Aus heiterem Himmel

Drohnen töten Menschen und retten Leben, sind begehrtes Spielzeug und Vorboten der totalen Überwachung. Nun erobern die UFOs auch den Luftraum über Österreich.

aus DATUM 06/14

Ein kurzes Surren, schon ist sie über unsere Köpfe hinweggejagt. Es ist ein sonniger Samstagnachmittag am Rande eines Weizenfeldes zwischen Wienerwald und Tulln. Ein Traktor tuckert über einen Acker, irgendwo bellt ein Hund, und hoch darüber gleitet ein zwei Kilogramm schwerer schwarzer Käfer aus Fiberglas, Kunststoff, Karbon, Drähten und Schrauben. Als wäre diese Szene nicht schon seltsam genug: Der Pilot sieht seine Drohne auch nicht. Stattdessen blickt Manuel Winkler durch ihre Augen. Die Kamera, die an ihrem Bauch angebracht ist, schickt ein Videosignal an die Datenbrille, die der Hobbypilot auf der Nase trägt.

Videobrille auf. Es ist wie ein Blick in ein Kaleidoskop in 3D und Echtzeit: wie man einmal mit 20, einmal mit 60 km/h über Ähren gleitet und durch Baumreihen hindurchfliegt, wie man einem bellenden Hund davonflitzt und dem eigenen Schatten, also jenem der Drohne, hinterherjagt, der sich auf der Oberfläche eines Teichs abzeichnet. »Das ist das Gefühl vom Fliegen«, sagt Winkler. Er sitzt mit einer Fernsteuerung in der Hand auf seinem blauen Campingstuhl und erinnert dabei ein wenig an Geordi La Forge, den blinden Lieutenant Commander bei »Star Trek: The Next Generation«.

Sie tragen Namen wie Hornet und Cyclop, Phantom und Predator. Es klingt nach Comicfiguren, bei denen unklar scheint, ob es sich um Helden handelt oder um Bösewichte. Oder um beides. Weltweit gibt es bereits mehr als tausend unterschiedliche Typen, an die hunderttausend Stück. Manche sind so groß wie Flugzeuge, andere so klein wie eine Fünf-Cent-Münze. Für vier Millionen Dollar können Staaten eine Predator erwerben, riesige Jets, wie die Amerikaner sie in Afghanistan einsetzen; für 100 Euro kann sich jeder 14-Jährige im Netz eine Phantom bestellen, weiße, basketballgroße Geschoße. Unbemannte Flugobjekte. Drohnen.

Am 1. Jänner 2014 trat in Österreich eine Novelle des Luftfahrtgesetzes in Kraft, die erstmals Drohnen in den Luftraum integriert. Keine vier Wochen darauf, am 24. Jänner, erfolgte auf dem Pass Thurn der erste kommerzielle Flug einer Drohne mit Genehmigung. Tatsächlich stiegen in den Jahren davor kleine wie große, private wie professionelle unzählige Male in die Luft. Für sie war der Himmel über Österreich ein rechtsfreier Raum oder: eine Grauzone, wie der Gesetzgeber das nennt. Im Kärntner Skigebiet Nassfeld führte man mithilfe von Drohnen Lawinensprengungen durch. Im Tiroler Wattental haben sie die Gefahr von Hangrutschen gemessen. Drohnen lieferten gewerbliches Videomaterial von Sportevents, Fotos von Häusern, Dörfern, Liebespaaren. Österreichische Drohnenhersteller mischen seit Jahren erfolgreich auf dem Weltmarkt mit. Und das Bundesheer hat schon die ersten 18 Stück bestellt.

Der Luftfahrtexperte Holger Flühr, Chef des Instituts für Luftfahrt an der Fachhochschule Joanneum, spricht von einer »Pionierzeit«. Raoul Fortner, Lobbyist der Luftfahrtzulieferindustrie, von einem »Pioniermarkt«, der Naturforscher Karl Kleemayr von einem »Glücksfall«; und Zygmunt Bauman, eine Koryphäe der Soziologie, von einer Bedrohung für des Menschen Freiheit.

