“Die radikale Islamkritik ist unehrlich“

FAZ-Feuilletonchef Patrick Bahners über Kritik an der Islamkritik, Sarrazins Anstandslosigkeit und Europas Abendlandfantasien

aus Falter 19/11

Patrick Bahners’ Buch “Die Panikmacher“, in dem er Protagonisten der deutschen Islamkritik frontal angreift, hat erwartungsgemäß für Furore gesorgt (siehe Randspalte). Als “Meisterwerk der Aufklärung“ bezeichnet es die Süddeutsche Zeitung. Thilo Sarrazin wiederum nennt Bahners “Erdogans Ghostwriter“. Bahners wird am 23. Mai im Bruno-Kreisky Forum auftreten und dort mit der Philosophin und Falter-Autorin Isolde Charim diskutieren.

Falter: Herr Bahners, wie halten Sie es mit der Religion?
Patrick Bahners: Ich bin katholisch und gehe gelegentlich in die Kirche.

Besteht ein Zusammenhang zwischen Ihrer religiösen Einstellung und Ihrer Intervention in der Islamdebatte?
Bahners: Man kann sicher einen Zusammenhang herstellen. Ich setze mich für ein liberales Verständnis der Religionsfreiheit ein und rechne mit einer belebenden öffentlichen Präsenz des Religiösen. Man kann es sich nicht so leicht machen und einfach sagen, Religion ist Privatsache. Allerdings sind diese Argumente nicht pro domo gemeint, sondern wenden sich an die gesamte säkulare Öffentlichkeit.

Was haben all die Panikmacher, die Sie in Ihrem Buch beschreiben, gemein?
Bahners: Sie kommen darin überein, dass der Islam eine politische Bedrohung unserer westlichen Zivilisation und unserer Rechtsstaaten sei. Ich bestreite ja gar nicht, dass manche Erscheinungsformen des radikalen Islam bedrohlich sind. Woran ich Anstoß nehme, ist, dass man sagt, es gibt den Islam als solchen, der eine politische Gefährdung ist und uns unsere gesellschaftliche Grundlage entzieht.

Spannend an Ihrem Buch ist, dass man es schon vor vier, fünf Jahren hätte schreiben können. Warum ließ diese Intervention so lange auf sich warten?
Bahners: Ich freue mich, dass Sie es auch so sehen. Was die Kernargumente angeht, liegen die Sachen schon jahrelang auf dem Tisch. Aber es hat einen Stimmungswechsel gegeben. Viele Leute haben das übermäßig Polemische der Islamkritik lange Zeit als hilfreich bewertet, als Versuch, Blockaden aufzubrechen und Muslime zu nötigen, von defensiven und euphemistischen Positionen abzurücken. Diese Leute, die die Polemik deshalb unterstützt haben, haben aber gemerkt, dass die antiislamische Hetze immer aggressiver wird und schon Rückwirkungen im gesellschaftlichen Umgang hat.

Ist die Debatte mit Sarrazins Auftritt gekippt?
Bahners: Sarrazin hat uns den Enthemmungseffekt vor Augen geführt. Durch ihn ist das, was es an einer Unterwelt oder, besser, an einer Hinterwelt von Leuten gibt, die es sich geradezu zum Hobby gemacht haben, Mohammed als Kinderschänder zu beschimpfen, sichtbar geworden. Es war doch ein großer Schreck, als man plötzlich erlebte, wie enthemmt das Sarrazin-Publikum bei Veranstaltungen lostobte. Schließlich erhält er seinen Applaus nur dafür, dass er an die niedrigen Instinkte appelliert.

Woher stammt der Frust, dieser Extremismus der Mitte?
Bahners: Die Bundesregierung hat nach sehr kurzer Zeit ungewöhnlich scharf gegen das Buch Position bezogen. Dadurch ist der Debattenverlauf wesentlich bestimmt worden. Denn was folgte, war eine Solidarisierungswelle mit Sarrazin. Unabhängig von seiner Meinung kämpften viele für ihn als Märtyrer der Meinungsfreiheit. Das verstärkte auch die Vorstellung, man werde betrogen und die Politiker schenkten einem nicht reinen Wein ein.

Heißt das, dass Islamfeindlichkeit ein Ausdruck politischer Unzufriedenheit ist?
Bahners: Ja. Im Internet grassiert der Frust über Mächte, die mit einem Establishment identifiziert werden. Es scheinen so viele Menschen den Mainstreammedien und dem Kartell des Euphemismus, das es unter professionellen Öffentlichkeitsmachern angeblich gibt, zu misstrauen, dass ich mich frage, wo da noch die angeblich unterdrückte Minderheit ist?

