Der muslimische Mustergardist

Bevor Maqsood L. ein afghanisches Terrorcamp absolviert und gegen Nato-Truppen gekämpft haben soll, diente er bei der österreichischen Garde. Wie gefährlich sind Österreichs “homegrown terrorists“?

aus FALTER 26/11

Jedes Mal, wenn ein Journalist die Maria-Theresien-Kaserne in Wien-Hietzing besuchte, holten sie den bärtigen Soldaten Maqsood L. Er führte die Besucher in den Gebetsraum, in dem er sich fünfmal am Tag in Richtung Mekka beugte, und erzählte stolz davon, wie es sich anfühlt, als Muslim seinem Vaterland mit der Waffe in der Hand zu dienen.

Die Garde des österreichischen Bundesheeres war ein Vorzeigeprojekt und Maqsood L. war ihr strenggläubiger Mustergardist. Mehr noch, er war Soldatenvertreter, also das “Verbindungsorgan“ zwischen Heer und Muslimen.

Kurz nachdem der Wiener seine Wehrpflicht abgeleistet hatte, verschwand er plötzlich. Nach zwei Jahren, in denen L. wie vom Erdboden verschluckt war, tauchte er Mitte Mai ebenso plötzlich wieder auf. Deutsche Sicherheitsbehörden verhafteten ihn bei seiner Einreise. Wie sich inzwischen herausgestellt hat, war der heute 21-jährige L. in Österreich radikalisiert worden und nach Afghanistan abgetaucht. Dort soll er ein islamistisches Terrorcamp absolviert und als Gotteskrieger gegen Nato-Truppen gekämpft haben.

Am 15. Juni, also einen Monat nach L.s Verhaftung, stürmt ein Sondereinsatzkommando eine Wohnung in Wien-Fünfhaus, um Thomas Al-J., 25, festzunehmen. Von einem unscheinbaren Haus aus, das hinter mehrspurigen Straßen und U-Bahn-Trassen versteckt liegt, soll der Konvertit den Dschihad unterstützt haben, indem er Spenden gesammelt, Muslime für Terrorcamps rekrutiert und die Reisen organisiert habe. Auch jene seines engen Bekannten Maqsood L. Zur gleichen Zeit wurden drei weitere Wohnungen durchsucht und am Flughafen Schwechat drei Personen, die auf dem Weg in afghanische Terrorcamps gewesen sein sollen, vorübergehend angehalten. Damit fand die “Operation Pegasus“, wie die Fahnder die Aktion nannten, ihr vorläufiges Ende.

Vier Jahre nachdem die “Kinderzimmer-Dschihadisten“ Mohamed M. und Mona S. wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung festgenommen wurden, ist sie wieder da: die Furcht vor homegrown terrorists, vor hausgemachten Terroristen. Ist sie berechtigt, die Angst vor österreichischen Muslimen, die den Schrecken in ihre Heimat tragen wollen?

Die Suche nach einer Antwort auf diese Frage führt von der Fünfhauser Wohnung in eine Favoritner Moschee, die den Islamisten als Treffpunkt gedient haben soll, und schließlich in den muslimischen Gebetsraum der Maria-Theresien-Kaserne in Hietzing, wo Maqsood L. im Jahr 2008, damals Sprecher der muslimischen Soldaten, oft sein Gebet sprach. Dies wirft eine weitere, nicht minder delikate Frage auf: Ist die Vorzeigetruppe des Bundesheeres von Islamisten unterwandert?

Die Geschichte beginnt im Jahr 2005. Zehn Muslime kehrten damals nach einer Ausbildung in einem afghanischen Camp nach Österreich zurück. Ihre Mission, die Botschaft von Al-Kaida zu verkünden und Sympathisanten zu rekrutieren, führte sie von Moschee zu Moschee. Um die Kerngruppe bildete sich ein Kreis von Sympathisanten, die auch Maqsood L. mit dem Virus infiziert haben sollen.

“Er ist ua ua ua ua lieb und leiwand!“ So beschreibt eine Freundin Maqsood L. Der Satz stammt aus dem Jahr 2005 und lässt sich im Forum eines Floridsdorfer Gymnasiums finden, das der damals 15-jährige Sohn afghanischer Flüchtlinge besuchte.