Was bedeutet es für Datenschutz und Privatsphäre, wenn plötzlich jedermann mit Kameras bestückte Drohnen aufsteigen lassen kann? Was für die Sicherheit am Boden? Wie sind Drohnen künftig einsetzbar, um Menschen zu dienen? Und: wer soll Vorrang haben, wenn militärisch nutzbare Drohnen aus österreichischer Herstellung an autoritäre Staaten exportiert werden – der Wirtschaftsstandort oder das politische Gewissen?

Zurück auf dem Acker. Videobrille ab. Wow. Das Erste, was einem bei diesem Erlebnis in den Sinn kommt: will haben! Es ist das ferngesteuerte Auto auf dritte Dimension. Der Kindheitstraum vom Fliegen. Nach einem Moment des Rausches dann der zweite Gedanke, wie ein Hammer: was, wenn das jeder hat? »Das ist das Problem«, sagt Winkler, 22, Baseballkappe, Sneakers, Narben am rechten Unterarm. Die Karbonpropeller, sagt er und lächelt. Es sind Veteranennarben. Seit drei Jahren fliegt Winkler mit Drohnen. Er hat eine HTL für Elektrotechnik besucht, Informatik studiert und in einem Modellbaugeschäft gejobbt. Winkler ist ein Tüftler, den schwarzen Käfer, also den Team Blacksheep Discovery Pro Frame Quadcopter, hat er selbst gebaut.

Er erklärt, dass es zwei Arten von Drohnen gibt: Flächenflieger und Multikopter. Flächenflieger sehen mehr oder weniger wie Modellflugzeuge aus. Multikopter hingegen fliegen mithilfe von Propellern, Quadrokopter mit vier, Hexakopter mit sechs, Oktokopter mit acht und so weiter. Die Drohne seines Fliegerkompagnons Michael ist ebenso wie seine eigene ein Quadrokopter, bloß dass die in eine Handfläche passt. Sie wiegt 150 Gramm und ist mit einer Knopflochkamera ausgestattet. Als sie über dem Weizenfeld hochsteigt, hört man sie kaum. Der sanfte Wind ist lauter.

Das Wort Drohne verwenden die beiden nicht. Das klingt nach Militär und Überwachung, nach gezielter Tötung und zivilen Opfern, nach irgendeinem Krieg gegen irgendeinen Terror. In der Szene spricht man von UAVs, Unmanned Aerial Vehicles, von UAS, Unmanned Aircraft Systems, oder von ULFZ: unbemannten Luftfahrzeugen. Zwischen den Flügen schimpfen die beiden Freunde über die Medien, die solche wie sie als Verbrecher darstellen würden. Sie verwenden Worte wie Hertz, Watt, Joule und blöde Dodln. »Jedes Kind kann so ein Teil fliegen«, sagt Winkler. »Deshalb gibt es auch so viele schwarze Schafe. Die schaden unserem Ruf.«

Es dauert fünf Minuten und kostet wenige hundert Euro, sich im Internet ein »Ready-to-fly-System«, eine flugfertige Drohne, zu bestellen. Oder man geht zur nächsten Conrad-Filiale. »DJI Phantom« heißt das Produkt, das die weltweite Verbreitung an jedermann ermöglicht hat. Das Gewicht liegt bei 800 Gramm, die Höchstgeschwindigkeit bei zehn Metern pro Sekunde und das empfohlene Mindestalter bei 14 Jahren. Vielleicht sollte man in Zukunft nicht nur nach rechts und links schauen, wenn man eine Straße überquert, sondern auch nach oben.