Dabei waren und sind es gerade die kritisierten Mainstreammedien, die Islamkritiker wie Necla Kelek, Henryk Broder und Hans-Peter Raddatz großgemacht haben. Das gilt auch für die FAZ. Wie sehen Sie hier Ihre Mitverantwortung als Medienmacher?
Bahners: Der Islam ist ein welthistorisches Phänomen. Als solches fordert er jene radikale Kritik heraus, wie sie auch das Christentum notwendigerweise provoziert hat, wenn Sie beispielsweise an Nietzsche denken. Sowohl die theologischen Grundaussagen als auch die Gesellschaftsmodelle und Traditionen des Islam brauchen diese radikale Kritik. Das war das Argument, weswegen man der Islamkritik einen Raum geben musste. Wir Medienmacher sind aber nicht allzu gut gewesen in der Reflexion, was die Parteistandpunkte dieser Kritiker angeht.

Wenn die radikale Religionskritik notwendig ist, wo verläuft die Grenze zwischen legitimer und illegitimer Kritik?
Bahners: Es gibt dafür verschiedene Kriterien. Eine davon ist der Adressat der Kritik. Bei der deutschen Islamkritik ist es üblich, jedem einzelnen Muslim alles vorzuwerfen, was man überhaupt unter Unformen des Islam subsumieren kann. Das ist Unsinn. Hinzu kommen sachlich falsche Behauptungen, Legenden und Irreführungen. Wenn man etwa verbreitet, es gebe theologische Rechtfertigungen für Zwangsehen oder Ehrenmorde, ist das schlicht falsch. Es ist unmissverständlich, dass diese Kritik den Sinn hat, Muslime moralisch zur Unperson zu machen. Das macht die radikale Islamkritik einfach unehrlich.

Keine Diskussion, in der Islamkritiker der Mehrheitsgesellschaft nicht politische Korrektheit vorwerfen. Tragen wir alle einen Maulkorb, ohne es zu bemerken?
Bahners: Da dürfen wir uns als Journalisten nichts vormachen: Die Geschichte der öffentlichen Meinung wird begleitet von dem Verdacht, dass es eine herrschende Meinung gibt, die zu einer unfairen Verteilung der Redechancen führt. Der Begriff wird in der Islamdebatte aber gezielt dazu benutzt, um Alarmismus zu betreiben. Vieles, was als Selbsttäuschung gegeißelt wird, sind schlicht informelle Regeln des guten Tons.

War es Sarrazin, der diese Anstandsregeln gebrochen hat?
Bahners: Auf jeden Fall kommen seine Reden gut an. Vor allem, dass er in der ersten Person spricht. Der Schlüsselsatz der Sarrazin-Debatte lautet: Ich muss niemanden anerkennen. Damit hat er den Leuten die Zunge gelöst, denn die haben gesagt: Ich auch nicht, ich muss auch niemanden anerkennen.

Und weil es so viele waren, denen er die Zunge gelöst hat, hieß es plötzlich: Wir müssen niemanden anerkennen.
Bahners: Ja, genau.

In ganz Europa schart sich eine immer größer werdende Bewegung um den Begriff Abendland wie um ein Lagerfeuer. Woher die Renaissance des Begriffs?
Bahners: Wenn man sich jemanden vorstellt, der heute 50 Jahre alt ist, dann ist er in den 70er-Jahren groß geworden, also in der permissiven Welt. Er hat die streng katholische, restaurative Abendland-Welt im westlichen Nachkriegseuropa nicht mehr erlebt. Die Kirche hat damals versucht, religiöse Pflichten auch sozial verbindlich zu machen. Das war anstrengend und mit großen Einschränkungen und individuellen Kosten verbunden.

Sie meinen, die Abendland-Gläubigen sind zu jung, um zu wissen, wonach sie sich da sehnen?
Bahners: Sozusagen. Die heutige Generation der Sarrazin-Fans hat weder mitbekommen, wie unplausibel das damals war, diese Sphäre der christlichen Glaubensvorstellungen in einer Welt des materiell angetriebenen gesellschaftlichen Wandels. Noch hat diese Generation die Befreiung aus diesem Korsett erlebt.

Würde das katholische Adenauer-Idyll dennoch als Programmatik für eine rechtspopulistische Partei in Deutschland taugen?
Bahners: Man kann nicht ausschließen, dass wir auch in Deutschland eine rechts-nationalistische, fremdenfeindliche Partei bekommen werden. Der spezifische Grund, warum sich das in Deutschland verbietet, nämlich wegen der Vergangenheitsbewältigung, der wird mit der Zeit schwächer. Inhaltlich würde ich aber eher eine Art rechter FDP vermuten.

