Die Kopftuchträgerin im Kindergarten

Was wir aus der Diskussion über Islamisten, Schulbücher und Fünfjährige mit Kopftuch lernen können

aus FALTER 27/11

Was haben ein mutmaßlicher Terrorhelfer aus Wien-Fünfhaus, der neue Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft und ein fünfjähriges Kindergartenkind, das ein Kopftuch trägt, gemeinsam? Nicht nur sind alle drei Teil einer Gesellschaft, mit der sie wenig zu tun haben (wollen). Jeder von ihnen ist Auslöser einer aktuellen Islamdiskussion, die im Fall des Islamisten zu überhitzt, im Fall des IGGIÖ-Präsidenten zu nachsichtig und im Fall der Kindergarten-Muslima erst gar nicht geführt wird. Aber der Reihe nach.

Nach der Festnahme von Thomas Al-J., der unter Verdacht steht, den Dschihad unterstützt zu haben, präsentierten Innenministerin Johanna Mikl-Leitner und Justizministerin Beatrix Karl (beide ÖVP, beide neu im Amt) ein Anti-Terror-Paket.

Darin enthalten sind just jene Paragrafen, deren Umsetzung nach intensiven Debatten im vergangenen Jahr auf Eis gelegt wurde. In einem neuen Anlauf fordern Mikl-Leitner und Karl etwa, die Anleitung zu sowie die Gutheißung von terroristischen Straftaten unter Strafe zu stellen.

Das wirft dieselben Fragen auf wie vor einem Jahr: Wo verläuft die Grenze zwischen dem Austausch von Informationen und Argumenten auf der einen und der Unterstützung von Terror auf der anderen Seite? Machen sich auch Interessierte strafbar, die Islamistenseiten durchstöbern? Und wie will man Missbrauch vorbeugen? Die populistische Antwort, “Datenschutz darf nicht zu Terrorschutz werden“, ist unzureichend.

Unbestritten: Nach den Anschlägen in New York, Madrid und London hat sich die Gefahrenlage erhöht. Aber indem Mikl-Leitner und Karl kurz nach einer Festnahme umstrittene Paragrafen fordern, tun sie ihrer Sache nichts Gutes.

Dass der neue Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGIÖ) Fuat Sanac das Vorhaben nach seinem ersten Besuch im Innenministerium gutheißt, sagt mehr über seine Loyalität aus als über das Gesetz – und führt zur zweiten aktuellen Diskussion: den islamischen Religionsunterricht.

Der Falter veröffentlichte Anfang 2009 Mouhanad Khorchides brisante Studie, die belegte, dass Lehrplan und Lehrbücher veraltet und Dutzende der Lehrer weder didaktisch noch theologisch ausgebildet sind. Immerhin sprechen wir von 400 vom Staat bezahlten Lehrern, die an öffentlichen Schulen 50.000 Kinder unterrichten.

Mehr als zwei Jahre danach liegt zwar ein neuer Lehrplan zur Genehmigung beim Ministerium, neue Schulbücher sollen angeblich erarbeitet, die Lehrer nach und nach ausgewechselt werden – Khorchides Befund ist aber nach wie vor gültig: Der Religionsunterricht wird zum Großteil von Laien organisiert und abgehalten.

Ein säkularer Staat hat sich nicht in die inneren Angelegenheiten einer Religionsgemeinschaft einzumischen. Auch mag die Autorität eines Islamlehrers begrenzt sein. Aber in einer Zeit, in der die Integration von Islam, Demokratie und Europa zur Zukunftsfrage wird, ist die Chance, jungen Muslimen einen modernen Glauben vorzuleben, zu wertvoll, um sie religiösen Pfuschern zu überlassen.

Hinter diesen sicherheits- und bildungspolitischen Debatten verbirgt sich ein unbemerktes Phänomen, das jedoch mit den übrigen Fäden verknüpft ist: die steigende Popularität islamischer Kindergärten.

So gut wie jeder Wiener Moscheeverein hat in den vergangenen Jahren welche eröffnet. Wer ein plausibles Betreuungskonzept und deutschsprachige Pädagoginnen vorweisen kann, erhält Förderungen der Stadt Wien.

Für strenggläubige Eltern stellt es mittlerweile kein Problem mehr dar, ihre Sprösslinge nach Mohammeds Vorbild erziehen zu lassen. Rechtlich gesehen ist das freilich in Ordnung, auch Christen und Juden betreiben konfessionelle Bildungseinrichtungen. Aber ist es das auch sozial- und integrationspolitisch?

Auch jene fünfjährige Kopftuchträgerin, auf die man in zahlreichen Kindergruppen stößt, wird Deutsch lernen, sie wird von hiesigen Bräuchen und Gesetzen erfahren. Aber wird sie an der gesellschaftlichen Wirklichkeit da draußen auch teilnehmen? Wer einem Kindergartenkind das Kopftuch verordnet, dürfte nicht allzu viel Interesse daran haben. Und wie soll das Kind jemals in beiden Realitäten, der islamischen und der nicht-islamischen, Fuß fassen, wenn es womöglich weder in der Familie noch im Freundeskreis noch im Kindergarten ein Vorbild dafür findet?

Nun kann man eine Gesellschaft als Amalgam aus Parallelgesellschaften sehen, wie das etwa in den USA der Fall ist. Aber gerade die Wiener Sozialdemokratie hat sich doch einem sozial-integrativen Programm verschrieben, das jene vom Rand der Gesellschaft in deren Mitte führen soll.

Welche Lehren lassen sich aus alldem ziehen? Aus dem Eifer, mit dem die ÖVP Anti-Terror-Gesetze durchs Parlament jagen will? Aus der Selfmade-Mentalität, mit der die IGGIÖ Religionsunterricht betreibt? Und aus der wachsenden Popularität islamischer Bildungseinrichtungen?

Erstens, der Gesetzgeber sollte das Ende des Terror-Prozesses abwarten und bis dahin die Diskussion mit Opposition, Datenschützern und Rechtswissenschaftlern suchen. Zweitens, Staat und Öffentlichkeit sollten die IGGIÖ bei der notwendigen Reform des Religionsunterrichts durch Kooperation und Druck unterstützen. Und außerdem ist es an der Zeit, die Diskussion über die sozialen Perspektiven von Mädchen zu eröffnen, die in öffentlich geförderten Kindergärten unter dem Kopftuch groß werden.

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