In der Nähe von Hamburg krachte im Frühjahr eine private Drohne auf das Dach eines Autos. Niemand wurde verletzt. Anders in der südkoreanischen Hafenstadt Incheon, wo im Jahr 2012 eine 150 Kilogramm schwere Drohne des österreichischen Unternehmens Schiebel abstürzte – ausgerechnet auf den Piloten. Oder im norwegischen Lärdalsöyri. Als im Jänner die UNESCO-geschützte Altstadt brannte, musste ein Löschhubschrauber seinen Einsatz abbrechen, weil gefährlich viele schaulustige Drohnen den Luftraum blockierten. 50 Menschen erlitten Rauchgasvergiftungen, von der Altstadt selbst blieb nicht allzu viel übrig. Im März wiederum entging ein Jet 700 Meter über dem Flughafen von Tallahassee, Florida, nur knapp einem Zusammenstoß mit einer Drohne. Auch Winklers Drohne ist schon einmal vom Himmel gefallen. Das ist auch die einzige Gewissheit bei Drohnen: Sie alle kommen wieder herunter. Die Frage ist bloß: wie? Winkler und seine Freunde, »Stealth Flyer« nennen sie sich, haben dafür eine Art Kodex: erstens die Sicherheit gewährleisten. Zweitens sich mit Technik und Luftfahrt auseinandersetzen. Drittens sich an die Gesetze halten. Aber Letzteres ist auch Manuel Winklers Problem.

Mit 1. Jänner hat der Staat das Luftfahrtgesetz im Hinblick auf Drohnen novelliert. Über Nacht wurde aus einem rechtsfreien ein streng regulierter Raum. Winkler hatte vergangenes Jahr eine Firma für Bild- und Videoaufnahmen gegründet. Spektakuläre Aufnahmen für gutes Geld. Um sie auch nach der Gesetzesnovellierung betreiben zu dürfen, müsste er mehr Kapital und Zeit in den Genehmigungsprozess stecken, als jemand in seinem Alter hat. Denn von nun an braucht jeder eine Genehmigung, der mithilfe von Drohnen gefertigte Bilder oder Videos zu speichern gedenkt. Rechte und Pflichten von Pilot und Maschine variieren nun je nach Gewicht, Flugzone und Zweck des Fluges. Um etwa mit Winklers Drohne über unbesiedeltes Gebiet zu fliegen, also so wie heute, bedarf es weder einer Zulassung noch einer Fluggenehmigung. Nur auf die erlaubte Entfernung muss er achten, 150 Meter Höhe, 500 Meter Weite.

Um aber eine Zehn-Kilogramm-Drohne über einem Dorfkirtag aufsteigen zu lassen, die gewerbliche Videoaufnahmen macht, muss diese erstens einen Zulassungsprozess durchlaufen, in dem Sicherheit und Zuverlässigkeit des Geräts getestet werden; zweitens muss der Pilot so etwas wie einen kleinen Pilotenschein absolvieren, für den er Flugfähigkeiten und Luftfahrtkenntnisse nachweisen muss; und drittens braucht er für den speziellen Tag und Zweck eine Genehmigung.

»Gesetz und Durchführungsbestimmungen sind natürlich sehr komplex. Aber Sicherheit ist nun einmal die oberste Priorität«, sagt Markus Pohanka, Sprecher der Austro Control. Diese Behörde ist für den Zulassungsprozess zuständig . Es ist eine Güterabwägung zwischen der Sicherheit aller und der Freiheit des Einzelnen, sich etwas im Internet zu bestellen, das 80 km/h schnell und zehn Kilometer weit fliegen kann.

Seit Inkrafttreten des neuen Gesetzes sind mehr als hundert Anträge auf Zulassung bei der Austro Control eingelangt. Ein Viertel davon wurde Pohanka zufolge bereits bewilligt. Das Gesetz ist europaweit unter den umfassendsten, ein erster Schritt in Richtung der Integration von Drohnen in den europäischen Luftraum. Bloß hat es einen Haken: seine Durchsetzbarkeit.

Gespräche mit einer Handvoll Hobbypiloten, die nur unter der Bedingung von Anonymität sprechen, öffnen einem die Augen für die scheinbar unendliche Weite zwischen Theorie und Praxis. Man erfährt, dass sie sich abends die Videobrille aufsetzen, das Wohnzimmerfenster öffnen und mit Minikoptern die Nachbarschaft auskundschaften; dass sie die Reichweite ihres Funks austesten und sechs Kilometer weit ins nächste Dorf düsen; dass sie über Menschenmengen und in bebautem Gebiet fliegen; und dass sie das alles sehr wohl mit ihren Kameras aufzeichnen.

