hans Dichand folgte Christoph Dichand, auf Jörg Haider folgte Heinz-Christian Strache, auf Karl Moik Andy Borg. Die Namen ändern sich, Programm und Botschaft bleiben gleich: Wir sind wir. Und doch gibt es diesen großen Unterschied zwischen den genannten Generationen, und er ist größer als der zwischen Original und Kopie, Schmied und Schmiedl. Von Krone-Gründer Hans Dichand über FPÖ-Chef Jörg Haider bis zu »Musikantenstadl«-Zampano Karl Moik – sie alle haben etwas geteilt: ihre Überzeugung.

Natürlich, sie hielten ihre Segel in jenen Wind, der dem Volke entwich. Aber sie schienen zu tun, was sie taten, weil sie davon überzeugt waren. Dichand von der Notwendigkeit einer überdemokra­tischen Volkszeitung, die Lesern wie Staatslenkern gleichermaßen nach dem Mund zu reden und die Meinung vorzugeben hat; Haider von der Neugeburt einer ideo­logischen Missgeburt, die durch Proporz und Patriotismusdiät künstlich am Leben erhalten wird; und Moik war vom unpolitisch patrio­tischen Takt überzeugt, den das Schenkelklopfen am exklusiv österreichischen Stammtisch vorgibt.

Nebenher häuften sie Macht an, Reichtum und Popularität. Bei ihren Nachfolgern scheint es genau umgekehrt zu sein. Die Überzeugung tragen sie wie eine Narrenkappe, als Symbol der Zugehörigkeit zum Karnevalsverein, als Unique Selling Proposition.

Wenn man dem freundlichen Ex-Wohnbaustadtrat ­zuhört oder dem slicken Ex-Zahntechniker, gewinnt man leicht den Eindruck, das Österreich von heute mime jenes von gestern. Eine große Farce auf kleiner Bühne, in Komplizenschaft mit dem Publikum. Und tritt unversehens jemand auf, der von seiner Sache wirklich überzeugt ist, etwa ein Politiker in Pink oder eine Frau mit Bart, wirkt es so, als spiele der Überzeugte eine Rolle und nicht die ­anderen. Und einen Moment lang wird es dem Kernösterreicher unheimlich: Nichts scheint mehr so, wie es einmal hätte sein sollen, nicht einmal die Zukunft! Es klingt wie aus einem Stück von Thomas Bernhard.

Der Schriftsteller hat es geliebt, die ­Österreicher zu hassen. Ihnen ging es andersrum ebenso. Seit er tot ist, können sie gut mit ihm leben. Wer in seine ober­ös­ter­reichische Wahlheimat Ohlsdorf fährt, kann den Thomas-Bernhard-Weg entlangspazieren. Der Pfad führt die Traun entlang zu einer Schottergrube. In weißen meterhohen Lettern stand dort lange: ­EINERSEITS ­ANDERERSEITS.

Nein, Österreich ist nicht mehr dasselbe Land wie vor zehn Jahren, aber das gleiche. Die SPÖ hängt stärker denn je am Gängelband der Boulevardmedien, und die ÖVP, in deren Parlamentsklub nach wie vor das Bild des Austrofaschisten Engelbert Dollfuß hängt, verspricht nach 28 Jahren in der Regierung »echte Reformen«. Und die Posten im ORF teilt man sich nach der Wende der Wende wieder ebenso zänkisch-brüderlich wie in der Schulverwaltung und in Staatsbetrieben. Der Boulevard wird mit Steuergeld gepflastert, und hinter Dossier, einem der aktuell spannendsten Medienprojekte, stehen junge, unbezahlte Idealisten, die meinen, dass es auch anders geht. Déjà-vu?

Wir, die wir einander damals laut den »Code of Ethics« vorlasen, sind nach wie vor der Überzeugung, dass es anders geht. Sie arbeiten heute für Falter, Standard, Presse, Profil, Wiener Zeitung oder die Süddeutsche. Die einen sind Idealisten geblieben, die anderen Zyniker geworden, aber alle versuchen Tag für Tag dasselbe: ­Haltung zu bewahren.

Klaus Stimeder und Mitgründer Johannes Weyringer hatten recht. Im Jahr 2004 war DATUM notwendig. Heute ist es das noch immer. Leider, könnte man sagen. Das einstige Garagenmagazin hat sich angepasst in seiner Unangepasstheit, ökonomisch steht es besser da denn je, und einer der Miteigentümer ist im Brotberuf Vorstandsvorsitzender des News-Verlags.

Ist das gut, weil es bedeutet, dass der Markt, also der Leser, dem Magazin recht gibt? Oder ist das schlecht, weil es heißt, dass DATUM in jenem Establishment angekommen ist, als dessen Gegenvorschlag es gegründet wurde? Einerseits. Andererseits.

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