Derzeit schwappt eine Welle antimuslimischer Gesetze über Europa. Sind das Minarettverbot in der Schweiz oder das Schleierverbot in Frankreich nur der Anfang?
Bahners: Ich fürchte, ja. Wenn ein Volk der Meinung ist, dass Moscheen mit Türmen die eigene Identität bedrohen, hat es natürlich das Recht, nach dieser Überzeugung zu handeln. Aber die Menschen sollten sich darüber klar sein, dass sie damit jene, die Minarette bauen, zu Staatsfeinden erklären. Ein Land, in dem es einen sozialen Druck auf Eltern gibt, sich um das Fortkommen ihrer Kinder zu kümmern, ist das eine. Aber wollen wir wirklich in einem Land leben, wo die Polizei kommt, wenn die Eltern den moralischen Anforderungen der Gesellschaft nicht genügen?

Haben Sie Hoffnung, dass sich die Spirale noch aufhalten lässt?
Bahners: Meine Hoffnung ist, dass es nicht überall so ausgehen wird wie in der Schweiz, sondern dass anderswo Konservative sagen, ein Minarettverbot kommt nicht infrage. Man muss an das Selbstverständnis der Leute appellieren. Aber realistisch betrachtet könnte ein gesetzgeberisches Programm einer Anti-Islam-Partei eine wirksame Agenda aufstellen. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy wollte seinen Bürgern ja allen Ernstes das Kopftuch beim Gang auf eine Behörde verbieten. Auch wenn mir das natürlich völlig verrückt vorkommt, ist es durchaus möglich, solch ein Gesetz im Abendland durch das Parlament zu bringen.

Wird der Tod von Osama bin Laden unseren Blick auf das Thema verändern?
Bahners: Bin Laden war in den letzten Jahren seines Lebens schon eine virtuelle Präsenz, wirkte über Audiobotschaften, als Einflüsterer im Wortsinn. Nun ist er vollends zum bösen Geist der Islamdiskussion geworden. Die einen werden ihn als tapferen Märtyrer verehren, die anderen werden erst recht glauben, dass jedem gläubigen Muslim ein kleiner bärtiger Mann im Ohr sitzt, der ihn zum Martyrium auffordert.

Die Islamkritik behauptet die Unvereinbarkeit von Islam und Demokratie. Der arabische Frühling treibt Muslime zwischen Kairo und Damaskus auf die Straße, um für demokratische Rechte zu demonstrieren. Werden diese Bewegungen die europäische Islamdebatte beeinflussen?
Bahners: Diese Wirkung ist schon eingetreten. Die Reaktion der Islamkritiker darauf war ja auch sehr defensiv. Sie haben gesagt, wenn es eine richtige Demokratie werden solle, dann müssten erst einmal der Rechtsstaat, Frauen- und Minderheitenrechte eingeführt werden. Diese Besserwisserei geht an der Situation vorbei und ist eine Kränkung der Leute, die gerade ihr Leben für die Freiheit aufs Spiel setzen. Die setzen jetzt den ersten Schritt. Man kann optimistisch erwarten, dass sich die Rechtsstaatsidee in ihren vielen Facetten Geltung verschaffen wird.

Wie lautet Ihre Prognose, was die Demokratisierung der Region betrifft?
Bahners: Meine Hoffnung ist, dass sich nicht nur einzelne Muslime als Demokraten erweisen, sondern sich sogar eine islamische Demokratie entwickelt. So wie die christliche Demokratie in der Überwindung des Obrigkeitsstaates entstanden ist. Der Beamtenstaat war ja in vielerlei Hinsicht auch ein bevormundender, ein tyrannischer Staat. Und er wurde auch deshalb überwunden, weil sich eine christlich-demokratische Volksbewegung genau das vorgenommen hat. Es ist vielleicht eine spekulativ-akademische Überlegung, aber das Elementare ist, dass man auch Alternativen zu der Entwicklung im Iran für möglich hält.

Das Stichwort islamische Demokratie führt uns zur Türkei. Welche Bedeutung hat die Beitrittsdebatte für die Islamdiskussion?
Bahners: Das ist ein entscheidender Punkt für die Debatte. Wir sind viel zu stark auf die Person Erdogan fixiert. Wenn der türkische Präsident auf deutschem Boden mit doofen Sprüchen Wahlkampf macht, sollten wir uns aber weder wundern noch beklagen, solange wir selbst nicht viel klügere Sprüche loslassen.

Zur Person
Patrick Bahners, 44, leitet seit zehn Jahren das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der Paderborner studierte Philosophie und Geschichte in Bonn und Oxford. Anfang des Jahres veröffentlichte er das umstrittene Buch “Die Panikmacher“. Darin setzt er sich, übrigens als Erster, minutiös mit Argumenten und Positionen deutscher Islamkritiker auseinander.

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