Allahs Soldaten

Wie das Heer mit Islamisten in den eigenen Reihen umgeht und das Vertrauen in die Islamische Glaubensgemeinschaft leidet

aus FALTER 27/11

Der Weg zum muslimischen Gebetsraum in der Wiener Maria Theresien-Kaserne führt durch einen weitläufigen Hof, in dem 70 Gardisten gerade den Gleichschritt zur dröhnenden Star-Wars-Melodie proben. Während ein Rekrut mit Turban und Bart vorbeimarschiert, erklärt ein aus Ägypten stammender Soldat, dass die Ehrenkompanie für den nächstwöchigen Auftritt beim Staatsbesuch des polnischen Präsidenten Bronisław Komorowski übt.

Ob Sikhs oder Juden, Siebenten-Tags-Adventisten oder Muslime – aus dem ganzen Land kommen strenggläubige Rekruten hierher, weil die Einrichtung der Garde auf ihre kulinarischen und rituellen Bedürfnisse eingestellt ist.

Doch die Kaserne mit dem muslimischen Gebetsraum ist nicht nur Schauplatz eines multikonfessionellen militärischen Alltags, hier zeigen sich auch die Schattenseiten: das fehlende Vertrauensverhältnis in der Zusammenarbeit zwischen Armee und Islamischer Glaubensgemeinschaft – und der Umgang mit potenziellen Staatsfeinden in den eigenen Reihen.

Denn hier am Fasangarten, auf der südlichen Seite des Schlosses Schönbrunn betete im Jahr 2008 auch ein Rekrut namens Maqsood L. Seit der 21-jährige Wiener Muslim Mitte Mai in Deutschland wegen des Verdachts auf Mitgliedschaft in einer Terrorvereinigung verhaftet wurde, stellt sich, zugespitzt formuliert, die Frage, ob das Heer von Islamisten unterwandert sei (siehe Falter 26/11).

Für die Armee ist der Fall deshalb so delikat, weil heimische Ermittler vermuten, dass L. bald nach dem Ende seiner Wehrpflicht, während der er zahlreichen Medien Auskunft über die Integration von Muslimen beim Heer gegeben hatte, nach Afghanistan abgetaucht und dort in einem Terrorcamp ausgebildet worden sein soll.

“Wir nehmen den Fall sicherlich nicht auf die leichte Schulter“, sagt Stefan Kirchebner, der Kommandant der Garde. Dass das Abwehramt, das Gefahren innerhalb der Armee abwehren soll, ermittelt, kann er nicht bestätigen. Auch könne Kirchebner nicht sagen, ob L. der erste Fall eines mutmaßlichen Dschihadisten sei, der am Fasangarten gedient hat.

Dass sich unter den strenggläubigen Rekruten auch Radikale befinden “lässt sich nicht zu 100 Prozent ausschließen“, sagt der Kommandant. Bei Staatsbesuchen kommen jedenfalls keine strenggläubigen Muslime zum Einsatz. Weil sie eine potenzielle Gefahr darstellen könnten? “Nein, sondern weil sich der dortige Dienstplan nicht an ihre Bedürfnisse anpassen lässt“, sagt der Kommandant. Sie werden nach der Grundausbildung “Betriebsversorgungsstellen“ zugeteilt, etwa der Küche oder der Wäscherei.

In welcher Stelle L. diente und wie lange er überhaupt in der Theresien-Kaserne stationiert war, ist heute offiziell nicht mehr zu eruieren.

Atila Külcü, der im Verteidigungsministerium als Verbindungsmann zwischen Heer und Muslimen fungiert, behauptet, “jeder strenggläubige Muslim wird nachrichtendienstlich gecheckt“. Während Kirchebner davon nichts weiß, kann der Sprecher des Verteidigungsministeriums diese Information “weder bestätigen noch dementieren“.

Konkrete Antworten auf die Fragen nach dem Fall L. und dem Umgang mit mutmaßlichen Fundamentalisten beim Heer gibt es also nicht. Nachfragen werden mit dem Hinweis auf die Geheimhaltungspflicht oder den Erlass GZ S93109/9-FGG1 beantwortet.

Darin sind die Ausnahmeregelungen für religiöse Soldaten festgelegt. Demnach werden Muslime in drei Gruppen eingeteilt: “nicht strenggläubige“, “strenggläubige“ und “besonders strenggläubige“ Angehörige des Islam. Letztere werden im Erlass als Personen beschrieben, “die sich nicht nur bewusst zum Islam bekennen und die religiösen Vorschriften genau beobachten, sondern die darüber hinaus ganz bemüht sind, ihre Lebensführung im Sinne der Religion und im Zeichen Gottes zu bewältigen“.

Ob derart Strenggläubige einer höherrangigen Soldatin den Salut verweigern oder die Trennung von Staat und Religion, also eine westliche Demokratie ablehnen könnten? Kommandant Kirchebner bezeichnet solche Fragen als “rein akademisch“.

Die Entscheidung, wer welchen Grad an Religiosität aufweist, trifft die IGGIÖ, die offizielle Vertretung heimischer Muslime – dem Erlass zufolge nach “eingehender Prüfung des Einzelfalles“.

Wie diese Prüfung aussieht, kann Zekirija Sejdini, Sprecher der neu gewählten IGGIÖ, nicht sagen: “Als neue Leitung wollen wir uns mehr mit der Zukunft als mit der Vergangenheit beschäftigen“, sagt Sejdini. Auch die Frage, warum das fertig eingerichtete Büro neben dem muslimischen Gebetsraum am Fasangarten, in dem seit drei Jahren ein islamischer Militärseelsorger arbeiten sollte, leer steht, kann Sejdini nicht beantworten.

Die Erklärung ist pikant: Der mittlerweile abgelöste IGGIÖ-Präsident Anas Schakfeh hatte dem Verteidigungsministerium im Jahr 2008 zwei Bewerber vorgeschlagen – einen für den Westen, einen für den Osten des Landes. Wie sich bei der nachrichtendienstlichen Routineüberprüfung herausstellte, hatte einer der beiden IGGIÖ-Kandidaten seine Doktor-Urkunde gefälscht.

Weil aber Schakfeh unmöglich entgangen sein konnte, dass der Wiener Stadtschulrat den Mann Monate zuvor aus diesem Grund als Religionslehrer entlassen hatte, setzte die Heeresführung die Bemühungen aus. Ein hoher Militär formuliert es weniger bürokratisch: “Das Vertrauensverhältnis zur Glaubensgemeinschaft ist seither weg.“

This entry was posted in IGGIÖ, Integration, Islam, Islamismus, Rechtsstaat, Terror and tagged , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *