“Ich bin das Opfer. Ich bin der Italiener!”

Stefano Colombo, Ex-Finanzchef der Telekom, spricht erstmals über Schmiergelder und Vorwürfe gegen ihn

aus FALTER 35/11

Angeblich ist Stefano Colombo untergetaucht, selbst für den Staatsanwalt soll er nicht erreichbar sein. Als er das Telefon abhebt, klingt er angeschlagen. Er halte sich derzeit in Frankreich auf. Mehrmals unterbricht der gebürtige Italiener das Gespräch. “Die Vorwürfe“, sagt er mit starkem Akzent, “nehmen mich sehr mit.“

Falter: Herr Colombo, Sie waren sieben Jahre lang Finanzchef der Telekom, die in dieser Zeit Millionen Euro an Schmiergeldern verteilt haben soll. Was wussten Sie?

Stefano Colombo: Nichts. Ich fühle mich verraten.

Von wem?

Colombo: Von Kollegen, denen ich vertraut habe. Mein Managementstil war immer von Vertrauen inspiriert. Die Leute wussten, dass ich nie Vernetzung gesucht habe. Meine Kollegen waren für die Kontakte mit der Politik und der Außenwelt zuständig. Ich habe meinen Job gemacht und meinen Mitarbeitern mein Vertrauen geschenkt. Auch Herrn Schieszler.

In Ihrer Zeit als Finanzchef sind mehrere Millionen Euro an Peter Hocheggers Agentur Valora geflossen, für die es keine Gegenleistung gab. Als Finanzchef trugen auch Sie dafür Verantwortung.

Colombo: Nein.

Sie sind seit 30 Jahren im Geschäft. Wie konnten Sie nicht merken, dass Millionen verschwinden?

Colombo: Wenn dich jemand verraten will, dann macht er das sehr geschickt. Die laufenden Kosten betrugen eine Milliarde Euro pro Jahr. Wie wollen Sie da eine Million finden? Sie haben es sehr geschickt gemacht und das Geld in Projekte verpackt. Vom Wirtschaftsprüfer kam nichts, von der Revision kam nichts, von keiner anderen Quelle kam etwas. Wenn die Marketingkosten um eine Million höher oder niedriger sind, was willst du machen? Sie hatten immer eine Antwort, warum die Ausgaben notwendig waren. Sie wussten, dass es mit mir kein Schwarzgeld gibt. Diese Sch*** haben mich hintergangen.

Wie erklären Sie sich heute, wie das hinter Ihrem Rücken passieren konnte?

Colombo: Das ist ganz einfach. Schieszler hatte Budgethoheit. Er ist geschickt vorgegangen. Mitarbeiter der Telekom, Wirtschaftsprüfer und eine eigene Task Force haben jetzt monatelang gesucht, bis sie die Millionen gefunden haben.

War Gernot Schieszler Ihr Stellvertreter?

Colombo: Nein. Ich hatte nie einen Stellvertreter. Schieszler war Controller. Er hat gebrannt vor Ambition. Sein Kunde war Rudolf Fischer (damals Vorstand der Telekom, Anm.). Die beiden haben mit diesem System gespielt.

In welchem Verhältnis stand dieses System zur Politik?

Colombo: Es war für die Telekom wichtig, von der Politik Unterstützung zu bekommen. Von Anfang an haben meine Kollegen gesagt, Stefano, du hast nichts damit zu tun, was in Österreich passiert. Ich war der Italiener. Was verstehe ich von solchen Dingen? Ich sollte niemanden kennen und war auch sehr froh darüber. Es wäre ein Zeitverlust für mich gewesen, mich mit der Politik auseinanderzusetzen. Ich war immer ein Fremdkörper in der Telekom. Ich habe getan, was ich gut kann: mit meinem Kopf arbeiten. Jeder wusste, wenn ich rede, rede ich nicht im Interesse von jemandem. Ich war komplett apolitisch. Meine Vorstandskollegen waren natürlich anders. Jeder hatte jemanden hinter sich.

Politiker der ÖVP-FPÖ-BZÖ-Regierungen?

Colombo: Natürlich. Es ist doch klar, dass jemand dahinter war. Nehmen Sie sich die Zeitungen her und sehen Sie sich die Telekom-Veranstaltungen an, da war immer jemand aus der Politik dort. Ich will niemandem Vorwürfe machen, denn das ist ja auch normal. Die Telekom ist eine Realität in diesem Land, natürlich muss man die Kontakte zur Politik pflegen. Die Behörden sind wichtige Kunden.

Es steht der Verdacht im Raum, dass die Telekom unter anderem den damaligen BZÖ-Infrastrukturminister Hubert Gorbach für Gesetze bezahlt hat.

Colombo: Wie ich es heute sehe, hatten diese Leute keine Moral. Das tut sehr weh. Was mir aber noch mehr wehtut: dass alles, was in diesen Jahren in der Telekom passiert ist, verzeihen Sie das Wort, Scheiße war. Im Moment ist es schrecklich, aber ich werde für meine Ehre und für meinen Namen kämpfen. Und auch für die Ehre der Leute, die sich nicht bereichert haben.

Schieszler behauptet, Sie hätten nicht nur von der Kursmanipulation gewusst, sondern sie mit eingefädelt.

Colombo: Das will ich nicht kommentieren. Der Vorwurf kommt von jemandem, der alles für sein Ego und für seine Karriere getan hat und der nun versucht rauszukommen. Sie müssen eines verstehen: Ich war ein Fremder in dieser Umgebung. In diesen sieben Jahren habe ich nicht alles verstanden. Meine deutsche Sprache hat ihre Grenzen. Wenn jemand auf Wienerisch redet, dann verstehe ich das einfach nicht, bis heute. Es steht mein Wort gegen das von Leuten, die alles tun werden, um sich an mir abzuputzen. Denn sie wissen, dass niemand hinter mir steht. Es wird kein Politiker für mich sprechen oder intervenieren. Wenn ich Teil eines solchen Systems gewesen wäre, würde man mich doch jetzt nicht aus dem Fenster werfen.

Es heißt, Sie seien untergetaucht und nicht einmal die Staatsanwaltschaft wüsste, wo Sie sich aufhalten.

Colombo: Das ist Schwachsinn. Ich habe die Benachrichtigungen der Behörden bekommen und danach gehandelt.

Stehen Sie bereits in Kontakt mit der Staatsanwaltschaft?

Colombo: Natürlich. Ich bin nie untergetaucht. Das ist bloß ein Versuch, mich in ein schlechtes Licht zu rücken. Ich bin das prädestinierte Opfer. Alle putzen sich an mir ab. Ich bin der Italiener.

Was würden Sie heute anders machen?

Colombo: Würde man mir die Position noch einmal anbieten, ich würde in Italien bleiben.

 

Zur Person

Stefano Colombo wurde 1961 in Italien geboren. Im April 2000 heuerte er als Finanzchef und stellvertretender Vorstandsvorsitzender bei der Telekom Austria an. Nach sieben Jahren wechselte er zum österreichischen Feuerfest-Konzern RHI

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