Im Netz kann sich jeder selbst ein Bild davon machen, wie es am Himmel bald zugehen könnte, nicht nur in jenem kleinen Stück davon, das auf Österreich herunterschaut: Drohnen, die mit Höchstgeschwindigkeit senkrecht hochsteigen, bis über die Wolken, oder die Autos hinterherjagen. Immer öfter hört man auch von Drohnensichtungen über dem Wiener Prater, über dem Karlsplatz, über einem Volksfest auf dem Land.

Wer bei solchen Stunts erwischt wird, muss mit Verwaltungsstrafen von ein paar hundert bis zu einigen tausend Euro rechnen. Jedoch gilt: wo kein Kläger, da kein Richter. Wie soll man auch eines Piloten habhaft werden, der einen Kilometer weiter im Verborgenen sitzt? Wie soll etwa ein Polizist reagieren, wenn zwei Meter über seinem Kopf eine Drohne kreist? Sie festnehmen? Oder sie herunterschießen, wie in Istanbul geschehen, wo ein Demonstrant während der Gezi-Park-Proteste mithilfe einer Drohne die Polizeigewalt dokumentieren wollte? Lange hat man jene ausgelacht, die von wendigen Objekten am Himmel erzählten. Was aber soll einer heute tun, der halbwegs bei geistiger Gesundheit ist und sich von einem fliegenden Käfer beobachtet fühlt? Er könnte beim Polizeiposten anrufen. Viel Spaß!

Eine andere Möglichkeit wäre, den Vorfall der Datenschutzbehörde zu melden. Ein paar Dutzend Österreicher haben das bisher getan. Ausjudiziert wurde noch kein Fall. Außerdem sind die Entscheidungen der Datenschutzbehörde nicht bindend. Nur ein Zivilgericht kann eine rechtswirksame Untersagung einleiten.

Die Datenschutzbehörde verwaltet auch das Datenverarbeitungsregister. Darin muss sich jeder mit Name, Ort und Zweck registrieren, der in Österreich eine Kamera zur nicht privaten Aufzeichnung betreibt. Wie viele Drohnen bereits registriert sind? Nicht eine.

»Die Drohnen der nächsten Generation werden alles sehen, während sie selbst unsichtbar bleiben, und zwar im wörtlichen wie im metaphorischen Sinne.« Das schreibt der Soziologe Zygmunt Bauman in seinem Buch »Daten, Drohnen, Disziplin«. Gemeinsam mit David Lyon, dem Begründer der »Surveillance Studies«, der Überwachungsforschung, attestiert er darin, die Erfindung der Drohne habe das Zeitalter der totalen Überwachung eingeläutet. Nach dem Internet also der Luftraum, und zwar nicht nur der außerhalb der eigenen vier Wände. Klingt nach Paranoia?

Das Buch erschien im Dezember 2012. Ein halbes Jahr darauf hob an der US-Universität Harvard die erste Robobee ab: eine 80 Milligramm schwere Drohne, so klein wie eine Gelse, deren Bewegungen für das menschliche Auge vollkommen natürlich wirken. »Niemand wird sich vor dem Beobachtetwerden schützen können«, schreibt Bauman, »nirgendwo.«

Es ist nicht so sehr des Nachbars Drohne, was Intellektuelle, Datenschützer und Paranoiker beunruhigt. Es ist die Drohne des Staates, die in Form eines bewaffneten Kleinflugzeugs anrückt oder als Gelse getarnt mit Kamera und Mikrofon ausgestattet zum Küchenfenster hereinspaziert. Einer Diktatur wäre das vielleicht noch zuzutrauen, mag hier mancher einwenden, aber einer Demokratie? Snowden sei bei uns!