“Er war ein recht intelligenter Bub, der ohne Probleme maturiert hat“, erinnert sich L.s Klassenvorstand Karl Czakler. “Er ist aber schon damals durch radikale Meinungen und ein extremes Frauenbild aufgefallen“, sagt Czakler. So habe L. vor Lehrerinnen keinen Respekt gezeigt, was im Konferenzzimmer zu Diskussionen darüber geführt habe, wie man mit ihm umgehen solle. Dass L. nun als mutmaßlicher Terrorist in Haft sitzt, sorge in der Schule für Gesprächsstoff: “Es war damals doch nicht abzusehen, dass er einmal auf dieses Gleis gerät“, sagt Czakler. Was von L. blieb, ist ein Klassenfoto, auf dem ein Jugendlicher mit ernstem, hartem Blick zu sehen ist.

Maqsood L.s Dienst an der Waffe

Nach der Matura ging L. zum Bundesheer. Wie jeder strenggläubige Muslim wählte er den Weg zur Garde, bei der mittlerweile jeder Zweite an Allah glaubt. Denn dort wird Essen halal gekocht (also nach religiösen Vorschriften), Gläubige müssen ihren Bart nicht abrasieren und können sogar einen Gebetsraum nutzen. Kurzum, die Wiener Eliteeinheit, deren Mitglieder, ausgebildete Infanteristen, bei hohen Staatsbesuchen und anderen offiziellen Festlichkeiten ihr Können vorexerzieren, gilt als Vorzeigeintegrationsprojekt.

Nach der einmonatigen Grundausbildung wechselte ihr Mustergardist, der heute den “Deutschen Taliban Mudschaheddin“ zugerechnet wird, in eine “Betriebsversorgungsstelle“. Ob er in der Küche tätig war, in der Post oder als Kraftfahrer, lässt sich nicht mehr eruieren. Daten wie diese, erklärt ein Sprecher des Verteidigungsministeriums, werden nicht gespeichert. Nur so viel ist gewiss: Bei Staatsbesuchen kam L. nie zum Einsatz. Ob man ausschließen könne, dass die Garde von Islamisten unterwandert sei? “Wir können nur ausschließen, dass wir leichtfertig mit diesem Thema umgehen“, antwortet der Heeressprecher.

Dritte Generation von Dschihadisten

Arabische Fernsehsender, internationale Magazine oder heimische Zeitungen: Sie alle ließen sich den Alltag muslimischer Gardisten ausgerechnet von L. erklären. Mit dem Wissen von heute lesen sich die Berichte von damals wie eine Mischung aus Heuchelei und Prophezeiung. “Wenn wir als Muslime hier vertreten werden, ist das super. Darauf haben wir lange gewartet“, erzählte L., damals 19 Jahre alt, etwa dem Standard. Der deutschen Zeit wiederum verriet er: “Mein Vater sagt: Erst das Militär macht dich zum Mann.“

L.s Eltern flohen nach Österreich, nachdem die Taliban in Afghanistan an die Macht gekommen waren. Zuvor hatte sein Vater selbst mit der Waffe in der Hand gegen die Sowjets gekämpft.

Die Terrorforschung zählt Islamisten wie Maqsood L. zur “Dritten Generation von Dschihadisten“. Während die erste Generation in den 80er-Jahren in Afghanistan gegen Sowjettruppen kämpfte und die zweite ab den späten 90er-Jahren in afghanischen Terrorlagern für den Guerillakrieg ausgebildet wurde, wird die dritte Generation in ihren westlichen Heimatländern radikalisiert und rekrutiert.

Seit den Anschlägen von Madrid und London ist das Phänomen in den Fokus der Sicherheitsbehörden gerückt. Beide Male waren örtlich rekrutierte Zellen von angry young muslims, von wütenden jungen Muslimen beteiligt. Spätestens seit dem Auffliegen der “Sauerland-Gruppe“, deren Mitglieder in Deutschland radikalisiert und in afghanischen Terrorcamps ausgebildet worden waren, um den Terror in ihre Heimat zurückzutragen, ist bekannt, wozu selbst Konvertiten namens Fritz fähig sind.

Der Verfassungsschutz, der von 500 radikalisierten und einem Dutzend gewaltbereiter Muslime ausgeht, bezeichnet die hausgemachten Terroristen derzeit als “größte Gefährdung für Europa und für Österreich“ (siehe Interview S. 12).

Nur wenige Monate nach dem Ende seiner Wehrpflicht verschwand L. plötzlich. Seine Eltern meldeten ihn als vermisst. Erst seit seiner Verhaftung in Deutschland weiß man, dass der Wiener damals nach Afghanistan gereist war, wo er eine Ausbildung in einem Terrorcamp absolviert hat und später an Kampfhandlungen gegen Nato-Truppen beteiligt gewesen sein soll.

