Eine UNO für Weltreligionen mit Sitz am Schottenring

Der saudische König initiierte in Wien ein Zentrum für den Dialog von Religionen und Kulturen. Was davon zu halten ist.

aus FALTER 31/11

Was Joseph Aloisius Ratzinger und Abdullah ibn Abd al-Aziz Al Sa’ud am Dienstag, dem 6. November 2007, im Vatikan besprachen, ist nicht überliefert. Bekannt ist hingegen, dass der letztwöchige Kauf des Palais Sturany an der Wiener Ringstraße eine Konsequenz des Treffens zwischen Papst Benedikt XVI. und dem saudischen König Abdullah war.

In dem neobarocken Bau wird künftig das “König-Abdullah-Zentrum für den Dialog der Religionen und Zivilisationen“ residieren, um – ja, um was genau eigentlich zu machen?

“Aus dem Zentrum soll eine institutionalisierte Plattform für den Dialog hochrangiger Religionsvertreter werden“, sagt ein Sprecher des Außenministeriums, das für Österreich – neben Spanien und Saudi-Arabien einer der drei Gründungsstaaten – den Aufbau organisiert. Struktur und Aktivitäten sind derzeit noch in Planung.

Schon ab dem Jahr 2012 soll am Schott-enring 21 eine internationale Organisation mit Dutzenden Mitgliedsstaaten beheimatet sein, deren Kern ein Gremium mit Vertretern von Islam, Christentum, Judentum, Buddhismus und Hinduismus bilden wird. Kurz gesagt, ein Art Uno für Weltreligionen, deren Gründungsvertrag im Oktober in Wien unterzeichnet werden soll.

Die Verhandlungen zwischen dem Vatikan und Riad erweisen sich laut Diplomaten als zäh, doch gerade hier könnte sich der Weg, nämlich die intensivierte Kommunikation zwischen zwei religionspolitischen Zentren, als Ziel erweisen: Dialog, Annäherung, Kooperation. So wird etwa die Deklaration der Menschenrechte, und das ist kein geringer Erfolg, Teil des Gründungsvertrages sein.

“Das Zentrum steht in der österreichischen Dialogtradition und es birgt große Chancen“, sagt ein hochrangiger Diplomat: “Zugegeben, angesichts der politischen Umbrüche im Nahen Osten wird es aber ein Balanceakt.“

König Abdullah gilt als zurückhaltender Modernisierer. Zwar kam es unter seiner Regentschaft erstmals zu Wahlen in Saudi-Arabien – Parteien waren dabei allerdings keine zugelassen. Und was er von Dialog hält, wenn es um seinen Machterhalt geht, bewies er, als er saudische Truppen nach Bahrain schickte, um den arabischen Frühling niederzukartätschen. Durch die Gründung als internationale Organisation scheint eine saudische One-Man-Show jedenfalls ausgeschlossen.

Auf die Frage, warum der Wahabit diese Initiative betreibt, gibt es mehrere Antworten: Dem saudischen König geht es um ein politisch-theologisches Erbe. Immerhin ist Abdullah, der am Montag seinen 87. Geburtstag feierte, der älteste regierende Monarch der Welt. Zweitens geht es um die Ausweitung der saudisch-wahabitischen Einflusszone. In halb Europa finanziert Riad Moscheen und Islamzentren. Allein nach Bosnien flossen seit Ende des Balkankrieges Milliarden Petro-Dollars, um den Wahabismus in Europa zu verankern.

Und zuletzt, so lautet die optimistische Deutung, könnte es dem König auch darum gehen, gegen den Willen des strengkonservativen Klerus einen innenpolitischen Wandel voranzutreiben. Mangels Dialogpartner im Inland setzt der Saudi mit seinem enormen Einfluss als “Hüter“ der heiligen Stätten in Mekka und Medina auf die internationale Gemeinschaft.

Die Kritik von Ahmed el-Tayeb an der saudischen Initiative macht deutlich, dass es auch weiterhin um religionspolitische Einflusssphären gehen wird. Der Großscheich der Kairoer Al-Azhar-Uni, einer der wichtigsten theologischen Ausbildungsstätten des sunnitischen Islam, kritisiert das geplante Zentrum wohl weniger deshalb, weil die Al-Azhar ein Hort des Liberalismus wäre – sondern weil die Konkurrenz vom Golf damit an Gewicht zulegt.

Realpolitisch wird somit der Dialog zwischen Rom und Riad im Mittelpunkt des Zentrums stehen. Schließlich hat auch Papst Benedikt handfeste Interessen: In Saudi-Arabien ist es der christlichen Minderheit verboten, Kirchen zu errichten, sich zu versammeln oder Messen zu lesen.

Anders gesagt: Der Papst und der König werden künftig im Gespräch bleiben, ohne dafür zum jeweils anderen pilgern zu müssen.

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