Das US-Verteidigungsministerium allein verfügt derzeit offiziell über 10.000 Drohnen. Im Frühsommer hat der Datenkonzern Google dem Datenkonzern Facebook den Drohnenhersteller Titan Aerospace vor der Nase weggeschnappt. Die US-Polizei setzt schon seit drei Jahren Drohnen zur Verbrecherjagd ein. Bald wird jeder Hilfssheriff Hilfe aus der Luft anfordern können. Das kostet wenig Geld und weniger Menschenleben.

Hinter dieser Entwicklung steht, vereinfacht gesagt, die militärische Drohnenindustrie, die während der Kriege im Irak und in Afghanistan entstand und nun nach neuen Absatzmärkten sucht. Im Verband mit dem Forschungsgeist von Unis wie Harvard und dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) scheint weniges unmöglich zu sein. Schließlich suchen auch die Heere von Drohnen, die allmählich von den Kriegsschauplätzen heimkehren, nach Arbeit.

In Österreich setzen weder Polizei noch Verfassungsschutz Drohnen ein. Das Bundesheer hingegen hat bereits die ersten 18 Drohnen bestellt, also drei Systeme zu je sechs Stück. Es sind sogenannte Tracker der französischen Firma Survey Copter, Drohnen in der Größe von Modellflugzeugen, die statt Waffen Kameras bei sich tragen. Kostenpunkt: drei Millionen Euro.

»Wir fangen klein an, um einmal Erfahrungen zu sammeln«, sagt Reinhard Zmug, technischer Projektleiter des Drohnenankaufs. Ein Jahr soll die Testphase dauern. Wofür die »Tracker« eingesetzt werden? Militärische Landesverteidigung, Assistenzeinsätze, Katastrophenhilfe, sagt Oberst Zmug: »Beim ersten Hochwasser 2015 sollten die Drohnen einsatzbereit sein.«

Bis dahin müssen 16 Bundesheer-Mitarbeiter mit ausreichend räumlichem Vorstellungsvermögen und Simultankapazität als Piloten geschult werden. Und vor allem müssen bis dahin die Drohnen eintreffen, die das Heer beim Zwischenhändler Kapsch bestellt hat und die eigentlich schon im Dezember 2013 hätten geliefert werden sollen. Papierarbeit in Frankreich, heißt es. Spätestens im Herbst soll es so weit sein.

Für den Fall, dass die Testphase positiv verläuft, hat das Heer bereits weitere Anschaffungen im Wert von 16 Millionen Euro vorgesehen. Ob man in einem zweiten Schritt auch bewaffnete Drohnen kaufen werde? »Derzeit ist das nicht geplant«, sagt Oberst Zmug.

Österreich ist dabei, sich einen Ruf erster Güte als Drohnenhersteller zu erarbeiten. Bloß, was für einen?

Wiener Neustadt, eine Kleinstadt im Süden von Wien, wird in der Szene auch »Drohnenmetropole« genannt. Der Hauptgrund dafür heißt Schiebel. Das Familienunternehmen, Weltmarktführer bei mobilen Minensuchgeräten, setzte bereits im Jahr 1995 auf Drohnen. Das Ergebnis ist der Camcopter S-100, Österreichs unbemannter Exportschlager. Der drei Meter lange Helikopter fliegt bis zu 200 Kilometer weit, braucht weder Start- noch Landebahn und kann bis zu sechs Stunden unbewegt in der Luft verharren. Ideal für Aufklärungszwecke aller Art. Hunderte Stück sind weltweit im Einsatz. In Südostasien inspiziert der Camcopter Pipelines, im Mittelmeer sucht er Piraten – und in Libyen wurde er womöglich gegen die Aktivisten des Arabischen Frühlings eingesetzt.

Im Jahr 2011 deckte der grüne Sicherheitssprecher Peter Pilz auf, dass Schiebel dem Militär des damaligen libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi in den Jahren zuvor vier Drohnen geliefert hatte. Und zwar mit Genehmigung des österreichischen Wirtschaftsministeriums als sogenanntes Dual-Use-Gut.