Zunächst die Flucht der Eltern vor den Taliban und später die Rückkehr in die Heimat als Gotteskrieger; beliebt bei Mädchen und zugleich ein Frauenverachter; der Dienst für Österreich an der Waffe und gleichzeitig der Hass auf den Westen – es sind solche Widersprüche, die die Biografie des Wiener Muslims L. ausmachen.

Rund um L.s Verschwinden kommt der Konvertit Thomas Al-J., Sohn einer Österreicherin und eines Iraners, ins Spiel. Die Ermittler gehen davon aus, dass L. und Al-J. schon damals, als L. noch bei der Garde war, “eng miteinander verbunden“ waren. Mehr noch, Al-J. soll sogar L.s Reise nach Afghanistan organisiert haben. Sollte sich das bewahrheiten, dann dürfte Al-J. bereits seit mehreren Jahren von Wien aus für den Dschihad tätig sein.

“Wir sind eine kleine Gruppe“

“Wir sind eine kleine Gruppe von Brüdern und Schwestern (…), die sich zum Ziel gesetzt haben, Nachrichten aus aller Welt zu sammeln und aus islamischer Perspektive zu kommentieren“, heißt es auf der Homepage www.ansarulhaqq.com, die auf Al-J. registriert ist, der sie auch federführend betrieben haben soll.

Auf der Seite, die bereits vom Netz genommen wurde, lassen sich ins Deutsche übersetzte Predigten von Sheikh Anwar Al-Awlaki finden. Der als “Terrorscheich“ bekannte Imam jemenitischer Herkunft, den auch die Attentäter von 9/11 bewunderten, rief mehrmals zum Dschihad gegen die USA auf. Pikantes Detail: In seinen Terrorpredigten fordert Al-Awlaki US-Soldaten dazu auf, Kameraden zu töten.

Wer der Spur von Thomas Al-J. folgt, stößt auf viele Parallelen zum Fall von Mohamed M.: Auch M., der die Internetplattform GIMF, eine Art Youtube für Islamisten, betrieb, verwechselte Aufklärung mit Propaganda. Auch er dockte von seinem Zimmer aus im Internet an das internationale Terrornetzwerk an. Und auch M. wurde in Wien radikalisiert und eines Morgens in seiner Wohnung, die nur 200 Meter von Al-J.s entfernt liegt, festgenommen.

Kurzum: M. und Al-J. weisen das gleiche Profil auf. Nach einem langwierigen Prozess wurde M. zu vier Jahren Haft verurteilt, seine Freundin und Komplizin Mona S., die Übersetzungsarbeiten geleistet hatte, zu 22 Monaten.

Als Gründe für die Radikalisierung junger Muslime im Westen führen Soziologen vier Faktoren an: ein fehlendes Zugehörigkeitsgefühl zur Aufnahmegesellschaft, mangelnde soziale Perspektiven, Kriege wie jene im Irak oder in Afghanistan, die als Angriff auf den Islam umgedeutet werden, und zuletzt die gezielte Demütigung des islamischen Glaubens – sie reicht vom Verbrennen des Korans durch US-Prediger bis hin zur Bezeichnung des Propheten Mohammed als Kinderschänder durch FPÖ-Politiker. Hinzu kommt, dass Konvertiten wie Al-J. oft noch strenger mit sich und ihrer Umwelt zu Gericht gehen, weil sie glauben, etwas beweisen zu müssen.

Den Fahndern zufolge tauchte Al-J. in früheren Ermittlungen rund um die Wiener Islamistenszene als Randfigur auf. So soll er sogar zweimal vergeblich versucht haben, nach Somalia einzureisen, wo er womöglich in ein Terrorcamp wollte. Seither war er auf dem Radar der Behörden.

Die Spur führt nach Favoriten

Durch einen Zufall tauchte dort dann vor wenigen Wochen auch der Deutsche Yusuf O. auf. Deutsche Behörden werfen ihm vor, 2009 als “Ayyub almani“ in einem Drohvideo aufgetreten zu sein und Anschläge auf Europa angekündigt zu haben. Gemeinsam mit einem kosovarischen Islamisten und Maqsood L. soll Yusuf O. im Frühjahr aus der afghanisch-pakistanischen Grenzregion in Richtung Europa aufgebrochen sein, so die Vermutung der Ermittler.