Dieser Begriff bezeichnet, vereinfacht gesprochen, Güter, die mehrere Zwecke erfüllen können, wobei einer davon militärisch ist. So lässt sich eine Drohne mit Kamera verwenden, um im Mittelmeer in Seenot geratene Flüchtlinge zu orten. Mit der gleichen Drohne kann ein Diktator Oppositionelle in einem Wohnhaus ausfindig machen, um es Sekunden später dem Erdboden gleichzumachen.

DATUM liegt der Vertrag 2007/161 vom 17. Dezember 2007 vor. Darin vereinbaren »Schiebel Elektronische Geräte GmbH« mit Sitz in Wien und »Supply and Production Organisation, Military Procurement Department« in Tripolis die Lieferung von vier Camcoptern S-100 plus Zubehör und Schulungen. Gesamtwert: 7.032.600 Euro.

Das Geschäft war völlig legal. Schiebel bestätigt auf Anfrage auch die Lieferung der vier Drohnen an Gaddafi in den Jahren 2008 und 2009 zum Zweck der »Grenz- und Migrationskontrolle«. Wofür Gaddafi die Drohnen wohl einsetzte, als der Arabische Frühling ausbrach? Vom »Fluch und Segen« seiner Drohnen sprach Firmenchef Hans Georg Schiebel im Jahr 2011.

»Damals haben alle sehr betroffen getan, und tags darauf war das Ganze vorbei. Das war ein Signal an den Schmuddelbereich unserer Wirtschaft«, sagt Peter Pilz. Österreich sollte sich aus dem Rüstungsgeschäft mit Drohnen heraushalten, sagt er, nur so werde man als neutraler Staat ernst genommen.

Anders als Kriegsmaterial, also etwa ein Panzer, wird die Ausfuhr von Dual-Use-Gütern nicht auf Basis des Kriegsmaterialiengesetzes kontrolliert, sondern nach dem Außenhandelsgesetz durchgeführt. Damit entscheidet über den Export das Wirtschaftsministerium mit Blick auf den Wirtschaftsstandort – und nicht etwa das Außenministerium mit seinem Fokus auf Politik und Menschenrechte.

Als Schiebel vergangenes Jahr Drohnen nach Südkorea liefern wollte, sprach sich das Außenministerium klar gegen die Genehmigung aus. Aus dem Antrag, hieß es damals, gehe eindeutig die militärische Verwendung der Produkte hervor. Das Wirtschaftsministerium nahm die Stellungnahme zur Kenntnis – und erteilte trotzdem die Genehmigung. Auf die Frage, wer wann welche Dual-Use-Drohnen an wen exportiert hat, antwortet das zuständige Wirtschaftsministerium mit einem Verweis auf Artikel 20 Absatz 3 der Bundesverfassung: Amtsverschwiegenheit. Das schutzwürdige Interesse der betroffenen Unternehmen stehe auf dem Spiel. Das Außenministerium antwortet auf dieselben Fragen mit einem Verweis auf das Wirtschaftsministerium. Zusatz: Den militärischen Einsatz von Drohnen betreffend setze man sich aber natürlich für »hohe Regelungsstandards« ein.

Das ÖVP-Außenministerium will global Regeln für den Einsatz von Drohnen durchsetzen und schafft das nicht einmal gegenüber dem ÖVP-Wirtschaftsministerium, wenn es um den Export geht? Überspitzt formuliert: Ja, so ist es.

»Wenn ein Kunde ein Luftfahrzeug nachträglich selbst modifziert, also etwa mit Waffen ausstattet, kann der Hersteller nichts dagegen machen«, sagt Raoul Fortner, 36, höflich, Anzug, Büro nebem dem Stephansplatz. Fortner arbeitet für die Austrian Aeronautics Industries Group (AAI), die Lobby der österreichischen Luftfahrtzulieferindustrie.

»Niemand in Österreich stellt bewaffnete Drohnen her«, sagt er, sondern »quasi fliegende Fotoapparate. Man müsste also untersuchen, ob auch ein Fotoapparat Kriegsmaterial ist, wenn er an eine kriegsführende Partei geliefert wird.« Für eine Antwort verweist Fortner auf die zuständigen Ministerien.

Es ist ihm sehr wichtig, sich und die AAI nicht auf das Thema Rüstung fokussiert zu sehen. Die von der AAI vertretenen Unternehmen erzielen gemeinsam einen Jahresumsatz von einer Milliarde Euro. Nur fünf Prozent davon kommen aus dem Rüstungsbereich. Der Anteil der zwei Dutzend Firmen, die Drohnen, Bestandteile oder Software herstellen, liegt »im kleinstelligen Prozentbereich«. Was Fortner von gängigen Prognosen hält, wonach sich der Drohnenmarkt in den kommenden zehn Jahren verdoppeln werde? »Was für eine Untertreibung. Er wird explodieren! Vor allem im zivilen Bereich.«

Fortner war einer von jenen, die dabei waren, als am 24. Jänner auf dem Pass Thurn Luftfahrtgeschichte geschrieben wurde. Die Kernbotschaft des Lobbyisten lautet: Drohnen werden dem Menschen in Zukunft mehr helfen als schaden – von Verkehrsüberwachung bis hin zur Suche nach Lawinenopfern.

Die gute Drohne. Viel ist in jüngster Zeit von ihr die Rede, vor allem jenseits des Atlantik. Einerseits steht dahinter das Bemühen der Industrie, den schlechten Ruf von Drohnen aufzupolieren. So sucht die US-Branche schon länger nach einem anderen Begriff, bisher vergebens. Andererseits ist das Reden von der guten Drohne tatsächlich mehr als bloß ein PR-Trick. In den USA erforschen Drohnen Seelöwen und Tornados. In Südafrika stehen sie Nashörnern gegen Wilderer bei. Und nach dem Atomunfall im japanischen Fukushima waren es Drohnen, die das verseuchte Gebiet vermaßen. Im Vergleich zu anderen Fluggeräten sind sie verhältnismäßig klein, leicht und wendig, sie sind billig, leicht erhältlich und einfach zu bedienen. Selbst in Österreich fliegen Drohnen bereits im Namen des Gemeinwohls, und kaum einer weiß davon.

»Die Entwicklung ist verblüffend und für unsere Arbeit ein Glücksfall!« Wer mit Karl Kleemayr spricht, dem Chef des Tiroler Instituts für Naturgefahren, der hört die Stimme der Begeisterung, die technischen Fortschritt bisweilen begleitet. Kleemayr wird gerufen, wenn Hänge zu rutschen oder Lawinen abzugehen drohen, wenn Wildbäche Dörfer oder Steinschläge Straßen gefährden. Bei seiner Arbeit nutzt er Drohnen zur Aufnahme von Luftbildern und Berechnung von 3D-Modellen der Geländeoberfläche. So hat Kleemayrs Team schon mehrere Dutzend Male Flüge mit Drohnen durchgeführt. Mit herkömmlichen Luftfahrzeugen wäre das unleistbar gewesen, sagt er. Für die Zwecke des Instituts hingegen reicht eine Low-Cost-Drohne, ausgerüstet mit einer handelsüblichen Digitalkamera. In Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Joanneum wird derzeit an der Zulassung einer speziellen Drohne gearbeitet.

Sie heißt JXP-V (Joanneum Experimental Platform, V-Modell) und sieht auch irgendwie so aus: schwarz und in Form eines V. Flügelspannweite: 2,80 Meter. Gewicht: 15 Kilogramm. Flugzeit: 30 Minuten. Futuristisch wirkt sie, bedrohlich und faszinierend; aber irgendwie vermitteln diesen Eindruck alle Drohnen. Sie befindet sich in einer der Forschungshallen auf dem weitläufigen Gelände der Fachhochschule in Graz. Von der Decke hängt ein Schwerlastenkran, auf Werkbänken stehen Flaschen mit Epoxidharz und Thixotropiermittel.