Während L. in Deutschland und der Kosovare in Albanien festgenommen wurden, führte Yusuf O.s erster Weg ausgerechnet zu Thomas Al-J. Dessen Spur verliert sich in der Baitul-Muhtadin-Moschee in der Favoritener Götzgasse.

Am vergangenen Freitagnachmittag knieten 150 Männer auf dem türkisen Teppichboden zum Gebet. Eine halbe Stunde lang hatte der libanesische Imam den Gläubigen, darunter viele Konvertiten, zuvor auf Deutsch auseinandergesetzt, was der Prophet unter Nachbarschaft versteht.

Al-J. und jener Konvertit, der am Flughafen Schwechat an der Ausreise nach Afghanistan gehindert worden war, sollen einander hier regelmäßig getroffen und den Predigten gelauscht haben.

Vorne in der Menge betet der Hausherr, Muhammed Ismail Suk. Die Moschee ist Teil des Integrativen Bildungs- und Informationszentrums, zu dem auch der Iqra-Kindergarten gehört. 300 Kinder aus 20 Nationen besuchen den von der Stadt Wien geförderten Hort. Im Hof laufen kleine Mädchen mit Kopftuch herum, die deutschsprechenden Betreuerinnen, die alle Kopftuch tragen, führen Gäste herum.

Suk, 61, setzt auf Offenheit. Es ist die einzige Möglichkeit, den guten Ruf zu retten. Seit Tagen klingelt das Telefon, weil Journalisten das mutmaßliche Terrornest besichtigen wollen. Die Polizei hingegen habe sich noch nicht gemeldet. Mit seinem langen weißen Bart und seinen weißen Gewändern wirkt der Konvertit, der früher eine Disco betrieben hat, wie ein Buddhist. Er spricht zunächst viel über Integration, Bildung und Transparenz.

Ein radikaler Prediger zu Gast in Wien

“Ich kenne keinen Thomas, und von seinen Begleitern gibt es überhaupt keine Namen. Ich kann nur vermuten, wer gemeint sein könnte“, sagt Suk. Es mache keinen Sinn, mit Fundamentalisten zu diskutieren, man könne ihnen nur ein positives Vorbild sein, meint Suk. Er warnt davor, den Koran wortwörtlich zu nehmen, und appelliert daran, sich in der Öffentlichkeit an die kulturellen Regeln und die Gesetze des Gastlandes zu halten: “Wer radikales Gedankengut hat“, sagt Suk, “der soll nicht mehr hierherkommen.“

Was Suk nicht erzählt: Auf Youtube gibt es Filme zu sehen, auf denen er einen enthusiasmierten Gast durch seinen Kindergarten führt, es ist Pierre Vogel. Der radikale deutsche Konvertitenprediger wird vom Verfassungsschutz beobachtet. In der Schweiz hat er Einreiseverbot, deutsche Behörden untersagten ihm, ein Totengebet für bin Laden abzuhalten. Warum Suk jemanden zu sich einlädt, der allen Nicht-Muslimen ein Ende in der Hölle prophezeit? Vogel hat bei seinem Wien-Aufenthalt angesucht, sich den Kindergarten ansehen zu dürfen, erklärt Suk, davor habe er sich mit Vogel nicht beschäftigt. “Unser Kindergarten ist öffentlich und transparent, ich würde auch Faschisten oder Kommunisten durchführen“, sagt er. Und stimmt es, dass Suk die Beteiligung von Muslimen an 9/11 bestreitet? “Kein gottesfürchtiger Muslim würde so etwas tun, das widerspricht unserer Religion. Sollte jemand mit islamischem Namen an diesen Verbrechen beteiligt sein, dann kann ich ihn nicht als praktizierenden Muslim sehen und werde mich von ihm distanzieren!“

Mehr will er dazu nicht sagen. Lieber würde er über Umweltverschmutzung und Bienensterben sprechen.

Nein, eine eindeutige Antwort auf die Frage, ob die Furcht vor hausgemachten Terroristen berechtigt ist oder nicht, lässt sich nicht so leicht finden. Anschlagspläne, versichern Verfassungsschützer, gebe es derzeit zwar keine, wohl würden aber auch hierzulande radikalisierte Imame zu willfährigen Gläubigen predigen. Wenn sich eine Lehre aus den Fällen Thomas Al-J. und Maqsood L. ziehen lässt, dann die, dass Österreich sich nicht mehr in Sicherheit wiegen kann. Die Frage, wo die Grenze zwischen postpubertärer Wichtigtuerei und der Unterstützung von Terrorvereinen liegt, müssen die Gerichte beantworten.

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