Im Jahr 2006 wählte der FH-Studiengang den Drohnenbau zum Forschungsschwerpunkt, 2010 ging das erste Modell in die Luft. Nahezu alle Hochschulen mit Luftfahrtstudien in Europa, und das sind immerhin mehr als hundert, hätten bereits einen Drohnenschwerpunkt, sagt Holger Flühr, Leiter des Instituts für Luftfahrt. Der sympathische Mann aus Deutschland, der so lange in Österreich lebt, dass er schon einmal »ma« statt »man« sagt, nimmt sich drei Stunden für uns Zeit. Es komme nicht oft vor, dass Medien sich so ausführlich für die technische Seite von Drohnen interessieren, sagt er und verbessert sich sogleich: also von unbemannten Luftfahrzeugen.

Die Luftfahrtindustrie hingegen interessiert sich sehr für die Forschung seiner Fachhochschule. Es gibt Unternehmen, mit denen man beim Thema Waldvermessung kooperiere, welche, mit denen man Verkehrsüberwachung verbessern will, und solche, die selbst Drohnen bauen und von den Forschern, die wesentlich mehr Zeit haben, lernen wollen. Immerhin ein Drittel des Gesamtbudgets stammt aus sogenannten Drittmitteln, überwiegend aus der Industrie.

Flühr führt uns in einen Versuchsraum, der zum Forschungsprojekt Multikopter gehört. Dutzende Drohnen stehen auf Tischen verteilt; Modelle aus Holz, welche mit Fallschirmen und solche mit schräggestellten Propellern. Das Interesse gilt der Regelungstechnik, Trägheitssensorik und Stabilität. Ob sie auch herinnen fliegen? Zögern und ein Fingerzeig nach oben zur Decke, wo der letzte Versuchsflug gescheitert ist. Flührs Team arbeitet gemeinsam mit der Industrie an einem vom Verkehrsministerium finanzierten Forschungsprojekt zu zivilen Anwendungsmöglichkeiten von Drohnen.

200 Personen wurden dafür befragt: Polizisten und Feuerwehrleute, Filmschaffende und Weinbauern, Jäger und Forstwirte. Flühr will nur so viel verraten: Fast alle können sich die Assistenz von Drohnen bei ihrer Arbeit vorstellen. Und die Mehrheit würde es sich wünschen. Flühr erzählt von Multikoptern, die Tischtennis spielen oder Wassergläser transportieren, ohne dabei einen Tropfen zu verschütten, und von 20 Gramm leichten Drohnen, die in Skandinavien zur Überwachung eingesetzt werden. Und man erfährt, dass die Vision einer Art Funkglocke, die sich über Flughäfen oder ganze Städte stülpen lässt und mithilfe von Software unautorisierte Drohnen zur Landung bringt, in 20 Jahren realisiert sein könnte.

Was soll man aus alldem machen? Als einer, der keine Drohne zu Hause hat und nicht will, dass eine Gelse mithört? Der solchen wie Manuel Winkler das kleine Glück gönnt, das sie beim Fliegen verspüren, der selbst aber möglichst nicht von einer defekten Drohne erschlagen werden will? Als einer, der merkt, dass etwas falsch läuft, wenn schon wieder acht unschuldige Jemeniten von einer Drohne erschossen werden – womöglich sogar Made in Austria? Was kann man überhaupt tun, als vom Boden aus gespannt und tatenlos zusehen, den Blick in den Himmel gerichtet?

Auf dem Weg hinaus surrt einem der Kopf im Ton eines Quadrokopters. Es ist eine Mischung aus Staunen, Ungläubigkeit, Beunruhigung. Wohl auch so ein Gefühl, das technischen Fortschritt begleitet. Bald werden also Feuerwehrdrohnen Brandherde ausmessen, ehe die Löschmannschaft vorrückt. Die Polizei wird langhaarige Demonstranten aus fünfhundert Meter Höhe identifizieren, ohne dass die das überhaupt merken. Und eines Tages klingelt es dann an der Tür, und davor schwebt eine Drohne mit einem Paket von Amazon.

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